29. September 2019, Rolf Noormann

Predigt für den Konfirmandenvorstellungsgottesdienst zum Thema
Klimawandel: Können wir die Welt noch retten?
(Klosterkirche)

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Gemeinde,

wir haben ein Problem, ein großes Problem sogar: das Klima! Auf der Erde wird es immer wärmer. Viel zu warm, sagen die Klimaforscher. Sie befürchten schlimme Folgen für die Natur und auch für uns Menschen. Manche läuten die Alarmglocken: Es ist fünf vor zwölf, wir müssen sofort etwas tun! Greta Thunberg ist damit weltweit bekannt geworden, und sie spricht auch vielen von Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden aus der Seele. Manche sind noch radikaler. Sie  sagen: Es ist schon zu spät. Die Welt ist längst aus den Fugen geraten. Da ist nichts mehr zu retten.
    Wenn politische Fragen solche Ausmaße annehmen, ist auch die Kirche gefragt. Natürlich bin ich kein Fachmann für Klimafragen. Auch politische Entscheidungsprozesse sind nicht mein Metier. Aber beim Thema Klima geht es inzwischen um mehr als das. Da geht es um Glaubensfragen. Was in fünfzig Jahren sein wird, weiß ja kein Mensch, auch die Wissenschaft nicht. Da gibt es nur Vermutungen. Und die werden schnell zu Glaubenssätzen. Und auch die Welt ist ein paar Nummern zu groß für uns. Vielleicht sogar für Klimaforscher. Auf jeden Fall aber für die Politik. Und für uns. Wir können die Welt nicht retten. Das ist nicht unsere Kragenweite.
    “Aber das Klima betrifft doch die ganze Welt!” Das stimmt. “Und es muss doch dringend etwas getan werden!” Ja, das stimmt auch. Trotzdem sind wir bloß Menschen. Noch dazu ein winzig kleiner Teil der Menschheit. Wir können die Welt nicht ändern. Ändern können wir nur uns selbst, unser Verhalten, unsere Art zu Leben. Natürlich reicht das nicht. Aber es wäre schon mal ein Anfang. Ein erster Schritt. Und vielleicht sogar der wichtigste. Natürlich wäre es gut, wenn auch die andern etwas tun würden. Aber es wird vielleicht leichter sein, sie davon zu überzeugen, wenn wir selbst schon mal das tun, was wir können.

Wie wir mit der Erde umgehen, auf der wir leben, ist auch für die Bibel ein wichtiges Thema. Ganz am Anfang, so erzählt es die Bibel, hat Gott den Menschen die Erde gegeben, als einen wunderbaren Platz zum Leben. Paradiesisch waren die Zustände damals. Und der Mensch hat die Erde nicht nur als traumhaften Wohnort zum Genießen und Abhängen bekommen, er hat auch eine Aufgabe bekommen: die Erde zu bebauen und zu bewahren. Nachher hat sich vieles verändert. Das Paradies ist verloren gegangen, das Leben ist mühsamer geworden, aber die Aufgabe ist geblieben: die Erde zu bebauen und zu bewahren.
    Den ersten Teil der Aufgabe haben die Menschen sich tatsächlich zu Herzen genommen. Das können wir überall sehen. Ursprünglich war beim “Bebauen” wohl vor allem an die Landwirtschaft gedacht. Aber dabei sind wir dann doch nicht stehen geblieben. Häuser, Straßen und Fabriken sind dazu gekommen und vieles mehr. Leider ist dabei der zweite Teil unserer Aufgabe auf der Strecke geblieben: die Erde auch zu bewahren. Aus dem Bebauen der Erde ist vielfach Raubbau geworden. Und so ist die Erde aus den Fugen geraten und jetzt vielleicht tatsächlich in größter Gefahr.
    Was wir Menschen tun, hat Folgen. Im Guten wie im Bösen. Deshalb ist es so wichtig, was wir tun. Wenn wir heute sehen, was für schlimme Folgen unser Umgang mit der Erde hat, gibt es aus der Sicht der Bibel nur eine Konsequenz: Wir müssen unser Leben ändern! Umkehren, wie es in der Bibel heißt. Wenn die Klimadebatte dazu führt, kann sie tatsächlich etwas Gutes bewirken. Es könnte sein, dass Gott uns damit ein wichtiges Warnsignal geben will.
    Die Erde bebauen und bewahren: das ist unsere Aufgabe. Das “Bewahren” haben wir sträflich vernachlässigt. Das müssen wir ändern. Und das können wir auch ändern, zumindest in unserem Bereich. Vielleicht hat das dann Folgen, die weiter reichen, als wir jetzt vermuten. Das letzte Mal, als es eine große Umweltdebatte in unserem Land gab, war es jedenfalls so. In den 70er Jahren. Damals war es der sog. Club of Rome, der die Welt aufgerüttelt hat. “Die Grenzen des Wachstums”: das war damals das große Thema. Die Folge war eine Umweltbewegung in vielen Ländern, die manches bewegt hat. “Jute statt Plastik” war einer der Slogans damals. Und vor allem: “Weniger ist mehr!”
    So etwas brauchen wir heute wohl auch wieder. Menschen, die sagen: Ich tue etwas. Ich ändere mein Verhalten. Und ich versuche, andere davon zu überzeugen, auch etwas zu tun. Am besten geht das wohl, wenn mein Verhalten ansteckend wirkt. “Weniger ist mehr” ist so ein positiver Slogan. Es geht gar nicht um Verzicht. Es geht darum, dass ich bewusst genieße. Weniger zu konsumieren, aber mich an dem, was ich kaufe oder zu mir nehme, mehr zu freuen. Das geht tatsächlich. Denn es ist ja so: je mehr ich kaufe, desto weniger ist das einzelne noch wert. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ich mir jedes Jahr zehn neue T-Shirts kaufe, ist das eine T-Shirt gar nicht so wichtig. Kaufe ich mir nur ein oder zwei T-Shirts im Jahr, sieht das vielleicht schon anders aus. Dann kann ich vielleicht auch noch darauf achten, wo und wie das T-Shirt hergestellt worden ist.
    Wie gesagt: das ist nur ein Beispiel. In der Klimadebatte gibt es mir zu viele gegenseitige Verurteilungen: die anderen fliegen zu viel; die anderen fahren zu große Autos; die anderen essen zu viel Fleisch; und so weiter. Ich glaube nicht, dass uns solche gegenseitigen Beschuldigungen weiter helfen. Das Problem ist ja: Was die anderen falsch machen, das sehe ich immer gleich. Mich selbst sehe ich in einem viel günstigeren Licht. Jesus hat darum einmal gesagt: Wie kann es sein, dass du den Splitter im Augen deines Bruders siehst, aber nicht den Balken in deinem eigenen Auge? Kümmere dich zuerst um den Balken in deinem Auge, dann kannst du dich auch um den Splitter im Auge deines Bruders kümmern. Das heißt: wir müssen schon bei uns selbst anfangen. Bis wir dann so weit sind, dass wir mit Recht andere ermahnen können, wird es bei den meisten wohl noch ein bisschen dauern.

Was können wir selbst tun? Was kann ich tun? Ich habe am Mittwoch Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden gefragt, was Ihr selbst für das Klima tut bzw. tun könntet. Da ist einiges zusammen gekommen. Am häufigsten genannt wurde Fahrrad fahren, ob zur Schule, ins Training oder auch sonst. Ein paar Mal auch, zu Fuß zu gehen. Dazu gehört dann auch, weniger Auto zu fahren und stattdessen lieber öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Mit dem Fahrrad habt Ihr Jugendliche es etwas leichter als wir Erwachsenen, da Ihr noch nicht so einfach ins Auto steigen und losfahren könnt wie wir. Dabei wäre es für uns alle gut, wenn wir einfach weniger mit dem Auto fahren führen. Zum Beispiel im Ort nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Zumindest wenn es nicht regnet und kein Großeinkauf ansteht. Das machen nur sehr wenige. Eigentlich verrückt! Da sieht man, wie die Bequemlichkeit siegt. Dabei würde das Gehen und Fahrradfahren sogar unserer eigenen Gesundheit nützen. Da kann man Greta schon verstehen: Wir Erwachsenen sind manchmal tatsächlich merkwürdige Menschen.
    Häufig wurde von Euch auch genannt, weniger Plastik zu verbrauchen und überhaupt weniger Müll zu produzieren. Das könnten wir wohl alle versuchen, ohne dass es unsere Lebensqualität allzu sehr beeinträchtigen würde. Es muss ja nicht gleich auf Null gehen. Weniger wäre ja schon ein Schritt. In den Textilläden funktioniert das ja schon sehr gut. Das kriegen wir sicher auch anderswo noch hin. Klar, das ist nur ein kleiner Schritt. Aber wenn wir tatsächlich weniger Auto fahren, mehr laufen, öfter mal das Fahrrad nehmen und weniger Plastik verbrauchen würden, käme doch schon etwas zusammen.
    Und vielleicht würden wir uns dann herausgefordert fühlen, es auch an anderen Stellen zu versuchen. Zum Beispiel weniger Strom zu verbrauchen, wie einige von Euch aufgeschrieben haben. Mir gefällt, dass Ihr oft “weniger” geschrieben habt. “Weniger” heißt nicht: nichts. Das müsste doch zu schaffen sein. Und wenn einer auf keinen Fall weniger fliegen oder weniger Auto fahren kann oder will, dann könnte er ja vielleicht an anderer Stelle etwas fürs Klima tun. Gut wäre es jedenfalls, wenn jeder von uns wenigstens etwas tun würde. Damit wir die Erde, die Gott uns anvertraut hat, nicht nur bebauen, sondern auch bewahren. Für uns selbst und für die nächste Generation.

Jetzt denkt vielleicht der eine oder die andere: das ist doch Augenwischerei. Einige kleine Schritte von ein paar Leuten hier in Denkendorf, das wird die Welt nicht retten. Das stimmt. Die Welt können wir so nicht retten. Aber wir können so wenigstens etwas für unsere Umwelt tun. Und wenn wir selbst damit angefangen haben und es einigermaßen hinkriegen, können wir versuchen, mehr Leute dazu zu bringen, mehr für die Umwelt zu tun, wie einer von Euch Konfirmanden aufgeschrieben hat. Oder auch auf Fridays for Future-Demos gehen, wie eine von Euch geschrieben hat. So können vielleicht noch mehr Menschen wachgerüttelt und die Politiker ermutigt werden, mehr zu tun. Politiker müssen ja gerade schwierige und oft umstrittene Entscheidungen treffen, zum Beispiel Braunkohlekraftwerke abschalten. Da kann es helfen, wenn sie merken: Es gibt dafür auch Rückhalt. Politiker haben es bei diesem Thema ja sowieso ganz schön schwer. Da wird gefordert, dass unbedingt sofort radikale Entscheidungen getroffen werden müssen. Gleichzeitig sind viele nicht bereit, dafür auch nur kleine Nachteile in Kauf zu nehmen. Auch deshalb ist am besten, wir fangen bei uns selbst an.
    Und die Welt? Die können und die müssen wir nicht retten. Die Welt ist wirklich viel zu groß für das, was wir tun können. Und auch viel zu groß für das, was Politiker in Berlin tun können. Die Welt bekommen wir nicht in den Griff. Wir bekommen ja nicht einmal unser eigenes Land in den Griff. Und wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir vielleicht sogar sagen: So ganz bekommen wir ja nicht einmal uns selbst in den Griff. Auch wenn wir wissen, was gut wäre, tun wir es längst nicht immer. Und nur allzu oft wissen wir gar nicht so ganz genau, was jetzt gut und richtig wäre. Wir Menschen haben da einfach unsere Grenzen.
    Es ist deshalb gut für uns, wenn wir uns daran erinnern, dass wir gar nicht für alles zuständig sind. Wir sind tatsächlich nur Menschen. Für das große Ganze ist ein anderer zuständig, Gott. ER ist der Schöpfer der Erde. ER gibt die Erde nicht auf. Und Er gibt auch uns nicht auf, auch wenn wir Ihn mit unserem Verhalten wohl nur allzu oft zu Verzweiflung bringen. Er wird dafür sorgen, dass wir die Erde nicht ganz zugrunde richten. Am Anfang der Bibel hören wir von der größten Katastrophe, die die Erde je erlebt hat, eine riesige Flut, die die ganze Erde überschwemmt hat. Am Ende aber gibt Gott uns Menschen das Versprechen, so etwas nie wieder geschehen zu lassen, selbst wenn wir Menschen so bleiben, wie wir nun einmal sind: ”Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.”
    Das heißt nicht, dass wir nicht alles tun sollten, was in unserer Macht steht, ganz im Gegenteil. Es ist unsere Aufgabe, die Erde nicht nur zu bebauen, sondern sie auch zu bewahren. Aber wir sollten nicht in Panik geraten. Und wir sollten uns auch nicht selbst überschätzen. Das Ganze steht nicht in unserer Hand, es steht in Gottes Hand. Und da ist es wirklich sehr viel besser aufgehoben als bei uns. Gott wird sein Versprechen halten. Er hält uns die Treue, und der Erde auch. Amen.

Pfr. Rolf Noormann