Ansprache 6. Oktober 2019, Thomas Bleher

Ansprache Erntedankgottesddienst - Auferstehungskirche

Liebe Kinder, liebe Erwachsenen,

es ist schön zu sehen, was es hier alles gibt. Eine bunte Vielfalt von Gemüse, Obst, Mehl, Marmelade, oder auch so ungesunde – aber gute Sachen wie Kaffee oder Nutella. Eines allerdings finde wir hier nicht auf dem Erntedank Altar – und das ist etwas, was unverzichtbar ist und unsre Erde so einzigartig macht- das Wasser. Wir nehmen es als Selbstverständlichkeit. Aber es ist ein wunderbares Geschenk Gottes. Die letzten beiden Sommer haben wir ein bisschen begriffen, wie wichtig Wasser ist, weil es so wenig geregnet hat.
PS 104: „Du lässt Quellen sprudeln und als Bäche in die Täler fließen, zwischen den Bergen finden sie ihren Weg.  Die Ti4ere der Steppe trinken davon, Wildesel stillen ihren Durst. An ihren Ufern nisten die Vögel, in dichtem Laub singen sie ihre Lieder. Vom Himmel lässt du Regen auf die Berge niedergehen, die Erde saugt ihn auf und wird fruchtbar.   Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Getreide zu Nutz den Menschen. Der Mensch pflügt das Land, sät und erntet. So hat er Wein, der ihn erfreut, Öl, das seinen Körper pflegt, und Brot, das ihn stärkt.
Wir haben so viele Luxusdinge und so viele Schleckereien, die süß sind – die wir aber eigentlich nicht brauchen. Das, was wirklich lebensnotwendig ist- und manches darüber hinaus fürs Auge und für die Seele schenkt uns Gott. Auch wenn es dieses Jahr sehr heiß war, so hat uns Gott dennoch versorgt. Wir hatten mehr als genug zu essen und genügend zu trinken. Dafür dürfen wir Gott immer wieder Danke sagen.  Was für geniale Dinge lässt Gott wachsen: Die unscheinbare Kartoffel, die roh nicht genießbar ist. Aber wer isst nicht gerne einen herzhaften Kartoffelsalat oder Schnitzel mit Pommes. Oder die gewaltige Vielfalt an Obst und Beeren, die es alleine bei uns gibt: Johannisbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Zwetschgen. Alles wunderbar und gesund. Und dann gibt es da so komische Sachen wie die Quitte: roh furchtbar hart und nicht zu essen. Aber wie wunderbar schmeckt ein Quittengelee!
Oder denken wir an Oliven, die jetzt nicht bei uns wachsen, sondern in Ländern wie Israel oder Spanien usw. Sie geben ein hervorragendes Öl, das sehr gesund ist für Salate usw. Aber auch für die Haut sehr gesund ist. Und dass Gott Getreide wachsen lässt- wunderbar. Ein völlig unscheinbarer Halm- und was für vielfältige Brotsorten kann man daraus machen. Wie wunderbar duftet ein Brot, das frisch aus dem Ofen kommt. Und das können wir immer essen, sei es mit süßem Belag oder mit etwas Herzhaftem. Gott meint es gut mit uns, er hat alles wunderbar gemacht. Wir dürfen es genießen. Gott hat sogar an die „Vierteles- Schlotzer“ gedacht. Die sich einen guten Württemberger oder sonst etwas Edles munden lassen können. Zugleich hat er uns die Aufgabe gegeben, die Erde zu bewahren, damit auch die Generationen nach uns sich noch daran freuen können. Die Bewegung „Fridays for Future“ hat uns da zurecht wachgerüttelt. Denn wir stehen mit unsrer Erde 5 vor 12. Das dürfen wir nicht verschlafen. Gott hat uns beauftragt die Erde zu bebauen und zu bewahren, und sie nicht auszubeuten oder zu vermüllen. Und es ist Zeit, dass wir umkehren und Gott um Bewahrung und seinen Segen bitten.   Amen

Erntedank-Predigt 6. Oktober, Rolf Noormann

Erntedank-Predigt zu 2. Korinther 9,8: Volle Genüge - von allem genug
Klosterkirche, 6. Oktober 2019

Liebe Gemeinde,
über das heutige Erntedankfest möchte ich einen der schönsten Verse der Bibel stellen (wie haben ihn eben schon einmal in der Schriftlesung gehört):
    Gott aber kann machen,
    dass alle Gnade unter euch reichlich sei,
    damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt
    und noch reich seid zu jedem guten Werk.

Ist das nicht wunderbar? Gott kann dafür zu sorgen, dass seine Gnade in so reichem Überfluss auf uns kommt, dass wir nicht nur selbst von allem genug haben, sondern so reich sind in unserem Überfluss, dass wir problemlos auch noch anderen abgeben können. Und Gott kann das nicht nur, er tut es auch. Wir jedenfalls leben tatsächlich im Überfluss. Die allermeisten von uns haben alles, was sie brauchen, und noch weit darüber hinaus. Wenn das nicht ein Grund ist, dankbar zu sein, was dann?
    Wir vergessen manchmal, wie wenig selbstverständlich das ist. Sie vom Jahrgang 1939/40, die Sie heute Ihre Jahrgangsfeier begehen, erinnern sich vielleicht noch, wie anders es damals war, in der Nachkriegszeit, als sie zur Schule gegangen sind, und auch später noch, als Sie in die Lehre kamen und Ihre erste Arbeitsstelle gefunden haben. Von Überfluss konnte da keine Rede sein. In den 60ern gab es dann die ersten Anzeichen eines beginnenden Wohlstandes: das erste Auto, den ersten Fernseher, eine richtige Waschmaschine. In den 70er und 80er Jahren sind wir dann allmählich zu einer Wohlstandsgesellschaft geworden. Die meisten haben von fast allem mehr als genug: Kleiderschränke, die aus allen Nähten platzen, Fernseher bzw. Computer auch noch im Kinderzimmer, schicke Fahrräder und zu essen mehr, als der Gesundheit zuträglich ist.
    Wenn Paulus sagt: Gott kann dafür sorgen, dass ihr allezeit in allem volle Genüge habt, dann können wir das nur bestätigen. Bei uns jedenfalls ist es angekommen: Leben im Überfluss, volle Genüge, von allem genug.
    Alles im Überfluss zu haben, ist wunderbar. Es ist aber auch eine Herausforderung. Mit Überfluss muss man umgehen können. Mehr als genug braucht ja niemand. Überfluss führt daher leicht zu Verschwendung. Ich kaufe einen neuen Mantel, obwohl der alte noch gut ist. Den neuen Fernseher kaufe ich, weil er schöner ist als der alte, nicht weil ich ihn brauche. Und so weiter. Werbung macht’s möglich, animiert immer aufs Neue unsere Kauflust. Bei Handys hat die Wirtschaft dieses System perfektioniert. Ständig kommen neue Geräte auf den Markt, die kein Mensch braucht, aber gekauft werden wie verrückt. Reine Verschwendung! Leben im Überfluss will gelernt sein.
    Manche sagen vielleicht: Ich hab genug davon! Mir reicht’s. Überfluss kann auch zu Überdruss führen. Wer von allem mehr als genug hat, wofür soll der noch kämpfen? Eine Kousine von mir hat zur Hochzeit nicht nur ein paar schöne Geschenke bekommen, sondern gleich ein ganzes Haus, vollständig eingerichtet mit allem, was man sich nur wünschen kann. Eine Tante hat das junge Paar deshalb bedauert. Sie fragte sich: Wofür sollen die beiden sich jetzt noch anstrengen? Wer alles schon hat, was kann der noch wollen? Leben im Überfluss ist auch eine Herausforderung. Es könnte sein, dass wir das als Gesellschaft und auch als einzelne noch gar nicht so richtig gelernt haben.    

Spannend finde ich bei dem Vers des Apostels Paulus, dass er an dieser Stelle nicht stehen bleibt. Für Paulus kommt es auf den Schluss an: Gott kann uns so reich machen, dass unser Überfluss auch auf andere überfließen kann! Ja, Paulus meint sogar, dass Gott uns eben deswegen alles im Überfluss gibt, damit wir unseren Überfluss mit anderen teilen können. Mehr als genug brauchen wir ja wirklich nicht. Gott gibt uns allezeit in allen Dingen volle Genüge, nicht damit unsere Schränke aus allen Nähten platzen oder wir zu viel von allem essen, sondern damit wir nicht knausern müssen; damit wir gerne und großzügig von dem abgeben können, was wir selbst bekommen haben.
    Dass der Überfluss eigentlich so gedacht war, dass wir nur deshalb so viel bekommen haben, damit wir es mit anderen teilen können, scheint nicht so richtig bei uns angekommen zu sein. Und wenn ich das jetzt noch etwas deutlicher und vielleicht auch fordernder sagen würde, würde ich wohl bald Gegenwind bekommen. Manche würden vielleicht protestieren und sagen: Was soll das heißen, Gott hätte uns alles im Überfluss gegeben? Von wegen “gegeben”! Das haben wir uns alles schwer erarbeitet. Das steht uns zu, nicht den anderen; die sollen sich selbst anstrengen, dann kommen sie auch zu so großem Wohl¬stand wie wir. - Da ist natürlich etwas Wahres dran; allerdings ziemlich wenig. Wir müssten ja sonst behaup¬ten, wir Heutigen wären viel fleißiger und arbeitsamer als die früheren Generationen, die noch keinen solchen Wohlstand hatten wie wir. Sicher haben viele viel dafür gearbeitet, dass unser heutiger Wohlstand möglich geworden ist, nicht zuletzt Sie, die Generation der Kriegs- und Nachkriegszeit. Aber Sie haben auch einfach “Glück” gehabt, um es mal so zu sagen. Unter anderen Bedingungen hätte Ihnen alle Arbeit nichts genützt. Wenn etwa ein Krieg über ein Land hereinbricht, ist das, was zuvor mühsam erarbeitet wurde, schnell zerstört. Wenn die Wirtschaft am Boden liegt, gibt es gar keine Arbeit, mit der man sich Wohlstand verdienen kann. So sehr es unsere eigene Arbeit ist und auch sein soll, mit der wir ein gutes Leben erreichen, so wenig haben wir die Umstände in der Hand, unter denen wir leben und arbeiten müssen. Und das gilt ja auch für unsere Talente und Fähigkeiten. Klar, ich muss sie auch einsetzen. Aber was ich bin und was ich kann, verdanke ich nur zu einem kleinen Teil mir selbst; das meiste das habe ich mit auf meinen Lebensweg bekommen. Mit Gottes Gaben ist es fast immer so, wie Matthias Claudius in seinem bekannten Erntedanklied schreibt: es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott. Ich bin deshalb überzeugt, dass unser heutiger Wohlstand auch und vor allem ein Geschenk ist, auch wenn er vielfach mühsam erarbeitet werden musste. Ein Geschenk, für das wir dankbar sein können. Und das wir teilen sollen. Überfluss tut nur dann gut, wenn er überfließt auf andere. Sonst schadet er am Ende auch uns selbst. Aus Überfluss wird dann nur allzu schnell Überdruss oder Verschwendung.

Allerdings stellen sich hier praktische Fragen. Wie kann und soll ich denn meinen Überfluss mit anderen teilen? Wem kann ich damit helfen? Und wie? Paulus hatte damals ganz konkret die Unterstützung der Urgemeinde in Jerusalem im Blick. Ihm ging es darum, die Gemeinde in Korinth für eine Spendenaktion zur Unterstützung der bedürftigen Christen in Jerusalem zu gewinnen. Das kommt den meisten von uns sicher bekannt vor. Spendenaktionen gibt es in Hülle und Fülle, nicht selten werden wir mit Werbebriefen förmlich überschwemmt. Es ist nicht immer leicht, sinnvolle Projekte von weniger sinnvollen zu unterscheiden. Ich habe ein paar Jahre in Indien gelebt und in dieser Zeit ganze Reihe solcher Projekten besucht. Zu manchen Projekten habe ich so meine Fragen. Aber es gibt auch gute Projekte, zum Beispiel von der Kindernothilfe, die Kindern und Jugendlichen helfen, eine Ausbildung zu machen und so ein selbstständiges Leben führen zu können. Oder von der Lepramission; auch die kann man bedenkenlos unterstützen.
    Vielen liegt es allerdings näher, etwas vor der Haustür zu tun. Das kann ich gut verstehen. Wenn ich die Bedürftigkeit sehe und verstehe, wie es dazu kommt, helfe ich lieber. Wenn ich dann noch weiß, wo meine Unterstützung ankommt, gebe ich gern. Meine Erfahrung als Pfarrer hier in Denkendorf ist: Wenn wir Unterstützung brauchen, bekommen wir sie auch! Etwa als vor ein paar Jahren viele Flüchtlinge hierher gekommen sind; da gab es schnell ausreichend Geld- und Sachspenden! Oder für “Familien in Not”; auch da gibt es genügend Spenden. Das sind jedesmal sehr schöne Erfahrungen. Wenn die Not sichtbar ist oder hier im Ort, ist die Bereitschaft zu teilen oft sehr groß. Dafür kann ich an dieser Stelle nur herzlich Danke sagen! Das gilt auch für alle großzügige Unterstützung, die wir als Kirchengemeinde immer wieder bekommen.
    Wenn ich aber heute über unseren Überfluss nachdenke und mich frage: Wer sind die anderen, die Mangel leiden und die ich mit meinem Überfluss unterstützen sollte, dann kommen mir aber vor allem Menschen in anderen, ärmeren Ländern in den Sinn. Allerdings ist die Frage, wie ich diesen Menschen mit meinem Überfluss wirklich helfen kann, nicht so leicht zu beantworten. Das sage ich ganz ehrlich. Gute Spendenprojekte allein genügen ja nicht. Auch die Menschen dort wollen und sollen von ihrer Arbeit leben können, gut leben können. Das aber ist sehr oft nicht der Fall. Deshalb machen sich so viele Menschen auf den Weg und versuchen, irgendwie zu uns nach Europa zu kommen. Nach allem, was ich dazu wahrnehme und lese, ist das keine gute Idee. Viele von denen, die zu uns kom¬men, werden auch hier keine guten Perspektiven haben.
    Trotzdem müssen wir das Warnsignal hören. Es ist ja unser Überfluss, der die Menschen herlockt. Und ihr Mangel, der sie aus ihren Ländern vertreibt, oft der Mangel an Perspektiven für ihr Leben. Dass unsere westlichen Gesellschaften so reich geworden sind, hat ihnen bisher noch kaum genützt. Dabei sollte doch unser Überfluss auch ihnen zugute kommen. So jedenfalls hat es Gott gemeint, als er uns so reich beschenkt hat. Es muss sich also tatsächlich dringend etwas ändern, damit auch Menschen in den ärmeren Ländern stärker an unserem Wohlstand teilhaben können. Leider hat die Politik diese wichtige Aufgabe viel zu lange vernachlässigt, trotz aller  Verbesserungen, die es auch gibt.
    Aber vielleicht können auch wir selbst etwas tun, um unseren Überfluss mit denen zu teilen, die viel weniger haben als wir. Zum Beispiel, wenn wir einkaufen. Bei vielen Waren -aus der Dritten Welt gibt es sog. Fair Trade-Produkte, zum Beispiel bei Kaffee, Tee oder Schokolade. Die gibt es inzwischen auch in vielen Supermärkten. Vielleicht ist auch da nicht alles perfekt, aber es kommt auf jeden Fall viel mehr bei den Herstellern an als sonst. Und oft werden sogar noch nachhaltige Anbaumethoden unterstützt. Fair Trade-Waren sind meist etwas teurer, aber das sollte uns nicht daran hindern, sie zu kaufen. Es geht ja gerade darum, ein wenig von unserem Überfluss mit anderen zu teilen. Wenn wir beim Einkaufen daran denken, fällt es uns vielleicht leichter, für Fair Trade-Kaffee oder -Schokolade etwas mehr zu bezahlen. Auch bei anderen Dinge, etwa bei der Kleidung, gibt es heute oft entsprechende Produkte, auch wenn ich sagen muss, dass das manchmal eine Wissenschaft für sich ist. Aber dass es nicht immer einfach ist, ist eigentlich kein Argument. Wir sind mit unserem Überfluss so reich beschenkt, dass wir uns ruhig ein wenig Mühe geben könnten, ihn auch auf andere überfließen zu lassen. Einfach aus Dankbarkeit.
    Gott hat dafür gesorgt, dass seine Gnade in reichem Überfluss auf uns gekommen ist, so dass die meisten von uns nicht nur von allem genug haben, sondern weit mehr als das. Dafür können wir Ihm heute nur aus vollem Herzen danken. Gott hat uns reich beschenkt. Aber er hat uns unseren Wohlstand nicht allein für uns gegeben. Unser Überfluss soll überfließen auf andere, nicht damit wir arm werden, sondern damit auch sie reich werden. Erst dann sind Gottes Gaben wirklich bei uns angekommen. Erst dann wird unsere Dankbarkeit wie ein köstlicher Wohlgeruch zu Ihm aufsteigen. Amen.