Predigt 20. Oktober, Rolf Noormann

Predigt zu Josua 1,19

Liebe Gemeinde,
Gott traut uns etwas zu. Und er erwartet etwas von uns. Er traut uns sogar sehr viel zu, weil er sehr viel von uns erwartet. Und er erwartet viel von uns, weil er uns so viel zutraut. Also eigentlich alles ganz easy. Wir müssen uns nur auf den Weg machen und tun, wozu Gott uns beauftragt. Er gibt uns Mut und Kraft und alles, was wir dazu brauchen.
    Leider gibt es genau an dieser Stelle ein Problem. Wenn Gott Menschen beauftragt, dann sagt kaum einer: “Super, hier bin ich, was soll ich tun? Wer wäre besser geeignet als ich!” Die meisten sagen: “Ach nee, das kann ich nicht. Eigentlich habe ich auch gar keine Zeit. Und überhaupt: Es gibt so viele andere, nimm doch einen von denen.” So war es schon, als Gott Mose beauftragen wollte: Mose hat einen Einwand nach dem anderen. Gott hört sich das alles geduldig an und widerlegt jeden einzelnen Einwand. Doch am Ende, als alle Einwände überwunden sind, sagt Mose: “Ach Herr, schick doch, wen du willst, nicht mich!” Selbst der große Mose muss zu seiner Aufgabe förmlich geprügelt werden. Vielleicht glaubt er wirklich, dass ihm der Mut und die Fähigkeiten dazu fehlen. In Wirklichkeit fehlt es nur an der Bereitschaft, die Aufgabe zu übernehmen. So ist es bei uns oft auch.
    In unserer heutigen Geschichte bekommt Josua einen Auftrag. Josua wehrt sich nicht dagegen. Aber auch er scheint Bedenken zu haben. Zumindest scheint Gott damit zu rechnen. Er macht Josua Mut, immer wieder. Dreimal sagt er zu ihm: Sei mutig und stark! Das wird seine Gründe haben. Josua braucht diese Ermutigung, damit er sich auf den Weg machen kann. Schließlich bekommt er eine große Aufgabe. Er soll das Volk Israel in das gelobte Land führen. Da wird es viel Widerstand geben. Am Ende aber wird Josua Erfolg haben. Er ist ja nicht allein unterwegs. Gott wir mit ihm sein, und was Gott ihm zugesagt hat, das wird Er auch erfüllen.
    Schauen wir uns die Sache ein bisschen genauer an. Am Anfang steht der Auftrag. Josua solle die Nachfolge des Mose antreten. Er soll das Volk Israel in das Land führen, das Gott ihm versprochen hat. Dass das nicht so einfach sein wird, weiß Jo¬sua aus eigener Erfahrung. Er war einer der Kundschafter, die Mose ins Land geschickt hatte. Josua hat auch miterlebt, wie das Volk reagiert hat. Als die Israeliten hören, dass das Land bewohnt und die Bevölkerung wehrhaft ist, geben sie auf die Zusagen Gottes keinen Pfifferling mehr. Gott hat darum den Einzug ins Land erst einmal verschoben. Jetzt aber soll es geschehen, und Josua soll die Verantwortung dafür übernehmen. Eine ganz schöne Herausforderung! Da braucht Josua Mut und Standfestigkeit.
    Aber Gott gibt Josua nicht nur einen Auftrag. Er gibt ihm auch ein Versprechen: Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Josua wird Erfolg haben. Das verspricht Gott ihm. Nicht weil er so ein großartiger Politiker ist oder ein genialer Stratege, sondern weil Gott mit ihm sein wird. Was immer kommen mag, Gott wird nicht von ihm weichen und ihn nicht verlassen:     “Ich steh dir zur Seite. Ich gehe mit dir durch Dick und Dünn. Ich lass dich nicht allein!” Das ist die Basis, das ist das Fundament für alles Weitere. Und so macht Gott Josua Mut, die Aufgabe in Angriff zu nehmen: Sei mutig und stark; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen.
    Gott macht Josua Mut, aber nicht einfach so. Er macht ihm Mut zu seiner Aufgabe. Einfach so ist niemand mutig. Ob einer Mut hat oder nicht, zeigt sich erst, wenn er bei einer Aufgabe seinen Mut unter Beweis stellen muss. Ob jemand ein mutiger Schiffskapitän ist, zeigt sich nicht an Land. Das zeigt sich auch nicht bei schönem Wetter auf See. Wie gut ein Kapitän ist, zeigt sich erst, wenn es Unwetter gibt. Dann muss er zeigen, was er kann, wie mutig er ist. Vorher weiß das keiner so genau. Es haben sich schon manche in schwierigen Situationen bewährt, denen es vorher keiner zugetraut hätte. Und andere, die immer den starken Mann markiert haben, waren, als es ernst wurde, “so klein mit Hut” (mit Geste andeuten).
    In der Bibel ist es allerdings noch ein bisschen anders. Gott sagt nicht zu Josua: “Ich sehe, dass du einer bist, der auch in schwierigen Situationen die Nerven behält. Du bist einer, der sich von nichts und niemandem ins Bockshorn jagen lässt.” So funktioniert das in der Bibel nie. Gott sagt zu Josua: “Du wirst es schaffen, weil du es schaffen sollst. Weil ich dir die Aufgabe gebe, sollst und wirst du den nötigen Mut aufbringen. Du kannst es, weil du es sollst; weil ich es dir sage!”
    Gott braucht uns Menschen, wenn er etwas tun will. Er braucht jemanden, der einen Kranken besucht und ihm oder ihr zur Seite steht. Er braucht jemanden, der Geflüchteten hilft, einen passenden Platz in unserem Land zu finden. Er braucht Menschen, die in der Kirchengemeinde Verantwortung übernehmen. Oder in der JuBi. Oder im Chor. Überall werden Menschen gebraucht, die sich von Gott in den Dienst nehmen lassen. Meistens fragt Gott uns nicht direkt. Fast immer sind es an¬dere Men¬schen, durch die Gottes Auftrag an uns herangetragen wird. Aber die meisten von uns reagieren wie Mose: “Ich doch nicht. Das ist nichts für mich. Ich habe keine Zeit. Es gibt doch auch noch andere, frag lieber die!”
    Schade eigentlich! Gott könnte mit unserer Hilfe so viel Gutes auf den Weg bringen. Aufgaben gibt es ohne Ende. Und die passenden Menschen gibt es auch. Sie müssten den Auftrag nur annehmen. Den nötigen Mut würden sie dann schon bekommen. Da würde Gott sich ganz bestimmt nicht lumpen lassen. Wenn ich ihm einen Korb gebe, gibt es nur Verlierer: Gott kann nicht tun, was Er gern durch mich getan hätte. Und ich kann nicht mit meinen Aufgaben wachsen. Ich erlebe nicht, wie Gott mir den nötigen Mut und auch die nötigen Fähigkeiten gibt. So bleibe ich unter den Möglichkeiten, die Gott für mich vorgesehen hat. Gott sagt: Sei mutig und stark, denn du sollst die Aufgabe wahrnehmen, für die ich dich brauche!

Spannend finde ich, wie es bei Josua weiter geht. Anders als Mose erhebt Josua keine Anwände. So kann Gott ihm noch mehr Aufträge geben. Und ihm noch mehr Mut machen. Gott sagt zu ihm: Nur sei sehr mutig und stark, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Spannend, oder? Ich hätte hier etwas ganz ande¬res erwartet. Zum Beispiel: “Sei sehr mutig und sehr stark, dass du dich von den Kanaanitern nicht ins Bockshorn jagen lässt. Hab keine Angst, wenn sie dir mit schwer bewaffneten Soldaten entgegen kommen.” Solche Dinge werden vielleicht auch Josua durch den Kopf gegangen sein. Aber das ist es nicht, was Gott interessiert. Dass Josua seine Gegner überwinden kann, dafür wird Gott schon sorgen. Wichtiger ist ihm etwas anderes: Dass Josua den Mut hat, an Gottes Gesetz festzuhalten! Dass er sich an keiner Stelle von dem abbringen lässt, was Gott dem Volk geboten hat. Verrückt, oder? Mut, das Gesetz zu halten: darauf wäre wohl keiner von uns gekommen! Für Gott ist das die größte Herausforderung. Dafür, so sagt Er, braucht Josua besonders großen Mut und besonders viel Kraft!
    Beim Gesetz Gottes geht es nicht um irgendwelche moralischen Regeln. Es geht darum, wie das Volk Gottes in seinem neuen Land leben soll. Es ist so etwas wie eine Gesellschaftsordnung für das Volk Israel. Auch Wirtschaftsgesetze gehören dazu. Zum Beispiel, dass jeder gleich viel Land bekommt. Oder dass nach fünfzig Jahren alle Schulden gestrichen werden! Tolle Gesetze sind das. Aber für die braucht man wirklich Mut. So viel Mut hatten die meisten Könige Israels nicht. Und auch die christlichen Herrscher und Regierungen nicht. So sind diese Gebote Gottes fast nie zur Geltung gekommen.
    Mut braucht es sogar für die Zehn Gebote. Zum Beispiel, wenn es heißt: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Wenn wir Luthers Erklärung dazu hören, merken wir sofort, wie sehr das auch uns betrifft: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern wir sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren. Nichts gegen andere sagen, alles zum besten kehren: damit hätten wir wohl fast alle ganz schön zu tun! Dabei würde uns das nicht im geringsten schaden, ganz im Gegenteil: es würde allen Beteiligten gut tun! Trotzdem fehlt uns nur allzu oft der Mut dazu. Oder die Kraft, den schlechten Gewohn-heiten zu widerstehen. Oder die Standfestigkeit zu sagen: Leute, das will ich nicht hören!
    Auch für die Gebote Jesu im Neuen Testament braucht es Mut und Standfestigkeit. Etwa für das Gebot, nicht zu schwören. Nicht wenige Christen haben mit ihrem Leben dafür bezahlt, dass sie sich geweigert haben, einen Eid zu schwören. Es kann sehr viel Mut dazu gehören, ein Gebot Gottes wirklich ernst zu nehmen. Wir evangelischen Christen machen es uns da oft zu leicht und denken, für uns seien die Gebote nicht mehr so wichtig. Die Bibel sieht das anders. Wir sollte heute darum auch die zweite Ermutigung, die Josua bekommt, sehr deutlich hören: Nur sei sehr mutig und stark, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat.

Erst ganz am Schluss sagt Gott zu Josua, was wir am liebsten hören wollen: Sei mutig und stark. Fürchte dich nicht und hab keine Angst; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir überall, wo du gehen wirst. Das hören wir wohl alle gern: dass Gott überall, wo wir gehen, und in allem, was wir tun, mit uns ist; dass Er uns immer zur Seite steht. Das ist eine Zusage, auf die ich gern mein Leben bauen möchte. Auch Jesus hat seinen Jüngern das zum Abschied versprochen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Tolle Versprechen sind das. Versprechen, die uns echt Mut machen können! Allerdings habe ich den Eindruck, dass wir diese Ermutigung und Stärkung gern umsonst hätten! Einfach so. Bei Josua ist das anders. Und bei den Jüngern Jesu auch. Das Versprechen Gottes ist mit einer Aufgabe verbunden! Gott will uns Mut machen, Er will uns stärken, aber nicht einfach dazu, dass wir mutig und stark sind, sondern damit wir tat¬kräftig die Aufgaben in Angriff nehmen, die Er uns gibt.
    Vielleicht ist das der Grund, warum sich manche oft so schwach und mutlos fühlen: weil sie die Aufgaben nicht wahrnehmen, die Gott ihnen gibt; weil sie wie Mose vor allem damit beschäftigt sind, sich und anderen zu erklären, warum sie diese oder jene Aufgabe nicht wahrnehmen können. Kann ja alles sein. Aber sie schaden damit auch sich selber. Denn Mut und Kraft können wir nur gewinnen, wenn wir uns auf den Weg machen und tun, wozu Gott uns gebrauchen will. Einen Blankoscheck, den wir einlösen können oder auch nicht, gibt er uns nicht. Es ist schon so, wie der Volksmund sagt: Man wächst mit den Aufgaben. Nur dass nicht wir mit unseren Aufgaben wachsen, sondern die Kraft, die Gott uns gibt.
    Noch etwas finde ich total spannend in unserem Text: Gott sagt zu Josua: Habe ich dir nicht geboten: Sei mutig und stark? Mutig und stark zu sein, hat offenbar nicht nur und nicht einmal in erster Linie mit meinem Charakter, mit meiner Persönlichkeit zu tun. Da gibt es ja schon Unterschiede, und für uns spielen die oft eine große Rolle. Für Gott nicht. Wie Josua veranlagt ist, ob er eher schüchtern ist oder ein Draufgänger, das ist gar kein Thema. Gott gebietet ihm einfach, mutig und stark zu sein. Er hat ihm schließlich eine Aufgabe gegeben. Dazu braucht er Kraft und Mut. Aber er muss es nicht aus eigener Kraft schaffen. Er muss auch nicht allein gehen. Gott geht mit ihm. Gott wird dafür sorgen, dass er Erfolg haben wird. Aber: er muss gehen, mutig und tatkräftig. Darum ist Gottes Ermutigung ein Gebot: ”Sei mutig, sei stark! Tu, was ich dir sage! Schrecke vor nichts und niemandem zurück!” Ausreden zählen nicht. Sie sind falsch, und sie nützen niemandem.

Wie damals Josua, so macht Gott auch uns heute Mut. Er will jeden von uns gebrauchen, jeden an einer anderen Stelle. Darum sagt er auch uns, auch Euch und mir: “Sei mutig und stark und fürchte dich nicht, denn du hast eine Aufgabe! Nimm deine Aufgabe in Angriff! Stelle dich deinem Leben und tue, wozu ich, Gott, dich brauchen will. Halte meine Gebote und fürchte dich vor nichts und niemanden, denn ich, der HERR, dein Gott, bin mit dir in allem, was du tust.”
Amen.

Pfr. Rolf Noormann