24. November 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Johannes 5,24-29
Denkendorf, Ewigkeitssonntag/Totensonntag 2019


Liebe Gemeinde,
am Ende des Kirchenjahres steht ein Sonntag, der zwei Namen trägt: Totensonntag und Ewigkeitssonntag. Beides gehört für uns zusammen: das Gedenken der Toten und die Hoffnung auf neues, ewiges Leben. Viele von Ihnen sind heute hier, weil sie im zu Ende gehenden Kirchenjahr von einem Menschen haben Abschied nehmen müssen; manche auch schon vor längerer Zeit. Sie haben einen Menschen verloren, mit dem Sie das Leben geteilt haben, der Ihnen vielleicht so nahe war wie kein anderer. Der Tod gehört zu unserem Leben, so hart es für uns sein mag: der Tod von Menschen, die wir geliebt haben, die uns wichtig waren; und auch unser eigener Tod. Wenn wir einen Mitmenschen zu Grabe tragen müssen, werden wir auch an unsere eigene Begrenztheit erinnert. Keiner von uns hat unbegrenzt Lebenszeit, Lebenskraft. Wir alle sind vergänglich, und wir spüren das auch. Wir spüren es an den größeren und kleineren Gebrechen, die uns plagen; wir spüren es am fort-schreitenden Lebensalter mit seinen Begleiterscheinungen; wir spüren es wohl auch an der Schnelligkeit, mit der schon wieder ein Jahr vergangen ist.
    Aber, liebe Gemeinde, so wichtig es ist, dass wir heute unserer Toten gedenken; so wichtig es ist, dass wir uns daran erinnern, dass auch wir sterben müssen; wir sind heute nicht in der Kirche, um den Tod zu feiern. In der Kirche sind wir auch heute, am Totensonntag, um das Leben zu feiern: das neue, das ewige Leben, dass Gott uns schenken will, unsern Verstorbenen und auch uns, die wir noch leben. Das ist der Grund dafür, dass Er seinen Sohn Jesus Christus in unsere Welt gesandt hat: um den Tod zu überwinden und uns das Leben zu geben. Darum geht es auch in unserem heutigen Predigttext. Er steht im Johannesevangelium im 5. Kapitel:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat,
der hat ewiges Leben und kommt nicht in das Gericht,
sondern er ist vom Tode zum Leben hinübergegangen.
Wahrlich, wahrlich ich sage euch:
Es kommt die Stunde und ist schon jetzt,
dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes,
und die sie hören werden, werden leben.
Denn wie der Vater Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, Leben zu haben in sich selber,
und er hat ihm Vollmacht gegeben, Gericht zu halten,
weil er (ein) Menschensohn ist.
Wundert euch darüber nicht:
eine Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind,
seine Stimme hören werden, und sie werden hervorgehen:
die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens,
die aber das Böse getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Jesus, liebe Gemeinde, ist der Fachmann für das Leben. Er kennt sich aus mit den großen und kleinen Fragen des Lebens, und nicht nur das: Er kann auch Leben geben. Er kann das, weil Er etwas hat, was sonst allein Gott hat: Er hat das Leben in sich selbst. Das haben wir nicht. Wir haben das Leben nur geliehen. Es ist der Hauch Gottes, der uns das Leben verleiht, der Lebensodem, und den haben wir nur auf Zeit. Wer stirbt, der haucht seine Seele aus, wie man früher sagte. Der gibt das ihm geliehene Leben zurück. Wir alle müssen diesen Hauch Gottes, der uns lebendig macht, eines Tages zurückgeben, egal ob wir heute so jung sind wie Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden oder schon zu den Senioren gehören. Wir alle haben das Leben nur geliehen. Bei Jesus ist das anders: wie Gott, so hat auch Er das Leben in sich selbst. Darum kann Er uns das Leben geben. Und genau das tut Er, genau das ist seine Aufgabe: Er gibt Leben, neues, ewiges Leben, uns, die wir hier und heute leben, und auch denen, die schon gestorben sind.

Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat,
der hat ewiges Leben und kommt nicht in das Gericht,
sondern er ist vom Tode zum Leben hinübergegangen.
Jesus gibt ewiges Leben schon hier und jetzt, nicht er nach dem Tod. Wie ist das zu verstehen? Wir alle wissen wohl ganz gut, dass Leben nicht gleich Leben ist. Manchmal sagen wir sogar: “Das ist doch kein Leben mehr!”, meist über andere, denen es nicht gut geht, etwa, weil sie sehr krank oder gebrechlich sind; oder weil sie trotz aller Anstrengungen ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Manche spüren es an sich selbst, dass sie die Freude und Energie zum Leben verlieren, geraten vielleicht in eine Depression und verlieren den Lebensmut. Leben ist tatsächlich nicht gleich Leben.
    Jesus sagt: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben. Der hat wirkliches Leben: Leben, das Bestand hat; Leben, das den Tod schon hinter sich gelassen hat, so sagt es unser Text. Eine kühne Aussage. Haben wir nicht alle den Tod noch vor uns? Sind wir nicht alle auch anfechtbar in unserer Lebenskraft und Lebensfreude? Ja, wir sind verletztlich, wir sind angreifbar, am Leib und auch an der Seele. Wenn wir auf uns selbst sehen, haben wir das ewige Leben tatsächlich (noch) nicht, haben wir den Tod noch vor uns. Deshalb sagt Jesus: wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben. Ewiges Leben gibt es nur in dieser Beziehung zu Jesus, zum himmlischen Vater: im Hören und im Glauben. Vater und Sohn haben das Leben, und wer sich an sie hängt, der hat das Leben auch. Der hat das Leben, auch wenn er es nicht in der Hand hat.
    In der Hand haben wir das Leben ja nie. Wir können es nicht besitzen wie ein schönes Schmuckstück. Wir können es auch nicht sichern durch Fitnessprogramme oder gesunde Ernährung, so nützlich sie sein mögen. Das Leben ist und bleibt ein Geschenk, eine Gabe Gottes. Nur in der Beziehung zu Ihm, nur im Vertrauen auf Ihn können wir es gewinnen: im Hören auf Gottes Wort und im Glauben an Ihn haben wir das Leben; ohne Ihn können wir es nur verlieren. Und gilt nicht nur für uns, die wir heute hier sind. Es gilt auch für unsere Toten. Jesus sagt:

Wahrlich, wahrlich ich sage euch:
Es kommt die Stunde und ist schon jetzt,
dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes,
und die sie hören werden, werden leben.

Mit diesen Worten sprengt Jesus endgültig die Grenzen dessen, was wir uns vorstellen können. Für uns ist der Tod eine undurchdringliche Grenze, hart und unerbittlich. Wie viele haben schon an Gräbern gestanden und sich gewünscht, sie könnten den Tod ungeschehen machen; sie könnten die Zeit zurückdrehen und noch einmal mit dem Verstorbenen zusammen sein wie zuvor. Aber das geht nicht. Der Tod ist unerbittlich. Da dringen wir nicht durch, weder mit unseren Tränen noch mit unserem Wünschen und Flehen.
    Für Jesus ist das anders. Wer seine Stimme hört, der wird leben, auch wenn er längst gestorben ist. Seine Stimme dringt durch die Grenze des Todes hindurch, und sie hat die Kraft, Leben zu geben: wer seine Stimme hört, wird leben. Wie das gehen soll, können wir nicht sagen. Eine Auferstehung der Toten kann sich wohl niemand wirklich vorstellen. Nach Umfragen glauben bei uns nur noch sehr wenige Menschen daran. Es ist ja auch tatsächlich ein Wunder, ein Wunder so groß wie am Anfang des Lebens, am Anfang der Schöpfung: Gott spricht, und es geschieht. Ohne dieses mächtige Schöpferwort Gottes gäbe es uns alle gar nicht. So wird es auch bei der Auferstehung sein: Gottes Wort hat die Macht, uns neues Leben zu geben.
        Für die Zuhörer Jesu damals war das genauso schwer zu verstehen wie für uns heute. Jesus sagt es darum noch einmal und noch deutlicher:
Wundert euch darüber nicht:
eine Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind,
seine Stimme hören werden, und werden hervorgehen:
die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens,
die aber das Böse getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Die Toten werden seine Stimme hören. Die Gräber werden sich öffnen. Und dann werden die Toten auferstehen, die einen zum Leben, die anderen zum Gericht. In früheren Zeiten war das ein großes Thema, vor allem in der Kunst. Sehr oft sind die Auferstehung der Toten und das Gericht gemalt worden. Vielleicht haben Sie auch schon einmal ein solches Bild gesehen: wie die Gräber sich öffnen, die Toten herauskommen und vor den Thron Christi geführt werden; und dann werden sie geschieden: die einen gelangen zur Herrlichkeit Gottes, die anderen werden in die Hölle gestoßen. Auch hier in der Klosterkirche war früher ein solches Bild zu sehen, hier vorn an der Chorwand. Viele Einzelheiten sind heute nicht mehr zu erkennen, aber die Gerichtsszene ist noch zu erahnen.
    Auferstehung heißt auch Gericht; daran lässt die Bibel keinen Zweifel. Das Gericht Gottes war lange Zeit für viele eine furchterregende Vorstellung. Man hat den Menschen damit wohl auch bewusst Angst gemacht, um sie so zu einem besseren Leben zu bewegen. Auch die Bilder in den Kirchen sollten die Menschen daran erinnern, dass ihr Leben einmal von Christus beurteilt werden wird. Heute können viele mit einer solchen Vorstellung nichts mehr anfangen, und das hat wohl auch sein Gutes. Das Gericht Gottes als Drohkulisse zu gebrauchen, um Menschen damit zu erschrecken, war sicher nicht richtig. Hören wir darum, was unser Text dazu zu sagen hat.
    Das erste, was Jesus sagt, ist dies: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht. Das heißt: Es gibt einen Weg am Gericht vorbei: wer sich an Christus hält und auf Gott vertraut, für den ist das Thema sozusagen schon erledigt. Paul Gerhardt hat beschreibt das in einem Osterlied so: “Ich hang und bleib auch hangen / an Christus als ein Glied;/ wo mein Haupt durch ist gangen,/ da nimmt er mich auch mit./ Er reißet durch den Tod,/ durch Welt, durch Sünd, durch Not,/ er reißet durch die Höll’,/ ich bin stets sein Gesell.”
    Das zweite haben wir eben schon gehört: bei der Auferstehung findet eine Scheidung statt: die das Gute getan haben, werden hervorgehen zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse getan haben, zur Auferstehung des Gerichts. Wenn das so deutlich gesagt wird, sollten wir uns schon fragen, auf welche Seite wir gehören werden. Ich frage mich allerdings, ob auch nur einer unter uns ist, der aus vollem Herzen sagen kann: Ich habe das Gute getan, nicht das Böse? Die meisten werden wohl eher von sich sagen: ich habe das eine oder andere Gute getan, aber doch auch manches Böse. Und wer würde über sich selbst zu urteilen wagen, wohin sich bei ihm die Waagschalen neigen würden, wenn Bilanz gezogen würde?
    Darum ist noch ein Drittes wichtig, nämlich wer der Richter sein wird: Der Vater hat dem Sohn die Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er Menschensohn ist. Das heißt: Gott hat Christus zum Richter eingesetzt, weil er unser Leben kennt. Er kennt unsere Schwachheit und unsere Versuchlichkeit. Kein anderer als dieser Mensch geworden Sohn Gottes wird der Richter sein: einer, der mitleidet mit unserer Schwachheit; der versucht worden ist in allem wie wir. Weil Er der Richter ist, müssen wir uns vor dem Gericht nicht fürchten, sondern dürfen auf seine Güte hoffen. Wo Gott richtet, da schafft Er Recht; da beseitigt Er das Unrecht und schafft Raum für ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit. So wird es auch am Ende sein: Das Unrecht, das Böse wird überwunden werden, auch in uns. Und auch alles Unrecht, alles Böse, das in der Vergangenheit geschehen ist, wird überwunden und beseitigt werden. Im Gericht Gottes wird es ernst zugehen, weil das Böse eine ernste Sache ist. Vielleicht wird es auch schmerzhaft sein, ‘wie durch Feuer hindurch’, wie es einmal bei Paulus heißt. Aber es wird ein gnädiges Gericht sein. Johann Albrecht Bengel, der lange hier im Kloster Denkendorf tätig war, hat dazu geschrieben: “Mancher, der sich vor dem Gericht Gottes zu sehr gefürchtet hat, wird sich in der Ewigkeit ein klein wenig schämen müssen, dass er dem Herrn nicht noch mehr Gnade zugetraut hat.”
    So dürfen heute getrost unserer Toten gedenken und auf die Auferstehung hoffen. Am Ende steht nicht der Tod. Am Ende steht Jesus Christus. Er ruft uns ins Leben. Er hat unser Leben auf sich genommen, um Sünde und Leid zu überwinden. Er hat unsern Tod auf sich genommen, um uns das Leben zu schenken. Ihm können wir uns getrost anvertrauen, im Leben und auch im Sterben. Amen.