Sonntag, 10 November, Rolf Noormann

Predigt zu Lukas 6,27-38

Liebe Gemeinde,
nach langen Beratungen hat die evangelische Kirche eine neue Ordnung für die Predigttexte beschlossen. An den meisten Sonn- und Feiertagen ändert sich nicht so sehr viel. Der heutige drittletzte Sonntag im Kirchenjahr allerdings hat ein ganz neues Thema bekommen: das Thema Frieden. Schon lange, seit 1980, gibt es in der Zeit vorm Buß- und Bettag die sog. Ökumenische Friedensdekade. Damit soll das christliche Engagement für den Frieden gestärkt werden. Nun soll sich dies auch in der Gottesdienstordnung widerspiegeln. Das ist sicher gut so. Der Friede ist ja auch biblisch ein zentrales Thema. Denken wir nur an die aktuelle Jahreslosung: Sucht Frieden und jagt ihm nach! Das sollen und wollen wir tun. Die Frage ist nur, wie das geht. Der heutige Predigttext gibt darauf eine Antwort. Er steht im Lukasevangelium im 6. Kapitel. Es ist ein Abschnitt aus einer Rede Jesu:

Aber ich sage euch, die ihr zuhört:
Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen; betet für die, die euch beleidigen.
Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht.
Jedem, der dich bittet, gib; und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück.
Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, ebenso tut ihnen auch.
Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde.
Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank habt ihr dafür? Denn die Sünder tun dasselbe auch.
Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche bekommen.
Vielmehr: liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, auch wenn ihr nichts (dafür) zu bekommen hofft.
Dann wird euer Lohn groß sein
und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein;
denn Er selbst ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Und verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.
Vergebt, so wird euch vergeben.
Gebet, so wird euch gegeben.
Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn mit eben dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.


Ganz schön anspruchsvoll, was uns da zugemutet wird, liebe Gemeinde. Nicht nur die sollen wir lieben, die uns lieben, sondern auch die anderen, die uns nicht leiden können und das auch deutlich zeigen. Ja, gerade die! Und nicht nur denen sollen wir Gutes tun, die uns Gutes tun, sondern den anderen, die uns beleidigen oder sogar verfluchen. Das ist nicht das, was wir normalerweise tun. Spontan reagieren die meisten von uns auf Ablehnung und Hass anders, werden selber ablehnend und oft genug wohl auch selbst aggressiv. Wie sollte es auch anders sein? Wenn jemand mich angreift, muss ich mich wehren, sonst gehe ich unter. Das lernen schon die Kinder. Nicht selten machen ihnen die Eltern Mut dazu, weil sie wollen, dass ihre Kinder sich in der Gruppe behaupten können. Wer sich nicht wehrt, wird in Gruppen leicht zum Opfer gemacht. Das möchte niemand. Als Erwachsene verhalten wir uns entsprechend.
    Jesus allerdings wählt einen anderen Weg. Und er möchte, dass auch seine Anhänger einen anderen Weg gehen: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; betet für die, die euch beleidigen. Jesus fordert seine Zuhörer dazu auf, seinen Weg zu gehen: Er hat auf Feindschaft und Hass mit Liebe reagiert, auf Fluch mit Segen. Er hat gebetet für die, die ihn geschmäht und beleidigt haben. Das ist sein Weg, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen. Anders zu reagieren als andere. Nicht das zu tun, was jeder erwarten würde, sondern das Gegenteil.
    Ob sich Hass und Feindschaft so überwinden lassen, muss wohl offen bleiben. Die Feinde Jesu haben sich durch seine Haltung nicht von ihrem Weg des Hasses abbringen lassen. Sie haben ihn weiter bekämpft und ihn am Ende ans Kreuz gebracht. Jesus ist dennoch unbeirrt seinen Weg des Friedens und der Liebe weiter gegangen, bis zuletzt. Noch am Kreuz hat er für seine Feinde gebetet und Vergebung für sie erbeten. Jesus ist diesen Weg gegangen, weil er sich von Feindseligkeit, Ablehnung und Hass nicht anstecken lassen wollte. Wer auf Hass und Ablehnung selbst mit Ablehnung reagiert, lässt sich vom Bösen infizieren. Wer auf eine Beleidigung mit einer Beleidigung reagiert, steigt damit selbst in den Kreislauf des Bösen ein. Nur allzu oft läuft es so. Aber gut ist das nicht. Denn das bedeutet ja, dass das Böse über das Gute siegt. Zum Frieden führt das nicht, oder nur nach langen Umwegen mit vielen Verletzungen und Verlusten. Auch wenn es schwer fällt, auch wenn unsere spontanen Empfindungen dagegen sprechen, wäre es darum gut, wenn wir uns von Jesus auf seinen Weg der Friedens einladen ließen.

Liebt eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen. Jesus beginnt gleich mit dem schwierigsten: mit denen, die gegen uns sind. Das kommt vielleicht gar nicht so oft vor. Den meisten Leuten sind wir wohl ziemlich egal. Die sind hier nicht das Problem, auch wenn Gleichgültigkeit auch nicht schön ist. Viel schwerer haben wir es aber mit denen, die uns ablehnen, die feindselig sind, ja, die uns regelrecht hassen. Wenn wir auf Ablehnung stoßen, dann trifft uns das. Darum ist die Gefahr so groß, dass wir selbst in den Kreislauf von Hass und Ablehnung einsteigen. Wie viele Familien gibt es, in denen Eltern und Kinder oder Geschwister untereinander so zerstritten sind, dass sie nicht mehr miteinander reden! Unüberbrückbare Gräben haben sich da aufgetan, jeder Versuch der Annäherung wird zurückgewiesen. Wenn mir so etwas begegnet, ist die einfachste Reaktion wohl, mich zurückzuziehen. Aber das ist es nicht, was Jesus sagt. Nicht stillschweigenden Rückzug erwartet er von uns, sondern dass wir denen, die uns ablehnen, Gutes tun. Dass wir ihnen freundlich begegnen und sie unterstützen. Das ist es, was Jesus mit Liebe meint. Es geht nicht um unsere Gefühle, sondern um das, was wir tun. Wenn wir denen, die uns hassen, Gutes tun, ist für Hassgefühle wenig Raum.
    Segnet, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beleidigen. Das Gebet könnte uns eine Hilfe sein. Wenn ich vor Gott an einen Menschen denke, mit dem ich es schwer habe, kann ich ihn vielleicht in einem anderen Licht sehen. Ich kann versuchen, den anderen mit den Augen Gottes zu sehen. Das ist es, was Jesus von seinen Anhängern erwartet: Wer seine Feinde liebt und anderen Gutes tut, ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu erwarten, erweist sich damit als ein Kind des Allerhöchsten; denn Gott selbst ist gütig gegenüber den Undankbaren und den Bösen. Das Gebet kann uns helfen, uns in den Blickwinkel des gütigen und barmherzigen Gottes einzuüben, selbst barmherzig zu sein, wie Er barmherzig ist. Jesus geht noch einen Schritt weiter: Wir sollen denjenigen, die uns alles Schlimme wünschen, Gottes Segen zusprechen. Wie anders würden schwierige Begegnungen aussehen, wenn wir das tun könnten!
Was es heißt, sich nicht zu wehren und nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wird von Jesus weiter ausbuchstabiert: Wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Jedem, der dich bittet, gib; und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück. - Jedem, der dich bittet, gib! Das ist doch eigentlich nicht so schwierig. Wenn uns jemand um etwas bittet, sollen wir es ihm geben. Einfach so, nur, weil der andere uns darum bittet. Wir machen es ja oft komplizierter. Wenn uns einer in der Fußgängerzone anbettelt, fragen wir uns vielleicht, ob er überhaupt ein Recht dazu hat. Und ob wir ihm mit unserem Geld nicht eher schaden als nützen. Vielleicht können wir tatsächlich anders helfen als mit Geld. Vielleicht können wir auch nicht immer das geben, worum wir gebeten werden. Aber etwas können wir wohl fast immer geben. Jesus sagt: Jedem, der dich bittet, gib!
    Von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück. Das fällt wohl deutlich schwerer. Schon die Mahnung, auch dann etwas auszuleihen, wenn ich nichts zurückerwarten darf, wird bei uns nicht so leicht auf Gegenliebe stoßen. Jemandem etwas auszuleihen, der es mir verweigert, warum sollte ich das tun? Oder gar etwas auszuleihen, wenn ich nicht erwarten darf, dass ich es zurückbekommen? Ob wir das tun würden? Wenn ich jemandem ein schönes Buch leihe und bekomme es nicht zurück, werde ich ihm das nächste Mal mit Sicherheit nicht mehr so gern etwas ausleihen. Jesus meint, wir sollten da großzügiger sein. Er hat dabei sicher auch im Blick, wie reich uns Gott beschenkt. Woher habe ich denn all die Dinge, die ‘mir gehören’, wie wir oft so ungeschützt sagen? Ist nicht alles eine Leihgabe Gottes, uns geliehen auf Zeit? Mit welchem Recht klammern wir uns eigentlich so daran, erheben Besitzanspruch darauf und finden es schlimm, wenn etwas davon verloren geht?
    Jesus geht noch weiter: Wir sollen nicht nur keinen Widerstand leisten, wenn uns jemand schlägt oder uns etwas wegnimmt, sondern auch noch die andere Backe hinhalten und zum Mantel auch noch den Rock dazugeben. Ich weiß nicht, ob wir das lernen können. Es wäre wohl schon viel, wenn wir es als den richtigen Weg, den Weg des Friedens anerkennen könnten. Keine Gegenwehr zu leisten, wenn mich einer angreift oder mir etwas wegnimmt, ist ja schon eine große Herausforderung. Ein Angriff ist ja immer eine Verletzung meines geschützten Bereichs. Schon ein Einbruch in der Wohnung, wenn man nicht zu Hause ist, wird von vielen als eine tiefgreifende Verletzung ihres Lebensraumes empfunden. Wie dann erst ein körperlicher Angriff! Das ist so. Die Frage bleibt dennoch, wie ich damit umgehe. Jesus lässt sich auch dann nicht zum passiven Opfer machen, wenn er angegriffen wird. Nicht, dass er sich wehren oder zurückschlagen würde, das auf keinen Fall. Aber er lässt es sich auch nicht einfach bloß gefallen. Er wird aktiv selbst in einer Situation, in dem andere ihm etwas antun: Er nimmt es an und bietet dem Gegner noch mehr an. So bleibt er auch da noch auf seinem Weg, auf dem er dem Frieden nachjagt.

Jesus sagt nicht, dass sein Weg die beste Möglichkeit ist, Feindschaft und Hass zu überwinden. Er verspricht nicht, dass Hass und Gewalt sich so eindämmen lassen. Für ihn ist es entscheidend, sich selbst nicht in den Kreislauf des Bösen verwickeln zu lassen. Und ein Zeichen zu setzen gegen das, was sonst für normal gehalten wird: Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank habt ihr dafür? Denn die Sünder tun dasselbe auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, auch wenn ihr nichts (dafür) zu bekommen hofft. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn Er selbst ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Wer den Weg Jesu, den Weg des Friedens gehen will, muss mehr tun als das, was alle tun. Das Gewöhnliche reicht nicht. Wo alles auf Gegenseitigkeit beruht, genügt schon ein kleiner Funke, um die Spirale von Hass und Gewalt in Gang zu setzen. Das ist nicht nur im Großen so, sondern auch im Kleinen. Wie schnell gibt ein böses Wort das andere, und am Ende ist der Streit kaum noch beizulegen.
    Für Jesus ist das der einzige Weg, der Ausbreitung von Hass und Gewalt, von Ablehnung und Feindseligkeit ein Ende zu setzen: selbst nicht mitzumachen; Liebe gegen Hass und Feindseligkeit zu stellen; denen Gutes zu tun, von denen ich nichts zu erwarten habe als Ablehnung und Hass; mich weder zu wehren noch auszuweichen. Ganz schön anspruchsvoll. Wahrscheinlich nur allzu oft eine Überforderung für uns. Und doch der Weg, den wir gehen sollen. Jesus spricht hier nicht zu einer kleinen Gruppe besonders Heiliger. Er spricht auch nicht nur zu seinen Jüngern, sondern zu einer großen Volksmenge. Am Anfang unseres Abschnitts heißt es ganz betont: Aber ich sage euch, die ihr zuhört. Jesus spricht zu denen in der Menge, die zuhören, das heißt offenbar: zu denen, die sich seine Worte sagen lassen, die sie zu Herzen nehmen. Angesprochen ist, wer sich ansprechen lässt! Jesus zwingt niemanden, auch uns nicht. Er sagt nur, wie Kinder seines himmlischen Vaters leben. Wer sich davon ansprechen lässt, gehört dazu. Ich möchte mich gern davon ansprechen lassen, und ich nehme an, vielen von Ihnen geht es auch so. Auch wenn wir vielleicht nur kleine Schritte tun können: Es ist der Weg des Friedens, der Weg zum Leben. Amen.