Predigt 9. Juni, Rolf Noormann

Predigt zu Matthäus 16,13-20 (Pfingsten 2019)

Pfingsten, liebe Gemeinde, geht es um die Frage: Wie kann es weiter gehen, jetzt, da Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet hat? Seit Himmelfahrt sind die Jünger Jesu in der gleichen Situation wie wir. Die Zeit, in der Jesus einfach da war, als Mensch wie du und ich; die Zeit, in der die Jünger mit Jesus zusammen sitzen und ihm Fragen stellen konnten, die ist jetzt vorbei. Wie soll es da weiter gehen? Alles hing doch bis dahin an Jesus selbst! Überraschenderweise haben die Jünger Jesu den Abschied gar nicht so schwer genommen. Jesus hatte ihnen versprochen: Es wird weitergehen. Darauf, so scheint es, haben sie sich verlassen.

    Die Geschichte Jesu soll und wird also weitergehen, auch nachdem er zu seinem himmlischen Vater zurückgekehrt ist. Die Frage ist nur: Wie? Und: Mit wem? Pfingsten gibt darauf eine klare Antwort: Mit uns! Mit ganz normalen Menschen wie Ihnen und mir. Allerdings bekommen diese ganz normalen Menschen eine besondere Ausrüstung. Jesus kündigt seinen Jüngern an, dass sie “mit Kraft aus der Höhe bekleidet werden”. Gemeint ist der Heilige Geist, der zu Pfingsten aus der Höhe herabkommt, zuerst auf die Jünger und dann auf alle, die von ihnen getauft werden. Der Heilige Geist ist die Kraft Gottes, die Christen dazu befähigt, das Werk Jesu fortzusetzen.

    Die Wirkung des Geistes ist allerdings nicht so offensichtlich, wie wir uns das vielleicht wünschen würden. Zu Pfingsten gab es wohl ein außerordentliches Phänomen, wir haben es eben in der Schriftlesung aus der Apostelgeschichte gehört: Die eher ungebildeten Jünger konnten plötzlich in allen möglichen Sprachen predigen. Das war hilfreich, weil gerade Juden aus allen Teilen der Welt in Jerusalem waren. Aber das Entscheidende war und ist nicht die Überwindung der Sprachbarrieren. Das Entscheidende war und ist, dass Menschen sich von der Predigt ansprechen lassen; dass sie in ihrem Herzen angesprochen werden und so zum Glauben an Jesus Christus finden. Das aber geschieht im Verborgenen. Zu sehen ist da nicht viel.


    Seit Pfingsten geht die Geschichte Jesu auf neue Weise weiter, mit ganz normalen Menschen wie Sie und mich. Besonders ist nur die Kraft, die diese Menschen von Gott empfangen. Diese besondere Kraft, den Heiligen Geist, bekommen nicht bloß ausgewählte Christen, etwa die Jünger oder die Pfarrer, sondern alle Christen. Mit Ihnen allen soll die Geschichte Jesu weiter gehen. Zu Pfingsten geht es darum nicht wie Ostern um das eine großartige Wunder. Es geht sozusagen um ein Alltagswunder, ein Wunder für alle Tage - so wunderbar, wie es die Kirche ist! -


    Na ja, werden Sie jetzt vielleicht denken, ganz so wunderbar ist die Kirche eigentlich gar nicht! Da geht es doch meist ziemlich menschlich zu. Das gibt es sehr viel Bürokratie und noch mehr Missstände, auch bei uns. Und da gibt es eine Geschichte, an die wir lieber gar nicht denken wollen. Wenn ich sage, die Kirche sei das Wunder, um das es zu Pfingsten geht, werden sich daher vielleicht manche resigniert abwenden: Was sollen wir von der Kirche noch erwarten? Aber das ist nicht zu ändern: Pfingsten geht es um die Kirche, geht es um das Wunder, dass es die Kirche gibt. Es um das ganz alltägliche Wunder, dass es Menschen gibt wie uns, Menschen, denen der Glaube wichtig ist; dass Menschen sich in der Kirche engagieren; dass die Kirche über all die Jahre und Jahrhunderte nicht untergegangen ist, obwohl sie es mehr als einmal verdient hätte. Pfingsten geht es um dieses Paradox: dass ganz normale Menschen eine sehr besondere Geschichte schreiben können; dass Wunder alltäglich werden.

    Der heutige Predigttext führt uns weiter in dieses Alltagswunder hinein. Hier geht es ganz praktisch um die Frage, mit welchen Menschen Jesus seine Kirche bauen kann und will. Ich lese aus dem Matthäusevangelium aus dem 16. Kapitel:

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi
und fragte seine Jünger und sprach:
“Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?”
Sie sprachen: “Einige sagen, du seist Johannes der Täufer,
andere, du seist Elia,
wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.”
Er fragte sie: “Wer sagt denn ihr, dass ich sei?”
Da antwortete Simon Petrus und sprach:
“Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!”
Und Jesus antwortete und sprach zu ihm:
“Selig bist du, Simon, Jonas Sohn;
denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart,
sondern mein Vater im Himmel.
Und ich sage dir auch: Du bist Petrus,
und auf diesen Fels will ich meine Gemeinde bauen,
und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben;
alles, was du auf Erden binden wirst,
soll auch im Himmel gebunden sein,
und alles, was du auf Erden lösen wirst,
soll auch im Himmel gelöst sein.”

Als Pfingsttext ist dieser Abschnitt aus dem Matthäusevangelium ausgewählt, weil es hier, ähnlich wie in Apostelgeschichte 2, um die Gründung der Kirche geht. Pfingsten wird manch-mal als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Die Kirche aber, so sagt Jesus, soll auf Petrus errichtet werden. Eine erstaunliche, ja eine unglaubliche Aussage! Ein Mensch als Fundament der Kirche?! Noch dazu Petrus, der so wankelmütig ist, wie ein Mensch es nur sein kann? Schon wenige Verse später wird Jesus ihn als ‘Satan’ beschimpfen, weil er ihn daran hindern will, seinen Weg - den Weg des Leidens - zu gehen! Wie soll auf einen solchen Menschen die Kirche gebaut werden?

    Die Frage ist berechtigt. Menschen sind nicht vollkommen. Und sie stehen nicht felsenfest, auch und gerade Petrus nicht. Wir Menschen kriegen schon immer wieder auch manches Gute hin, aber letztlich sind wir doch unbeständig und darum auch unzuverlässig. Vor allem in Situationen der Gefahr sollte man lieber nicht die Hand für uns ins Feuer legen. Auch das zeigt uns die Geschichte des Petrus deutlich genug: Am Ende wird er bestreiten, Jesus auch nur gekannt zu haben! Trotzdem will Jesus auf ihn seine Kirche bauen. Warum? Ganz einfach: Weil es keine Alternative gibt! Wenn die Geschichte Jesu nach Himmelfahrt weitergehen soll, wenn es eine Kirche geben soll, dann muss es eine menschliche Kirche sein. Etwas anderes steht nicht zur Verfügung. Menschen haben ihre Schwächen, und sie wollen keineswegs immer nur das Gute. Das hat auch die Geschichte der Kirche immer wieder gezeigt, und das ist auch heute so. Wir haben wenig Grund, auf die Kirche stolz zu sein. Neben manchem Licht gab und gibt es viel Schatten, auch bei uns.

    Deshalb ist es so wichtig, dass noch etwas hinzukommt: Die Kirche wird zwar mit uns Menschen gebaut, aber sie wird nicht von uns gebaut. Jesus sagt nicht: DU, Petrus, sollst meine Kirche bauen. Er sagt: Auf Dich, Petrus, will ICH meine Kirche bauen. Der Baumeister, das sind nicht wir selbst, das ist kein Mensch, das ist Jesus. Er baut und erhält seine Kirche, wenn auch mit ganz normalen Menschen wie Ihnen und mir. Martin Luther hat darum einmal geschrieben: “... wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten, unser Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein, sondern der ist’s gewesen, ist es noch und wird es sein, der da spricht: Ich bin bei euch bis an der Welt Ende ...”.

    Zu sehen ist davon mit bloßem Auge wenig. Zu sehen ist bei uns eine große bürokratische Institution mit vielen Mitgliedern; eine Institution, die über viel Geld verfügt und nicht immer sinnvoll damit umgeht. Zu sehen sind Gemeinden wie unsere, in denen sich viele Menschen engagieren, in denen es manches Schöne und Liebevolle gibt, aber auch viel Menschlich-All-zumenschliches. Und so wird die Geschichte der Kirche weiter gehen, so wie sie durch die Jahrhunderte weiter gegangen ist, in neuen Aufbrüchen, die es immer wieder einmal geben mag, aber auch und vor allem in ihrem Alltag. Die Geschichte der Kirche geht weiter, weil immer wieder das Wunder geschieht, dass Menschen den Glauben für sich entdecken: das Vertrauen, dass diese Welt in Gottes Hand steht; dass es Rettung gibt und dass es Sinn hat, den Weg der Liebe zu gehen.

Jesus sagt zu Petrus noch etwas, das noch erstaunlicher, ja noch unglaublicher klingt: Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. Dass Petrus Schlüssel bekommen hat, ist auf vielen Bildern zu sehen. Und es gibt viele Erzählungen, in den Petrus an der Himmelspforte sitzt und entscheidet, welche Seelen der Verstorbenen eingelassen werden und welche nicht. Die Schlüsselgewalt, von der Jesus hier spricht, sieht etwas anders aus: Petrus bekommt die Vollmacht, Menschen von ihren Sünden freizusprechen; oder ihnen diesen Freispruch zu verweigern. Dieses Wort Jesu hat die Geschichte der Kirche geprägt wie wenige andere. Schon früh ist damit die Einrichtung der Buße begründet worden: das Recht der Kirche, Menschen, die durch schwere Sünden aus der Gemeinde her¬aus¬gefallen sind, nach einer Zeit der Buße wieder aufzunehmen. Strittig war nicht, dass manche Sünden wie Ehebruch, Mord oder Götzendienst mit dem christlichen Glauben ganz und gar unvereinbar sind und darum sozusagen automatisch dazu führen, dass man nicht mehr zur Gemeinde gehört.  Umstritten war, ob Menschen, die solche Sünden begangen haben, wieder in die Gemeinde aufgenommen werden können, und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Später ist daraus dann die Praxis der Beichte geworden. Christen, die sich etwas haben zu schulden kommen lassen, können ihrem Priester gehen, ihre Schuld be-ken¬nen und dann auch freigesprochen werden. Die Priester nehmen damit das Amt wahr, das Jesus Petrus übertragen hat. Auch in der evangelischen Kirche gehört die Beichte anfangs noch dazu, ist dann aber im Laufe der Zeit untergegangen. Luther war ohnehin der Meinung, dass der befreiende Zu¬¬spruch der Vergebung vor allem durch die Predigt des Evangeliums geschieht. Ob das tatsächlich so funktioniert, ist eine andere Frage. Ein persönliches Gespräch bietet eine ganz ande¬re. Auch als evangelische Kirche sollten wir Menschen helfen, die Last ihrer Sünde loszuwerden. Vielleicht müssen wir dazu nach neuen Formen zu suchen.

    Dass Petrus zum Felsen werden kann, auf dem Jesus seine Kirche baut, hat allerdings eine Voraussetzung: Er muss selbst wis¬sen, wer Jesus ist und worum es im Glauben an Jesus geht. Weil Petrus erkannt hat, wer Jesus ist, kann Jesus auf ihn seine Kirche bauen. Das Bekenntnis des Petrus geht voran: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Für uns klingt das altvertraut; für Petrus aber ist es eine ganz neue Erkenntnis, so neu und so außergewöhnlich, dass Jesus ihm antwortet: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

    Kirche entsteht, wo Menschen wie Petrus zum Glauben finden; wo Menschen erkennen und verstehen, wer Jesus ist und was das für ihr Leben bedeutet. Diesen Glauben aber, das sagt Jesus hier ganz deutlich, kann sich keiner selbst verschaffen. Der Glaube muss einem gegeben werden, von Gott selbst. Der Glaube ist immer ein Geschenk. Wir vergessen das manchmal, wenn wir über den Glauben sprechen. Es ist ja öfters zu hören, Menschen müss¬ten sich für den christlichen Glauben entscheiden, bzw. sie hätten sich für Jesus entschieden - so als ob sie das selbst in der Hand hätten. Jesus sagt ganz klar: Wenn einer ihn als Christus und Gottes Sohn erkennt, dann hat Gott selbst ihm das klar gemacht. Als Kirche sollen wir allen Völkern im Namen Jesu Umkehr und Vergebung der Sünden predigen. Und natürlich hoffen wir darauf, dass unsere Predigt Gehör findet; dass Menschen tatsächlich umkehren und ihr Leben auf Christus ausrichten. Aber dass Predigten Erfolg haben, dass Menschen tatsächlich zum Glauben finden bzw. ihren Glauben wiederentdecken, können wir nicht machen. Und die Zuhörer können es auch nicht machen. Das kann nur Gott selbst. Durch seinen Heiligen Geist. Wo immer es geschieht, das Menschen zum Glauben finden, geschieht ein Wunder, ein alltägliches Wunder, ohne das es keine Kirche und keine Gemeinde gäbe.

Die Kirche ist und bleibt aus Menschen gebaut. Darum ist sie durch und durch menschlich, mit allem Schwierigen, was dazu gehört. Der Baumeister aber ist Christus selbst. Er baut mit uns Menschen und gebraucht uns so, wie es für ihn passt.  Dass immer noch und immer wieder Menschen den Glauben für sich entdecken; dass es Menschen gibt, die sich in der Kirche engagieren und gemeinsam mit anderen versuchen, den Glauben zu leben und ihn anderen zu bezeugen, ist und bleibt ein Wunder. Wo immer das geschieht, ist Gott selbst am Werk, durch sein Heiligen Geist, auch in uns. Er ist die Kraft aus der Höhe, die ganz normale Menschen fähig macht, das Werk Jesu fortzusetzen, Menschen wie Sie und mich. Wo immer das geschieht, können wir Pfingsten feiern. Amen.

Pfr. Rolf Noormann