Predigt 23. Juni 2019, Rolf Noormann

Predigt zu 5. Mose 18,15-19

Liebe Gemeinde,


auf wen sollen wir hören? Welche Worte sollen wir ernst nehmen und welche nicht? Wir leben in einer Zeit, in der der Streit um Worte, um richtige Meinungen und zuverlässige Informationen, entbrannt ist wie schon lange nicht mehr. Fake news ist zu einem Schlagwort geworden, mit dem praktisch jede Information in Frage gestellt werden kann. Worte von Politikern halten viele für unglaubwürdig. Die einen vertrauen nur noch den Vertretern ihrer Richtung, die anderen vertrauen niemandem mehr. Noch ist es nicht die Mehrheit, die von solchem Misstrauen durchdrungen ist, aber er sind schon erschreckend viele. Und so bilden sich Subkulturen, mit eigenen Medien, eigenen Worten und eigenen Wahrheiten. Mit Worten, die keine Maßstäbe und keine Grenzen mehr zu kennen scheinen.

Ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft! Denn Worte haben eine große Macht. Worte schaffen Wirklichkeit. Was geredet wird, kann auch getan werden, wird auch getan werden. Wenn es keine gemeinsamen Worte mehr gibt, wenn nur noch gegeneinander geredet wird, gegen ‘die anderen’ gehetzt wird, dann ist unsere Gesellschaft in Gefahr. Die Verrohung, die hier stattfindet, ist gefährlich für uns alle. Schlimme Worte führen nur allzu leicht zu schlimmen Taten.

Das Problem ist nur: Es ist nicht so einfach zu sagen, was die wahren, die richtigen Worte sind. Auf wen sollen wir denn hören? Auf wessen Worte ist tatsächlich Verlass?

Das Thema ist nicht neu, auch wenn es im Augenblick Ausmaße angenommen hat, die es lange nicht mehr hatte. Die Frage, auf wen sie hören sollen, wo wahre Worte zu finden sind, hat die Menschen schon immer beschäftigt. Orakel, Priester und Philosophen leben von der Suche nach wahren Worten. Natürlich ist das auch für die Bibel ein großes Thema. Für die Bibel ist die Antwort im Prinzip ganz einfach: Die Menschen sollen auf Gott hören. Die Frage ist allerdings, wie das praktisch funktionieren soll. Gott tritt ja nicht persönlich in Erscheinung, weder im Parlament noch in einem Hörsaal noch in einer Talkshow. Wie sollen Menschen zu hören bekommen, was Gott ihnen zu sagen hat? Unser heutiger Predigttext versucht auf diese Frage eine Antwort zu geben. Es ein Abschnitt aus 5. Mose. Mose sagt hier zum Volk Israel:

Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.
Ganz so wie du es von dem HERR, deinem Gott, erbeten hast
am Horeb am Tage der Versammlung und sprachst:
Ich will hinfort nicht mehr hören die Stimme des HERRN, meines Gottes,
und dies große Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe.
Und der HERR sprach zu mir:
Sie haben recht geredet.
Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern
und meine Worte in seinen Mund geben.
Der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.
Doch wer meine Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen redet,
von dem will ich’s fordern.


Die Frage ist klar: Wer kann und soll im Namen Gottes reden? Für eine lange Zeit hat Mose diese Aufgabe für das Volk Israel übertragen bekommen. Eine schwierige Aufgabe: Er musste dem Volk sagen, was sie tun sollen und was nicht. Dass er damit nicht immer auf Wohlgefallen gestoßen ist, können wir uns ausmalen. Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Gott und dem Volk. Es ist ja nicht egal, was Menschen tun und auf wen sie hören! Irrwege führen in Unglück und Verderben. Wenn das Volk sich von Gott abgewandt hat, haben nicht selten viele mit ihrem Leben dafür bezahlt. So jedenfalls beschreiben es die Mose-Bücher. Worte sind wichtig. Lebenswichtig. Wer falschen Rednern, falschen Worten aufsitzt, stürzt sich damit selbst ins Unglück. Das war nicht nur im alten Israel so. Das kennen wir auch aus der Geschichte unseres Landes. Das gibt es auch heute.

Darum ist die Frage so wichtig: Wer redet tatsächlich im Namen Gottes? Wer verdient unsere Aufmerksamkeit, unser Vertrauen? Einfach zu beantworten ist die Frage nicht. Es sind ja immer Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, im Namen Gottes, im Namen einer höheren Wahrheit zu reden. Menschen aber können sich irren. Und sie können auch Böses im Schilde führen. Sie können uns täuschen. Fake news sind keine Erfindung von Donald Trump. Sie ziehen sich durch die Geschichte, auf allen Seiten. Menschen haben Interessen, wollen etwas erreichen. Auch Medien. Da ist es verlockend, die Wirklichkeit nach den eigenen Wünschen zurechtzubiegen. Das ist auf allen Seiten so.

Wer redet tatsächlich ‘die Wahrheit’? Wer kann mit Recht den Anspruch erheben, im Namen Gottes zu reden? Unser Text gibt darauf eine etwas rätselhafte Antwort. Gott verspricht seinem Volk, er werde dafür Sorge tragen, dass es immer Propheten geben wird, die in seinem Namen reden werden. Nur: Wer sind diese Propheten? Wie soll das Volk sie erkennen? Sie werden ja nicht offiziell in ihr Amt eingesetzt. Sie treten einfach auf und nehmen für sich in Anspruch, eine Botschaft Gottes zu verkünden.

Aus biblischer Sicht kann die Antwort nur sein: An ihren Worten sollt ihr sie erkennen! Einen Maßstab gibt es ja: die Worte der Bibel, insbesondere die Thora, die Fünf Bücher Mose; für uns Christinnen und Christen außerdem das Neue Testament, die Worte Jesu. An den Worten der Bibel müssen sich auch die neuen Propheten messen lassen. Sie müssen diese Worte nicht wiederholen; dann wären sie ja überflüssig. Sie dürfen und müssen die biblischen Worte auf neue Situationen hin anpassen und zuspitzen. Sie dürfen und müssen das Volk zurückrufen, wenn es auf Abwege gerät. Aber sie müssen bei der Sache, bei ihrer Sache bleiben. Die Frage ist darum: Rufen sie mit ihren Worten das Volk zum Wort Gottes zurück? Oder führen sie es auf Abwege? Wenn ein Prophet im Namen anderer Götter redet, so heißt es weiter unten im Text, ist er ein falscher Prophet. An der Bibel müssen sie sich messen lassen.

Die Fünf Bücher Mose sind so etwas wie das Vermächtnis des Mose, der als der erste große Prophet Israels gilt. Im Normalfall genügt es deshalb, sich an das Wort der Bibel zu halten. Allerdings braucht es dazu eine Auslegung. Von selbst versteht sich auch hier nur wenig. Es geht ja darum, was für uns hier und heute gilt; unter den Bedingungen, unter denen wir leben; mit den Fragen, die uns heute beschäftigen. Die wichtigste Bot¬schaft, die Mose dem Volk Israel zu vermitteln hatte, waren die Zehn Gebote. Diese zehn kurzen Regeln haben die Juden und später auch die Christen durch die Wechsel der Zeiten begleitet. Sie bieten Maßstäbe auch für unser Leben hier und heute; Maßstäbe auch für die Beurteilung der unzähligen Worte, die heute auf uns einprasseln.

Ein Gebot, das für unsere Zeit so wichtig wäre wie nur wenige andere, ist das achte Gebot: ‘Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.’ Wie hochaktuell dieses Gebot ist, sehen wir, wenn wir Martin Luthers kurze Erklärung dazu nehmen: ‘Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.’ Ich denke, wir verstehen sofort, wie aktuell dieses Gebot ist. Es ist sozusagen das Gebot für die sogenannten sozialen Medien. Wenn die Verfasserinnen und Verfasser von Interneteinträgen aller Art dieses Gebot beherzigen würden, sähe unsere Welt anders aus. Dann könnten Medien wie Facebook und Twitter tatsächlich zu sozialen Medien werden. Wie wichtig wäre das! Worte haben eine unglaubliche Macht. Was einmal geschrieben oder gesprochen ist, verändert die Wirklichkeit. Es wirkt weiter, nicht selten untergründig und im Verborgenen, aber es wirkt. Böse Worte beschädigen das Leben anderer. Wir, und nicht nur wir, unsere ganze Gesellschaft sollte sich darum an dieses Wort Gottes halten: ‘dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.’

Ein anderes Gebot, das ähnlich aktuell ist, ist für mich das dritte: ‘Du sollst den Feiertag heiligen.’ Bei diesem Gebot geht es nicht darum, dass Menschen sonntags in die Kirche gehen. Es geht darum, dass Gott uns Menschen einen freien Tag gegeben hat. Einen gemeinsamen freien Tag, gemeinsam mit der Familie, mit Freunden, mit dem ganzen Ort. Das eine, was damit gemeint und geboten ist, ist heute bei uns, nicht zuletzt dank der Gewerkschaften, weitgehend umgesetzt: Arbeit hat Grenzen. Die Arbeit gehört zum Leben, aber sie ist nicht das ganze Leben. Für die meisten von uns ist das wohl eine selbstverständliche Realität. Die anderen, bei denen das nicht so ist, sind eingeladen, dieses Geschenk Gottes auch für sich anzunehmen. Gott hat die Welt so eingerichtet, dass sie auch mit einem freien Tag in der Woche funktioniert! Das andere ist uns heute vielfach verloren gegangen: der gemeinsame freie Tag. Ein anderer freier Tag in der Woche wird nicht so leicht zu einem ‘Feiertag’; das weiß ich aus eigener Erfahrung. An haben wir als Gesellschaft gerade eine großartige biblische ‘Errungenschaft’ preisgegeben!

Noch ein anderes Gebot, das der Prophet Mose dem Volk Israel weitergegeben hat, möchte ich anführen. Es so wichtig, dass es in der Bibel mehrmals angeführt wird: ‘Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst ...’ (4. Mose 19,33f). Dieses Gebot ist sicher keine Lösung für alle politischen Fragen unserer Zeit. Aber es ist ein klares und eindeutiges Kriterium für unser Handeln: So sollen wir mit den Fremden, die zu uns gekommen sind, umgehen. Etwas anderes kommt aus der Sicht des Wortes Gottes nicht in Frage. Dass Walter Lübcke für dieses biblische Gebot öffentlich eingetreten ist, hat ihn, wie es aussieht, das Leben gekostet. Worte sind wichtig, weil sie zu Werten werden, die unser Handeln bestimmen. Darum sind sie oft so umstritten. Darum sind auch manche biblische Worte heute so heftig umkämpft.

Manchmal wird einer zu einem Propheten, wenn er nur ein biblisches Wort in Erinnerung ruft. In manchen Situationen sind diese Worte so eindeutig, dass sie uns unmittelbar Maßstäbe an die Hand geben. Aber das ist nicht immer so. Es gibt politische und gesellschaftliche Situationen, da brauchen wir mehr als das. Da brauchen wir Propheten, die die Situation im Lichte des Wortes Gottes deuten. In der Geschichte Israels sind immer wieder solche Propheten aufgetreten. Sie haben direkt und unverblümt verkündet, was Gott hier und heute zu sagen hat. Etwa zum Umgang mit den Armen. Oder zur Frage politischer Bündnisse. Nur allzu oft haben die Propheten allerdings kein Gehör gefunden, nicht selten mit schlimmen Folgen für das ganze Volk.

Ob es solche prophetischen Stimmen auch heute gibt? Manch einem unter uns wird da vielleicht Greta Thunberg einfallen, diese schwedische Schülerin, die die Schülerstreiks für das Klima angestoßen hat. Bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz im letzten Jahr hat sie eine kurze, beeindruckende Rede gehalten. Ich möchte Ihnen ein paar Abschnitte daraus zitieren: "Viele Menschen glauben, dass Schweden nur ein kleines Land ist und es nicht wichtig sei, was wir tun. Ich aber habe gelernt, dass man niemals zu klein ist, um etwas bewirken zu können. Wenn ein paar Kinder es schaffen, Schlagzeilen auf der ganzen Welt zu bekommen, indem sie einfach nicht zur Schule gehen, dann stellen Sie sich mal vor, was wir alles erreichen könnten, wenn wir es wirklich wollten. Aber um das zu tun, müssen wir Klartext reden, egal, wie unangenehm das auch ist. Sie reden nur deswegen vom ewigen Wirtschaftswachstum, weil Sie Angst davor haben, unpopulär zu sein. Sie sprechen immer nur davon weiterzumachen, mit denselben schlechten Ideen, die uns in diese Misere gebracht haben. Dabei wäre es das einzig Sinnvolle, die Notbremse zu ziehen. Sie sind nicht erwachsen genug, um das so zu formulieren. Selbst diese Bürde überlassen Sie uns Kindern. ... Sie sagen, dass Sie Ihre Kinder mehr als alles andere lieben, aber gleichzeitig stehlen Sie ihnen ihre Zukunft vor den Augen weg. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie beginnen, sich auf das zu konzentrieren, was getan werden muss, und nicht, was politisch möglich ist, wird es keine Hoffnung geben. ... Uns gehen langsam die Ausreden aus, uns läuft die Zeit davon! ...”

Wir können und müssen jetzt nicht feststellen, ob Greta Thunberg eine Prophetin ist. Vermutlich hat sie nicht mit allem Recht hat, was sie sagt. Aber sie legt den Finger in eine Wunde, die da ist. Wegschauen ist keine Lösung. Weiter zu machen wie bisher, auch nicht. Das Thema betrifft nicht nur die Politik. Es betrifft auch uns, unsere Lebensweise, unser Einkaufsverhalten, unser Umgang mit der uns anvertrauten Erde. Es ist wohl so, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Vieles, was im Augenblick propagiert wird, dürfte kaum zukunftsweisend sein. Klar ist aber, dass dringend gehandelt werden muss. Und klar ist auch, dass auch wir selbst etwas tun müssen. Und sei es nur, um uns einzustellen auf das, was nötig sein wird. Und wer weiß, vielleicht stimmt es ja tatsächlich, dass ‘weniger mehr ist’, wie es die erste Umweltbewegung verkündet hat.

Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde. Doch wer meine Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen redet, von dem will ich’s fordern.. Es ist wohl tatsächlich so, dass Gott zu allen Zeiten seine Propheten schickt. Wenn wir zurückschauen in die Geschichte, sehen wir nur allzu oft, dass es an warnenden Stimmen nicht gefehlt hat. Gefehlt hat es fast immer an der Bereitschaft, auf sie zu hören. Natürlich gab und gibt es auch falsche Propheten. Wir müssen genau hinzuhören und prüfen, was da gesagt wird. Maßstab aber sind die biblischen Gebote, nicht unsere Bequemlichkeit und auch kein träges, selbstgefälliges ‘Weiter so!’ Wir sollten die warnenden Stimmen hören. Es geht um die Zukunft unserer Erde, unserer Kinder. Gott hat uns die Erde anvertraut, um sie zu bebauen und zu bewahren. Das sollten wir tun, mit allem, was wir können. Hören wir den Weckruf, bevor es zu spät ist.

Amen.