Predigt 16. Juni, Rolf Noormann

Predigt zu 2 Korinther 13,13:
Der dreifache Segen Gottes

Liebe Gemeinde,
was sagen Sie zum Abschied? “Tschüß” oder “Auf Wiedersehen”? “Mach’s gut!” oder “Bis bald”? Oder vielleicht “Gott befohlen”? Ich muss gestehen: Mir liegt im Alltag ein einfaches “Tschüss” oder “Bis bald” näher als das ein wenig altertümlich klingende “Gott befohlen”. Nur wenn jemand für längere Zeit wegfährt oder auf eine große Reise geht, kommt mir ein gewichtigerer Abschiedsgruß über die Lippen. Da empfinde ich den Wunsch, der andere möge von Gott behütet bleiben und wohlbehalten wieder zurückkehren, so intensiv, dass ich dafür vielleicht auch Worte finde. Dabei weiß ich, wenn ich darüber nachdenke, dass ein solcher Wunsch im Alltag nicht weniger wichtig wäre. Ein älteres Gemeindeglied, das vor ein paar Jahren gestorben ist, hat mich immer mit den Worten verabschiedet “Behüt Sie Gott!”. Und er hat es so gesagt, dass ich immer wusste: Er meint es genau so, wie er es sagt. Er befiehlt mich mit seinen Abschiedsworten der Obhut Gottes an. Schöner kann man eigentlich nicht verabschiedet werden, auch wenn es für heutige Ohren etwas almodisch klingt. Manchmal, längst nicht immer, mache ich es auch so, und meine es dann auch so.

Der Abschied ist eine besondere Situation. Wir trennen uns von einem Menschen, verlieren ihn für kürzer oder länger aus den Augen. Wir können nicht mehr auf ihn acht haben, wissen nicht, was mit ihm geschieht. Der Abschied hat die Menschen deshalb schon immer beschäftigt. Und schon immer war das Abschiednehmen auch eine religiöse Frage, eine Frage des Glaubens. Wie kann ich jemanden getrost und zuversichtlich gehen lassen? Wenn ich so frage, liegt die Antwort eigentlich schon auf der Hand: Am besten befehle ich den anderen Gott an, lass ihn oder sie gehen mit dem Segen Gottes. Was könnte ich Besseres tun?

Dass ist der Grund dafür, dass am Ende jedes Gottesdienstes der Segen steht. Wenn ich am Ende eines Gottesdienstes einfach “Tschüss” sagen würde oder “Auf Wiedersehen!”, würden wohl viel von Ihnen mit dem Gefühl nach Hause gehen: Da hat etwas gefehlt. Und das völlig zu Recht. Der Segen darf nicht fehlen: der Wunsch und der Zuspruch, Gott selbst möge mit Ihnen gehen. ER möge Ihnen wohl gesonnen sein und bleiben. Das soll und muss am Ende eines Gottesdienstes stehen. Sie sind ja in die Kirche gekommen, um vor Gott zu treten, um Ihm zu singen, zu Ihm zu beten, von Ihm zu hören. Da sollen Sie auch mit seinem Segen, mit seinem Geleit gehen dürfen, zurück in Ihren Alltag.

Der Segen, den ich am Schluss des Gottesdienstes spreche, steht im Alten Testament - wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört. Gott selbst hat den Priestern aufgetragen, das Volk Israel mit diesen Worten zu segnen und so den Namen Gottes auf das Volk zu legen, wie es hier so schön heißt. Über das Neue Testament ist dieser Auftrag auch zu mir als christ-lichem Pfarrer gekommen. Es ist also nicht bloß mein eigener Wunsch und Wille, dass ich Sie mit dem Segen Gottes gehen lasse, und auch nicht bloß eine kirchliche Ordnung. Es ist mein Auftrag, Gottes Namen auf Sie zu legen, indem ich Ihnen den Segen zuspreche: Der HERR segne dich und behüte Dich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der erhebe sein auf Dich und gebe Dir Frieden. Mit diesem Zuspruch dürfen Sie, dürfen wir alle zuversichtlich und getrost in unseren Alltag zurückkehren.

Auch der Apostel Paulus hat sich Gedanken darüber gemacht, wie er seine Gemeinden verabschieden kann. Wir wissen nicht, was er am Ende eines Gottesdienstes gesagt hat, und wir wissen auch nicht, wie er sich verabschiedet hat, wenn er wieder auf Reisen gegangen ist. Das einzige, was wir haben, sind seine Briefe. Seine Briefe aber enden meist mit einem Segens-wunsch. “Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch!”  (1Thess 5,28; 1Kor 16,23) oder auch “Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist!” (Phil 4,23; Gal 4,18; Phlm 25), so heißt es meist. Besonders feierlich ist der Segenswunsch am Ende des 2. Korintherbriefes:
    Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
    und die Gemeinschaft der Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Drei Teile hat dieser Segenswunsch, wie der bekannte Segen aus dem Alten Testament. Auch Paulus spricht seiner Gemeinde den Segen Gottes zu. Auch er legt den Namen Gottes auf seine Gemeinde. Aber er versucht mit neuen Worten zu sagen, worin der Segen Gottes für die christliche Gemeinde besteht. Er buchstabiert damit aus, wie er den Segen und die Zuwendung Gottes versteht.

Der erste Segenswunsch ist Paulus besonders wichtig; er steht so oder so ähnlich am Ende fast jedes seiner Briefe: ‘Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen!’ Das steht für Paulus im Zentrum. Von der Gnade Jesu Christi lebt er, lebt die christliche Gemeinde. Christus hat sich für seine Gemeinde eingesetzt, hat sein Leben für sie gegeben, sie von der Sünde und dem Tod befreit. ‘Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch’ heißt darum zuerst und vor allem: Möge das, was Christus für uns getan, für Euch alle wahr werden. Möge es Euer aller Leben bestimmen. Möge Er, Christus, jeden von Euch von Sünde und Tod befreien und Euch zu neuen Menschen machen.

So verstanden, können wir diesen Segenswunsch des Paulus wohl alle ganz gut annehmen: Möge das Heil, das Christus gebracht hat, auch für mich wahr werden. Einen kleinen Widerhaken hat dieser Segenswunsch allerdings. Das merken wir,  wenn ich es etwas kürzer sage: “Gnade sei mit Dir!” ’Gnade sei mit Dir!’ klingt anderes als “Friede sei mit dir!” Frieden wünscht sich jeder von uns, aber Gnade? Theoretisch ja vielleicht schon, aber so ganz praktisch? Nicht umsonst heißt es manchmal: “Ich will keine Gnade, ich will mein Recht!” Auf Gnade angewiesen zu sein, das finden die meisten nicht unbedingt wünschenswert. Klar, manchmal kann es schon gut für mich sein, wenn jemand Gnade vor Recht ergehen lässt; aber lieber ist den meisten schon, wenn sie auf ihr Recht bestehen können und nicht auf Gnade angewiesen sind.

Das mag in manchen Bereichen des Lebens berechtigt sein. Aber wenn es um unsere Beziehung zu Gott geht, kommen wir damit in gefährliche Gewässer. Der jüdische Dichter Elazar Benyoëtz hat die Gefahr, die hier droht, einmal so formuliert: Du kannst nicht Recht haben und Gnade finden. Ich kann nicht gleichzeitig im Recht sein wollen, Recht haben wollen, und Gnade finden. Beides zusammen geht nicht. ‘Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit dir’ heißt darum auch: Möge es Dir gegeben sein, dass Du die Gnade Jesu Christi annehmen und den Anspruch auf Dein Recht fallen lassen kannst! Mögest Du es lernen, tatsächlich aus der Gnade zu leben und darum auch andern gegenüber auf Dein vermeintliches Recht zu verzichten. Wer ‘Recht haben will’, entzieht sich damit dem Segen Christi. Der behält ein falsches Bild von sich selbst und von den anderen. Der überschätzt sich selbst.

‘Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit Euch allen’ heißt auch: Möge Er Euch wohl gesonnen sein. Möge Er Euer Herz öffnen für das, was nur Er Euch schenken kann. Möge Er Euch frei machen von Euch selbst und von aller Selbstüberschätzung. Möge Er Euch gnädig sein, wenn Ihr immer noch und immer wieder in die alte Selbstgerechtigkeit zurückfallt.

Ich komme zum zweiten Teil des Segenswunsches des Paulus: ‘Die Liebe Gottes sei mit euch allen.’ Wie zu Christus die Gnade gehört, so gehört zu Gott die Liebe. Das ist wichtig. Gott, das ist ja Gott der Vater, der Gott Israels, der Schöpfer von Himmel und Erde. Die Liebe ist das Kennzeichen des biblischen Gottes: “Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.” Das gilt für die ganze Bibel, für das Alte Testament genauso wie für das Neue. Der Gott des Alten Testaments ist der Gott der Liebe! Das bei uns Christen nur allzu oft in Vergessenheit geraten. Auch heute hat der Gott des Alten Testaments in weiten Kreisen keinen allzu gut Ruf. Nicht wenige verbinden die Liebe Gottes allein mit dem Neuen Testament. Der Gott des Alten Testaments gilt als ein strenger und harter Gott, als ein Gott der Rache, wie es oft heißt. Aber das ist Unsinn! Der Gott, von dem Apostel Paulus spricht, ist der Gott des Alten Testaments. Der liebende Vater Jesu Christi ist kein anderer als der Gott Israels. Er ist es, von dem Paulus seiner Gemeinde wünscht: ‘Die Liebe Gottes sei mit euch allen!’ Es ist die Liebe, die Gottes Haltung zu uns Menschen bestimmt, von allem Anfang an. Es ist seine Liebe, die sich manchmal auch als Strenge zeigt. Der Gott der Bibel ist tatsächlich nicht immer nur nett - so wenig wie Eltern zu ihren Kindern immer nur nett sein können. Von einem netten Gott hat niemand etwas, so wenig wie von netten Eltern.

Die Liebe hat ausschließlich das Wohl des anderen im Blick. Die Liebe sieht darauf, was dem andern gut tut. Dazu gehört natürlich auch, dass der Liebende mir wohl gesonnen ist. Dass er Geduld mit mir hat und langmütig ist, wie es in der Bibel oft heißt, und das Böse nicht zurechnet. Ich bin ja nicht perfekt, und meine Willenskraft reicht oft auch nicht sehr weit. Selbst wenn ich das Gute will, bekomme ich es oft nicht hin. Da ist es wichtig für mich, dass Gott nachsichtig mit mir umgeht. Da wünsche ich mir, dass Gott genau so ist, wie er in Psalm 103 beschrieben wird: “Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. Denn Er weiß, was für ein Gebilde wir sind; Er gedenkt daran, dass wir Staub sind.” Die Liebe Gottes nimmt uns so an, wie wir sind, weil er tatsäch-lich weiß, wie wir sind. Aber Gottes Liebe bleibt dabei nicht stehen. ER möchte uns weiter führen, möchte uns herausführen aus Unrecht und Rechthaberei. Darum gehört zur Liebe Gottes auch die Strenge, die Zurechtweisung, das Zurechtbringen.

‘Die Liebe Gottes sei mit euch allen’: Möge Gott Euch spüren und erkennen lassen, dass seine Liebe Euch und Euer Leben begleitet. Möge Er das Vertrauen in Euch wecken, dass in alledem, was Euch geschieht, Euch seine Liebe begegnet. Möge die Liebe Gottes sichtbar werden in Eurem Leben und ausstrahlen auf andere.

Und nun noch zum dritten Segenswunsch des Paulus: ‘Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.’ Paulus denkt hier wohl zuerst und vor allem an die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist: Möge der Heilige Geist Euch in seine Gemeinschaft aufnehmen. Möge Er Euch mit hineinnehmen in die Gemeinschaft mit Gott. Der Heilige Geist ist so etwas wie ein Bindeglied zwischen Gott und uns Menschen. Er verbindet uns mit Gott, indem Er selbst in uns Wohnung nimmt. Er verkörpert sozusagen die Gegenwart Gottes in uns. Und er verkörpert zugleich unsere Gegenwart bei Gott, unsere Zugehörigkeit zu Gott. Möge der Heilige Euch alle in die Gemeinschaft mit sich, in die Gemeinschaft mit Gott aufnehmen.

Wir können ‘die Gemeinschaft des Heiligen Geistes’ aber auch noch anders verstehen, nämlich als ‘Gemeinschaft im Heiligen Geist’. Der Geist verbindet uns nicht nur mit Gott, sondern auch untereinander. Er schafft Gemeinschaft unter Menschen, die sonst erst einmal nichts miteinander verbindet. Er lässt aus vielen verschiedenen Christen, wie wir hier in der Gemeinde es sind, einen Leib werden. Er formt aus unterschiedlichsten, manchmal sogar gegensätzlichen Gaben ein harmonisches Orchester. ‘Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen’ heißt darum auch: Möge der Geist Gottes ein gutes, gesegnetes Miteinander unter Euch schaffen, in aller Vielfalt und Verschiedenheit, die Euch als Christinnen und Christen auszeichnet. Möge der Geist in Euch ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Zusammengehörigkeit wecken und Euch zu einem Leib zusammenwachsen lassen in Ihm.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft der Heiligen Geistes sei mit euch allen! Christus lasse Euch alle spüren, dass Ihr von ihm angenommen seid, obwohl Ihr es nie und nimmer verdient habt. Gott wecke in Euch das Ver-trauen, dass es seine Liebe ist, der Ihr Euch Leben verdankt und die Euch begleitet alle Tage Eures Lebens. Der Heilige Geist nehme Wohnung in Euch und verbinde Euch mit Gott und untereinander. So segne Euch der Dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Pfr. R. Noormann