Predigt zu Lukas 6,36-42, Michael Gese

Liebe Gemeinde,


ich erinnere mich noch gut an die Milchsammelstelle bei uns zuhause – ich weiß nicht, ob es das hier in Denkendorf auch gab. Diese Sammelstelle wurde von einem Ehepaar betreut. Der Mann stand an der Rampe, wo die Bauern vorfuhren, wuchtete zusammen mit ihnen die schweren Kübel zum Filtriergerät, schüttete die Milch in den Eingusstrichter und stempelte die Liefermengen. Die Frau verkaufte im Nebenraum die frische Milch an die Kunden. Sie war eine herzensgute Person. Das merkte man schon an der Art, wie sie die Milch ausschenkte. Mit großem Schwung füllte sie die Kannen, schöpfte zum Schluss nochmals nach und gab einen kräftigen Schuss obendrauf. Wer bei ihr Milch kaufte, brachte mit jeder Kanne deutlich mehr nachhause als er eigentlich verlangt hatte.
Von so einer Großzügigkeit spricht Jesus auch hier. Von Gottes Gnade erzählt er, nicht im Bild der Milchfrau, sondern im Bild des Getreideverkäufers. Der schüttet die Körner in sein Maß. Er füllt nicht nur auf bis zum Strich. Er rüttelt und stößt, dass die Zwischenräume zwischen den Körner kleiner werden. Er drückt und presst, nur um noch mehr hineinzubekommen. Der Messbecher der Gnade quillt über. Gottes Erbarmen ist ein „volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß“ – herrliche Worte in unserem Predigttext: So überreich schenkt Gott.
Es tut gut, sich das immer wieder bewusst zu machen. Innezuhalten und zu überlegen: Wo habe ich in der letzten Woche Barmherzigkeit erlebt, wo bin ich von seiner Gnade beschenkt worden? Vielleicht war es etwas Großes, das ich erfahren habe, vielleicht nur eine kleine Geste – das verständnisvolle Lächeln etwa, mit dem jemand über meinen Fehler hinwegsah? In beidem kann ich etwas spüren von Gottes barmherzigem Blick auf die Welt.
Wer erlebt hat, was Gnade ist, der kann eigentlich gar nicht mehr ungnädig sein: 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. So legt es uns Jesus ans Herz.
Barmherzig sein – das heißt für uns: mal ein Auge zudrücken, es nicht so genau nehmen und Fünfe grad sein lassen. Jesus sieht es anders. Barmherzig sein heißt für Jesus: nicht ein Auge zudrücken, sondern die Augen öffnen und wahrhaft sehen! Mit Gottes Augen die Welt anschauen.
Er erzählt das Gleichnis von dem Blinden, der einen anderen Blinden führt, so dass sie beide in die Grube fallen. Und damit sagt er: Blind ist, wer unbarmherzig ist. Blind ist, wer die Barmherzigkeit Gottes nicht erkennt in dieser Welt. Wahrhaft sehend, wer mit barmherzigem Blick die Welt ansieht. Erkennen, dass Gottes Barmherzigkeit die Welt regiert. Auch wenn es manchmal so aussieht, als ob Gier und Neid die Welt beherrschen würden. Auch wenn manche Regierenden den Egoismus zum Staatsprinzip erheben und nur noch ihren Vorteil im Blick haben. Doch wer nur auf den eigenen Vorteil starrt, hat einen eingeschränkten Blick. Kurzsichtig, wenn nicht gar blind ist solche Politik. Trotz allem gilt: Gottes Gnade regiert die Welt. Er teilt reichlich aus und knausert nicht.
Diesen Blick Gottes auf die Welt legt Jesus uns ans Herz: Und richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Jesus Christus hat uns das vorgelebt. Ich denke an die Geschichte mit der Ehebrecherin. Jesus hat ihre Tat nicht für richtig gehalten, aber er hat auch nicht mit der Tat zugleich die Person verurteilt. Er saß vornübergebeugt und malte Zeichen in den Sand. Und den aufgebrachten Männern erwiderte er: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“
[Wie schwer fällt es uns, auf Urteilen und Richten zu verzichten! Können wir das eigentlich: den anderen in seiner Andersartigkeit stehen lassen, seine Gewohnheiten und Sitten akzeptieren? Vielleicht ginge ja vieles leichter, wenn wir kompromissbereiter wären! Oftmals haftet dem Wort „Kompromiss“ ein negativer Beigeschmack an, als ob der Kompromiss eine Sache von Halbheiten wäre: nichts Rechtes und nichts Ganzes. Versuchen wir doch einmal, das Wort „Kompromiss“ neu zu hören! ‘Darin steckt das Wort „promissio“, oder englisch: promise. Und das meint Verheißung, Versprechen. Darauf liegt eine besondere Verheißung: Aufeinander zuzugehen, weil Gott auf uns zugegangen ist. Wenn Gott nicht kompromissbereit wäre, würde die Menschheit schon längst nicht mehr bestehen.]
Gott will uns verwandeln, er will, dass in uns seine Barmherzigkeit Raum gewinnt. Das ist seine große Verheißung. Jesus verdeutlicht es uns durch das Bild vom Splitter und vom Balken.
Ein Splitter im Auge schmerzt. Das Auge tränt und kann nicht mehr richtig sehen. Wir sind froh, wenn wir einen Helfer haben, der uns mit geschickter Hand von diesem Splitter befreit. Doch in dem Gleichnis, das Jesus erzählt, ist noch vom Balken die Rede. Ein Balken im Auge macht blind. Ein Blinder aber wird gerade nicht die Geschicklichkeit zu einer Augenoperation haben. Merkwürdig, dass ausgerechnet er sich dazu berufen fühlt. Aber so ist es tatsächlich. Wie oft erlebt man, dass Menschen sich genau über das beim anderen entrüsten, was ihre eigene Schwäche ist! Doch das Gleichnis will noch mehr sagen. Intuitiv meinen wir nämlich, der andere habe einen Balken im Auge, und er kritisiere meinen Splitter. Aber so herum ist das Gleichnis nicht gemeint. Das ist es ja gerade, dass wir  durch den Balken am Sehen gehindert, den Splitter des anderen für einen Balken halten! Beginnen wir bei uns selbst und lassen wir uns unseren Balken entfernen! Gott ist unser Arzt, der uns von unserer Blindheit befreit. Durch ihn erkennen wir unsere Fehler und unsere Schuld. Gott schenkt uns das neue Sehen. Mit anderen Augen können wir diese Welt wahrnehmen! Um diese Augenoperation geht es Jesus.
Vor wenigen Wochen war ich mit dem Ausbildungskurs zur Abschlussfahrt in Rom. Gegen Abend waren wir im Stadtteil Trastevere unterwegs. Als es dunkel wurde, erwachte der Stadtteil zum Leben. Die Straßen füllten sich und vor den Restaurants bildeten sich Schlangen mit Menschen, die auf einen Sitzplatz warteten. Doch abseits des Trubels lag auf einer Parkbank vor dem Kirchlein Sant‘ Egidio ein Obdachloser. Er war in eine Decke gehüllt, hatte Gesicht und Arme darin vergraben, nur die Füße schauten hervor. Als ich die Füße sah, bemerkte ich: sie sind verletzt, ja sogar durchbohrt! Sie sahen aus wie die Nägelmale des Gekreuzigten. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich in der Dunkelheit, dass die Figur ein Kunstwerk war. Bank und Skulptur waren lebensecht aus Bronze gefertigt. „Homeless Jesus“ hat der kanadische Künstler Timothy Schmalz seine Plastik genannt: „Der obdachlose Jesus“. Mich hat diese Skulptur beeindruckt. Wo wäre Jesus heute, schoss es mir durch den Kopf. Läge er als Obdachloser auf einer Parkbank? Und wie ich die schlafende Figur betrachte, entdecke ich, dass unten, am Fußende der Bank noch ein Platz frei ist. Am liebsten würde ich mich dorthin setzen, denke ich. So hat es der Künstler auch gewollt: Wer zu Jesu Füßen Platz nimmt, die Hand auf die geschundenen Füße legt und seinen Blick über den von der Decke eingehüllten Körper wandern lässt, dem können die Augen geöffnet werden. Vielleicht kann einem so der Balken aus dem eigenen Auge gezogen werden, dass man neu sieht: Christus in den Armen und Elenden dieser Welt, in einem Obdachlosen auf der Parkbank. Zum neuen Sehen will die Skulptur ermutigen.
Vielleicht gelingt es uns in der kommenden Woche, das neue Sehen einzuüben und mit liebevollem Blick die Welt anzuschauen. Mir ist die Milchfrau ein Vorbild. Ich will versuchen, wie sie großzügig auszuschenken, einfach aus der Freude heraus. Wo wir austeilen, sind wir selbst die Beschenkten. Tag für Tag leben wir von Gottes überreicher Gnade (vgl. Klgl 3,22f).
Amen.