Predigt 5. Januar 2019, Rolf Noormann

 

Predigt zu Epheser 3,1-7 (5./6. Janunar 2020)

 

 

Liebe Gemeinde,

heute geht es um ein Thema, das Menschen zu allen Zeiten be­schäftigt hat, das Thema Wir - und die anderen. Wenn es um die Unterscheidung zwischen uns und ‘den anderen’ geht, um Grenzen, die wir ziehen, dann geht es oft um die Nation, und das heißt für viele bis heute: um unser Volk und die anderen Völker. Oft geht es auch um die Reli­gion: Wir Christen - und die Muslime; wir Evan­ge­lischen - und die Katholiken; wir Frommen - und die weniger Frommen. Wir - und die anderen: für die christliche Religion war das von Anfang an ein zentrales Thema. Das Chri­stentum war ja eine neue Religion. Hervorgegangen aus dem Judentum und bald im ganzen Römischen Reich verbrei­tet. ­Wenn im Neuen Testa­ment von “Völkern” die Rede ist, ist die Per­spektive noch ganz jüdisch: gemeint sind immer die ande­ren Völker, die Nicht-Juden, die nicht bzw. noch nicht an den Gott Israels glauben. Luther hat “Völker” darum meist mit “Heiden” über­setzt: Heiden, das sind die anderen, die Gott­lo­sen, die Ungläubigen. Zu denen möchten wir nicht gehören.

     Im Neuen Testament geht es oft um ‘die Heiden’, die ande­ren Völker. Das Evangelium richtet sich nicht nur an die Juden, sondern auch an die anderen Völ­ker, ja, an alle Völker der Welt. Besonders für den Paulus ist das ein zentrales The­ma. Er ist ja der Apostel der Völker, der Apostel der Heiden. Darum geht es auch im heutigen Pre­digt­text aus dem Ephe­serbrief im 3. Kapitel: Deshalb sage ich, Paulus,

der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden - ihr habt ja ge­hört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat:

Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht

wor­den, wie ich es eben in Kürze beschrieben habe:

Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest,

meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.

Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kund­ge­macht, wie es jetzt seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden ist, nämlich

dass die Heiden Miterben sind

und mit zu seinem Leib gehören

und mit Anteil haben an der Verheißung

in Christus Jesus durch das Evangelium.

Dessen Diener bin ich geworden

durch die Gabe der Gnade Gottes,

die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben worden ist.

 

Die Heiden, liebe Gemeinde, sind immer die andern. Die­jeni­gen, die nicht dazugehören. Die anders sind als wir, die anders leben, anders glauben. Diejenigen, mit den wir nichts zu tun haben wollen, von denen wir uns abgren­zen. Gerade die aber, so sagt es der Apostel, sollen mit dabei sein. Wo Gottes Er­bar­men aufscheint, da schmelzen die Grenzen und Mauern, die wir zwischen uns errichten, wie Schnee in der Sonne. Wo “der Hei­den Heiland” erscheint, da gehören die Heiden mit dazu. Die Grenzen des heiligen Volkes werden durchlässig für die ande­ren Völker. Gott ist Mensch geworden und hat damit die größte Grenze durchbrochen, die überhaupt vorstellbar ist: die Grenze zwischen ihm und uns, zwischen Gott und Mensch. Da müssen nun auch alle anderen Grenzen fallen, zuerst und vor allem alle Grenzen, die wir zwischen uns Menschen errichten.

     Unser Predigttext erzählt vom Glück der Heiden, vom Glück der anderen. Von dem Glück, dass in der Kirche Jesu Christi die Unterschiede in der Herkunft und in der kulturellen Prägung nicht mehr maß­geb­lich sind. Maßgeblich ist das, was uns verbindet: die Zu­wen­dung Gottes in Christus, die alle Grenzen sprengt. Darum gehören in der Ge­meinde Jesu Juden und Heiden zusammen, und ebenso Men­schen unterschiedlicher Völker und aller sozia­len Schich­ten, alle gehören zusammen. Für Paulus war die Aufhebung der Grenze zwi­schen Juden und Nicht-Juden etwas Neues; etwas, was ihm Gott durch das Evangelium von Christus offenbart hat: Der Heilige Geist bläst alle abwertenden Unterscheidungen fort. Er schafft Raum für neue Einsichten. Besonders für die Einsicht, dass die anderen, die Heiden, mit dazu gehören: dass sie Mit-erben sind, dass sie mit zum Leib des heiligen Volkes gehören; dass auch sie mit Anteil bekommen an den Verheißungen Got­tes. Die Heiden, die andern Völker, sind nicht länger ‘die an­de­ren’. Alle, die an Christus glauben, gehören zusammen. Ge­mein­sam sind sie sein Leib in dieser Welt, unabhängig von ihrer Ver­gangenheit, von ihrer Volkszu­ge­hörig­keit, von ihrem sozialem Stand. In der Kirche soll zu­sammenwachsen, was zu­sam­mengehört, soll die neue Zusam­mengehörigkeit sichtbar und spürbar werden. Eine große Aufgabe bis heute!

     Für den Epheserbrief ist das eine aufregend neue Sache. Er spricht von einem Geheimnis, das den Menschen früherer Zeit noch nicht bekannt war. Dieses Geheimnis Christi ist dem Apostel Paulus auf aufregend neue Weise klar geworden. Auf dem Weg nach Damaskus hat er unter heftiger Erschüt­terung er­fahren, dass Christus sich ihm zuwendet: ihm, der bis dahin die Christen verfolgt hatte! An seiner eigenen Berufung ist Pau­lus aufgegangen: Gottes Gnade kennt keine Grenzen. Wenn die Gnade sogar ihm, dem Christen­ver­fol­ger, gilt, dann sie gilt allen, auch den Nichtjuden; den Heiden, die Gott nicht kennen; den anderen. Dann dürfen auch sie zum Glauben an Christus kommen, so wie sie sind, ohne dass sie vor­her Juden werden müssen wie er, mit Beschneidung, Spei­se­geboten und Reinheitsvorschriften. Paulus war an den Punkt geführt wor­den, an dem er erkennen musste: ‘Der größte Heide bin ich selbst! Und zwar genau da, wo ich mich am frömmsten und sichersten fühlte. Ich dachte, ich diene Gott mit meinem Eifer. In Wahrheit hatte ich mich gegen Gott verschlossen. Von sei­ner Gnade, die sich über Grenzen hinwegsetzt, wollte ich nichts hören. Wenn Gott nun sogar mich der Berufung würdigt, dann ist niemand ausgeschlossen.’

     Diese Entdeckung gehört zu den folgenreich­sten Er­kennt­nis­sen der frühen christlichen Gemeinde. Ohne diese Ent­schei­dung für die Mission auch unter den Heiden säßen wir heute nicht hier. Aber die ersten Gemeinden mussten erst einmal ler­nen, mit den Konsequenzen dieser Entscheidung zu leben. Es ist ja oft so: etwas Neues zu erkennen ist das eine; es dann auch im persönlichen Leben und im Zusam­men­leben mit anderen umzusetzen, ist etwas ganz anderer. So mussten die jüdi­schen Christen erst lernen, dass die Christen aus ande­ren Völkern nicht so etwas wie Christen zweiter Klasse sind, sondern mit genau der gleichen Würde zur Gemeinde Jesu gehören wie sie. Das war ein großer Schritt. Bis dahin war Ab­grenzung der Nor­mal­fall gewesen. Nicht weil die Juden sich für etwas Besseres hielten, sondern weil Gott seinem Volk Ge­bote gegeben hatte, Gebote, die es von den anderen Völkern unter­schei­den sollten: Sie soll­ten ein heiliges Volk sein, anders als die anderen. Die Prophe­ten hatten den Blick zwar schon auch auf die anderen Völker ausge­wei­tet; aber wie das gehen sollte, wenn auch diese dazu kommen, das wuss­te niemand. Die anderen, die Heiden, waren ja tatsächlich anders, lebten anders, hatten mit dem Gott Israels und seinen Geboten nichts zu tun. Da nun eine Gemein­schaft zu schaffen, war nicht so einfach.

     Auch die Christen aus den anderen Völkern mussten erst noch hineinwachsen in den neuen Glauben. Auch sie mussten ler­nen, dass sie gemeinsam mit den Juden zur Gemeinde Jesu Christi gehörten. Die Abgrenzung beruhte vielfach auf Gegen­sei­tigkeit. Antisemitismus und Judenfeindschaft waren auch da­­mals schon verbreitet. Mit großer Leidenschaft versucht dar­um der Ephe­ser­brief, seiner Gemeinde dieses große Geheimnis ein­zu­schärfen: Nur als Gemeinschaft aus Juden und Heiden ent­­­spricht die Kirche ihrem Herrn. Seine Gnade setzt sich über alle Grenzen hinweg. In seiner Gemeinde gehören alle zusam­men, egal, was für ein Vorgeschichte sie haben.

     Es gehört zur Tragik der Geschichte des Christentums, liebe Gemeinde, dass diese Erkennntis, kaum war sie einmal gewon­nen, bald schon wieder verloren ging. Musste am Anfang für die Anerkennung der Christen aus den anderen Völkern ge­kämpft werden, so war es kaum hundert Jahre später schon um­gekehrt. Jetzt war plötzlich die Frage, ob auch Juden wirkliche Christen sein können. Und es dau­erte nicht lange, da wurde die­se Frage mit Nein beantwortet: Juden gehört nicht dazu! Hun­dert Jahre nach dem Epheserbrief wollte die Mehrheit der Christen nichts mehr davon wissen, dass in Christus die Tren­nung zwischen Juden und Heiden ein für alle Mal überwunden worden war. Neue Mauern wurden errichtet, nun von den Hei­den. Ausgegrenzt wurden jetzt die Juden, egal ob sie an Chri­stus glaubten oder nicht. So ist auch die Geschichte der ­Kirche zu einer Geschichte der Ausgrenzungen geworden. Bald schon wurden auch andere ausgegrenzt, weil sie angeblich falsch glaub­­ten, nicht selten mit schlimmen Konsequenzen.

 

Wir feiern in diesen Tagen das Erscheinen der Gnade Gottes in Jesus Christus. Wir feiern das weihnachtliche Wunder, dass Gott sich über alle Grenzen hinwegsetzt. Gott selbst wird Mensch. Sein Licht scheint in der Finsternis. Der Ewigreiche macht sich arm. Verachtete hören die befreiende Botschaft. Heiden kommen, um den neugeborenen König der Juden anzu­beten. Grenzen werden durchbrochen und aufgehoben. Heiden werden zu “Miterben” des Volkes Israel.

     Der heutige Predigttext führt uns vor Augen, welcher An­spruch sich mit dieser Botschaft von Weihnachten verbindet: Wenn Gott in Christus alle Grenzen überwindet, dann dürfen wir keine Ausgrenzungen und Abwertungen mehr vornehmen. Wie schnell sind wir oft dabei, Menschen einzuteilen, zu be­wer­ten und auszugrenzen: ‘Wir und die andern’, dieses Prinzip funktioniert auch heute nur allzu gut, immer noch und immer wieder, ganz unabhängig davon, welche Gruppe es ist, die hier Abgrenzungen vornimmt. Die anderen: das sind die, die bloß Kir­chenmitglieder sind; die nur Weihnachten in die Kir­che kom­men; die gar nicht wirklich glauben, auch wenn sie viel­leicht öfters in die Kirche kommen. Die anderen: das sind die Zu­gezogenen, die Spätaussiedler, Menschen ausländischer Her­kunft. Die anderen: das sind die ‘Lebendigen’ oder die ‘Offe­­nen’, die Evangelikalen, die Charismatiker, die Liberalen ... An Grenzziehungen und entsprechenden Etiketten hat es un­ter uns Christen noch nie gemangelt. Doch alle diese anderen gehören mit mir zu Christus, gehören mit mir zum Leib Christi, und ich mit ihnen. Ohne sie gibt es den Leib Christi gar nicht. Christus ist der Heiland der Welt, nicht nur der Heiland der Kir­chen­mitglieder, der Gottesdienstbesucher, meiner religiösen Fraktion oder Glaubensrichtung. Nicht, dass wir uns in allem einig sein müssten, aber eines muss klar sein: Die andern sind meine, unsere Miterben. Die anderen haben das gleiche Recht auf Chri­stus und seine Zuwendung wie ich. Und es gehört zum Geheimnis des Erbes Christi, dass es um so größer wird, je mehr zu dieser Erbengemeinschaft gehören.

     Von dem bekannten Schweizer Theologen Karl Barth wird eine kleine, lehrreiche Anekdote erzählt. Barth hatte einen Vortrag gehalten und wurde danach von einer älteren Dame ge­fragt: “Herr Pro­fessor, ist es wahr, dass wir nach dem Tod unsere Lieben wie­der­sehen?” Barth antwortete: “Ja, aber die anderen auch.” Die anderen auch: das kommt direkt aus Gottes Herzen, und es gilt nicht erst nach dem Tod, es gilt schon jetzt. So hat Jesus gelebt: die Hirten auch; die Kranken auch; die Frauen auch; die Sünder auch; die Pharisäer und Schrift­ge­lehr­ten auch; die Be­satzer und Kollaborateure auch, ja, auch sie. Ohne die anderen ist Gott nicht glücklich. Ohne die ande­ren gibt es keine Gemeinde Jesu.

     Nur wo wir das wirklich ernst nehmen, kann unsere Ge­mein­de frei werden von der Beschränkheit und Verbürgerlichung, die unsere Kirche heute kennzeichnen. Das Evangelium will immer einen Tick mehr als das Alt­ver­traute, als die liebgewordenen Gewohnheiten und die alten Ord­­nungen. Das Evan­gelium erinnert uns an das, was noch aussteht. Es führt uns vor Augen, welche Grenzen wir noch zu überwinden haben.

     Die Heiden, das sind immer die andern. Und die gehören auch dazu, gehören auch zum Leib Christi, zur Gemeinde Jesu. Das hat übrigens auch etwas mit uns selbst zu tun. Auch in uns selbst gibt es dieses andere: Seiten an uns, die wir lieber nach hinten schieben, die niemand kennen soll. Diese anderen Seiten in uns selber, das, was uns an uns selbst fremd ist, was uns Angst macht und was wir darum oft rigoros abwerten, auch das gehört mit dazu. Da wüsste wohl jede und jeder von uns manches zu nennen. Unsere glänzenden Fassaden, die wir nach außen zur Schau stellen, haben auch ihre Schattenseiten. Wir alle haben Eigenschaften, die wir nicht mögen, vor denen wir er­schrecken. Auch dieses Fremde, Pein­liche und Beun­ruhi­gen­de, sozusagen das Heidnische in uns selbst, auch das gehört mit an die Krippe Jesu. Auch und gerade auf diese Seite unse­res Wesens fällt das Licht des gött­lichen Erbarmens. Gerade hier ist ja auch unsere Sehnsucht nach Erlösung besonders stark. Christus will uns versöhnen auch mit dem, was wir in uns selbst ausgrenzen. Er legt keinen Wert auf Feiertags­gesichter. Er fragt nicht nach dem Maß unse­res Glaubens. Er fragt nicht nach der Reinheit unserer Hände oder Herzen. Zu ihm dürfen wir als Heiden kommen. Einfach kommen, so wie damals die Weisen. Und spüren: Es ist gut, bei ihm zu sein. Von ihm werde ich aufgenommen. Genauso wie die anderen.

Amen.

 

Rolf Noormann