Silvester 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Hebräer 13,8-9a

Liebe Gemeinde,
wir leben in bewegten Zeiten. Vieles verändert sich, in der Politik, in der Wirtschaft und auch in unserem persönlichen Leben. Was vor ein paar Jahren noch als stabil und sicher galt, ist in Bewegung geraten: die Zukunft der Autoindustrie; die Entwicklung der EU; die Stabilität der politischen Parteien. Persönliche Beziehungen haben schon seit längerem ihre Stabilität und Tragfähigkeit verloren. Auch die Formen der Kommunikation und des persönlichen Miteinanders haben sich gewandelt. Smartphones und Tablets verändern mit großer Geschwindigkeit unsere Lebensgewohnheiten. Da fühlen sich nicht wenige verunsichert und stellen die Frage, worauf noch Verlass ist, woran sie sich halten können. Politiker und Parteien, die mit schlichten Parolen und einfachen Weltbildern ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit anbieten, erfreuen sich darum weltweit großer Beliebtheit. Doch auch sie werden den rasanten Wandel nicht aufhalten. Veränderungen sind einfach ein Kennzeichen unserer Zeit, ob es uns gefällt oder nicht.

Die Frage, woran wir uns halten können in diesen bewegten Zeiten, was uns Halt gibt auch in den Wechselfällen unseres eigenen Lebens, müssen aber auch wir uns stellen. Wie bekommen wir die nötige Standfestigkeit, dass wir uns von den Stürmen unserer Zeit nicht so einfach aus der Bahn werfen lassen? Wie behalten wir im Wechsel der Stimmungen und Meinungen den richtigen Kurs? Unser heutiger Predigttext zum Altjahrsabend hat auf diese Fragen eine klare und einfache Antwort: Jesus Christus. An Ihn können wir uns halten. ER steht über den Wechseln der Zeiten und Stimmungen, über den Wechselfällen unseres Lebens. Er kann uns Standfestigkeit und Halt geben für unser Leben. An Ihm können wir uns orientieren. Ich lese aus dem Hebräerbrief aus dem 13. Kapitel:
Jesus Christus gestern und heute,
und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei fremde Lehre umtreiben;
denn es ist ein köstlich Ding,
dass das Herz fest werde,
welches geschieht durch Gnade.

Jesus Christus gibt Halt. Er bleibt sich gleich, durch alle Zeiten hindurch. Er ist heute derselbe wie damals, als er seine Jünger um sich gesammelt hat. Er wird auch in Zukunft derselbe sein. Auf Ihn ist Verlass. An Ihm können wir erkennen, wie Gott ist,
wie Gott uns begegnet und was Er von uns erwartet. Wer sich an Christus hält, der findet Halt; der findet Standfestigkeit und Klarheit im Glauben und im Leben.
So jedenfalls sollte es sein. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Der Hebräerbrief ist an Christen geschrieben, denen die nötige Festigkeit zu fehlen scheint. Mit seinem Brief möchte der unbekannte Verfasser sie stärken, damit ihr Herz Festigkeit gewinnt. Er möchte, dass sich die Christen weder durch fremde Lehren noch durch schwere Erlebnisse in ihrem Glauben erschüttern lassen. Standfestigkeit im Glauben und im Leben ist für ihn ein Kennzeichen der christlichen Gemeinde. Schließlich haben die Christen einen Herrn, an den sie sich halten können. Er ist in allem versucht und erprobt worden wie wir, aber er hat standgehalten. Deshalb kann er uns helfen, selbst in den Versuchungen und Herausforderungen unserer Zeit fest und standhaft zu bleiben.

Ein hochaktuelles Thema. Wie gewinnen wir feste und überzeugende christliche Positionen in einer Zeit, in der sich so vieles in rasantem Tempo ändert? Wie gewinnen wir Standfestigkeit, wenn öffentliche Meinung und gesellschaftliche Stimmungen sich oft so rasch wandeln? Denken Sie nur an das Thema ‘Flüchtlinge’: Wurde unser Land Ende 2015 noch für unsere “Willkommenskultur” gefeiert, so war schon wenige Monate später in großen Teilen der Öffentlichkeit die Stimmung gekippt. Seither bestimmt vor allem der rasante Aufstieg der AfD die Diskussion. Oder die Klimadebatte. Das Thema ‘Bewahrung der Schöpfung’ haben die Kirchen schon lange auf ihre Fahnen geschrieben. Im zu Ende gehenden Jahr ist es jedoch noch einmal mit ganz neuer Vehemenz auf die Tagesordnung gekommen. So vehement, dass darüber manchmal vergessen wird, dass sich zunächst einmal nur die öffentliche Diskussionslage geändert hat, nicht die Wirklichkeit. Große Veränderungen kündigen sich auch in der Wirtschaft an, ohne dass im Augenblick schon jemand sagen könnte, wie die zukünftigen Entwicklungen tatsächlich aussehen werden.

Wie sollen wir als Christinnen und Christen mit diesen Ver-änderungen umgehen? Wie sollen wir uns in den sich verändernden gesellschaftlichen Stimmungen positionieren? Die Antwort des Hebräerbriefes heißt: Wir sollen standfest sein. Wir dürfen uns nicht von den wechselnden Strömungen des Zeitgeistes hin- und hertreiben lassen. Wir brauchen einen klaren Standpunkt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Wir sind ja selbst Kinder unserer Zeit. Was die Gesellschaft bewegt, bewegt
auch uns, und veränderte Stimmungen und Meinungen beeinflussen auch uns. Dem können wir uns nicht so leicht entziehen.

Die Mahnung des Hebräerbriefes ist darum hochaktuell: Lasst euch nicht durch mancherlei fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Wer in den Veränderungen der Zeit und in den Wechselfällen des Lebens Standfestigkeit gewinnen möchte, der braucht ein festes Herz. Im Herzen läuft alles zusammen, was unser Leben, unser Glauben und Handeln bestimmt. Wer ein festes Herz hat, der lässt sich nicht so leicht vom nächstbesten Sturmwetter durch die Gegend treiben.

Ein festes Herz aber können wir uns nicht selbst verschaffen. Standfestigkeit können wir uns nicht einfach so selbst verordnen. Ein festes Herz bekommen wir, so sagt es der Hebräerbrief, allein durch Gnade, durch nichts sonst. ‘Durch Gnade’ heißt für den Hebräerbrief: durch Christus und sein Tun, durch sein vorbildliches Handeln und sein stellvertretendes Eintreten für uns. Als Menschen, die wir sind, sind wir verführbar und unbeständig. Christus hat dagegen allen Verführungen und Versuchungen standgehalten und uns damit ein Vorbild gegeben. Er kennt unsere Schwachheit, er hat sie selbst durchlebt, aber Er hat sie überwunden. An Ihm können und sollen wir uns orientieren. Darum, so heißt es in Hebräer 12, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und lass uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Er ist derselbe gestern, heute und auch in Zukunft. An Ihn können und sollen wir uns halten. Seinem Vorbild sollen wir nacheifern und so, aus seiner Gnade, auch selbst ein festes Herz gewinnen.

Einfach ist das nicht. Auch als Christen sind und bleiben wir verführbar. Nur allzu leicht lassen wir uns ins Bockshorn jagen, lassen uns einschüchtern und zur Panik verführen. Für den Hebräerbrief ist das christliche Leben darum ein ständiger Kampf. Ein Kampf, den wir nicht allein bestehen müssen, dem wir aber auch nicht aus dem Weg gehen dürfen. Die größte Gefahr besteht heute wie zu allen Zeiten darin, dass wir Christus aus dem Blick verlieren und stattdessen auf uns selbst sehen: auf unsere Interessen, unsere Sorgen und Ängste, unsere Bedürfnisse und Begierden. So können wir den Versuchungen und Herausforderungen unserer Zeit allerdings nicht Paroli bieten. So wird es uns nicht anders gehen als Petrus, der, kaum dass er die ersten Schritte auf dem stürmischen Meer getan hat, Jesus aus dem Blick verliert, nur noch sich und den Wind und die Wellen sieht und untergeht. Beständigkeit, Halt und klare Orientierung finden und behalten wir nur, wenn wir aufsehen auf Jesus Christus. Er ist nicht nur der Anfänger und Vollender des Glaubens, er ist auch die Mitte und das Ziel unseres Weges.

Wer auf Christus schaut und sich an Ihn hält, der kann von sich selbst, von seinen Ängsten und Sorgen absehen. Der kann sein Vertrauen darauf setzen, dass Gott schon für das Nötige sorgen wird. Christus hat sich von den Sorgen des Alltags nicht verführen lassen, und er ermahnt uns dazu, dies auch nicht zu tun. Wir müssen uns das immer wieder sagen lassen, damit wir uns nicht irre machen lassen von den Medien, die davon leben, uns Tag für Tag neue Sorgen einzureden. Mag sein, dass die Zeiten sich ändern. Mag sein, dass große wirtschaftliche und vielleicht auch gesellschaftliche Veränderungen auf uns zukommen. Uns als Christinnen und Christen sollte das nicht schrecken. So wie Gott in der Vergangenheit für uns und seine Gemeinde gesorgt hat, so wird er es auch in Zukunft tun. Wir haben keinen Grund, uns zu sorgen oder gar zu ängstigen.

Wer auf Christus schaut, der gewinnt einen Maßstab, mit dem er in den wechselnden Meinungen und Stimmungen unserer Zeit einen klaren Kurs halten kann. Christus ist und bleibt derselbe durch die Zeiten hindurch. An das, was Er gesagt und getan hat, können und sollen wir uns halten. An erster Stelle steht für ihn die Liebe, die Liebe innerhalb der Gemeinde und die Liebe nach außen. Innerhalb der Gemeinde ist für ihn nicht der groß, der eine prominente Rolle hat, sondern der, der den anderen dient. Mit der Fußwaschung hat er dafür ein eindrückliches Beispiel gegeben. Noch mehr gilt seine Liebe den Außenstehenden, denen, die ausgegrenzt werden und verachtet sind, ganz unabhängig davon, ob soziale oder religiöse Gründe dafür verantwortlich sind. Wer Grenzen zieht zwischen sich und den anderen, stellt sich damit gegen den Weg Jesu.

Leider werden die Maßstäbe, die uns Christus zur Orientierung gegeben hat, bei uns nicht zu Selbstläufern. Wir müssen um sie kämpfen. Nächstenliebe versteht sich ebenso wenig von selbst wie die Bewahrung der Schöpfung. Für den Klimaschutz sind viele, aber 20 Cent mehr für Benzin findet eine Mehrheit in unserem Land ungerechtfertigt. Die Willkommenskultur 2015 war Ausdruck eines kurzen Ausbruchs von Mitgefühl; Menschenfreundlichkeit durchzuhalten kann dagegen ganz schön ermüden. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir auch in diesen Fragen auf Christus schauen. Von ihm können wir lernen, was Beharrlichkeit, Ausdauer und ein festes Herz heißt.

Damit unser Herz fest werde und wir auf dem erprobten und zukunftsweisenden Weg Jesu  weitergehen können, sollen wir auf Christus schauen. Wir sollen vor den ‘Thron der Gnade’ treten, wie es in Kapitel 4 heißt. Hier finden wir die Gnade, die wir brauchen, um fest zu bleiben und nicht den verführerischen Marktschreiern und Irrlehrern unserer Tage hinterherzulaufen. Am Thron der Gnade Gottes finden wir Hilfe zur rechten Zeit, um mit festem Herzen beharrlich den Weg Jesu gehen zu können.

Mit einem festen Herzen können wir der Zukunft mit all ihren Unwägbarkeiten, mit den kleinen und großen Veränderungen, die da kommen mögen, getrost und zuversichtlich entgegengehen. Die Zukunft ist kein feindliches Land; sie ist ein offenes Land, das wir gestalten können und sollen, nach dem Maßstab Jesu und mit seiner Hilfe. Christus wird auch in der Zukunft derselbe sein. ‘Er selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land.’ In diesem Vertrauen können wir das vergangene Jahr in Frieden hinter uns lassen und getrost und zuversichtlich dem neuen Jahr entgegen gehen.

Amen.