Heiligabend 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Lukas 2,8-14 - Heiligabend 2019

Ja, liebe Gemeinde, welche Gedanken haben Sie sich in diesem Jahr zum Weihnachtsfest gemacht. Darf es noch Würstchen mit Kartoffelsalat sein? Darf es noch Weihnachtsgans sein, Sauerbraten oder sonst ein Stück Fleisch? Wie viel klimaschädliches Methan das wieder für das Klima bedeutet! Und der Christbaum erst! Wäre der nicht wegen des Klimas besser ungefällt geblieben? Und dann die elektrischen Kerzen, die völlig unnötig Strom verbrauchen! Ganz zu schweigen von dem Verpackungsmüll, den Sie beim Online-Shopping für Ihre Weihnachtsgeschenke produziert haben, und all das unnötige Geschenkpapier noch dazu! Und überhaupt: Wie sind Sie in diesen Gottesdienst gekommen? Womöglich mit dem Auto?   

Wenn Sie sich diese Gedanken nicht gemacht haben, gehören Sie in unserer klimabewegten Zeit zu den glücklichen Menschen. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Andere werden Ihre Ignoranz ziemlich verwerflich finden! ‘Schäm dich, dass du so gedankenlos vor dich hin konsumierst und Energie verschwendest. Das passt nicht mehr in unsere Zeit des Klimanotstands. Schäm dich wenigstens, wenn Du immer noch unnötige Autofahrten machst; Avocados und Granatäpfel aus fernen Ländern verspeist; oder gar in der Welt herumfliegst!   

“How dare you”, Wie könnt Ihr es wagen!, hat eine zornige Greta mit einem bitterbösen Blick den Politikern zugerufen, die im September zur UN-Vollversammlung nach New York gekommen waren. Die message gilt auch uns: ‘Wie könnt Ihr Erwachsenen es wagen, mit eurem klimaschädlichen Verhalten einfach so weiterzumachen und uns Jungen die Zukunft zu rauben!’   

Klare, deutliche Mahnungen sind das. So klar, dass man im Winter am liebsten zu Hause in einer kalten Wohnung sitzen und die 10 km zur Arbeit mit dem Fahrrad fahren würde. Die zornigen Worte Gretas haben jedenfalls gesessen. ‘Wie könnt ihr es wagen! Ändert euren Lebensstil. Esst kein Fleisch mehr! Esst keine Bananen, keine Ananas, keine Mangos mehr! Kauft keine unnötigen Klamotten mehr! Kauft keine Autos mehr! Fliegt nicht mehr! Und, ganz neu: Kein Streaming mehr, keine e-mails mehr. Das alles kostet unendlich viel Energie!’ Da kommt man ganz schön ins Schwitzen! Und ich frage mich: Soll ich wieder wie meine Großeltern leben, die all das noch nicht gebraucht haben!?   

Ehrlich gesagt, mag ich diese neue Verbotskultur überhaupt nicht. Nicht, dass ich nicht versuchen würde, unnötige Autofahrten zu vermeiden; statt Fleisch lieber Linsen zu essen; pro Saison nicht fünf neue T-Shirts zu kaufen und die Wohnung nicht über 19 Grad zu heizen. Insofern bin ich schon irgendwie bei Greta. Aber dieser neue Volkssport des erhobenen Zeigefingers passt mir ganz und gar nicht. Wenn Leute den Moralischen raushängen und mir ein schlechtes Gewissen machen wollen, reagiere ich allergisch. Das war ja lange eine Hauptdisziplin der Kirche: Menschen wegen ihrer großen und kleinen Sünden ein schlechtes Gewissen zu machen. Da bin ich doch ganz froh, dass die Kirche bei den Klimaverbotsdiskussionen nicht an vorderster Front steht. Da sind höchstens noch ein paar Kirchenleute auf einen Zug aufgesprungen, der auch ohne sie schon volle Fahrt aufgenommen hatte.    Dieser Zug, der mit Verboten und Gewissensbissen so überfrachtet ist, wird von anderen gesteuert. Von Leuten, bei denen ich es bis mir bis vor ein paar Jahren nicht hätte vorstellen können: von den Jungen. Zur Jugend gehörte eigentlich immer das Rebellieren. Grenzen wurden ausgetestet und Freiheit eingefordert. Jetzt fordert die Jugend Grenzen, massive Grenzen, um unseren Planeten zu retten.    Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich kann die Angst um die Zukunft unserer Erde, die vor allem die junge Genera-tion umtreibt, gut verstehen. Und die nicht mehr ganz so Jungen täten sicher gut daran, ihren Lebensstil zu überdenken - und ihn dann auch tatsächlich zu ändern. Wir alle täten gut daran, uns zu überlegen, was wir dazu beitragen können, um die Erde bewohnbar zu halten. Da sollte sich jeder an die eigene Nase fassen - nicht nur die viel gescholtenen SUV-Fahrer, sondern auch die Jüngeren, die mit ihrem Internetkonsum einen kaum weniger fetten ökologischen Fußabdruck hinterlassen, inzwischen offenbar ebenso groß wie der des gesamten Flugverkehrs. Darüber einen Generationenkonflikt auszutragen, nützt niemandem. Wir sitzen alle im selben Boot.   

Wir sollten also schon darüber nachdenken, was wir für das Klima tun können. Was wir nicht brauchen, ist eine neue Religion. Moral als Ersatzreligion ist gefährlich, auch wenn es eine Öko-Moral ist. Das müssten wir Europäer eigentlich wissen. Wo die eigenen moralischen Überzeugungen zur Religion werden, ist Gefahr im Verzug. Das mit religiösem Eifer verfolgte Bestreben, das Wahre und Gute in der Gesellschaft durchzusetzen, hat im 20. Jahrhundert zig Millionen Menschen das Leben gekostet. Der Sozialismus hat im Namen des Guten ganz Mittel- und Osteuropa mit Diktaturen überzogen. Und während wir heute Weihnachten feiern, sitzen Hunderttausende Uiguren im Namen des Guten, wie es die kommunistische Partei in China definiert, in Umerziehungslagern.    

Wir laufen im Augenblick Gefahr, dass die Öko-Moral bei uns zur neuen Religion wird. So aufregend neue Religionen für ihre Anhängerinnen und Anhänger auch sein mögen, sie haben einen entscheidenden Nachteil: Sie tendieren zum Fanatismus. Die Prophetin ist schon gefunden: ein zorniges Mädchen, das den Untergang des Planeten verkündigt. Greta und die Wissenschaftler, die sie unterstützen, haben die Lösungen. Sie kennen das Gute. Sie kennen den Weg zur Rettung des Planeten. Zumindest meinen sie das. Das ist Religion. Da braucht es Gläubige, die an diesen Weg zur Rettung glauben. Da braucht es neue Gesetzgeber, die wie einst Jesus neue Gebote und Verbote aufstellen.    

Wenn aus der Geschichte etwas zu lernen ist, dann dies: Noch alle Propheten des Wahren und Guten, die aufgetreten sind, haben sich getäuscht. Nach Mose, Jesus und Mohammed ist kein Prophet mehr erstanden, dessen Religion bis heute überlebt hätte. Ihre Prophezeiungen haben den Test der Zeit nicht bestanden. Sie wurden geprüft und für untauglich befunden. Das gilt auch für die vielen Wissenschaftler und Experten, die mit dem Brustton religiöser Überzeugung immer wieder den Untergang des Planeten angerkündigt haben. Wenn es nach diesen Prognosen gegangen wäre, wäre unsere Erde schon längst kollabiert.    

Nicht, dass ich die heutigen Schreckensszenarien wissenschaftlich beurteilen könnte. Aber Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Ich höre da lieber auf die Botschaft der Hoffnung, die der Engel von Bethlehem verkündigt: “Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland, der Retter geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.”   

Das ist die Botschaft der Hoffnung für uns und für alle Welt. Nicht, dass sich dadurch direkt etwas am Klimaproblem ändern würde. Aber es ändert sich etwas für mich. Ich weiß: Ich darf Mensch sein und bleiben. Ich muss die Welt nicht retten. Ich bin nicht dafür verantwortlich, etwas zu tun, was kein Mensch tun kann: die Welt zu retten. Die Welt ist schon längst gerettet, und ich bin es auch. Damals - vor mehr als 2000 Jahren - hat es der Engel Gottes den Hirten auf dem Feld bei Bethlehem zugerufen: Euch ist heute der Heiland geboren! Und heute, in dieser heiligen Nacht, ruft der Engel es auch uns zu: Euch ist heute der Retter geboren, welcher ist Christus, der Herr.   

Seit dieser Nacht von Bethlehem wissen wir, dass es einen Retter gibt. Und dieser Retter trägt einen ganz konkreten Namen: Christus, der Herr. Die Rolle des Retters ist damit schon besetzt. Wir brauchen keine anderen Retter, wir brauchen keinen anderen Christus. Und wir brauchen auch keine anderen Herren. Schon vor 2000 Jahren haben Leute von sich behauptet: ‘Ich bin’s! Ich bin der Messias! Ich bin der Retter! Ich bin der Herr!’ Vor allem die römischen Kaiser haben sich als Retter und Herren feiern lassen: Männer, denen es dabei vor allem um ihre eigene Macht ging und die ihre Macht wie die Mächtigen aller Zeiten oft übel missbraucht haben.   

Für uns ist der Thron des Retters und Herrn schon besetzt, glücklicherweise, sage ich, besetzt mit Christus. Deshalb brauchen wir keine anderen Retter, weder Retter des Vaterlands noch Retter der Welt. Welch wunderbare Botschaft der Engel! Der Thron des Retters ist ein für allemal besetzt: da sitzt Jesus Christus, da gehört er hin und niemand sonst.   

Was für eine Entlastung für mich! Was für eine Freude! Ich darf ein Mensch sein und bleiben. Ich muss mich nicht selbst überfordern. Der Retter ist schon da; ich muss es nicht sein. Und Greta auch nicht. Die Freude darüber kann und soll mich verwandeln. Wer in dem Vertrauen lebt, dass durch die Geburt des Retters der Welt schon alles zum Guten entschieden ist, der kann sein Leben in fröhlicher Gelassenheit führen - ohne Panik, ohne Furcht vor der Zukunft.   

Wer in dieser fröhlichen Gelassenheit lebt, für den ist der Schalter schon wie umgelegt. Das Entscheidende sind dann nicht mehr die Dinge. Das Entscheidende ist das mit Freude erfüllte Herz. Das macht mich frei von der Sorge, ich könnte zu kurz kommen. So kann ich mich zufrieden fühlen mit dem, was ich habe. Ich muss dann gar nicht verzichten. Es muss mir gar niemand mit erhobenem Zeigefinger kommen und mir ein schlechtes Gewissen machen. Wenn mein Herz ausgefüllt ist mit Freude, brauche ich viele Dinge nicht mehr, die mein Herz angeblich begehrt: das nächste Paket von Amazon; die nächste Wochenendsause mit dem Flieger nach New York; den nächsten Benzinfresser oder was auch immer. Ich lebe dann aus der Freude .   

Ich glaube, wir sollten mehr um diese Freude im Herzen ringen, als uns selbst und andere mit Verboten zu kasteien. Verbote führen nur zu Unzufriedenheit: weil ich verzichten soll; weil ich mich schämen muss; weil mir ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Darum habe ich heute nur den einen Weihnachtswunsch für Sie: Lassen Sie sich erfüllen von der Freude! Von der Freude darüber, dass mit der Geburt Jesu alles schon zum Guten entschieden ist. Die Welt ist schon gerettet. Es gibt keinen Grund zur Panik. Es gibt keinen Grund zur Furcht. Sie müssen die Welt nicht retten. Sie dürfen Mensch sein und bleiben. So können Sie in fröhlicher Gelassenheit das tun, was in Ihrer Macht steht, zum Wohle Ihrer Mitmenschen und zum Wohle des Planeten.

Amen.