Christfest 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Titus 3,3-7

Liebe Gemeinde,

erleichtert werden manche von Ihnen gestern nachmittag durchgeatmet haben, als alle Festvorbereitungen abgeschlossen waren. Endlich geschafft -  und wahrscheinlich waren und sind manche von Ihnen auch geschafft. So vieles gab es in den letzten Wochen zu tun! Die Geschenke wollten ausgesucht werden. Das Weihnachtsgebäck wollte gebacken, das Essen für die Feiertage eingekauft werden und die Wohnung sollte in festlichem Glanz erstrahlen. Für manche ist die Adventszeit zudem die Zeit, in der sie anderen Menschen eine Freude machen möchten; etwa noch kurz bei der alten Nachbarin vorbeigehen, um das Licht der Weihnacht in ein dunkles Haus zu bringen.

Auch in den Gottesdiensten seit dem 1. Advent war manches Mahnende zu hören. Dem Herrn den Weg zu bereiten, darum ging es. Darum, sich von dieser Mahnung das Herz anrühren zu lassen und sich zu öffnen für Gott und den Nächsten. So sollte unsere Vorbereitung auf die Geburt Jesu aussehen!

Ansprüche also von allen Seiten; Ansprüche, denen wir in der Adventszeit gerecht werden wollten und sollten. Heute aber sind wir hier, um uns beschenken zu lassen. Heute sind wir hier, um uns etwas ganz anderes sagen zu lassen, nämlich das Wort der Engel: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids. Der Heiland, der Retter ist euch geboren; deshalb könnt ihr zur Ruhe kommen. Ihr könnt die Seele baumeln und euch seine Zuwendung gefallen lassen. Er ist in die Welt gekommen, um sie in das Licht der Liebe zu tauchen. Er ist gekommen, um euch seine Liebe und sein Erbarmen zu schenken.

Von diesem großen Erbarmen, von dieser großen Liebe, handelt unser heutiger Predigttext. Er steht im 3. Kapitel des Briefes an Titus:
Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes und Retters.
Nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir getan hatten, sondern nach seinem Erbarmen
hat Er uns gerettet durch das Wasserbad der Wiedergeburt und der Erneuerung durch den heiligen Geist.
Diesen hat Er reichlich über uns ausgegossen
durch Jesus Christus, unseren Heiland und Retter,
damit wir, durch seine Gnade gerecht geworden,
nach der Hoffnung Erben würden des ewigen Lebens.


Dass die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar geworden sind, genau das ist, kurz gesagt, die Botschaft von Weihnachten. Gott ist Mensch geworden, um vor aller Welt sichtbar zu machen, wer Er ist. Die Botschaft von Weihnachten richtet sich an alle Welt, Christen und Nichtchristen. Alle Welt soll und muss wissen, dass Gott für sie da ist. Der Gott, der in Christus Mensch geworden ist, ist lauter Güte und Menschenfreundlichkeit, voller Barmherzigkeit und Liebe zu den Menschen. Das ist sein Markenzeichen!

Wenn Sie zur Gemeinde des Titus gehört hätten, wären Sie bei diesen Worten aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Diese Worte heben nämlich eine ganz Welt aus den Angeln. Der Gott Israels, der in Jesus Mensch geworden ist, ist keiner von diesen launischen, unberechenbaren Göttern, wie man sie damals in der griechischen Welt verehrte. Und erst recht ist dieser Gott ganz anders als die römischen Kaiser. Von den Kaisern wurde damals nämlich genau das behauptet: Sie sind unsere Retter. In ihnen haben Güte und Menschenfreundlichkeit sichtbare Gestalt angenommen.
   
Dieses Gerede entlarvt der Apostel als Wunschtraum, als Irrglauben ohne das kleinste Fünkchen Wahrheit. Güte, Menschenfreundlichkeit und Liebe zu den Menschen sind noch nie die Sache von Kaisern, Präsidenten und Kanzlern gewesen, auch wenn die Trumps und Jinpings unserer Tag uns das Gegenteil glauben machen wollen. Güte und Menschenfreundlichkeit sind Markenzeichen des Gottes Jesu! In Jesus ist die Menschenliebe Gottes allen Menschen erschienen. Und was noch wichtiger ist: Sie ist für alle Menschen erschienen. In Christus hat Gott nicht nur gezeigt, wer Er selbst ist. In ihm hat er auch gezeigt, wie und was der Mensch sein soll - auch und gerade diejenigen, die sich als Retter ihrer Völker ausgeben, die Herrscher dieser Welt: Gütig und menschenfreundlich. sollen sie sein, ohne Gebrüll, Hass und Häme, wie der Großsprecher in Washington; ohne die neuen Gulags und Umerziehungslager, wie der immer freundlich lächelnde ältere Herr in Peking.

Wenn wir die Worte des Apostels nur mit den Ohren eines Titus hören könnten! Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters. Ungeheuerliche Worte sind das. Der große Gott, unser Retter, ist nichts als Güte und Menschenfreundlichkeit. Er ist das, wonach sich Tausende, ja Millionen von Menschen sehnen, weil sie so ganz andere Erfahrungen mit ihren selbsternannten Retter-Herrschern machen. Wenn wir die Worte des Apostels nur mit den Ohren dieser Menschen einst und jetzt hören könnten! Uns würde das Herz aufgehen!

Dass Gott den Menschen liebt, ist für uns heute ja ein Satz ohne jeglichen Neuigkeitswert, kalter Kaffee sozusagen. Oft gesagt und gern gehört, aber nicht selten längst zu einer Platitüde geworden, zu einer Binsenwahrheit, die niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Für Titus und seine Gemeinde war das anders. Das Wort von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes war dazu geeignet, ihr ganzes Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen. Als Heiden, die sie waren, bevor sie Christen wurden, hatten sie von einem solchen Gott noch nie etwas gehört. So kamen sie aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Dass Gott sich ihnen freundlich zugewandt hatte, war ein unerhörtes Wunder. Denn was hatten sie schon vorzuweisen? Rückblickend konnten sie von sich nur sagen: “Wir waren unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten unseren Begierden und Lüsten, lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten einander.” Manches davon wird uns vielleicht irgendwie bekannt vorkommen. Und so verbindet uns mit Titus und den anderen ehemaligen Heiden vielleicht doch mehr, als es zunächst den Anschein hat.
   
Auch wir gehören zu den Menschen, deren Leben alles andere als perfekt ist. Bei mir jedenfalls ist das so. Wer kann schon von sich sagen, verständig zu sein, nichts Böses zu tun, keine Neidgefühle zu kennen, die manchmal bis zum Hass gehen können? Eben solche Menschen sind es, die Gott liebt. Leute, die nichts vorzuweisen haben außer ihr durch nichts begründetes Selbstbewusstsein, wie es die TV-Moderatorin Petra Gerster einmal von ihrem Mann gesagt hat. Nichts vor Gott vorzuweisen zu haben, selbst wenn man Namen wie Macron oder Merkel trägt, und dennoch von Gott geliebt zu werden, ist schlechterdings unbegreiflich. Der Apostel drückt das so aus: nicht aufgrund von Werken, die wir getan hatten, hat er uns gerettet, sondern aus Erbarmen.

Da liegt der entscheidende Unterschied zwischen Gott und Mensch. Gott geht nicht auf Brautschau, um sich die liebenswerteste Braut zu suchen: schön für das Auge, mit angenehmer Stimme und wohltuend fürs Gemüt. Gott sucht in seiner Liebe das Unvollkommene, das Unscheinbare, ja das Hässliche. Martin Luther hat das in der ihm eigenen Klarheit so ausgedrückt: “Die Liebe Gottes findet das Liebenswürdige nicht vor, sondern sie schafft es. Die Liebe Gottes liebt Sünder, Böse, Narren und Kraftlose, damit Er sie gerecht, gut, weise und stark mache.” Das ist das Wunder, das Gott immer wieder an uns wirkt. Wir nehmen das so selbstverständlich und merken oft gar nicht, wie uns geschieht; wollen oft nicht wahrhaben, dass Gott in unserem Leben aktiv wird, schreiben es uns selbst zu, wenn einmal etwas Gutes gelingt. Die Liebe Gottes gibt sich nicht zufrieden, bis sie alles und jeden vollkommen gemacht hat. Die Liebe Gottes will alles vom Kopf auf die Füße stellen und macht vor nichts und niemandem Halt.

Wir meinen ja oft, auf Punkt und Komma genau zu wissen, wie andere Menschen sein müssten, damit sie Gott und uns angenehm sind. Und noch etwas meinen wir oft nur allzu genau zu wissen: Wie wir selbst sein müssten, damit wir Gott und unseren Mitmenschen angenehm sind. Erfolg, Gesundheit und finanzielle Unabhängigkeit, Schönheit und Leistungsfähigkeit, ein freundliches Gesicht und was wir da sonst noch alles an Ansprüchen an uns und andere stellen.

Hinter all diesen Forderungen an uns selbst steht unsere tiefsitzende Angst, wertlos und unbedeutend zu sein. Wir alle haben Strategien entwickelt, um uns unserer Bedeutsamkeit zu vergewissern. Für viele ist es ein voller Terminkalender. Er beweist es uns täglich: Wir haben eine Aufgabe, wir werden gebraucht, wir sind wer. Der Terminkalender ist unser unverzichtbarer Begleiter geworden, vom Kindergarten an bis ins hohe Alter. Aber tief drinnen wissen wir dennoch: Es geht auch ohne mich! Am Arbeitsplatz und in der Schule sowieso, aber auch im Verein, im Freundeskreis und manchmal sogar in der Familie. Das kann schon Angst machen. Wer bin ich ohne meine Termine, ohne meine Aufgaben? Wie viel bin ich dann noch wert?

Von Terminkalendern und all den anderen Strategien, mit denen wir unser Dasein zu rechtfertigen versuchen, versteht die Liebe Gottes nichts. Aber: Sie versteht alles, wenn es um diese tiefsitzende Angst geht, unser Leben, wir selbst könnten wertlos sein. Der menschenfreundliche Gott blickt uns an - wissend und liebend. Er kennt unsere Angst, ein Nichts zu sein. Deshalb schenkt er uns seinen liebenden Blick. In diesem Blick Gottes erkennen wir unseren Wert, werden wir wertvoll.

Blicke, so heißt es manchmal, können töten. Aber auch das Umgekehrte ist wahr: Blicke können Leben geben. Der Blick eines Liebenden kann einem Menschen alles geben, was er außer Brot und Wasser zum Leben braucht. Er sagt mir: ‘Ich nehme dich wahr! Du bist mir wichtig, wichtiger als mein eigenes Leben! Du bist schön in meinen Augen.’ Der liebende Blick Gottes gilt uns; uns, die wir in unserem Innersten so oft an unserem Wert, an unserer Bedeutung zweifeln. Das ist gemeint, wenn der Apostel von Rechtfertigung spricht.

Der liebende Blick Gottes gilt uns allen, die wir heute hier sind. Das Leben Jesu ist das Unterpfand für diesen liebenden Blick Gottes. Er gilt allen, auch und gerade denen, die unseren menschlichen Augen wenig attraktiv vorkommen. Das Neue Testament ist voll von Geschichten, die von diesem liebenden Blick Jesu erzählen. Er gilt den Halunken, den Zöllnern etwa, den Geschäftemachern; er gilt den Prostituierten; er gilt auch den Selbstgerechten, denen, die meinen: Ich bin nicht so wie die anderen. Der liebende Blick Gottes verändert diejenigen, die er trifft. Er schafft sich selbst das, was an uns liebenswert und schön ist. In seinem Blick erkennen wir darum unseren Wert und unsere Würde. Manchen von uns geht es dann vielleicht so wie den Hirten von Bethlehem, dass sie ihre Freude zum Himmel rufen. Die Hirten waren keine bedeutenden Leute; und doch haben sie zuerst die Mensch gewordene Liebe Gottes zu sehen bekommen. Als sie das Kind in der Krippe gesehen hatten, kehrten sie um und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.

Die Geburt Jesu ist die Stunde, in der die Menschenfreundlichkeit Gottes über uns aufgeht wie die strahlende Sonne und ihren Glanz über die ganze Menschheit ausbreitet. Wo wir uns in diesem Licht erkennen, wird unser Leben reich. Da verwandelt uns die Menschenfreundlichkeit Gottes, und die Weihnachtsfreude erfüllt auch uns.

Amen.