15. Dezember, Rolf Noormann

Predigt Jesaja 40,1-5: 3. Advent 2019

Liebe Gemeinde,

die Zeit des Advent, das ist klar, ist eine Zeit der Vorbereitung. Für viele von uns ist das eine ganz praktische Sache: die Wohnung wird geputzt; Geschenke werden gekauft und Gutsle gebacken; die Zimmer werden geschmückt. Für nicht wenige ist die Vorweihnachtszeit daher eine Stresszeit. Es gibt ja auch noch Weihnachtsfeiern in der Schule, im Verein oder im Betrieb und manches mehr. Das kann ohne weiteres die ganze Adventszeit füllen. So gesehen bereiten viele sich gründlich auf Weihnachten vor.
    Vorbereitung ist das Thema des heutigen Gottesdienstes. Wir haben es zu Beginn im Wochenspruch gehört: Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig; und eben noch einmal in der Schriftlesung aus dem Propheten Jesaja. Damit werden wir daran erinnert, worum es bei all unseren Vorbereitungen eigentlich geht, genauer gesagt: um wen es da geht: ER, der HERR selbst, will zu uns kommen. Wenn wir uns auf Weihnachten vorbereiten, dann sollen wir uns darum auch und vor allem auf Ihn vorbereiten. Etwa so, wie wenn ein seltener, lang erwarteter Gast zu uns kommt. Da schauen wir nicht nur, dass alles sauber und gut vorbereitet ist, da nehmen wir uns auch selbst so viel Zeit wie möglich und überlegen uns, was für ein Programm wir unserem Gast bieten können, was unserem Gast Freude machen würde. So sollte es bei unseren Vorbereitungen auf Weihnachten auch sein.
    Der Anfang unseres Textes ist großartig: Tröstet mein Volk, redet mit Jerusalem freundlich! Das ist einmal eine tolle Botschaft! Ich stelle mir vor, dass der Prophet ganz begeistert war, als er diesen Auftrag bekommen hat. Nur allzu oft müssen Propheten ja harte Botschaften überbringen. Hier ist es anders: keine Drohung, keine strenge Ermahnung, sondern ein freundlicher, ermutigender Zuspruch. Gott findet, das Volk Israel hat lange genug gelitten. Sie haben sich durch ihr Verhalten selbst ins Unglück gestürzt; sie hatten es verdient; aber jetzt reicht es. Jetzt soll, jetzt wird das Leid des Volkes ein Ende finden. Gott selbst wird ihm ein Ende setzen.
    Wie schön wäre es, wenn Gottes Prophet auch zu uns so reden würde. Freundliche Worte tun gut, noch dazu, wenn ich spüre, dass sie ernst gemeint sind. Freundlichkeit kann vieles verändern. Wir vergessen das nur allzu oft, weil wir so beschäftigt sind mit dem alltäglichen Vielerlei. Obwohl wir wissen, wie gut uns die freundlichen Worte von anderen tun, fällt es uns oft schwer, selbst anderen mit echter Freundlichkeit zu begegnen.
    Redet freundlich mit Jerusalem, so sagt der Prophet, und er hat einen guten Grund dafür, ja, den besten, den wir uns nur denken können: Gott selbst ist seinem Volk, ist seiner heiligen Stadt Jeru¬salem freundlich gesonnen! Weil Gott mit Freundlichkeit und Wohlwollen auf sein Volk, auf seine Stadt schaut, sollen die Menschen es auch tun. Auch dass wir diese Worte heute hören, hat einen guten Grund: Seit Weihnachten gilt diese Botschaft uns allen! Genau das ist ja die Botschaft von Weihnachten: dass Gott uns Menschen wohlgesonnen ist; dass Er uns Frieden bringt; dass Er Wohlgefallen an uns findet. Redet freundlich mit allen Menschen seines Wohlgefallens!, so könnten wir darum die Botschaft Jesajas für heute übersetzen.
    Das wäre eine gute Vorbereitung auf Weihnachten: freundlich mit allen Menschen zu reden, die mir begegnen, zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz oder wo auch immer. Freundlich mit ihnen zu reden, weil Gott es auch tut, weil Er Wohlgefallen an ihnen findet. Ganz leicht fällt uns das nicht. Wir sehen oft so vieles andere in den Menschen um uns herum, sehen ihre Fehler und Schwächen, sehen das, was uns an ihnen stört. Aber wir könnten versuchen, das zu ändern, ja, wir sollten es versuchen. Wenn Gott an den Menschen, die uns begegnen, Wohlgefallen findet, sollten wir das auch tun. Das würde ihnen gut tun und uns auch.
    Und das andere, der Trost: auch den könnten viele von uns gut gebrauchen. Getröstet zu sein trotz der schweren Dinge, die wir erlebt haben und an wir die uns gerade in den Festtagen besonders erinnern; getröstet zu sein, auch wenn wir nicht immer glücklich sind mit den Umständen, in denen wir leben; getrost zu sein, auch wenn nicht alles gelingt, was wir uns vornehmen: das würde uns gut tun. Trost, echter Trost würde uns helfen, in Frieden unser Leben zu führen, mit allem, was dazu gehört an Schönem und auch an Schwerem.
    Der Prophet ruft: Tröstet, tröstet mein Volk!, so als könnten und sollten wir einer den anderen trösten. Können wir das? Ich habe da meine Zweifel. Sicher, wir können und sollen einander zur Seite stehen, gerade in schweren Zeiten. Vielleicht können wir einander auch Worte des Trostes sagen. Aber wirk¬lichen Trost gibt es wohl nur, wenn ich weiß: Es muss und wird nicht alles so bleiben, wie es ist. Gott kann und wird alle Not been¬den. Das Volk Israel kann getröstet werden, weil seine Schuld vergeben ist. Es kann getröstet werden, weil Gott selbst für sein Volk eintreten wird. Dieser Trost Gottes aber gilt nicht nur dem Volk Israel damals. Er gilt auch uns heute. Darum geht es ja zu Weihnachten: Christ ist erschienen, uns zu versühnen, wie wir in dem Lied “O du fröhliche” singen. Die Botschaft des Propheten gilt auch uns: “Tröstet, tröstet die Menschen meines Wohlgefallens, denn ihre Schuld ist vergeben; all ihre Lasten sollen von ihnen genommen werden. Gott selbst ist gekommen, um es auf sich zu nehmen.” So können und sollen auch wir einander trösten: mit dem Trost, der von Gott kommt.
    Freundlich zu einander zu reden, einander zu trösten, das wäre eine gute Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Das würde anderen helfen und auch uns selbst. Es ist eine schöne Aufgabe, die uns der Prophet da aufträgt. Aber wir haben noch eine weitere Aufgabe: Wir sollen Gott selbst den Weg bereiten. ER will kommen, auch zu uns. ER ist der große Gast, der sich angekündigt hat. Bei Jesaja heißt es: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! ... Denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen. Ganz schön kühn, was uns hier zugemutet wird: Wegbereiter Gottes sollen wir sein! Und das nicht dort, wo es ohnehin schon bequeme Wege gibt, sondern in unwegsamem Land. Wie soll das gehen: Gott den Weg bereiten? Was können wir tun, Sie und ich, um diesem großen Gast den Weg zu bahnen?
    Das erste ist wohl, dass wir mit seinem Kommen rechnen. Dass wir Weihnachten nicht bloß für eine schöne Geschichte halten, die möglicherweise irgendwann einmal in einem Stall von Bethlehem passiert ist. Dann wäre Weihnachten vielleicht immer noch ein schönes Fest, aber mit uns hätte es eigentlich nichts zu tun. Es wäre ein Fest der Erinnerung an eine uralte Geschichte. Das wäre doch sehr schade! Erinnerung allein kann uns kaum zufrieden stellen. Was damals war, ist das eine; was hier und heute gilt, ist eine ganz andere Frage. Zu Weihnachten gehört darum die Erwartung, die Hoffnung, dass es auch hier und heute wahr werden kann: dass Gott kommt, zu Ihnen und mir und zu den anderen auch.
    Das zweite ist, dass wir uns auch ganz praktisch darauf einstellen, dass ER zu uns kommen will, und das heißt: dass wir uns so verhalten, dass ER tatsächlich zu uns kommen kann. In dem Lied, das wir vorhin gesungen haben, heißt es: “macht seine Steige richtig, lasst alles, was Er hasst”. Der Prophet spricht von dem Ungeraden, das gerade gerichtet, und von dem Unebenen, das geebnet werden soll. Wenn wir darüber nachdenken, was damit in unserem Leben gemeint sein könnte, fällt uns wohl manches Ungerade und Unebene ein, das dringend in Ordnung gebracht werden müsste. Auch das gehört zur Vorbereitung auf Weihnachten dazu.
    In der jüdischen Tradition ist viel darüber nachgedacht worden, was Menschen dazu beitragen können, dass der Messias kommen kann. Viele der Antworten haben einen gemeinsamen Nenner: Wenn die Juden jetzt schon so leben würden, wie sie es für die Zeit des Messias erhoffen, könnte das helfen. Wenn das ganze Volk ein einziges Mal richtig den Sabbat halten würde; oder: wenn es in einer Generation 36 Menschen gäbe, die wirklich gerecht sind, dann wäre das Volk bereit, dann könnte der Messias kommen. Mit gefällt die Frage, die dahinter steht, und ich denke, genau das meint der Prophet Jesaja: Was können wir tun, dass Gott hier und heute zu uns kommen kann? Da geht es nicht darum, unsere gute Stube zu putzen, sondern uns selbst vorzubereiten Wie das aussehen könnte, ist wohl bei jedem von uns anders. Dass wir lassen, was ER hasst, und tun, was ER liebt, gehört auf jeden Fall dazu. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass viele in der Adventszeit mehr als sonst an andere denken; sich überlegen, wie sie anderen eine Freude machen können, wie sie Menschen in Not beistehen können. Das ist auf jeden Fall eine richtige Spur. So zu leben, wie wenn ER schon da wäre bei mir, das wäre wohl der richtige Weg.
    Der Prophet Jesaja  fordert uns dazu auf, Gott denWeg zu bereiten, aber er tut es nicht mit erhobenem Zeigefinger und ganz ohne drohenden Unterton. Über allem steht der freundliche Zuspruch: Tröstet, tröstet mein Volk, redet mit Jerusalem freundlich, ... denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden. Gott kommt, uns allen zum Trost und zur Freude. Darum sollen wir uns vorbereiten, in freudiger Erwartung uns einstellen auf diesen großen Gast.

Amen.