1. Dezember 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Römer 13,8-14 am 1. Advent

Heute, liebe Gemeinde, beginnt die Adventszeit. Jetzt ist der Tag, jetzt ist die Stunde - aber wofür eigentlich? Der Tag, die Stunde, um in Advents- und Weihnachtsstimmung zu kommen? Um zur Ruhe zu kommen, um Kraft zu schöpfen für die anstrengenden Wochen bis Weihnachten? Ja, auch das! Und doch - es geht um viel mehr!    Die Adventszeit ist in der Tradition der Kirche eine Zeit der Umkehr und der inneren Vorbereitung auf ein großes Christusfest. Es ist eine Zeit der Umkehr, der Buße, wie es früher hieß. Jetzt ist darum der Tag, die Stunde für einen Neuanfang. Für einen Neuanfang, nach dem wir uns im Stillen wohl alle sehnen. Die Sehnsucht nach neuem Sinn, nach neuem Halt ist lebendig in uns, die Sehnsucht nach Gotteserfahrung, die Sehn¬sucht nach dem Kommen Gottes, dem Kommen seines Heils. Wieder ganz neu mit dem Anfang beginnen: darum geht es im Advent. Dazu ist jetzt der Tag, dazu ist jetzt die Stunde.   
Dieses “Jetzt” beschreibt der Apostel Paulus eindrucksvoll im 13. Kapitel des Römerbriefes:

Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.Denn was da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zu-sam¬mengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.Und das lasst uns tun als solche, die die Zeit verstehen, nämlich dass die Stunde für euch schon da ist, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn jetzt ist uns die Rettung näher als zu der Zeit, in der wir gläubig wurden.Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist nahe gekommen.Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis, anziehen aber die Waffen des Lichtes.Lasst uns anständig wandeln wie am Tage, nicht in Ess- und Trinkgelagen, nicht in sexuellen Ausschweifungen und Zügellosigkeiten, nicht in Streit und Eifersucht.Sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt nicht so für das Fleisch, dass ihr den Begierden verfallt.

Ob die Stunde, von der Paulus schreibt, unsere Stunde ist? Ob der Standort, den er den Christen damals in Rom zutraut, unser Standort ist? Wo stehen wir eigentlich?

Gewiss, jede und jeder steht an einem eigenen Ort. Wir stehen familiär unterschiedlich da, gesundheitlich, beruflich, finanziell usw. Aber bei all diesen Unterschieden gibt es auch so etwas wie ein gemeinsames Menschengeschick. Wo stehen wir? Wir stehen zwischen Totensonntag und Weihnachten. Das ist nicht nur eine Zeitangabe im kirchlichen Kalender. Diese Zeitangabe sagt etwas Grundsätzliches aus über unser Leben. Wir leben zwischen Geburt und Tod, zwischen Trauer und Freude, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen Tag und Nacht. Wirklich angekommen sind wir nie. Immer wieder erleben wir Wechselbäder. Wir stehen irgendwie immer dazwischen.   
    Das hat seinen Grund in der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Gott hat der Zeit seinen Stempel aufgedrückt. Gott hat uns hineingestellt in die Zeit zwischen dem ersten Kommen Jesu damals zu Weihnachten und seinem zweiten Kommen am Ende der Tage. Mit Jesus ist sein Licht in die Welt gekommen. Aber das Dunkel der Welt dauert an. Es besteht fort bis zu seinem zweiten Kommen. Dann erst wird er die Welt von allem Dun¬kel heilen. Bis dahin stehen wir immer dazwischen, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Tag und Nacht, zwischen den Zeiten. Das gehört zu unserem Menschsein dazu.
    Aber glücklicherweise ist das nur die halbe Wahrheit. Gott hat nicht nur der Zeit seinen Stempel aufgedrückt. Er hat auch uns allen, die wir getauft sind, seinen Stempel aufgedrückt, den Stempel Christi. Und der lässt sich nicht abwaschen. Wir tragen den Christus-Stempel an Leib, Seele und Geist. So haben wir durch die Taufe einen neuen Standort bekommen, einen  Standort, der nicht irgendwo dazwischen ist, sondern klar und  eindeutig. Durch die Taufe sind wir in Christus. Das ist unser Platz. Da stehen wir nicht mehr zwischen allen Stühlen. In Christus sind wir nicht länger diesem ewigen Hin und Her zwischen Freude und Trauer, Hoffnung und Resignation, Licht und Finsternis unterworfen.    Christus ist das Licht. In Ihm ist schon entschieden, dass unsere Rettung unaufhaltsam näher kommt. Der Apostel Paulus sagt es so: Denn jetzt ist unsere Rettung näher als zu der Zeit, da wir gläubig geworden sind. Der Tag, an dem Christus uns ganz bestimmen wird, der Tag; an dem wir sein werden wie die Träumenden und unser Mund voll Lachens sein wird, rückt näher. Der Tag rückt näher, Christus kommt. Sein helles, klares Licht leuchtet schon jetzt. Unscheinbar vielleicht, wie die eine Adventskerze hier in dieser großen Kirche. Aber sie leuchtet - so wie das helle, klare Licht des kommenden Christus. Dafür steht der Advent.
    Wie kann es uns gelingen, ganz in Christus zu sein, uns sozusagen in Ihm niederzulassen? Uns niederzulassen an diesem eindeutigen, lichten Ort, den wir durch die Taufe schon längst zugewiesen bekommen haben? Paulus sagt: In Christus lassen wir uns nieder, wenn wir Ihn anziehen: wenn wir die alten Kleider ablegen und Ihn, Christus, wie ein neues Kleid anziehen. Mit unseren alten Kleidern sind wir allenfalls modisch angezogen. Damit passen wir uns dem Geist der Zeit an, der schon bald wieder verblassen wird. Mit dem Kleid Christi aber machen wir auf Dauer Staat. Mit dem Kleid Christi können wir uns sehen lassen, vor Gott und vor einander.
    Christus anziehen: das ist unsere Aufgabe als Getaufte. Wie dieses Kleid aussieht? Adventlich durch und durch! Wir kehren um und machen uns auf einen neuen Weg: den Weg Christus entgegen; den Weg zur Krippe, zum Heiland der Welt.
    Umkehren und Christus entgegengehen: das ist es, was die Stunde geschlagen hat. Die Stunde ist für euch schon da, aus dem Schlaf aufzuwachen! Das Motto der Stunde heißt darum: Lasst uns die Werke der Finsternis ablegen, die Waffen des Lichtes aber anziehen. Die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichtes anziehen: das ist es, was Paulus mit “Christus anziehen” meint.
    Paulus zählt einige “Werke der Finsternis”, Beispiele für die unschönen Dinge, die Menschen tun. Fress- und Saufgelage nennt er, sexuelle Ausschweifungen und Zügellosigkeit, Eifersucht und Streit. Die ganze Reihe aber stellt er unter die Überschrift: für das Fleisch sorgen und so den Begierden verfallen. Was Paulus damit meint, heißt heute: für sich selbst sorgen, Fürsorge für das eigene Ich. Wo das zum wichtigsten Lebensinhalt wird, wo das zum Sinn des Lebens wird, da herrscht dunkelste Nacht.
    Wir könnten wahrscheinlich alle problemlos weitere und vielleicht auch ganz andere Beispiele für solche “Werke der Finsternis” nennen. Adventliche Umkehr sieht allerdings nicht so aus, dass wir mit dem Finger auf andere zeigen und ihre Werke der Finsternis aufzählen. Adventlich verhalten wir uns erst dann, wenn wir erkennen, wo die Sorge für das eigene Ich zu unserem Lebensinhalt geworden ist! Und das dann ändern!
    Die Werke der Finsternis abzulegen ist die Voraussetzung dafür, um Christus anzuziehen. Und Christus anziehen heißt für Paulus nichts anderes als “die Waffen des Lichtes anzuziehen”. Das klingt militaristisch; aber Paulus denkt bei den “Waffen des Lichtes” nicht an feuerspeiende Brandbomben oder ähn¬liches, sondern an das Licht der Nächstenliebe. Christus anzuziehen, um dort anzukommen, wo wir durch die Taufe schon längst sind, heißt für ihn einfach: seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Nächstenliebe ist das schmückende Kleid, mit dem wir auf Dauer Staat machen können. Mit diesem Kleid können wir uns vor Gott und voreinander sehen lassen. Dieses Kleid leuchtet in hellen Farben. Es erzählt von Christus.
    Für den Fall, dass wir nicht so genau wissen, was es heißt, den Nächsten zu lieben, rät uns Paulus, das Alte Testament aufzuschlagen. Hier, in der Bibel der Juden, erhalten wir Hinweise in Sachen Nächstenliebe: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht begehren. Und auch die anderen Gebote sollen wir hören, zum Beispiel: “Du sollst den Fremdling in deiner Mitte nicht bedrücken. Er soll bei euch woh¬nen wie ein Einheimischer”. Oder: “Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.”
    So einfach ist es, Christus anzuziehen! Und oft doch so schwer! Schwer, weil uns die Probleme unseres eigenen Lebens so oft ganz in Beschlag nehmen. Schwer, weil wir uns in unserem Innersten immer wieder gegen die Zumutung wehren, die Christus bedeutet. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens: in der Familie vielleicht, im Beruf, in den Hobbies oder auch in den Sternen. Die christliche Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn aber schieben wir gerne weg. Sie heißt: Christus anziehen und den Nächsten lieben. Diese Antwort auf den Sinn des Lebens scheint uns mehr zuzumuten, als wir oft tragen zu können meinen. Aber es ist gar nicht so, dass wir das aus uns selbst heraus leisten müssten. Wir sind schon längst geliebt. Christus hat uns zuerst geliebt - damit wir seine Liebe weitergeben.
    Paulus gibt uns damit eine hochaktuelle Antwort auf die Frage, wo wir stehen. Es gibt so viel Hass unter uns, den heute viele in unerträglicher Weise herausschreien. Und gleichzeitig gibt es so viel lähmende Angst, das Falsche zu sagen und dafür angegriffen zu werden. Angst aber ist nicht in der Liebe. Genauso wenig wie Hass. Liebe ist eine Macht, die beides überwinden kann, Hass und Angst. Wenigstens wir Christen sollten da nicht mitmachen. Wir sollen Christus anziehen, wir sollen die Liebe anziehen: die Liebe, die Hass und Angst überwindet und Gräben zwischen Menschen überbrückt.
    Das ist unser Standort als Christinnen und Christen: in Christus. Seine Liebe sollen wir in unsere Häuser, unseren Ort, unsere Gesellschaft hinaustragen. Wenn wir das tun, sitzen wir nicht länger zwischen den Stühlen von Liebe und Hass, Trauer und Freude, Hoffnung und Resignation. Dieses Dazwischen ist das Kennzeichen einer Welt ohne Christus. In Christus ist nur noch Raum für das Licht des neuen Tages, das Licht der Liebe. Das ist manchmal ein Kampf - nicht umsonst spricht Paulus von den Waffen des Lichts. Wir sollen dafür kämpfen, dass sich die Liebe durchsetzt, in unserem eigenen Leben und um uns herum.
      Der Advent ist eine Zeit der Umkehr, eine Zeit des Neuanfangs. Er bietet uns die Gelegenheit, uns neu sagen zu lassen, was der Sinn unseres Lebens ist: nämlich Christus anzuziehen und mit ihm das Licht der Liebe. Lasst uns darum die Werke der Finsternis ablegen und anziehen die Waffen des Lichts. Denn die Nacht ist vorgerückt und der Tag ist nicht mehr fern!

Amen.