Predigt 4. August, Rolf Noormann

Predigt zu Johannes 6,30-35 (7. Sonntag nach Trinitatis)

Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in einem sehr langen Kapitel im Johannes-evangelium. Am Anfang wird erzählt, wie Jesus einer großen Menge Menschen mitten in der Einöde zu essen gibt, obwohl seine Jünger und er eigentlich kaum etwas dabei haben. Die Leute sind so begeistert, dass sie Jesus am nächsten Tag gleich wieder suchen. Ganz überzeugt sind sie allerdings noch nicht. Sie haben noch Fragen. Darum geht es in unserem heutigen Text. Ich lese aus Johannes 6:

Da sprachen die Juden zu Jesus:
“Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
Unsere Väter haben in der Wüste das Manna gegessen,
wie geschrieben steht:
“Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.’”
Da sprach Jesus zu ihnen: “Wahrlich, wahrlich ich sage
euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben,
sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel herabkommt
und gibt der Welt Leben.”
Da sprachen sie zu ihm:
“Herr, gib uns allezeit solches Brot.”
Jesus aber sprach zu ihnen:
“Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, den wir nicht hungern;
und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.”

Leben satt - wer hätte das nicht gern, liebe Gemeinde? Leben in Hülle und Fülle: keinen Hunger, keinen Durst, keine unerfüllten Sehnsüchte, keine schmerzhaften Defizite. Leben im Überfluss. Unsere moderne Gesellschaft ist diesem Traum schon sehr nahe gekommen. Die meisten von uns leben im Wohlstand, ja im Überfluss. Viele von uns haben mehr, als sie brauchen, viel mehr. Leben in Hülle und Fülle. Davon konnten die Menschen damals, zur Zeit des Johannesevangeliums, nur träumen. Aber je näher wir der Erfüllung dieses Traums kommen, desto stärker wachsen auch die Sehnsüchte, so scheint es. Wir müssen feststellen: Das Glück wächst nicht mit mit dem Wohlstand; es scheint eher zu schrumpfen.
    “Du brauchst mir nichts zu schenken, ich hab’ doch schon alles”, so sagen manche, wenn wieder ‘mal ein Fest vor der Tür steht. Ehrlich gesagt, empfinde ich manchmal auch so. Trotzdem gefällt mir der Satz nicht: ‘Ich hab doch schon alles, ich brauche keine Geschenke.’ Kann es sein, dass ich ärmer werde, wenn ich alles habe? Unfähig, mir noch etwas schenken zu lassen, geschweige denn, mich darüber zu freuen wie ein Kind? Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die Freude über ein frisches Weißbrot am Samstag, über Obst und Nüsse zu Nikolaus, über einen neuen Mantel. Die Jüngeren kennen das kaum noch.
    Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Was sollen wir mit einem solchen Angebot anfangen, wir, die wir Hunger und Durst kaum noch kennen? Brot des Lebens? Brauchen wir nicht! Wir haben doch schon alles! Sollen wir Jesus wegschicken mit seiner Predigt in ärmere Regionen der Welt, wo die Menschen ihn besser verstehen als wir hier?

Die Leute, mit denen Jesus sich in unserem Text unterhält, haben eine tolle Geschichte mit ihm erlebt. Die Menge war Jesus in eine öde Gegend gefolgt, weil sie auf Heilung für ihre Kranken hofften und Wunder sehen wollten. Jesus aber hatte ihnen zu essen gegeben, Brot und Fisch ohne Ende. Dabei hatte er kaum etwas dabei gehabt, kaum Geld und noch weniger Brot. Tolle Sache. Am Ende waren sie nicht nur alle satt, sondern auch restlos begeistert. So begeistert, dass sie Jesus gleich zum König machen wollten: zum Brotkönig. Einer, der ihnen gibt, was sie brauchen, einfach so, ohne Bezahlung oder Vorbedingungen, begegnet ihnen nicht so oft. Den wollen sie gern festhalten. Dann wird es ihnen gut gehen. Mit so einem König sind sie auf der sicheren Seite.
    Die Leute waren immer schon leicht zu verführen. Brot und Spiele, das hat zu allen Zeit funktioniert. Es ist erschreckend, wie schnell Menschen zu Hoffnungsträgern werden können. Ängste und Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen gibt es immer. Wenn Politiker den richtigen Ton treffen, laufen ihnen nur allzu leicht die Scharen hinterher, auch heute. Da müssen sie noch gar nicht viel geleistet haben.

Jesus durchschaut die Verführbarkeit der Menschen. Die Rolle des Heilsbringers, dem die Menschen zu Füßen liegen, weil er sie satt gemacht hat, nimmt er nicht an. Er lässt sich nicht zum Brotkönig machen. Stattdessen zieht er sich zurück auf einen einsamen Berg.
    Aber so schnell geben die Leute nicht auf. Am nächsten Tag machen sie sich auf die Suche nach ihm. Sie wollen mehr von ihm hören, mehr sehen. Offenbar sind sie auf den Geschmack gekommen. Sie sagen zu Jesus: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Die Leute wollen ein Zeichen sehen, damit sie sehen und glauben können. Das wunderbare Mahl am Vortag ist ihnen nicht genug. Sie wollen noch Größeres sehen. Und sie haben ja recht. So eine wundersame Brotvermehrung mag eine tolle Sache sein, aber das war gestern. Heute haben sie schon wieder Hunger. Hunger nach Brot oder nach dem nächsten Wunder, dem nächsten Event. So leicht sind wir Menschen nicht satt zu kriegen. So schnell wir manchmal zu begeistern sind, so schnell lässt die Begeisterung dann auch wieder nach. Die Menge muss immer wieder neu gefüttert werden, sonst bröckelt der Anhang rasch wieder.
    Jesus versteht das gut. Er versteht, dass die Menschen mehr brauchen als eine wunderbare Mahlzeit. Er weiß: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es gibt noch einen anderen Hunger, der viel schwerer zu stillen ist als mit einem Brotwunder: der Hunger nach Leben. Da reichen Brot und Fische nicht aus. Da reichen auch all die Dinge nicht aus, mit denen wir uns umgeben, Autos, Kleidung, Computerspiele und vieles mehr. Selbst das Manna damals in der Wüste, an das die Leute Jesus erinnern, reichte dafür nicht aus. So wichtig das Brot auch sein mag, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die Leute sagen zu Jesus: ‘Das mit dem Brot gestern war eine tolle Sache, aber es war doch nur Brot, wie wir es auch beim Bäcker kaufen könnten. Mose hat unsern Vätern mehr gegeben, Brot vom Himmel. Was hast Du, Jesus, uns zu bieten?’
    Was hat Jesus zu bieten? Welches Wunder-Zeichen tut er? Was bewirkt er? Das sind provozierende Fragen. Eigentlich ganz moderne Fragen: Wir wollen etwas sehen! Handfeste Beweise. Dann können und wollen wir glauben, sonst nicht.
    Jesus lässt sich auf die Herausforderung ein, aber er tut es wie immer auf seine Art. Er sagt: ‘Ich bin das Brot des Lebens, das wahre Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, das Brot, das Gott gibt.’ Wer ihn fragt, was er zu bieten hat, bekommt eine einfache Antwort: sich selbst. Jesus bietet sich selbst an, den Leuten damals und uns heute. Er ist das Brot des Lebens. Er gibt sich selbst jedem, der zu ihm kommt und an ihn glaubt.
    Eine einfache, schöne Antwort. Allerdings ist sie nicht so ganz einfach zu verstehen. Je länger die Leute mit Jesus reden, desto schwieriger wird es. Sie stellen immer neue Fragen, Jesus gibt immer neue Antworten, aber die Ratlosigkeit nimmt zu. Wie kann er ihnen denn sich selbst geben? Und was bekommen sie, wenn sie Jesus bekommen? Die Antwort Jesu bleibt immer die gleiche: Ich bin das Leben, und Du kannst es bekommen. Wenn Du zu mir kommst und mir vertraust.
    Was bekomme ich, wenn ich zu Jesus gehe? Was will, was kann er mir, kann er uns geben? Er gibt uns das Leben, neues Leben. Das, wofür bei uns Taufe und Abendmahl stehen.
    Die Taufe ist so etwas wie die Eintrittskarte: Wer getauft ist, gehört dazu. So haben wir es zu Beginn im Wochenspruch gehört: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Die Taufe macht uns zu Gottes Mitbewohnern. Eine bessere Wohngemeinschaft kann man sich wohl kaum vorstellen. Kein Abstand mehr und keine Angst. Freier Zugang zu Gott. Wer getauft ist, darf zu Gott “Abba, lieber Vater” sagen. Er kann zu ihm kommen, jederzeit, mit allem. Größere Nähe geht nicht.
    Im Abendmahl gibt Jesus uns teil an seinem eigenen Leben. Er gibt sich uns selbst. Er schenkt uns Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und Gemeinschaft untereinander. Im Kern geht es um den Frieden. Frieden war und ist lebenswichtig, im Großen wie im Kleinen. Wenn zwischen Staaten Krieg herrscht, ist das ganze Leben bedroht. Wenn Menschen in der Familie, in der Schule oder im Geschäft keinen Frieden haben, geht ihr Leben kaputt. Und wenn ich mit mir selbst keinen Frieden habe, mache ich mir und anderen das Leben schwer. Wir brauchen Frieden, damit wir leben können: Frieden mit uns selbst, Frieden mit den anderen, Frieden mit Gott. Wir brauchen Vergebung und Gemeinschaft. Das brauchen wir heute genauso dringend wie die Menschen zu anderen Zeiten.
    Diesen Frieden will Jesus uns geben. Darum geht es im Abendmahl: dass ich loswerde, was mir und anderen das Leben schwer macht, Sünde und Schuld, Missgunst und Hader; dass ich Frieden finde mit Gott und wieder fröhlich und frei leben kann als sein Hausgenosse; dass ich Frieden finde mit mir selbst, mit meinem Leben, mit meinen Fehlern und  Schwächen, mit dem, was gelungen ist, und auch mit dem, was misslungen ist; und dass wir in Frieden miteinander leben können, dass wir einander verzeihen können und uns gegenseitig so annehmen können, wie wir nun einmal sind. Wir erwarten oft sehr viel voneinander: Liebe und Vertrauen, Zuverlässigkeit und Halt. Wir wünschen uns das, ja, wir brauchen das. Aber wir können es nur bekommen, wenn wir verzeihen können, uns selbst und anderen. Wir sind ja nur Menschen und darum ständig in Gefahr, uns selbst und andere zu überfordern.

Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Wir sehnen uns nach Leben. Jesus will es uns geben. In Brot und Kelch. Im Glauben und Vertrauen. Nehmen wir es an! Amen.