18. August 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Philipper 3,4b-9

Liebe Gemeinde,

wie bekomme ich die Anerkennung, nach der ich mich sehne, die ich brauche? Wie finde ich die Wertschätzung, die viele heute für so wichtig halten? Wie bekomme ich die Achtung, die mir das Gefühl gibt, ein angesehener und wertvoller Mensch zu sein?
    Auch wenn diese Fragen meist nicht so direkt gestellt werden, beschäftigen sie uns wohl alle. Als Menschen sind wir darauf angewiesen, dass andere uns achten, dass andere uns mögen. Wir alle sind mit der Frage beschäftigt: Wie bekomme ich genug Liebe, damit ich leben kann? Als Menschen leben wir nicht bloß von Arbeit und Brot, so wichtig die auch sein mögen. Wir leben davon, dass andere uns schätzen und achten.
    Bei Kindern ist das am deutlichsten zu sehen. Kleine Kinder brauchen Zuwendung, brauchen Liebe. Wenn Eltern ihre Kinder nur füttern und pflegen würden, ihnen aber alle freundliche Zuwendung, alles Lächeln und alle Ansprache vorenthalten würden, würden ihre Kinder eingehen. Auch größere Kinder brauchen Anerkennung und Zuwendung, damit sie sich entfalten können. Nur wenn Sie als Eltern Ihren Kindern etwas zutrauen, können sie sich entwickeln. Nur wenn Sie sie loben, sie immer wieder ermutigen, können sie zu selbstbewussten, starken und lebensfrohen Menschen werden. Und das Wichtigste dabei ist: Ihre Kinder wollen sich Ihre Anerkennung nicht verdienen müssen. Wie sollte sich ein Baby die Liebe seiner Eltern verdienen können? Zuwendung und Liebe, Anerkennung und Wertschätzung müssen den Kindern geschenkt werden. Nur so können sie einen eigenen Weg ins Leben finden. Auch wenn sie größer sind und sich mit eigenen Leistungen Anerkennung auch verdienen können, bleiben sie auf diesen Vertrauensvorschuss ihrer Eltern angewiesen.
    Und wie ist das bei uns Erwachsenen? Wenn ich an die Beziehung denke, die für viele von uns am wichtigsten ist, die Beziehung zu unserem Partner, zu unserer Partnerin, dann ist es wohl genauso. Ich jedenfalls möchte mir die Liebe meiner Frau nicht verdienen müssen. Ich wünsche mir, dass sie mich so liebt, wie ich bin. Ja, ich wünsche mir, dass sie mich liebt, weil und auch obwohl ich so bin, wie ich bin. Ich vermute, den meisten von Ihnen geht es genauso. Als Ehepartner wollen wir nicht aufgrund unserer beruflichen Leistungen, nicht wegen unseres Einkommens oder unserer Schönheit geliebt werden. Wenn der Partner, die Partnerin auch das an mir schätzt, ist das natürlich nicht schlimm, aber es darf nicht das erste und nicht das einzige sein. Warum ist das so? Ich denke, wir alle wissen oder ahnen instinktiv, dass Liebe und Anerkennung, die wir uns verdienen müssen, auf wackeligen Beinen stehen. Eigentlich merkwürdig. Eigentlich könnte ich mich doch freuen, wenn es auf meine Leistung ankommt, wie sehr ich geliebt und geachtet werde. Denn dann habe ich es doch selbst in der Hand. Meine Leistung kann ich schließlich steuern; viel besser jedenfalls als meine Persönlichkeit, mein Wesen. Trotzdem wollen sich die meisten von uns die Liebe, die Anerkennung ihres Partners, ihrer Partnerin nicht verdienen müssen, sondern wollen sie geschenkt bekommen. Vielleicht liegt es daran, dass wir unserer eigenen Leistungsfähigkeit am Ende doch nicht so recht trauen, allen bisherigen Erfolgen und allem Selbstbewusstsein zum Trotz.
    Wenn das bei Kindern so ist und in der Beziehung zu dem Menschen, der mir am wichtigsten ist, sollte das dann nicht auch sonst im Leben gelten? Kann es sein, dass sonst im Leben ganz andere Regeln gelten? Ja, natürlich, dass kann nicht bloß so sein, dass ist auch so. Es gibt viele Bereiche, in denen ich mir Anerkennung und Achtung verdienen muss. Im Sport ist das oft so, meist auch im Beruf. Es ist ja auch tatsächlich etwas Schönes, wenn ich einen tollen Beruf habe und damit vielleicht auch ein gutes Einkommen verdienen kann. Und wenn ich erfolgreich genug bin, und sei es nur in meinem speziellen Bereich, gewinne ich damit vielleicht auch Anerkennung, wenn auch oft nur von anderen Spezialisten (z.B. bei meiner Doktorarbeit). Auch diese Form der Anerkennung kann sehr wohltuend sein. Sie hat allerdings ein paar Haken.
    Der erste Haken liegt wohl in der menschlichen Natur: So sehr wir uns alle nach Anerkennung und Wertschätzung sehnen, so geizig sind viele von uns, wenn es darum geht, anderen Anerkennung zu zeigen. Nicht umsonst ist das heute in vielen Managerkursen ein Thema: Zeige deinen Mitarbeitenden Anerkennung und Wertschätzung, dann arbeiten sie nicht nur lieber, sondern auch besser und erfolgreicher. Der zweite Haken ist der: Die Mehrzahl kann gar nichts Überdurchschnittliches leisten - sonst wäre es ja nicht überdurchschnittlich. Wenn ich nur dann Anerkennung finde, weil ich mehr leiste als (viele) andere, heißt das automatisch: viele bleiben dabei auf der Strecke. Und die Sache hat noch einen dritten Haken: Ich werde nicht immer so leistungsfähig sein, wie ich gerade bin. Irgendwann war ich über fünfzig und musste in der Zeitung lesen, dass ich nun auf dem Arbeitsmarkt zu den schwer vermittelbaren Menschen gehöre. Oder ich werde einfach langsamer und bin nicht mehr so gut wie früher, Jüngere übertrumpfen mich. Irgendwann komme ich vielleicht in Rente und bekomme für meine Arbeit gar keine Anerkennung mehr. Oder ich werde krank. Anerkennung, die ich mir verdienen muss, setzt mich permanent unter Leistungsdruck. Ich habe gar nichts gegen Leistung. Aber ich halte es für besser, dass ich etwas leisten kann, weil andere mir etwas zutrauen, als dass ich etwas leisten muss, damit ich die nötige Anerkennung bekomme. Das ist nicht nur gesünder, sondern am Ende vielleicht auch erfolgreicher.
    Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum ich das alles hier und heute erzähle. Ganz einfach: weil es für die Bibel ein ganz zentrales Thema ist. Vor allem im Neuen Testament geht es immer wieder um diese Frage: Wie finde ich die Anerkennung, die ich brauche, um mich als ein wertvoller und geachteter Mensch fühlen zu können? Der Apostel Paulus hat sich ein Leben lang mit dieser Frage beschäftigt. Paulus war einer, der Leistung sehr zu schätzen wusste. Und auch an Selbstbewusstsein hat es ihm nicht gefehlt. Im Vergleich mit den anderen Aposteln sagt er von sich: Ich habe mehr gearbeitet als sie alle! Paulus ist überzeugt: Wenn sich einer durch Leistung Anerkennung verdienen kann, dann er. In einem seiner Briefe, dem Brief an die Philipper, schreibt er:
Wenn ein anderer meint, er könne sich aufs Fleisch verlassen - ich noch viel mehr: beschnitten am achten Tag, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern;
nach dem Gesetz ein besonders Getreuer,
nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde,
nach der Gerechtigkeit, die im Gesetz zu finden ist, untadelig.
Mit anderen Worten: Wenn jemand glaubt, er könne sich auf seine Herkunft und auf seine persönliche Leistung verlassen, dann kann er, Paulus, es erst recht. Wenn das der beste Weg im Leben wäre, dann wäre er ganz vorne mit dabei. Nicht nur, dass er auf eine tadellose Herkunft verweisen kann, das auch. Vor allem hat er eine 1a Leistungsbilanz aufzuweisen, vor allem in dem Bereich, auf den es ihm besonders ankommt: in der Religion. Wenn es je einen Menschen gegeben hat, der so gelebt hat, wie Gott es von uns Menschen erwartet, dann er. Er hat die Gebote, die Gott den Menschen gegeben hat, allesamt beachtet. Er hat ein anständiges und rechtschaffenes Leben geführt. Er muss sich von niemandem Vorwürfe machen lassen.
    So sieht Paulus sein früheres Leben. Tadellos. Und doch hat er sein Leben radikal geändert. Nicht, weil er nicht zufrieden gewesen wäre; nicht weil es bis dahin nicht funktioniert hätte, sondern weil Gott selbst sich ihm in den Weg gestellt hat. Paulus hatte eine ganz besondere Begegnung mit Christus, die dazu geführt hat, dass er sein ganzes bisheriges Lebenskonzept über den Haufen geworfen hat. Was ist passiert? In heutiger Sprache würde man sagen: Paulus hat eine Erscheinung gehabt. Eine Erscheinung, die ihn umgehauen hat. Tagelang war er von einer Art Schockstarre befallen. Und als er dann wieder handlungsfähig war, war er ihm klar: Er muss sein Leben ändern. Er möchte jetzt zuerst und vor allem zu Christus gehören. Alles andere kommt danach. Er schreibt dazu:
Aber: was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gehalten.
Ja, ich halte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Jesu Christi, meines Herrn.
Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden,    
und ich halte es für Dreck,
damit ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde,
dass ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz (kommt), sondern die durch den Glauben an Christus kommt,
nämlich die Gerechtigkeit, die aus Gott (kommt),
aufgrund des Glaubens.
Wenn Paulus von Gerechtigkeit spricht, dann meint er damit nicht zuletzt das, was ich eben Anerkennung genannt habe. Paulus war überzeugt, dass es für seine Anerkennung vor allem darauf ankommt, was er selbst tut. Auch für die Anerkennung vor Gott, die ihm besonders wichtig war. Genau das war es ja, was ihn bis dahin zu so herausragenden Leistungen motiviert hatte. Er wollte so leben, wie es sich für einen Menschen gehört, der Gottes Wort ganz und gar ernst nimmt. Doch jetzt, durch seine Gottesbegegnung, ist ihm klar geworden, dass er dabei etwas missverstanden hat. Deshalb muss er sein Leben sozusagen noch einmal neu erfinden.
    Wer immerzu auf das schaut, was er zu tun hat, der ist auf eine Art permanent mit sich selbst beschäftigt. Der muss dauernd darauf sehen, was er schafft. Genau damit aber verfehlt er den Sinn seine Lebens. Und auch den Sinn der Gebote Gottes. Denn da geht es gar nicht um mich. Da geht es gar nicht darum, dass ich mich als gerecht erweise. Da geht es darum, dass getan wird, was nötig ist. Dass zum Beispiel diejenigen, die Hilfe brau¬chen, die nötige Unterstützung auch bekommen - in vielen Geboten geht es darum, wie wir miteinander umgehen. Dass wir darauf achten, dass niemand zu kurz kommt. Dass es in der Wirtschaft fair zugeht.
    Die Sache mit der Anerkennung ist ja ohnehin vertrackt: Solange ich mich immerzu anstrengen muss, um durch beeindruckende Leistungen die ersehnte Anerkennung zu finden, komme ich nicht heraus aus einem zermürbenden Hamsterradrennen. Vielleicht applaudiert ab und zu der eine oder die andere, aber instinktiv spüre ich: Der meint ja gar nicht mich selbst, der meint ja bloß die tolle Leistung, die schöne Show. Und was ist, wenn ich morgen ein bisschen langsamer laufe, ein bisschen weniger leiste? Wenn andere eine bessere Show bieten?
    Die Anerkennung, die Liebe, die wir wirklich brauchen, die können wir uns nicht verdienen, als Erwachsene sowenig wie als Kinder. Die können wir uns deshalb nicht verdienen, weil es echte Anerkennung nur geschenkt gibt. Nur wenn mir einer seine Liebe schenkt, gilt sie ja wirklich mir, mir als Person, unabhängig von meinen tollen Leistungen, unabhängig auch von meinen Fehlern und Schwächen. Paulus hat in seiner Begegnung mit Christus gelernt: Das, worauf es ankommt, gibt es nur geschenkt. In Christus schenkt uns Gott die Anerkennung, die Liebe, die wir brauchen. Gott liebt uns, jeden einzelnen von uns, noch bevor wir irgendetwas dazu beigetragen haben. Er liebt uns nicht, weil wir so großartige Menschen sind, sondern um uns zu großartigen Menschen zu machen.
    Es ist ja nicht so, dass wir nichts tun sollen, im Gegenteil. Wir dürfen und sollen etwas leisten, gern auch Großartiges. Aber nicht, um uns damit Anerkennung oder Liebe zu verdienen, sondern weil wir geliebt und anerkannt sind. Nicht damit wir selbst im Mittelpunkt stehen, sondern damit das, was nötig ist, auch getan wird. Dazu hat Gott uns das Leben geschenkt, dazu schenkt er es uns jeden Tag von neuem. Zum Beispiel, damit wir einander die Liebe und die Anerkennung schenken, die wir brauchen, ganz unabhängig davon, wer wir sind und was wir zu leisten vermögen. Wenn wir so miteinander umgehen, können wir uns gegenseitig stärken und ermutigen. So gestärkt und ermutigt können wir mit Freude das tun, wozu wir fähig sind und was den anderen nützt. Amen.