9. Dezember, Dr. Rolf Noormann

Predigt zu Jesaja 35,1-10 - 2. Advent 2018

Liebe Gemeinde,


der Predigttext für den heutigen 2. Advent steht beim Propheten Jesaja. Es ist einer der schönsten Hoffnungstexte der Bibel. Der Prophet Jesaja hält die Hoffnung wach, dass Veränderungen kommen werden, großartige Veränderungen. Gott selbst wird kommen; Er wird sein Volk befreien und alle Verletzungen heilen.

Ich lese aus Jesaja 35.
Die Wüste und Einöde wird frohlocken,
und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien.
Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. ...
Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN,
die Pracht unsres Gottes.
Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht!
Siehe, [da ist] euer Gott!
Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes.
Er selbst kommt und wird euch befreien!
Dann werden die Augen der Blinden aufgetan
und die Ohren der Tauben werden geöffnet.
Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch,
und die Zunge der Stummen wird frohlocken.
Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen
und Ströme in dürrem Lande.
Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen,
und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. ...
Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren werden nicht in die Irre gehen.
Es wird da keine Löwe sein und keine reißendes Tier darauf gehen;sie sind dort nicht zu finden,
sondern die Erlösten werden dort gehen.
Die vom HERRN Losgekauften werden wiederkommen
und nach Zion kommen mit Jauchzen;
ewige Freude wird über ihrem Haupte sein;
Freude und Wonne werden sie ergreifen,
und Schmerz und Seufzen werden entfliehen.

Die Hoffnungspredigt des Propheten Jesaja beginnt mit einem wunderbaren Bild: Die Wüste wird blühen! Die Wüste, das ist für die Bibel der Ort, an dem eigentlich kein Leben möglich ist. Wenn es kein Wasser gibt, wächst nichts. Und wo nichts wächst, können auch Menschen nicht leben. Im Nahen Osten, wo es viele Wüsten gibt, ist das eine sehr vertraute Erfahrung. Zu dieser Erfahrung gehört aber auch: Sobald es Wasser gibt, wird die Wüste zu einer blühenden Oase. Sobald Leben möglich wird, sprießt und sprosst es auch schon. Wer einmal in der Wüste unterwegs war, hat das wohl auch schon gesehen: Wie plötzlich mitten in der Wüste alles grünt und blüht, weil es eine Quelle oder einen Fluss gibt.

Die Wüste wird blühen. Für den Propheten ist die Wüste ein Bild für die aktuelle Situation des Volkes Israel, für die politische Lage. Viele Israeliten sind nicht mehr im Land. Leben ist kaum noch möglich. Die Menschen sind mutlos und matt geworden. In dieser Lage verkündet ihnen Jesaja: ‘Alles wird anders. Neues Leben wird möglich. Gott selbst wird sichtbar in Erscheinung treten. Wir werden seine Pracht und Herrlichkeit schauen: in dem, was Er tun wird.

Wir Menschen neigen ja manchmal zu Fatalismus, sehen keinen Ausweg mehr, verzweifeln an unserer Situation. Dann resignieren wird, geben jede Hoffnung auf Veränderung auf, ob das in der Familie ist, im Beruf oder in der Schule. ‘Die Streitereien in meiner Familie werden nie aufhören. Für mich gibt es einfach keine berufliche Perspektive. Mich mag keiner.’ So oder so ähnlich denken und reden wir manchmal. In der Bibel ist das anders. In der Bibel ist für Fatalismus und Resignation kein Platz. So schlimm eine Situation auch sein mag, sie muss nicht so bleiben, wie sie ist; Veränderung ist möglich. Veränderungen sind und bleiben möglich, weil Gott handelt. Gott lässt sein Volk nicht im Stich. Er gibt seine Geschöpfe nicht preis. Er wird eingreifen und alles Böse zum Guten wenden.

Diese Verheißung, diese Hoffnung gilt auch für uns heute. Auch wenn wir noch so viele Gründe haben mögen, an unserem Leben zu verzweifeln; auch wenn wir noch so viele Argumente dafür haben mögen, die Hoffnung für unsere Welt aufzugeben: die Bibel stellt das alles in Frage. So stark sind unsere Gründe und Argumente nie und nimmer, dass sie stärker wären als Gott selbst. Er kann alles wenden, und Er wird es tun. Das ist sein Versprechen.

Darum gibt der Prophet Jesaja seinen Hörern einen Auftrag: Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Siehe, [da ist] euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes. Er selbst kommt und wird euch befreien! Müde Hände, wankende Knie, verzagte Herzen: wer würde das nicht kennen? Wie schnell werden wir oft müde, mutlos und verzagt!

Und wie oft scheint es Gründe dafür zu geben, Gründe ohne Ende. Wie viele haben in den letzten Jahren den Eindruck, dass alles immer schlechter wird. Politiker kommen an die Macht, die man sich vor ein paar Jahren gar nicht hätte vorstellen können. Parteien sind auf dem Vormarsch, die den Leuten Angst einreden und damit Wählerstimmen gewinnen. In vielen Länder ist blinder Nationalismus wieder en vogue. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus haben vielfach wieder Hochkonjunktur. Schlichte, feindselige Parolen funktionieren immer. Wohl auch, weil sich nicht wenige abgehängt und vergessen fühlen auf dem Weg zu immer größerem Wohlstand. Auch bei uns gibt es das. Wenn wir nur auf diese Dinge schauen, haben wir tatsächlich Gründe genug, müde, verzagt und mutlos zu werden. Nur allzu leicht bestimmen solche und ähnliche Nachrichten unsere Sicht der Welt. Aber das ist ja nicht das ganze Bild. Es gibt auch Hoffnungszeichen. Es gibt auch die anderen, die sich einsetzen; die Probleme zu lösen versuchen; die für Recht und Gerechtigkeit eintreten. Was wir sehen oder hören, ist nie objektiv. Schon deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn wir zu Fatalismus und Resignation neigen.

Der Prophet Jesaja stellt eine solche negative und hoffnungslose Sicht der Welt und unseres Lebens grundsätzlich in Frage: Wer so denkt und redet, der rechnet nicht mit Gott. Jesaja hat geschaut, was Gott tun wird. Das macht ihm Mut. Darum predigt er so ermutigend. Und darum gibt er uns den Auftrag, denen Mut zu machen, die müde, verzagt und mutlos sind. Gott selbst wird auf den Plan treten und handeln. Er wird die Welt von Grund auf verwandeln.

Das Handeln Gottes, wie der Prophet es sieht, hat zwei Seiten: Vergeltung und Befreiung. Rache und Vergeltung sind nicht gerade schöne Begriffe. Mir wäre es lieber, die Bibel käme ohne solche harten Worte aus. Aber anscheinend geht das nicht, jedenfalls nicht immer. Anscheinend hat die Befreiung nur allzu oft auch diese Kehrseite. Erinnern wir uns an Auszug der Israeliten aus Ägypten. Mose geht zum Pharao und bittet: Lass mein Volk ziehen; wir wollen in die Wüste gehen, um unserem Gott zu dienen und vor Ihm zu feiern. Der Pharao aber lehnt dies ab, und nicht nur das: er lässt die Israeliten noch härter arbeiten als zuvor. Wer auf solche Ideen kommt, dem geht es offenbar noch viel zu gut. Dann folgen die Plagen, zehn an der Zahl: immer neue Einladungen an den Pharao, zur Einsicht zu kommen und das Volk Israel ziehen zu lassen. Der Pharao aber weigert sich. Bis zur letzten und schlimmsten Plage, bei der die Erstgeborenen in den ägyptischen Häusern getötet werden. Schlimm ist das, sehr schlimm. Doch alles andere hat nichts genützt. Erst danach ist Pharao bereit, die Israeliten ziehen zu lassen - nur um es sich wenig später doch wieder anders zu überlegen und ihnen mit seinem Heer nachzujagen. So ist auch sein Heer dem Untergang geweiht.

Gottes Gericht kommt nicht aus dem Nichts. Immer wieder betont die Bibel: Gott will die Umkehr des Sünders, nicht seinen Untergang. Doch wenn die Umkehr ausbleibt, wenn Unrecht und Gewalt kein Ende finden, dann wird Er eingreifen. Dann wird Er die Gewaltigen vom Thron stoßen und die Niedrigen erheben, wie es im Lobgesang der Maria heißt. Dann wird Er sein Volk befreien und dessen Feinde bestrafen. Gott ist parteiisch. Er steht auf der Seite derer, die um ihr Leben gebracht werden. Ihnen will er neues Leben ermöglichen. Des¬halb r¬um tritt er denen entgegen, die sie unterdrücken und sie um ihr Leben bringen.

Gott handelt. Er wird sein Volk aus aller Not befreien. Darum gibt es Grund zur Zuversicht. Darum gibt es Grund, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern aufzusehen und Ausschau zu halten nach dem, der da kommt. Wenn Er kommt, wird alles anders werden: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Was für eine Verheißung! Alle Verwundungen und Verletzungen sollen geheilt werden. Alle sollen ein gutes und unversehrtes Leben führen können. Erst dann ist die Befreiung vollkommen. In einem freien Land zu leben, ohne wirtschaftliche Not und ohne gravierende Bedrohungen von außen, das ist wunderbar; aber es ist noch lange nicht das Paradies. Menschen, die um ihr Leben betrogen werden, gibt es auch bei uns. Unrecht gibt es auch in einem freien Land: Gewalt in Familien; Benachteiligung im Beruf; Arbeitsbedingungen, die menschenunwürdig sind; Feindseligkeit gegenüber Fremden. Und auch das andere ist gibt es ja: körperliche und geistige Behinderungen; schwere Krankheiten; unzeitigen Tod. Von paradiesischen Zuständen sind wir trotz allem Wohlstand weit entfernt. Darum haben auch wir allen Grund, den Advent zu begehen; uns zu erinnern an die Hoffnung, die wir haben dürfen; uns gegenseitig zu stärken und zu ermutigen in der Hoffnung, dass Gott kommt und tatsächlich aller Not ein Ende setzen wird.

Wenn Gott kommt und handelt, dann wird es einen neuen Weg geben, einen heiligen Weg: eine gut gebahnte Strasse für alle, die auf dem Weg des Lebens und der Freiheit sind. Im Advent geht es darum, dass Wege gebahnt werden. In einem neueren Lied heißt es: ‘Bahnt einen Weg unserem Gott, der uns erlöst aus der Not.’ Es ist sicher gut, wenn wir uns darum bemühen, Gott nicht im Wege zu stehen. Aber dass es uns gelingen sollte, Ihm den Weg zu bahnen, ist wohl doch eine zu hohe Erwartung. Er muss uns den Weg bahnen, die Hindernisse aus dem Weg räumen, die wir Menschen aufgebaut haben und einander immer wieder in den Weg stellen. Und auch die Hindernisse, die wir Ihm in den Weg stellen. Nur wenn er den Weg bahnt, gibt es für uns einen guten Weg. Die Bibel sagt nicht: Es geht immer irgendwie weiter. Sie sagt nicht: Einen Ausweg gibt es immer. Die Bibel sagt: Gott eröffnet uns neue Wege.

Der Weg, den Gott bahnen wird, wird ein Weg des Lebens und der Freiheit sein. Der Prophet sagt: Auf diesem Weg werden die gehen, die Gott erlöst hat, die er freigekauft hat, mit anderen Worten: die er selbst herausgerissen hat aus allen ihren Bedrängnissen. Jesaja hat dabei zuerst und vor allem politische Befreiung im Blick. Es geht darum, dass die Israeliten wieder in ihr Land und nach Jerusalem zurückkehren können. Aber sein Horizont reicht weiter: alles, was das Leben der Erlösten zuvor beeinträchtigt hat, soll und wird überwunden werden. Auch Blinde und Taube, Stumme und Lahme sollen geheilt werden. Niemand wird übersehen werden. Niemand wird zu kurz kommen.

Ja, und dann wird gefeiert: Die vom HERRN Losgekauften werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen werden entfliehen. Zum Leben gehören auch die Feste und das Feiern. Da waren wir Evangelischen wohl lange etwas zu preußisch-diszipliniert und sind es vielleicht immer noch. Wenn ich biblische Hoffnungstexte lesen, fällt mir das immer wieder auf: Da freuen sich die Menschen und jauchzen, es wird Freude und Wonne geben ohne Ende, da wird gefeiert! Da werden sich alle Schmerzen und alles Seufzen und Klagen auf die Flucht machen: für sie ist einfach kein Platz mehr!

Darum lasst uns die müden Hände stärken und die wankenden Knie festmachen. Lasst uns den verzagten Herzen sagen: Seid getrost, fürchtet euch nicht. Denn Er, unser Gott, kommt: Er. der Heil und Leben mit sich bringt, der all unsre Not zum Ende bringt. Darum lasst uns Ihn loben und einander stärken in unserer Hoffnung, dass wir nicht resignieren, sondern uns mit hineinnehmen lassen in sein Handeln.
Amen.

Pfr. Rolf Noormann