6. Januar 2019 - Strunk

Predigt zur Jahreslosung 2019: „Suche Frieden und jage ihm nach“ (Ps. 34,15)

Liebe Gemeinde,

die Jahreslosung für 2019 ist einen Psalm entnommen, dem Psalm 34: „Suche Frieden und jage ihm nach“. Lassen Sie uns darüber ein wenig nachdenken: Suche Frieden und jage ihm nach!

In der Mitte des Satzes steht das Wort ‚Frieden‘. Ein Allerweltswort, bekanntlich. Wer wäre nicht für Frieden? Auch wer sich bis an die Zähne bewaffnet und in versteckten unterirdischen Labors an Atombomben bastelt, wird immer behaupten, nichts anderes als den Frieden zu wollen. Das Wort hat eben einen guten Klang. Es darf sich allgemeiner Zustimmung erfreuen. Kein Mensch hat etwas gegen Frieden. Bloß – die Welt wird anscheinend nicht friedlicher deswegen. Nirgendwo.

Da werden wir gut tun, als Christenmenschen und in einem Gottesdienst einen Blick nach rückwärts zu richten, auf das kürzlich gefeierte Weihnachten. Und über dem Christfest steht der Gesang der Engel: ‚Friede auf Erden…‘ und die Botschaft von einem, der kommen und alles verändern soll: der ‚Friedefürst‘. Der es zustande bringt, Schwerter umzuschmieden in Pflugscharen und blutige Soldatenmäntel zu verbrennen, also allem Krieg die Mittel zu entziehen. Wir sind Christen, wenn diesen verheißenen Friedefürsten, der sich so grundlegend unterscheidet von allen Gewaltfürsten, allen Kriegsfürsten; - wenn wir den Friedefürsten in dem Menschen Jesus Christus erkennen. Wir können deshalb sagen: Für uns Christen ist der Frieden kein Phantasiegebilde und kein schöner Schein. Für uns hat der Friede ein Gesicht: das Antlitz des Gekreuzigten. Und ebenso hat der Friede einen Inhalt: die Botschaft des Evangeliums.

Theoretisch ist uns das klar. Aber praktisch? Haben wir in unserer doch bestimmt ehrlichen Hochschätzung Christi; haben wir wirklich mit diesem Christus den Frieden gelernt? Und sind, wie er das in seinen Seligpreisungen genannt hat, zu ‚Friedensstiftern‘ geworden, zu Anwälten und zu Agenten des Friedens?

Ja, manchmal wahrscheinlich schon. Wenn wir bei einem Streit in der Familie oder am Arbeitsplatz nachgegeben haben. Nicht aus Schwäche oder Feigheit nachge-geben, sondern im Interesse einer Verständigung und des Friedens. Das Verrückte ist ja, dass ein Nachgeben gern als Schwäche ausgelegt wird. Der und der gibt nach, weil ihm der Mumm fehlt, sich durchzusetzen. Das bekannte Sprichwort lautet zwar: ‚Der Klügere gibt nach‘. Aber in unseren praktischen Lebensabläufen und im Alltag heißt es eher: ‚Der Schwächere gibt nach.‘ Und der Schwächere gilt dann als der Unterlegene, der verloren und eine Schlappe eingesteckt hat. Wieder mal. Und wer möchte schon der Unterlegene sein und als der Schwächere dastehen, weil er nachgegeben hat im Streit?

‚Suche Frieden und jage ihm nach.‘ Auf den ersten Blick und das erste Hören scheint da alles klar zu sein. Selbstverständlich soll man nach Frieden suchen, da gibt es keinen Widerspruch. Bloß, wie soll das vor sich gehen? In was für eine Richtung weist uns das? Schon antike Autoren haben vor vielen Jahrhunderten einen Satz geprägt, der seitdem unendlich oft wiederholt wurde. Er lautet: ‚Willst du Frieden, so rüste dich für den Krieg!‘ Mit anderen Worten: Mach dich stark! Und hüte dich, schwach zu erscheinen, so wirst du Knall und Fall ein Opfer der Stärkeren. Diese Parole hat Geltung behalten bis in gegenwärtige Rüstungs-wettläufe der Staaten hinein, die ja wieder neu befeuert werden. Man muss ein Bedrohungspotential aufbauen, militärische Macht demonstrieren, wodurch der Gegner seine Lust zum Angreifen verlieren soll. Schlüge er dann los, müsste er den Gegenschlag fürchten. Das hat durchaus seine Logik, aber es ist keine Logik des Friedens, sondern im Gegenteil: eine Logik der Friedlosigkeit. Wir sitzen alle auf einem mörderischen Pulverfass, sagt diese Botschaft; egal, an welcher Stelle die Lunte am Fass angezündet wird, es lässt und alle miteinander hochgehen, Freunde und Feinde. Also: Warnstufe I.

Suche Frieden und jage ihm nach. – Der Satz aus dem Psalm scheint in eine andere Richtung zu weisen. Eine völlig andere Richtung. Versuchen wir, diese Richtung etwas genauer in den Blick zu fassen.

Da steht erst einmal diese Empfehlung: ‚jage ihm nach‘. Jage dem Frieden nach. Erfahrungsgemäß sind wir Menschen immer dabei, irgendwelchen Dingen nachzu-jagen. Ein Jäger jagt dem flüchtigen Wild nach, das ist das Ursprüngliche, wir können auch sagen: das Archaische, weil unsere Urahnen Jäger und Nomaden waren. Jagdeifer war sozusagen lebensnotwendig. Aber die meisten Menschen jagen längst nicht mehr nach Hirschen oder Hasen, sondern nach Erfolg im Beruf, nach Anerkennung, nach saftigen Gewinnen, nach Luxus. In diesem Sinne ist unsere Gesellschaft durchaus eine Jagdgesellschaft geblieben, und jeder wird zu einem Spezialist auf seinem Gebiet. Ziel der Jagd und des Jagdeifers ist der eigene Vorteil, die erkennbare Überlegenheit gegenüber anderen. Das ist im Sport so, wo danach gejagt wird, der Größte und der Beste zu werden und die Trophäe zu gewinnen und im Applaus der Bewunderer zu baden. Und das ist auch in der Berufswelt und im Politischen nicht anders: Wir jagen, um zu gewinnen.

Wenn ich in den Psalm 34 hineinschaue, aus dem unsere Jahreslosung genommen ist, und zwar in den ganzen Psalm, dann mache ich eine überraschende Ent-deckung. Denn da ist zwei Verse zuvor vom ‚glücklichen Leben‘ die Rede. Was gehört zu einem glücklichen Leben? Und worauf sollte sich jemand konzentrieren, der den Wunsch nach einem glücklichen Leben hat? Wonach sollte er jagen? Nach Gewinnen aller Art? Nach Titeln und Ehren und nach Macht?

Schauen wir noch einmal zurück: Weihnachten haben wir gefeiert, das Christfest; und die Weihnachtsbotschaft – ob im Wortlaut des Evangeliums oder in den Versen und Melodien der alten Weihnachtslieder - ; diese Botschaft ist uns noch in den Ohren und vielleicht sogar im Herzen gegenwärtig. Der Friedefürst ist erschienen, und die Engel rufen ihren Friedenssegen aus über dem Feld von Bethlehem. Und die Hirten haben’s vernommen. Und was tun sie, nachdem sie’s vernommen haben? Sie jagen ihm nach, buchstäblich dem erschienenen Frieden auf Erden jagen sie nach und lassen ihre Herden zurück und brechen auf, das Kind in der Krippe zu suchen und vor ihm niederzuknien.

Eine schöne, alte Geschichte, unzählige Male in Krippenspielen erinnert, und es ist die Geschichte von einem Suchen und Jagen in die richtige Richtung. Denn die Hirten machen sich nicht auf die Jagd nach persönlichen Erfolgen und großen materiellen Gewinnen. Sie machen sich auf mit dem Ziel – ja, nun sehr erstaunlich – mit dem Ziel zu beten; beim Kind in der Krippe anzubeten. Beten aber bedeutet: im eigenen Herzen einen Raum frei und offen zu machen für Gott. Und er – Gott – er ist unser Friede. Christus ist unser Friede. Was von ihm hineinleuchtet in unser Herz, das macht uns nicht nervös und unruhig und setzt uns nicht unter Druck. Sondern es macht uns im besten Wortsinn zu-frieden, es erfüllt uns mit dem Frieden Gottes, der über alle Vernunft und über alle Welt hinaus ist. „Den Frieden lasse ich euch“, sagt der Christus im Joh.Evangelium (14,27), „meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ Nein, nicht wie die Welt, nämlich äußerlich, sondern in die Mitte unseres Lebens, ins Zentrum unserer Person hinein gibt Christus seinen Frieden. Den können wir nicht erjagen und erzwingen. Aber wir können ihn erhoffen und erbitten und dann auch erleben, dass er Entscheidendes verwandelt in uns. Denn im Frieden Christi werden wir neu, wie neugeboren, sagt Johannes; wie eine neue Schöpfung, sagt Paulus.

Die Welt um uns her wird dabei im Großen und Ganzen bleiben, wie sie war: ziemlich friedlos und zerstritten und mit einem großen Jagen beschäftigt, das im Zeichen zahlloser Eigeninteressen vor sich geht und nicht zum Stillstand und zur Ruhe kommen wird. Die Welt um uns her wird sich nicht schlagartig ändern, aber sie wird Gelegenheit haben, sich umzusehen. Umzusehen nämlich nach Menschen, die für sich und in sich einen Frieden gefunden haben, der tief hinabreicht bis auf den Grund ihrer Seele und hoch hinauf bis in den Himmel Gottes. Und wenn die Kinder der Welt klug sind, werden sie fragen: Was ist das für ein Friede, der in euch wohnt, und wie habt ihr ihn gefunden? Und die Kinder Gottes werden antworten: Wir haben ihn gefunden an Weihnachten und am Karfreitag und an Ostern. Denn Christus ist unser Friede, und mit ihm können wir ruhig leben alle Tage und alle Nächte und auch am Anfang eines neuen Jahres. #

Amen.

Dr. Reiner Strunk, Denkendorf