Predigt 3. März, Sabine Nollek

Predigt über Apostelgeschichte 16,6-15 durch Pfrn. Sabine Nollek

Liebe Gemeinde,

wer Entscheidungen treffen muss, ist nicht zu beneiden. Natürlich meine ich nicht die Entscheidung am Morgen, ob ich heute schwarze oder roten Socken anziehen will. Sondern die wesentlichen Entscheidungen, die Lebensentscheidungen. Wo klar ist, dass sich viel verändert und wo man eben auch nicht weiß, welcher Weg der richtige ist.

So ging es auch Paulus und seinen Begleitern Silas und Timotheus. Sie waren unterwegs in Kleinasien, das ist das Gebiet der heutigen Türkei. Folgendes widerfährt ihnen.
Ich lese Apostelgeschichte 16,6-10: 6 Dann zogen sie weiter durch Phrygien und das Gebiet von Galatien. Denn der Heilige Geist hinderte sie daran, die Botschaft in der Provinz Asien zu verkünden. 7 Als sie schon fast in Mysien waren, wollten sie nach Bithynien weiterreisen. Doch der Geist, durch den Jesus sie führte, ließ das nicht zu. 8 Also zogen sie durch Mysien und stiegen zum Meer hinab nach Troas. 9 In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat: »Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!« 10 Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Mazedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden. Es läuft nicht bei Paulus und seinen Gefährten Silas und Timotheus. Immer wieder legen sich ihnen Steine in den Weg. Alle guten und vernünftigen Überlegungen führen nicht zum Ziel. Ihre Bemühungen zeigen keinen Erfolg. Es war sicher eine schwere Zeit. Sie wussten wahrscheinlich auch nicht, warum alles schief läuft und sie ihre Pläne nicht verwirklichen können. Erst in der Rückschau werden sie die Deutung entwickelt haben, die zu lesen steht: Nicht, weil unsere Planungen schlecht waren oder wir es nicht auf die Reihe bekommen haben, sind wir nicht weitergekommen. Nein, weil Gottes Heiliger Geist, weil der Geist Jesu es nicht ermöglicht hat. Im Augenblick selbst werden sie das vermutlich nicht so gesehen haben. Auf jeden Fall sind sie gestrandet im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sitzen in Troas am Meer. Ganz in der Nähe ist die griechische Insel Lesbos. Ich denke mir, dass sie hin und her überlegt haben und dass es für alles gute Gründe gab. Doch noch mal zurück und einen anderen Versuch unternehmen nach Bithynien zu reisen. Oder in einer Gemeinde Unterschlupf zu suchen, in der sie schon gewesen waren, wie z.B. Antiochia. Oder eben nach Griechenland.
Timotheus hatte einen griechischen Vater. Hat er gesagt: Komm, lass es uns wagen. Es wird schon gut gehen. Und Paulus dagegen hat seine Bedenken hervorgebracht? Wie es auch war, vermutlich werden sie an diesem Abend in einen unruhigen Schlaf gefallen sein, schwer von allen Gedanken. Aber dann hatte Paulus einen Traum. Er sah einen Mann, der ihn bat: Komm herüber nach Mazodonien und hilf uns. Ein Traumbild, das Paulus und seinen Begleitern den Weg zeigt: Wir gehen nach Mazedonien. Erstaunlich, dass Paulus die Erscheinung in der Nacht nicht abtut. Denn das ist oft ja unser Umgang mit Träumen. Wir sagen dann: Ich habe wieder wirres Zeug geträumt oder: Meine Güte, war das ein Alptraum. Da lässt sich scheinbar wenig ableiten daraus. Aber wer auf seine Träume achtet - und das ist keineswegs esoterisch, sondern gute biblische Praxis – wer auf seine Träume achtet, kann auch Gottes Stimme in ihnen hören. Paulus jedenfalls hört diese Bitte im Traum als Gottes Auftrag. Sie zeigt ihm den Weg. Sie bringt Klarheit in das unruhige Fragen und Hin- und Herüberlegen. Komm herüber und hilf uns. Das ist für Paulus und seine Gefährten wie ein Türöffner in die Zukunft. Jetzt sind sie wie elektrisiert. Es heißt dann: Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Mazedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden.

Das hört sich gut an: Wir waren sicher. Ihnen ist klar: Dass Traumbild ist ein Hinweis Gottes. Gottes eist ebnet ihnen den Weg, wo er ihn vorher verschlossen hat. Sie haben jetzt Kraft, diesen Quantensprung zu machen. Ein Schiff zu suchen, das sie mitnimmt auf einen neuen Kontinent.

Wer Entscheidungen treffen muss, sollte auch auf seine Träume achten. Die Bibel sagt: Auch durch Träume spricht Gott zu uns Menschen. Aus unserem Unbewussten kann ein neuer Weg sichtbar werden. Ein Weg, vor dem wir vielleicht Angst hatten oder den wir nicht zulassen wollen. Wahrscheinlich gab es ganz viele vernünftige Gründe, in Kleinasien zu bleiben. Dort war Paulus geboren worden, dort kannte er sich aus. Aber jetzt sind er und seine Begleiter bereit, ihr Herz in die Hand zu nehmen und loszugehen. Sie haben Gott gehört in diesem Mann, der bittet: Komm herüber und hilf uns.

Wie geht nun die Reise weiter? Ich lese Apostelgeschichte 16,11-13a. 11 Von Troas aus setzten wir auf dem kürzesten Weg nach Samothrake über. Einen Tag später erreichten wir Neapolis. 12 Von dort gingen wir nach Philippi. Das ist eine bedeutende Stadt in diesem Bezirk Mazedoniens und römische Kolonie. In dieser Stadt blieben wir einige Zeit. 13 Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss. Wir nahmen an, dass dort eine jüdische Gebetsstätte war.
Auf dem kürzesten Weg setzen sie jetzt nach Griechenland über und kommen über Samothrake und Neapolis nach Philippi. Philippi ist ein römisches Kolonialstädtchen. Eine Stadt mit Ausstrahlung ins Umland. Einige Tage sind sie in der Stadt und schauen alles an. Das ist erstaunlich: Sie stellen sich nicht sofort auf den Marktplatz und fangen an, zu predigen. Sie legen einfach los. Wer weiß, wie schnell sie sich da eine Abfuhr eingeholt hätten bei den Griechen. Sie schauen: Wo können wir anknüpfen? Wo ist das Feld gepflügt?

Wer eine Entscheidung treffen muss, der tut gut daran, an das Bewährte anzuknüpfen. Ganz vernünftig zu fragen: wo habe ich Chancen, dass etwas gelingt? Der Geist Gottes kann dort am besten landen, wo die Landebahn schon bereitet ist. Der Geist Gottes dockt an Bestehendes an. Wo das Feld schon bestellt ist, kann der Same Wurzeln treiben.

Sie überlegen sich: Wo treffen wir jüdische Menschen an bzw. gottesfürchtige Menschen. Gottesfürchtige waren damals Menschen, die von der jüdischen Religion und dem Gesetz des Mose fasziniert waren, aber eigentlich keine Juden werden konnten. Weil man Jude ja durch Geburt und nicht durch Entschluss wird. Solche Gottesfürchtigen aber hielten die Gebote und führten jüdische Rituale aus. So auch die vorgeschriebenen Reinigungen vor einem Gottesdienst. Und wo kann man diese machen? In einem Fluss. Deshalb kamen die Anhänger jüdischen Glaubens oft am Sabbat an einem Gewässer zusammen.

Und tatsächlich: Ihre Idee, an Alt-Bewährtes anzuknüpfen geht auf.

Ich lese Apostelgeschichte 16,13b-15: Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die an diesem Ort zusammengekommen waren. 14 Unter den Zuhörerinnen war auch eine Frau namens Lydia. Sie handelte mit Purpurstoffen  und kam aus der Stadt Thyatira. Lydia glaubte an den Gott Israels. Der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie die Worte des Paulus gerne aufnahm. 15 Sie ließ sich taufen zusammen mit allen, die in ihrem Haus lebten. Danach bat sie: »Wenn ihr überzeugt seid, dass ich wirklich an den Herrn glaube, dann kommt in mein Haus. Ihr könnt bei mir wohnen!« Und sie drängte uns förmlich dazu.

Sie treffen am Fluss Frauen. Ihnen können sie von Jesus, dem jüdischen Messias erzählen. Bei ihnen treffen sie auf Verstehen und auf offene Herzen. Bei Lydia vor allem. Lydia war Purpurhändlerin. Purpur war ein Luxusgegenstand, mühsam gewonnen aus Purpurschnecken. Dafür mussten diese erst gefischt werden, dann wurden sie zerquetscht und mit dem ziemlich übelriechenden Sud wurden dann die Stoffe mühevoll eingefärbt. Das war keine angesehene Arbeit, sehr unappetitlich und auch schwer. Und weil das so viel Arbeit war, deshalb waren die Stoffe entsprechend teuer. Wer also damit handeln wollte, musste ein gewisses Grundkapital mitbringen – die Stoffe mussten ja erst einmal eingekauft werden. Lydia muss auch mit der Oberschicht von Philippi gut vernetzt gewesen sein, dort waren ja ihre Kundinnen und Kunden für die teuren Stoffe. Wir dürfen also davon ausgehen, dass Lydia selbst wohlhabend war und gut bekannt in der Stadt. Und doch wird sie nicht richtig dazugehört haben.

Ihr Herz ist vorbereitet. Wie gutes Land den Samen, nimmt sie die Worte des Paulus auf. Sie will ganz zu diesem Jesus gehören. Sie lässt sich taufen. Und nicht nur sie wird getauft, auch alle, die zu ihrem Haus gehörten. Auch das zeigt, dass Lydia nicht arm war und einem ganzen Haus vorstand.

Die vernünftige Entscheidung, bei Bewährtem anzuknüpfen, eröffnet also die Missionsstation für ganz Europa. Lydia ist es nun, die wieder eine Entscheidung in Paulus auslöst. Sie drängt ihn, mit seinen Begleitern bei ihr zu wohnen. Paulus lässt sich darauf ein. Sie bleiben bei ihr. Auch das kann Entscheidungen einfacher machen. Wenn wir auf die hören, die uns bitten. Ähnlich wie der Mann im Traum bittet, nötigt jetzt Lydia Paulus und seine Begleiter, nicht weiterzuziehen, sondern bei ihr zu bleiben. In der Bitte eines Anderen kann Gott mir den Weg zeigen.

Es gibt da ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat. Frere Roger, der Gründer von Taize hat es erzählt. 1940 sucht der evangelische Schweizer Roger Schütz nach einem Haus. Er will mit anderen jungen Männern eine Gemeinschaft gründen und helfen. Er schaut mehrere Anwesen an, in der Schweiz und in Frankreich. Am 20. August 1940 kommt er mit dem Fahrrad nach Taizé, in dem damals etwa 50, größtenteils arme, Leute lebten. Er trifft dort die Besitzerin eines baufälligen Hauses. Sie sagt: „Bleiben sie bei uns! Wir sind arm und einsam, die Zeiten sind schlecht.“ Und tatsächlich kehrt Roger Schütz einige Wochen später zurück und kauft das Haus. Noch heute befindet sich dort die Kommunität von Taize. Es war für ihn eine geistliche Entscheidung, sich für diesen Ort und seine Bewohner zu öffnen. Dorthin zu gehen und die Bitte ernstzunehmen und zu spüren: Hier sieht Gott meinen Platz. 

Paulus bleibt in Philippi. Eine Gemeinde gründet sich rund um Lydia. Mit Philippi bleibt er innig verbunden, auch als er schon fort ist. Die Beziehungen dorthin prägen sein ganzes Leben. Die Bitte der Lydia, zu bleiben, war richtig und hat ihm das eröffnet.

Wer Entscheidungen treffen muss, ist nicht zu beneiden. Was wirklich richtig und falsch ist, ist nur zu erahnen. Und wie in all den wirren Gedanken auf den hören, der meine Zukunft schon kennt? In diesen Erlebnissen von Paulus und Silas und Timotheus finden sich drei Hinweise. Auch wenn wir Gottes Wort in der Bibel lesen können, beschränkt sich Gott nicht darauf, nur durch sie zu reden. Auch in unseren Träumen, im Anknüpfen an Bewährtes und im Hören auf die Bitten Anderer kann sich Gottes Idee für unser Leben verstecken. Dann heißt es sein Herz, auch dafür zu öffnen.

Amen.