Connection timed out 24. Februar 2019, Noormann : Evangelische Kirche Denkendorf

Predigt 24. Februar, Rolf Noormann

Lukas 10,38-42: Maria und Martha

Unser heutiger Predigttext steht im Lukasevangelium im 10. Kapitel, die Verse 38 bis 42. Es ist die bekannte Geschichte von Maria und Martha.
Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf.
Eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihrem Haus auf.
Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria.
Die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Martha aber machte sich viel zu schaffen mit der Bedienung.
Und sie trat hinzu und sprach:
‘Herr, kümmert es dich nicht,
dass meine Schwester mich allein dienen lässt?
Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!’
Der Herr aber antwortete und sprach:
‘Martha, Martha, du sorgst dich und schaffst dir viel Unruhe, aber (nur) eines ist notwendig!
Maria nämlich hat sich das gute Teil erwählt;
das soll ihr nicht weggenommen werden.’


Liebe Gemeinde !
Sollen wir es also alle so machen wie Maria?! Uns hinsetzen, zuhören und die Arbeit andere tun lassen? Einmal abgesehen davon, dass das auf die Dauer vielleicht ein bisschen langweilig wäre: Was würde dann aus dem Dienst in der Gemeinde? Was würde aus der Diakonie, aus dem christlichen Dienst am Nächsten als Salz der Erde? Martha schuftet, zerreißt sich förmlich, aber Maria bekommt von Jesus die Komplimente: sie hat das gute, das bessere Teil erwählt. Als ob Martha das nicht auch schon aufgefallen wäre: sich hinzusetzen und zuzuhören, das war allemal besser als zu schuften und zu rennen, damit die Gäste es bequem haben. - Aber so hat Jesus das wohl nicht gemeint.

Eigentlich ist die Sache ja ziemlich klar: Natürlich ist es gut, den Worten Jesu zu lauschen; zu hören, was er vom kommenden Gottesreich, von der Liebe Gottes und von der Gerechtigkeit unter den Menschen zu sagen hat. Wahrscheinlich hätte Martha das auch ganz gern getan. Aber dazu hatte sie keine Zeit; sie musste schließlich ihre Gäste versorgen. Und hatte sie damit nicht schon viel mehr für Jesus getan? Gastfreundschaft ist schließlich keine Kleinigkeit - sie galt den frühen Christen als eines der wichtigsten Dinge überhaupt. Und Martha hatte ja nicht nur Jesus aufgenommen, sondern auch seine Jünger, und jetzt waren vielleicht noch weitere Gäste da, um Jesus zuzuhören; Maria hat sicher nicht allein zu seinen Füßen gesessen. Martha tut also sehr viel für Jesus und seine Jünger: sie sorgt dafür, dass sie unterkommen können, sie stellt den Raum für seine Predigt zur Verfügung und sie kümmert sich um das leibliche Wohl der Gäste. Sollte das etwa nicht recht sein? Wird sie dafür von Jesus auch noch runtergemacht?

Nein, sicher nicht! Jesus nimmt ihre Gastfreundlichkeit gerne an, gern kommt er mit den Jüngern in ihr Haus. Es ist nicht Jesus, der unzufrieden ist, sondern Martha. Martha ist unzufrieden mit ihrer Schwester, aber auch und wohl noch mehr mit Jesus. Nicht an ihre Schwester wendet sie sich ja, sondern an Jesus: ‘Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein dienen lässt?!“ Das ist keine Frage, das ist ein Vorwurf! Da klingt Bitterkeit heraus. Martha hat das Gefühl, dass sie im Recht ist, dass sie schlecht behandelt wird; von ihrer Schwester, aber auch von Jesus selbst. Redet er denn nicht dauernd von Liebe und Gerechtigkeit, von Solidarität, wie wir heute sagen würden? Aber wenn’s praktisch wird, dann sagt er nichts! Seelenruhig lässt er es zu, dass die eine Schwester sich abrackert, während die andere gemütlich dasitzt und zuhört. Martha findet das empörend. So empörend, dass sie Jesus Vorwürfe macht und von ihm verlangt, sich einzuschalten. Er soll ihrer Schwester Beine machen, sie auffordern, Martha zu unterstützen, also endlich das zu tun, was eigentlich selbstverständlich wäre.

Aber Jesus spielt da nicht mit. Wie er nie mitspielt, wenn Menschen versuchen, ihn vor ihren Karren zu spannen. Als Schlichter von Streitereien hat er sich nie hervorgetan; da hält er sich heraus, obwohl’s da doch auch um Recht und Gerechtigkeit geht. Aber dass Jesus sich ‘raushält, ist hier nicht das Entscheidende. Er sagt ja nicht: „Macht das unter euch aus!“, sondern er weist nun seinerseits Martha zurecht: ‘Martha, Martha, du sorgst dich und schaffst dir viel Unruhe, aber (nur) eines ist notwendig! Maria nämlich hat sich das gute Teil erwählt; das soll ihr nicht weggenommen werden.’

Was sollen wir von dieser Antwort Jesu halten? ‘Eins ist not’ - da würden wohl viele zustimmen. Es gibt etwas, das wichtiger ist als alles andere, als all die vielen Sorgen und Geschäfte des Alltags. ‘Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht.’ Das haben wir auch gelernt, und ich denke, grundsätzlich sehen viele von uns das wohl ähnlich. Allerdings: Brot und ein Dach über dem Kopf brauchen wir auch, und das ist es, worum Martha sich kümmert.

‘Eins ist not’, okay, aber man kann das doch nicht gegen das andere ausspielen! Das Wort Gottes zu hören, aber die Diakonie abzuschaffen; in die Kirche zu gehen, aber den Nächsten im Stich zu lassen, der meine Hilfe braucht, das kann’s doch wohl nicht sein. Uns ist in den letzten Jahren wieder stärker bewusst geworden, wie wichtig die praktische Seite des Christseins auch für uns selbst ist. Wir sollten das nicht einfach nur an die Profis delegieren. Glaube, der nicht gelebt wird, verkümmert. Das neue Testament ist voll von Ermahnungen dazu. In einer Zeit, als die Menschen nicht viel Geld hatten und es ohnehin kaum Hotels gab, gehörte Gastfreundschaft zu den wichtigen diakonischen Aufgaben einer Gemeinde. Es kann doch nicht sein, dass Jesus das alles hier in Frage stellt!

Noch einmal: es ist nicht Jesus, der hier Kritik zu üben beginnt, sondern Martha. Marthas Dienste sind an und für sich gut und notwendig. Schwierig wird es, wenn dieser Dienst seine Selbstverständlichkeit verliert, wenn er zu Unzufriedenheit führt. Genau das aber geschieht im Alltag immer wieder. Dienen, das wissen wir, ist ein undankbarer Job. Dienen ist mit Mühe verbunden, und oft genug ist es Mühe, die übersehen wird, für die es kaum angemessenen Dank gibt, und die einem manchmal einfach zu viel wird. Mit dem Dienen in der Gemeinde ist es nicht selten so wie mit der Arbeit von Hausfrauen: es muss gemacht werden, es ist wichtig für ein angenehmes und gutes Zusammenleben, aber es wird wenig beachtet. Es wird einfach als selbstverständlich genommen. Martha steht stellvertretend für die vielen Frauen und die nicht ganz so zahlreichen Männer in unseren Gemeinden, die immer da sind, wenn es etwas zu tun gibt; die mit anpacken, wo es nötig ist, und die sich nicht selten übersehen fühlen und manchmal darüber bitter werden. Vielleicht steht sie auch für die vielen Hausfrauen (und die wenigen Hausmänner), denen es genauso geht. Martha bringt mit ihrem Vorwurf die Klagen und die Unzufriedenheit dieser Frauen und Männer vor Jesus. Von ihm müssten sie doch Verständnis und Rückendeckung erwarten können. Er kümmert sich doch gerade um diejenigen, die sonst im Verborgenen bleiben, die am Rande stehen. Aber Jesus reagiert anders, ganz anders, als Martha es erwartet und erhofft hat. Er weist sie zurück. Er lehnt ihre Forderung ab.

Reiht Jesus sich damit ein in die lange Reihe der Männer (und weniger Frauen), die meinen, diese Arbeit im Hintergrund sei nicht so wichtig? Die davon ausgehen, dass andere still und leise alles Nötige tun sollen, während sie sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen? Ist Jesus auch nicht anders als alle anderen? Das wäre doch wohl eine Riesenenttäuschung.

Aber wir können die Antwort Jesu auch anders verstehen, und ich denke, dass sie anders gemeint ist. Jesus sagt ja nicht zu Martha: „Tu deine Arbeit und sei still!“, ganz im Gegenteil! Er lädt Martha dazu ein, es genauso zu machen wie Maria. Er lädt sie ein, die undankbare Rolle des Dienens, die undankbare Frauenrolle aufzugeben, zumindest für den Augenblick. Er lädt sie ein, wie Maria aus der Rolle zu fallen, das zu tun, was die Gäste auch tun: nämlich zuzuhören, was Jesus zu sagen hat. Sich selbst von dem Einen, das not tut, packen zu lassen, und darüber die anderen Dinge, mögen sie auch noch so wichtig sein, in den Hintergrund treten zu lassen. Das ist keine Geringschätzung dessen, was Martha für Jesus getan hat. Aber es nimmt ihren Mühen und Sorgen gewissermaßen ihre Unabdinglichkeit. Die Dinge, die Martha zu schaffen machen, könnten auch ungetan bleiben. Jesus stellt ihre Mühen und Sorgen sozusagen an den richtigen Platz - und entlastet Martha damit.

Nur: was wird da aus dem Dienst, aus den Gastgeberpflichten, die Martha so zu schaffen machen? Von selbst tun sich solche Dinge ja bekanntlich nicht, und eine muss es doch tun!?! Der Predigttext lässt diese Frage unbeantwortet. Er sagt nur: es gibt noch Wichtigeres. Für den Augenblick kommt alles darauf an, sich auf Jesus und sein Wort zu konzentrieren. Vielleicht tun sich die anderen Dinge dann nachher doch etwas leichter, jedenfalls ohne Unzufriedenheit und Bitterkeit. Vielleicht - das wäre zu hoffen - sind dann mehr Leute da, die mit anpacken. Oder es wird einfach ein bisschen weniger getan.

Jesus kann Martha nur deshalb eine solche Antwort geben, weil ER auf all die guten Dinge, die Martha für ihn tut, auch verzichten könnte. Es ist schön, aber er braucht es nicht. ‘Eins ist not’, das heißt auch: all die vielen Dinge, die ihr tut und vielleicht tun zu müssen glaubt, können auch ungetan bleiben; so wichtig das alles ist, es ist nicht unverzichtbar. Das gilt auch und gerade für das, was wir in der Gemeinde tun, was wir um Jesu willen tun. Das zu hören ist wichtig für uns, gerade wenn wir neu entdecken, wie wichtig die Diakonie ist, wie wichtig unser Engagement als Salz der Erde in der Welt ist. Wenn es nicht mit Freuden getan wird, wenn uns die Mühen über den Kopf wachsen und wir unzufrieden oder gar bitter werden, dann gilt uns die Ermutigung und Einladung Jesu: Macht es wie Maria! Lasst die viele Mühe und Unruhe, die ihr euch macht, liegen, und besinnt auf euch auf das Eine, das wirklich notwendig ist.

Unser Engagement als Christinnen und Christen soll damit in keinster Weise herabgewürdigt werden. Und es heißt auch nicht, dass das alles nicht so wichtig wäre: der Einsatz für die Geflüchteten zum Beispiel, die oft jahrelange Mitarbeit in der Kinderkirche oder beim Seniorentreff, die vielfältigen sozialen und diakonischen Dienste und all die Unterstützung von Menschen, die im Hintergrund geschieht. Das alles ist wichtig, das alles ist gelebter christlicher Glaube. Aber doch nur, solange wir es gern tun, solange es ohne Unzufriedenheit und Bitterkeit geschieht. Wenn ich das Gefühl habe: mir wird das alles zu viel; wenn ich finde, dass meine Mitarbeit nicht genügend gewürdigt wird, dann werde ich von Jesus selbst ermutigt, es zu machen wie Maria: Einfach alles liegen zu lassen und mich auf das Wesentliche zu besinnen; auf das, was meinem Leben Sinn und Richtung gibt. Das ist es ja, was auch meine Mühen und Sorgen im Dienst der Gemeinde erst sinnvoll macht.

Es geht uns ja oft so: wer sich irgendwo engagiert, sei es im Kirchengemeinderat, sei es in der Arbeit mit Geflüchteten, sei es woanders, der sieht bald, wie viel es zu tun gibt, wie unendlich viel getan werden könnte und müsste. Das ist so, und doch darf darüber nicht übersehen werden: Jesus kann auf mein Tun notfalls auch verzichten. Wir können die Welt nicht retten, wir können nicht alles tun, was getan werden müsste, im Großen nicht und auch im Kleinen nicht. Aber das müssen wir auch nicht. So wichtig unser Engagement und unsere Mitarbeit ist, wir sollen sie nicht überschätzen! Es gibt etwas noch Wichtigeres. Niemand soll sich kaputt schuften. Nimm Dir Zeit für das Wesentliche! Besinne dich auf Jesus, auf sein Wort, auf seine Liebe. Dass aus dieser Ruhe und Besinnung neue Kraft kommt, dass Maria am Ende nicht nur zuhört, sondern das Nötige auch tut und so zum Salz der Erde wird, dafür wird das Wort Jesu schon sorgen. Und wenn die Freude und die Kraft dazu da sind, dann soll nichts uns daran hindern, mitzumachen bei dem großen Werk Jesu, der selbst die Rettung der Welt ist.

Amen.