Predigt 19. Mai 2019, Rolf Noormann

Kantate! Singet! Singet dem HERRN!
Predigt zu Psalm 98

Singet dem HERRN, denn Er tut Wunder!

Das, liebe Gemeinde, ist heute unsere Aufgabe: singen, rühmen und loben!

Singen sollen wir, allerdings nicht, weil wir nun einmal so gerne singen. Es heißt nicht: Singet dem HERRN, denn ihr singt ja so gern! Es gibt sicher einige unter uns, die gern singen, besonders in den Chören, aber auch darüber hinaus. Das ist schön, aber das ist heute nicht so wichtig, auch wenn heute sozusagn der Sing-Sonntag ist.

Es heißt auch nicht: Singet dem HERRN, denn singen ist gesund! Manche Wissenschaftler wollen das herausgefunden haben, und vielleicht stimmt es ja tatsächlich. Vielleicht ist es wirklich gesund, viel zu singen. Aber auch das ist nicht der Grund, warum wir heute hier in der Kirche eingeladen sind, ja sogar aufgefordert werden zu singen.

Singen sollen wir gar nicht unsretwegen, sondern um Gottes willen: Singet dem HERRN, denn ER tut Wunder! ER, Gott, tut Wunder. Das ist der Grund dafür, dass wir Ihm singen sollen!

Tut Gott Wunder? Oder jedenfalls Wunderbares, wie man auch übersetzen könnte? Manche von uns werden vielleicht antworten: Ja, natürlich tut Gott Wunder, jeden Tag aufs Neue: Er schenkt mir täglich neu das Leben. Er lässt auf Regen Sonnenschein folgen und auf einen langen Winter strahlende Frühlingstage. Er gibt mir Freude und Zuversicht und umgibt mich mit Menschen, mit denen ich das Leben teilen kann.
    Das ist wohl wahr. Das Wunderbare, das Gott tut, geschieht oft im Alltag. Es sind oft die alltäglichen Dinge, die, wenn wir’s recht bedenken, wunderbar sind. Wenn wir an einem runden Geburtstag oder bei einem Ehejubiläum zurückschauen, können wir manchmal schon ins Staunen kommen: wie reich war mein, war unser Leben doch! Wie viel ist gelungen, und das nicht nur dank eigener Anstrengungen. Da könnten wir wohl alle Manches berichten. Und vielleicht wird der eine oder die andere sagen: Ja, mir ist tatsächlich Wunderbares widerfahren. Der HERR hat Großes an mir getan: mitten im Alltag, mitten in den kleineren und größeren Dingen meines ganz normalen Lebens. Vielleicht geht es heute manchen von uns so, dass sie aus vollem Herzen einstimmen können in diesen Psalm, dass sie singen und beten können: Singet dem HERRN ein neues Lied, denn Er tut Wunder, auch an mir!

Aber es gibt wohl auch die anderen, die im Blick auf ihr Leben nicht so leicht von Wundern, von Wunderbarem sprechen würden. Dafür gab es vielleicht zu viel Schweres; dafür ist vielleicht zu viel schief gegangen in ihrem Leben. Nicht alle haben das erreichen und verwirklichen können, was sie sich erhofft hatten. Manche haben Krankheiten oder anderes Unglück erlebt, und das so sehr ersehnte, erhoffte Wunder ist ausgeblieben. Ihnen ist vielleicht gar nicht nach singen zumute. Können, sollen auch die singen?
    Der Psalm des heutigen Sonntags lädt uns alle ein zu singen. Hören wir noch einmal die ersten Verse von Psalm 98, den wir zu Beginn miteinander gebetet haben:

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn Er tut Wunder:
Er schafft Heil mit seiner Rechten
und mit seinem heiligen Arm.
Der HERR lässt sein Heil kundwerden;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel;
aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.


Wunder, Wunderbares tut der HERR, indem er Heil schafft. Gott tut etwas. Er lässt den Dingen nicht einfach ihren Lauf, auch wenn es manchmal so den Anschein haben könnte. Gott greift ein. Er tut etwas, wo es - menschlich gesprochen - keinen Ausweg mehr gibt. Das große Ereignis, an das wir in diesen Wochen erinnert werden, ist die Auferweckung Jesu von den Toten. Wo Menschen Unheil wollen, schafft Gott Heil. Wo Menschen es böse meinen und den Weg Gottes zum Scheitern bringen wollen, da wendet Er das Böse zum Guten. Der Tod Jesu sollte seinem Wirken ein Ende setzen; Gott aber macht dieses Ende zu einem Wendepunkt der ganzen Geschichte. Mit Ostern beginnt neues Leben, nicht nur für Jesus selbst, sondern für die ganze Menschheit, auch für uns. Der Tod ist besiegt. Jesus konnte er nicht festhalten. Nun kann er niemanden mehr festhalten, auch uns nicht.

Aber nicht nur der Tod, auch das Böse kommt im Grab Jesu an sein Ende. Die Kreuzigung Jesu war der Gipfelpunkt des Bösen: der eine, der niemandem Unrecht getan hatte, der jedem zum Guten diente, der als einziger ohne jede Sünde war, dieser eine wurde hingerichtet wie ein Verbrecher. Das Böse wollte den totalen Triumph. Aber das lässt Gott nicht zu, niemals. Er greift ein und schafft Heil mit seinem heiligen Arm. Er reißt Jesus aus dem Tod heraus und setzt ihn ein zum Herrn und Richter über die Welt. Nicht das Böse behält die Oberhand, sondern Er, der eine wahrhaft Gute. Darum: Singet dem HERRN ein neues Lied, denn Er tut Wunder!

Gott lässt es nicht beim Tun bewenden. Er macht es auch bekannt: ER lässt sein Heil kundwerden; alle sollen davon hören. Darum gehört zu Ostern auch Pfingsten, gehören auch die Apostel dazu, die ausgesandt werden in der Kraft des Heiligen Geistes. Ohne die Apostel wüssten wir gar nichts von Ostern, wüssten wir nicht, dass es Hoffnung gibt für uns und alle Welt. Dann wüssten wir nicht, dass das Böse nicht die Oberhand behält, weil dieser eine Gute von Gott eingesetzt ist zum Herrn der ganzen Welt. Darum ist Ostern nicht bloß eine schöne Geschichte von vor 2000 Jahren. Ostern ist der Anfang eines neuen Zeitalters, der Anfang einer neuen Welt, zu der auch wir gehören. Darum: Singet dem HERRN ein neues Lied, denn Er tut Wunder, auch heute noch.

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn ER tut Wunder. Ostern hat Er es endgültig unter Beweis gestellt: das Leben ist stärker als der Tod; der Gute siegt, nicht das Böse. Aber! Natürlich gibt es auch hier ein Aber. Ist der Tod nicht doch immer noch mächtig? Sterben nicht immer noch Menschen? Und hat das Böse wirklich verloren? Bezeugen die Nachrichten nicht jeden Tags aufs neue das Gegenteil, die unaufhaltsame Macht von Unrecht und Gewalt? Auf diese Fragen gibt der zweite Teil unseres Psalms eine Antwort, überschwänglich und mit einer überraschenden Pointe:

Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!
Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN,
dem König! Das Meer brause und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen frohlocken,
und alle Berge seien fröhlich / vor dem HERRN:
denn Er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit
und die Völker, wie es recht ist.

Jauchzen, singen, rühmen, loben sollen wir, mit allem was wir sind und haben, und die ganze Schöpfung soll mittun, das Meer, die Flüsse und die Berge, einfach alles. Was für ein unbeschreibliches Konzert muss das sein, wenn die ganze Schöpfung zusammenkommt, um Gott zu loben. Alles, was wir Menschen auf die Beine stellen können, reicht nie und nimmer aus, um Gott so zu loben, wie es eigentlich geschehen müsste.
    Aber warum sollen wir, soll die ganze Schöpfung mit Meer, Flüssen und Bergen und allem, was dazu gehört, frohlocken und Gott loben? Darauf gibt der Psalm eine überraschende Antwort: “denn ER, Gott, kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.”. Gott kommt zum Gericht: das ist der Grund zu Freude und Jubel ohne Grenzen! Finden Sie das nicht auch ein bisschen überraschend? Vielen Menschen dürfte beim Gedanken an das Gericht Gottes wohl eher mulmig werden. Ausgerechnet das Gericht als Grund für Jubel und Lob? Ja, ausgerechnet das Gericht! -

Wenn das so ist, müssen wir wohl noch einmal neu über das Gericht Gottes nachdenken. Was bedeutet es, wenn es heißt, dass ER, Gott, kommt das Erdkreis zu richten? Bei “Gericht” denken die meisten von uns wohl zuerst an Verurteilung und Bestrafung. In der Bibel aber hat das Wort “richten” eine etwas andere Bedeutung. Es heißt zuerst und vor allem “zurechtbringen, Recht schaffen”. Und das ist wichtig, sehr wichtig sogar. Eben weil es immer noch so viele Fragen gibt; eben weil in unserer Welt vieles nicht “recht” ist, im Großen nicht, aber oft auch im Kleinen nicht.
    Es ist nicht recht, dass viele Men¬schen vom ersten Tag ihres Lebens an um ihre Lebensmöglichkeiten gebracht werden, weil sie im falschen Land geboren werden, am falschen Ort, in der falschen Familie. Es ist nicht recht, dass viele Menschen Opfer von Gewalt werden, in Kriegen und Bürgerkriegen, in Gefängnissen und Folterkammern, durch Vergewaltigungen und gewalttätige Ehepartner. Es ist nicht recht, wenn Kinder misshandelt oder verlassen werden. Und kann es recht sein, wenn Menschenleben durch Unglück oder Krankheiten zerstört werden? Das, was wir Schicksal nennen, ist auch nicht gerecht.

So vieles ist nicht recht, was geschieht, hier bei uns, in unserem Land, und auf der ganzen Erde. Menschen tun einander Unrecht und Gewalt an, verweigern einander Recht und Gerechtigkeit. Unbegreifliches Leid geschieht. Es ist nicht schön, über solche Dinge nachzudenken und davon zu spre-chen. Aber wenn wir davon nicht sprechen, können wir auch den Jubel nicht verstehen, der den Psalm 98 bestimmt: Singet dem HERRN ein neues Lied, jauchzet, singet, rühmet und lobet, denn ER kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Das ist Grund zum Jubeln, zum Loben und Singen: dass Gott kommen wird zum Gericht; dass Er kommen wird, um all das zurechtzubringen, was nicht recht ist; um alles Unrecht und alle Gewalt zu überwinden; um alles Leid und alles Elend wegzunehmen. Darum geht es, wenn Gott zum Gericht kommt. Darum geht es, wenn ER Heil schafft mit seiner Rechten. Das ist die Hoffnung, die den Psalmbeter singen lässt, die auch uns singen lassen soll. Gott ist nicht egal, was hier geschieht. Er schaut nicht tatenlos zu, wenn das Böse immer neu fröhliche Urständ feiert. Er kann es nicht ertragen, dass unser Leben gezeichnet ist von Krankheit, Schuld und Tod. Ostern ist der Protest Gottes gegen all das. Ostern ist sein Versprechen, dass Er kommen wird, um die Welt zurechtzubringen. Ostern ist das Versprechen Gottes, dass Er uns neues Leben schenken wird: Leben ohne Sünde und Schuld, ohne Krankheit und Tod. Darauf warten wir. Darauf hoffen wir. Davon singen wir. Amen.