Predigt 17. März 2019, Rolf Noormann

Predigt zu Johannes 3,14-21 - Sonntag Reminiszere 2019

Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Johannesevangelium im 3. Kapitel:
Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat,
so muss der Menschensohn erhöht werden,
damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Denn also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
dass er die Welt richte,
sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet;
wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
Das ist aber das Gericht,
dass das Licht in die Welt gekommen ist,
und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht;
denn ihre Werke waren böse.
Denn alle, die Schlechtes tun, hassen das Licht und kommen nicht zum Licht, damit ihre Werke nicht aufgedeckt werden.
Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht,
damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.


Liebe Gemeinde, es ist schier zum Verzweifeln: Gott hat einzig und allein gute Absichten mit uns Menschen, aber er kommt damit nicht durch. So war es von Anfang an, und so scheint es auch bei Jesus zu sein. Gott will alle retten, aber nicht alle wollen gerettet werden. Das Licht Gottes will alle erleuchten, aber viele ziehen die Finsternis vor. Sie wollen das Gute nicht, sie wollen das Böse. Sie wollen das Böse tun. Darum lehnen sie Gott ab. Darum rebellieren die Menschen praktisch vom ersten Tag an gegen ihren Schöpfer. Sie wollen selber sein wie Gott und greifen darum zielstrebig nach dem einen verbotenen Baum. Sie wollen keine Nebenbuhler neben sich haben, wollen keine Konkurrenz, und räumen darum den Bruder aus dem Weg. Sie wollen keine Befreiung von ihren bösen Wegen und Werken und schlagen darum Gottes Sohn ans Kreuz. Sie wollen keine Rücksicht nehmen auf die Natur und richten damit die Schöpfung Gottes zugrunde (die Freitagsdemos der Schülerinnen und Schüler sind ein Aufschrei dagegen). Sie wollen nicht, dass denen geholfen wird, die in Not sind, und begegnen darum Geflüchteten mit Hass und Ablehnung. Es ist zum Verzweifeln! Wo soll das alles enden?

Die einfachste Antwort liegt auf der Hand: Gott kümmert sich um die, die glauben, um die, die den Weg des Guten wählen, und überlässt die anderem ihrem selbst gewählten Schicksal. So ist es in der Kirche oft gepredigt worden. So sehen es auch heute nicht wenige Christen. Vielleicht kann man das so sehen. Es gibt dabei nur ein Problem: Wenn Gott tatsächlich nur die wenigen ‘Gläubigen‘, die wenigen Guten rettet und den Rest der ewigen Verdammnis anheim gibt, dann ist sein Werk gescheitert. Dann erweist sich das Dunkel als stärker als das Licht. Dann siegt das böse Wollen der Menschen über den rettenden Willen Gottes. Das wäre wirklich zum Verzweifeln. Denn wer wäre so von sich selbst überzeugt, dass er meinen könnte, sein Glaube, sein Handeln wäre über jeden Zweifel erhaben? Und wer könnte so unbarmherzig und lieblos sein, dass er den Untergang der anderen ungerührt hinnehmen könnte? Ja, wer könnte auch nur einen Augenblick an den Gott der Liebe glauben und gleichzeitig damit rechnen, dass Gott die Welt ihrem Schicksal überlassen könnte? Es wäre zum Verzweifeln, wenn wir als Christinnen und Christen so denken, so glauben könnten oder müssten. Dann wollte ich jedenfalls nicht hier vorne stehen und Ihnen Gottes Wort auslegen müssen. Nein, das kann nicht die Antwort sein. “Denn”, so heißt es in unserem Text, “Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.” Gott geht es um’s Ganze. ER hat seinen Sohn nicht nur für Sie und mich gesandt, nicht nur für die christlichen Kirchen hier und dort, und schon gar nicht nur für die wenigen ‘echten’ Christen, die wahrhaft Gläubigen. Nein, ER hat seinen Sohn gesandt, damit die Welt, die ganze Welt, durch ihn gerettet werde. Die einfachste Antwort - die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen - erweist sich damit als falsch (wie so oft bei einfachen Antworten). Wenn das der Weg Gottes wäre, hätte er seinen Sohn nicht schicken müssen. Ein paar Fromme und Gerechte gab es auch schon vorher, Henoch, Noah und Hiob etwa, um nur einige zu nennen. Und hat nicht Jesus selbst gesagt: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken? Wer sollen denn die Kranken sein, wenn nicht die, die die Finsternis mehr lieben als das Licht?

Aber wenn die einfache Antwort falsch ist, wenn das nicht der Weg Gottes sein kann, was ist dann die richtige Antwort? Es bleibt ja dabei: Gott will alle, aber nicht alle wollen Gott; Er will alle retten, aber viele, wenn nicht die meisten, wollen lieber weiter auf ihren eigenen bösen Wegen wandeln. Sie lieben die Finsternis, sie scheuen, ja sie hassen das Licht. Wie soll es da eine Lösung geben?

Unser Predigttext erinnert an eine Episode aus der Zeit, als Israel in der Wüste unterwegs war. Obwohl Gott die Israeliten gerade erst aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte, machte sich bald wieder das Misstrauen breit. Wann immer die Israeliten in schwierige Situationen kamen, wurde es ihnen zu viel und sie murrten gegen Gott und gegen Mose: “Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise” (gemeint ist das Manna). Gott begegnet dem Murren des Volkes mit großer Heftigkeit: Er lässt Schlangen über sie kommen, viele werden gebissen und sterben. Doch als sie um Hilfe rufen, reagiert Gott sofort und gibt Mose den Auftrag: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen wird und sieht sie an, der soll leben. Ich bin mir sicher: Niemand, der von einer Schlange gebissen wurde, musste extra darum gebeten werden, seinen Blick auf die eherne Schlange zu richten. Wenn es Hilfe in der Not gibt, lassen wir Menschen uns nie lange bitten. Wenn uns jemand in auswegloser Lage Heilung verspricht, scheuen wir weder Kosten noch Mühen, um sie zu bekommen. Hier ist es noch dazu ganz einfach: ein Blick auf die eherne Schlange genügt. Da lässt sich niemand lange bitten: Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. Das funktionierte wie von selbst. Für Johannes wird die eherne Schlange in der Wüste zu einem Sinnbild für Christus: Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. So wie damals in der Wüste die eherne Schlange an einer Stange aufgerichtet wurde, so wird jetzt Christus am Kreuz erhöht; und so wie damals der Blick auf die eherne Schlange die Rettung war, so ist es jetzt der Glaube an Christus. Der Glaube ist kein geheimnisvolles Kunstwerk, das niemand so recht verstehen kann. Der Glaube ist so einfach wie der rettende Blick auf die Schlange im Augenblick größter Gefahr. Das würde jeder von uns sofort tun, da müssten wir keine Sekunde überlegen.

Genau so hat Gott es sich mit Christus auch gedacht, sagt Johannes. Gott liebt die Welt. Er liebt die ganze Welt, er liebt alle seine Geschöpfe so sehr, dass er seinen eigenen Sohn für sie gibt. Er will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1Tim 2,4). Es hat Gott wohlgefallen, durch (Christus) ... alles mit sich zu versöhnen, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz (Kol 1,19f). Alle, die in Not sind, sollen auf Ihn, Christus, schauen und so die nötige Hilfe, die Rettung für ihr Leben finden. Genau das ist gemeint in dem bekannten Vers, den auch Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden auswendig gelernt habt: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Da geht es nicht um eine Einschränkung, im Sinne von: nur die, die glauben, sollen gerettet werden, und die anderen nicht. Es ist so gemeint, dass man eigentlich gar nicht auf die Idee kommen kann, nicht zu glauben - so wenig wie jemand, der von einer Schlange gebissen worden ist, auf die Idee käme, die rettende Medizin nicht zu nehmen!

Gott liebt die Welt, die ganze Welt, jeden einzelnen. Darum tut Er alles, um die Welt zu retten, um uns Menschen auf den Weg des Lebens zurückzuführen. ER schickt seinen eigenen Sohn in unsere Welt. ER lässt ihn Mensch werden für uns. ER lässt Ihn den Tod auf sich nehmen, damit wir das Leben haben. Wir müssen es uns nur gefallen lassen. Wir müssen nur unseren Blick auf Ihn richten, der für uns eintritt und uns das Leben schenkt. Mehr nicht. Das ist der Weg. Das ist die Rettung für uns und für die ganze Welt. Einfacher geht es nicht, und etwas Besseres können wir gar nicht bekommen.

Doch nun geschieht das schier Unglaubliche: Die Menschen wenden sich ab! Die große Mehrheit damals wollte mit dem Sohn Gottes nichts zu tun haben. Sie wollten die Rettung nicht, die Gott durch ihn bringen wollte. Sie wollten sich nicht helfen lassen. Und so ist es bis heute geblieben. Nur eine kleine Minderheit sucht in Christus das Leben. Für die Bibel ist das unbegreiflich. Es ist so, als hätten die Israeliten damals in der Wüste sich geweigert, auf die eherne Schlange zu schauen, und wären lieber gestorben. Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das heißt: Wer nicht glaubt, der richtet sich selbst. Der lässt sich selbst sehenden Auges zugrunde gehen, nach dem rettenden Anker zu greifen. Der verzichtet darauf, den Rettungsring zu ergreifen, und ertrinkt lieber. Nur: Warum sollte ein Mensch so etwas tun? Das ist absolut unbegreiflich. Das ist das Rätsel, vor dem wir stehen. Es ist alles so klar und eindeutig, und doch kommt es nicht an. Johannes hat dafür nur eine Erklärung: Diese Menschen lieben die Finsternis mehr als das Licht. Sie hassen das Licht. Sie wollen keine Rettung. Sie wollen weiter machen wie bisher, wollen ihre bösen Werke weiter treiben. Dass dieser Weg sie in den Abgrund führt, glauben sie nicht. Sie rechnen damit, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird. Oder sie glauben, dass es sowieso kein gutes Ende gibt, leben nach dem Motto: ’Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Lasst uns das Leben genießen, solange wir noch Zeit dazu haben.’ Dagegen anzukommen ist schwer. Daran sind schon die Jünger damals gescheitert, ja, daran ist schon Jesus selbst gescheitert. Der Glaube ist einfach nicht jedermanns Ding, so scheint es. Nicht, weil nicht alle glauben könnten, sondern weil nicht alle glauben wollen. So jedenfalls sieht es Johannes.

Es hilft wenig, wenn wir darüber nachdenken, warum manche Menschen die Finsternis mehr lieben als das Licht; warum manche lieber Böses tun als Gutes. Es hilft wenig, darüber nachzudenken, warum Adam und Eva von dem einen verbotenen Baum essen; warum Kain seinen Bruder Abel erschlägt; warum sich manche stark fühlen, wenn sie diejenigen hassen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sicher lassen sich auf diese Fragen Antworten finden, ja, es gibt Antworten zuhauf. Das Problem ist nur: die Antworten helfen nicht weiter. Das Böse geschieht grundlos. Adam und Eva haben keinen Grund, Gottes Gebot zu übertreten, auch wenn sie noch so viele Argumente dafür anführen mögen. Kain hat keinen Grund, seinen Bruder zu erschlagen, auch wenn die Ausleger immer wieder Entschuldigungen für ihn finden. Es gibt keinen Grund für den Hass auf Geflüchtete, auch wenn auch noch so viele Geschichten kolportiert werden. Das Böse braucht keinen Grund. Es lässt sich nicht wegerklären. Das Böse kann nur überwunden werden, überwunden werden vom Guten: von dem Guten, das von Gott ausgeht. Gottes Licht ist stärker als die Finsternis. Sein Licht wird alle Finsternis überwinden.

Gott will alle für sich gewinnen, aber nicht alle wollen sich von Ihm gewinnen lassen. Gott will alle zurückholen auf den Weg des Lebens, aber nicht alle wollen von ihren bösen Werken lassen. Gott respektiert die Freiheit des Menschen. Aber er kann und will nicht tatenlos zuschauen, wie der Mensch sich selbst zugrunde richtet. Darum greift Er ein. Darum schickt er seinen Sohn, damit die Welt durch ihn gerettet wird. Noch steht der Erfolg dieser Mission aus. Einige haben geglaubt und erkannt, dass Er tatsächlich Worte des ewigen Lebens hat, aber noch längst nicht alle. Wie Gott seine Mission zu ihrem Ziel führen wird, wissen wir nicht, wir Menschen sind widerspenstig. Aber das eine können wir wissen: Gott gibt nicht auf. Er gibt uns, seine Menschen, nicht auf. Er wird seine Mission, die in der heiligen Nacht begonnen hat und die in der Osterwoche ihren Höhepunkt erreicht, am Ende doch an ihr Ziel führen: dass die Welt gerettet wird. Wir können jetzt schon dabei sein. Machen wir mit.


Amen.