16. Dezember 2018 - Gese

Predigt zu Römer 15,5-13 - 3. Advent

Liebe Gemeinde!

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt ein Sprichwort. Das stimmt. Ohne Hoffnung kann kein Mensch leben, egal wie es ihm – äußerlich betrachtet – auch gehen mag. Da gibt es Menschen, die von einer schweren Krankheit gezeichnet sind. Doch in ihnen glüht eine so große Hoffnung, dass sie trotz allem, was sie durchmachen, Mut und Zuversicht ausstrahlen. Solche Menschen bewundere ich. Und da gibt es andere, denen es äußerlich gesehen an nichts fehlt, die alles haben, was man so braucht – Gesundheit, Erfolg, Anerkennung. Aber innerlich sind sie ohne Hoffnung. Und ihre Seele kümmert dahin. Ohne Hoffnung welkt ein Mensch dahin wie eine Topfpflanze, der man den Zugang zum Licht abgeschnitten hat.

Adventszeit ist Hoffnungszeit, eine Zeit, in der die Erwartung genährt wird, eine Zeit, in der neue Hoffnung keimen und wachsen kann. Da gilt, was Paulus schreibt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.“ (Röm 15,13).

Kann bei uns Hoffnung wachsen? Kann sie gedeihen und uns mit Freude erfüllen? Die Adventszeit wird immer mehr durch vorweihnachtlichen Trubel überlagert: Das Gedränge auf den Weihnachtsmärkten, die Jagd nach den passenden Geschenken, die hektischen Einkäufe, all das kann die Hoffnung im Keim ersticken. Weil sie die innere Sehnsucht des Herzens mit einer vordergründigen Befriedigung der Wünsche verwechselt.

Adventszeit ist Hoffnungszeit. Hoffnung worauf? Es geht ja nicht um irgendeine Hoffnung, nicht um irgendeine Vertröstung. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Worte des Paulus das Wort Hoffnung. Und was man dem Paulus abspürt: da glüht eine tiefe Sehnsucht der Seele. Eine Sehnsucht nach Erfüllung, ein drängendes Warten in Geduld oder Ungeduld.

Kennen wir das auch? Nun, ungeduldig sind wir alle und warten kann kaum noch einer. Warten, das heißt für uns Zeit totschlagen: lustlos blättern in den Journalen eines Wartezimmers. Warten, das heißt für uns aufgehalten werden von roten Ampeln, feststecken im täglichen Stau auf dem Weg zur Arbeit. Warten, da denken wir an nervige Melodien in den Warteschleifen des Telefons. Sofort ist die Ungeduld da. Nervosität macht sich breit: Was sollte nicht alles dringend erledigt werden, schießt es einem durch den Kopf.

Alles muss sofort, rund um die Uhr und überall möglich sein: So wie man im Internet zu jeder Tages- und Nachtzeit Bestellungen aufgeben kann. So wie wir durchs Handy immer und überall erreichbar sind. So wie wir in den sozialen Medien ständig mit anderen in Kontakt sind und einander mit jeder Kleinigkeit behelligen können. Wir haben gelernt, viele Dinge gleichzeitig zu tun und nebeneinander her zu erledigen.

Warten hält auf, bremst aus, behindert uns.
Aber damit haben wir verlernt, was Warten eben auch sein kann: dass da etwas heranwächst, dass da etwas Neues keimt in mir, was Ruhe braucht und Zeit. Warten ist eben nicht bloß tote Zeit. Denn in der Zeit des Wartens werde ich zu einem anderen, sie verwandelt mich. Manchmal brauchen wir solche Zeiten des Wartens, in denen buchstäblich nichts passiert. „Auszeit“ nennen wir sie. Auszeiten nehmen uns heraus aus Getriebe und Hektik. Auszeiten vermögen dem Leben eine neue Spur zu geben. Solche Auszeiten, in denen die Aktivität auf Null heruntergefahren wird, öffnen den Blick für Neues. Sie verwandeln einen. Solche Zeiten, in denen nichts ist, können für die Menschen kostbar und wertvoll werden. Wer gespannt und hoffnungsvoll wartet, den erfüllt eine besondere Freude, die Vorfreude nämlich, von der unsere Vorfahren einst sagten, sie sei die schönste Freude. Haben wir uns mit unserer Ungeduld betrogen um die schönste Freude, die Vorfreude? Können wir es wieder neu lernen, das Warten?

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.“

Die christliche Hoffnung ist ja nicht nur irgendein Hoffen und Harren, das manchen zum Narren hält. Nein, es ist vielmehr ein Geschenk des heiligen Geistes, wie Paulus sagt. „Immer reicher werden an Hoffnung“, d.h. dass Gott uns die Augen öffnet und wir über den engen Horizont unseres Lebens blicken können: erkennen, dass Gott unserem Leben ein Ziel gestiftet hat, das sich nicht bloß in irdischem Glück erschöpft. Ein Ziel, das viel weiter und größer ist als wir es erahnen.

Wir haben vorhin gemeinsam die Seligpreisungen gebetet. Die da seliggepriesen werden, das sind nicht die Erfolgreichen, nicht die, denen das Glück im Leben hold gewesen ist. Das sind vielmehr die, die zu kurz gekommen sind, die leiden, die benachteiligt werden, die verfolgt, geknechtet und unterdrückt werden. Warum gerade die? Weil besonders sie am eigenen Leib erfahren, dass unser Leben sich nicht im Irdischen erschöpft, sondern dass wir Menschen zu einer höheren und größeren Erfüllung erschaffen und berufen sind: „Selig, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“. Es geht nicht nur um ein irdisches Satt-werden, das hält nie lang vor! – sondern um ein wirkliches, tiefes und letztendliches Sattwerden. Unser irdisches Leben dürstet danach, dass es erfüllt werde von etwas ganz anderem, von einem Stück Jenseitigkeit. Das Hoffen und Dürsten der Seligpreisungen richtet sich nicht nur auf irdische Genugtuung, sondern auf eine himmlische Erfüllung. Nur da kann ein Leben wirklich froh werden, wo sich der Himmel öffnet. In Jesus Christus ist uns das verheißen. Bei seiner Geburt tut sich der Himmel auf und die Engel singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“ Das ist der Grund und das Ziel unserer Hoffnung. Und das heißt Advent.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, hieß es am Anfang. Die Hoffnung stirbt nicht, nein, die Hoffnung schenkt das Leben, weil sie über die irdischen Verhältnisse hinausblicken lehrt. Mich beeindruckt eine Geschichte, die der Rabbiner Hugo Gryn aus dem Konzentrationslager erzählt:
„Es war in dem kalten Winter 1944, und obwohl wir keinerlei Kalender hatten, holte mein Vater, der dort mein Mitgefangener war, mich und einige unserer Freunde in eine Ecke der Baracke. Er verkündete, es sei der Abend von Chanukka. Er holte eine etwas merkwürdig geformte Tonschale hervor und begann, einen Docht anzuzünden, der in seiner kostbaren, nun geschmolzenen Margarine-Ration lag. Bevor er den Segen sprechen konnte, protestierte ich gegen eine derartige Verschwendung von Lebensmitteln. Er schaute zu mir, dann zu der Lampe, und schließlich sagte er: „Du und ich, wir haben gesehen, dass es möglich ist, bis zu drei Wochen ohne Nahrung zu leben. Einmal haben wir fast drei Tage ohne Wasser gelebt. Aber du kannst keine drei Minuten lang ohne Hoffnung leben!“
(Hugo Gryn, aus: Die Weisheit des Judentums, hg. W. Homolka, A. Böckler, zum 28. Dezember).
 
Kann auch bei uns hier und heute so eine glühende Hoffnung wachsen? Darum bleibt mein Wunsch für uns in dieser Adventszeit: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.“
Amen.

7,1-7 O Heiland reiß die Himmel auf

Michael Gese