13. Januar 2019, Noormann

Predigt zu Josua 3 - 1. Sonntag nach Epiphanias 2019

Liebe Gemeinde,

für den heutigen Sonntag ist nach der neuen Textordnung ein Abschnitt aus dem Buch Josua vorgesehen. Das Buch Josua erzählt davon, wie das Volk Israel nach der langen Wüstenwanderung ins gelobte Land kommt. Anführer ist nicht mehr Mose, sondern Josua. In unserem heutigen Text hören wir davon, wie das Volk den Jordan überquert. Ich lese aus Josua 3:

Und Josua machte sich früh auf, und sie zogen aus Schittim und kamen an den Jordan, er und alle Israeliten;
und sie blieben dort über Nacht, ehe sie hinüberzogen.
Nach drei Tagen aber gingen die Amtleute durchs Lager
und geboten dem Volk:
‘Wenn ihr die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes, seht
und wie die levitischen Priester sie tragen,
so brecht auf von eurem Ort und folgt ihr nach;
doch dass zwischen euch und ihr ein Abstand sei von ungefähr zweitausend Ellen! Ihr sollt ihr nicht zu nahe kommen. ...’
 Und Josua sprach zum Volk:
‘Heiligt euch!
Denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.’
Und Josua sprach zu den Priestern:
‘Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her!’
Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.
Und der HERR sprach zu Josua:
‘Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel,
damit sie wissen:
Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein.
Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen,
und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt,
so bleibt im Jordan stehen.’
Und Josua sprach zu den Israeliten:
‘Herzu! Hört die Worte des Herrn, eures Gottes!
Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist
und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter:
Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde
wird vor euch hergehen in den Jordan. ...
Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrn der ganzen Erde, tragen, im Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen,
sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.
Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen,
und die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen,
und als die Träger der Lade an den Jordan kamen und die Füße der Priester, die die Lade trugen, ins Wasser tauchten ...,
da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall, sehr fern ...;
aber das Wasser, das zum Meer der Araba hinunterlief, zum Salzmeer, das nahm ab und floss ganz weg.
So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho.
Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen,
standen still im Trockenen mitten im Jordan.
Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch,
bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.


Mit Gott unterwegs zu sein, liebe Gemeinde, das ist ein Gedanke, der mir zum Jahreswechsel wichtig ist, und ich vermute, vielen von Ihnen geht es auch so: unterwegs mit Gott von einem Jahr zum anderen, in den großen und kleinen Herausforderungen des Alltags. Mit Gott unterwegs zu sein, mit Gott an meiner Seite meine Wege gehen zu können, mit Gott die Stürme des Lebens meistern zu können, das wünsche ich mir. Aber was heißt das eigentlich: mit Gott unterwegs zu sein? Das ist die Frage, vor die uns unser heutiger Text stellt.

Mit Gott unterwegs zu sein, das ist ja die große Erfahrung des Volkes Israel auf dem Weg durch die Wüste bis ins gelobte Land. Ohne Gott wären sie nicht aus Ägypten herausgekommen, und ohne Ihn wären sie nie im gelobten Land angekommen. Aber auch mit Gott ist es alles andere als ein Zuckerschlecken. Das Volk Israel hat manche Abenteuer durchzustehen. Gott an seiner Seite zu wissen, das ist gut und wichtig für Israel. Aber es ist auch gefährlich. Wir Menschen sind nicht gerade die Traumpartner für Gott, Murren und Misstrauen sind an der Tagesordnung, und so kommt es immer wieder auch zu Konflikten.

Wir stellen uns das “Unterwegssein mit Gott” nur allzu leicht so vor, dass wir einfach weiter unserer Wege gehen und Gott gewissermaßen mit dabei haben, als freundlichen Begleiter, als Schutzschild, als Stärkung, als stets verfügbare Hilfe in der Not. Das würde bedeuten: wir nehmen Gott gewissermaßen als backup-Versicherung mit auf unseren Weg. Es könnte allerdings sein, dass Gott sich auf eine solche Rolle nicht einlässt. Die Menschen der Bibel jedenfalls haben Gott ganz anders erlebt. Menschen der Bibel, die mit Gott unterwegs waren, mussten sich immer wieder auf Unerwartetes und Unverhofftes einstellen.

Gottes Wille und Gottes Wege gehen nicht immer mit unseren Wünschen synchron. Das heißt: auch wenn ich Gott an meiner Seite wissen darf, gehen nicht alle meine Wünsche in Erfüllung, ja, vielleicht gerade dann nicht. Denken wir nur an Mose! Den ganzen Weg durch die Wüste führt er das Volk, erträgt das Murren der Menschen und erträgt auch die manchmal gefährliche Nähe Gottes, und das alles viele Jahre lang. Am Ende aber darf er selbst nicht mit ins gelobte Land! Was für eine Enttäuschung! Das Erreichen des Zieles, die Vollendung des Weges wird ausgerechnet ihm, Mose, vorenthalten!

Im Neuen Testament ist es Petrus, der von Jesus zu hören bekommt: Es wird die die Zeit kommen, dass ‘ein anderer dich führen wird, wohin du nicht willst. Ein bekannter Theologe, Helmut Gollwitzer, hat diese Zeile zum Titel für ein autobiographisches Buch über seine russische Kriegsgefangenschaft gemacht: ‘... und führen, wohin du nicht willst.’ Wenn Gott mich führt, wenn Er mit mir unterwegs ist, dann verläuft der Weg vielleicht ganz anders, als ich es mir gedacht oder gewünscht habe, und ich komme möglicherweise ganz woanders an, als ich ursprünglich wollte. Wer mit Gott unterwegs ist, der ist mit einem Größeren unterwegs. ER ist mächtig, zu führen und zu leiten, zu helfen und zu heilen, aber Er führt und leitet uns so, wie Er es will. Gott lässt sich nicht vor unseren Karren spannen.

Gott hat das Volk Israel durch die Wüste begleitet, so wie er immer wieder Menschen begleitet hat. Allerdings war und ist Gott nicht sichtbar. Natürlich nicht! Das ist für uns so selbstverständlich, dass wir kaum einmal darüber nachdenken. Aber ganz so selbstverständlich, wie es uns vorkommt, ist es vielleicht gar nicht. Eine Begleitung zu haben, auf die du dich verlassen sollst, die dir den Weg durch die Wüste zeigen soll, die aber selbst gar nicht zu sehen ist, das hat auch etwas Unheimliches. Wie soll das funktionieren? Wir Menschen wollen etwas sehen, wollen etwas spüren und zu fassen bekommen, wollen etwas in der Hand haben. So hat sich auch das Volk Israel nicht leicht damit getan, ohne einen sichtbaren Gott unterwegs zu sein. Als Mose einmal längere Zeit auf dem Berg Sinai bleibt, platzt dem Volk der Kragen und sie fordern Aaron auf: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Aaron lässt sich nicht lange bitten. Aus dem Schmuck der Leute gießt er ein goldenes Kalb und stellt es vor das Volk hin, und prompt rufen sie: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Wir sollten uns davor hüten, uns über die Israeliten damals zu erheben. Die Sehnsucht nach etwas Sichtbarem, Habhaftem ist riesengroß. Nicht umsonst sagt Martin Luther, Geld und Gut seien die am weitesten verbreiten Götzen! Wer Geld und Gut habe, der fühle sich sicher! Was ich in der Hand habe, daran kann ich mich halten, so denken wir nur allzu leicht - und täuschen uns damit selbst.

Natürlich weiß auch Gott um den Wunsch der Menschen, etwas Sichtbares zu haben. Und so gibt er dem Volk Israel ein sichtbares Zeichen seiner unsichtbaren Gegenwart: die Bundeslade. In unserem Text steht diese Lade im Zentrum, und sie spielt im ganzen Buch Josua eine wichtige Rolle. Die Lade ist Gottes Zeichen für das Volk. Das bedeutet auch: Sie steht stellvertretend für die Heiligkeit Gottes, für seine machtvolle und manchmal auch bedrohliche Nähe. Der Umgang mit der Lade ist darum heikel. Außer den Priestern darf niemand ihr zu nahe kommen. In unserem Text heißt es, das Volk, das der Lade folgen soll, soll 2000 Ellen Abstand halten, das ist ungefähr ein Kilometer! Die Lade zeigt: die Nähe Got¬tes ist auch gefährlich. Gott ist heilig, wir Menschen aber sind alles andere als heilig. Darum gelten für den Umgang mit der Lade Gottes ganz besondere Regeln, die sorgfältig einzuhalten sind.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Was ist an dieser Bundeslade eigentlich so besonders, dass sie zu einem sichtbaren Zeichen für die unsichtbare Gegenwart Gottes werden kann? Streng genommen ist die Lade selbst nicht viel mehr als eine Kiste. Kein Götterbild oder so etwas, sondern einfach ein Behälter. Worauf es ankommt, das ist ihr Inhalt. Und das sind die beiden Tafeln des Bundes, die Steinplatten mit den Zehn Geboten. Sozusagen die Weisungen Gottes, die Thora, in Kurzfassung. Die Lade ist heilig, weil sie Gottes Gebote enthält, Gottes Weisungen für das Volk Israel, für das Leben in Freiheit im gelobten Land. - Es hat also seinen guten Grund, wenn Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden bis heute die Zehn Gebote lernt: sie sind so etwas wie Gottes Grundgesetz für uns Menschen.

Obwohl die Lade also eigentlich gar nicht viel mehr ist als eine Kiste mit den Zehn Geboten, spielt sie in unserem Text eine ganz zentrale Rolle: Wenn die Priester mit der Lade loslaufen, soll sich auch das Volk auf den Weg machen - wenn auch mit gebührendem Abstand. Aber die Lade ist nicht bloß ein Zeichen zum Aufbruch, sie steht tatsächlich für die macht¬volle Gegenwart Gottes: In dem Moment, in dem die Priester mit der Lade in den Jordanfluss treten, bleibt das obere Wasser stehen ‘wie ein Wall’. Da das untere Wasser weiter flussabwärts fließt, gibt es so bald einen Durchgang, auf dem das Volk trockenen Fußes den Jordan überqueren kann. So kommen die Israeliten sicher und ungefährdet in das gelobte Land.

Ein Wunder, das an den Durchzug der Israeliten durchs Schilf¬meer erinnert. Dieses Wunder soll das Vertrauen des Volkes stärken: das Vertrauen in Josua und das Vertrauen in Gott. Dass Josua Anerkennung findet, ist keineswegs selbstverständlich. Als Nachfolger des Mose ist er in große Fußstapfen getreten, Fußstapfen, die er selbst nie und nimmer ausfüllen kann. Wahrnehmen kann er diese große Aufgabe nur mit Gottes Hilfe. Deshalb sagt Gott zu ihm: ‘Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein.’ Gott will Josua groß machen. Aber sein Größe besteht allein darin, dass Gott mit ihm sein wird; dass ER dasein wird bei ihm, so wie Er zuvor dawar bei Mose. Mutig und zuversichtlich soll sich Josua auf den Weg machen und das Volk mit ihm - aber nicht, weil Josua so ein großartiger Politiker oder ein genialer Stratege ist, sondern weil Gott an seiner Seite ist.

So ist es im Volk Gottes bis heute: Wer meint, aus eigener Kraft groß zu sein, der täuscht sich selbst und andere. Groß kann hier nur der sein, der Gott groß sein lässt und sich selbst in seinen Dienst stellt. Und das gilt nicht nur für die Anführer des Volkes, das gilt für uns alle. Josua steht an erster Stelle, aber die Erfahrungen, die er mit Gott macht, sind dieselben, die andere auch machen, die mit Gott unterwegs sind. Groß ist nur, wer Gott groß sein lässt und sich auf seine Gegenwart verlässt.

Auch die damit verbundene Gefahr ist bei uns heute dieselbe wie damals bei Josua: Wenn Gott sagt, Er wolle Josua groß machen, damit das Volk erkenne, dass ER, Gott, mit ihm sei, dann die Versuchung gewaltig, dass Josua sich selbst für groß hält. Daran ist am Ende selbst Mose gescheitert. Wer mit Gott unterwegs ist, bleibt von Anfang bis Ende von Ihm abhängig. Das aber ist schwer auszuhalten. Fast jeder möchte gern selber groß sein. Und so sind die meisten Menschen immerzu damit beschäftigt, das, was Gott ihnen gibt, als ihre eigene Leistung, ihre eigenen Fähigkeiten zu bewundern - und gern auch von anderen bewundern zu lassen.

Josua hat das verstanden. Darum gibt er nicht sich selbst, sondern Gott die Ehre. Er ruft dem Volk zu: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist ... Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. ... Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN ... tragen, im Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.’ An dem wunderbaren Zeichen mit der Lade soll das Volk erkennen, dass Gott mit ihnen ist, ein lebendiger Gott, der alle Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, überwinden wird. Josua muss sich nicht selbst rühmen. Es genügt, dass er zeigen kann: Gott ist mit ihm, und damit auch mit dem ganzen Volk, so wie er zuvor mit Mose war.

Mit Gott unterwegs zu sein, das ist es, was ich mir für das eben begonnene neue Jahr, was ich mir für mein ganzes Leben wünsche, und so wird es vielen von Ihnen wohl auch gehen. Gott aber wird mit uns seine Wege gehen, nicht unsere. Dennoch dürfen wir darauf vertrauen, dass Er uns auf rechter Straße führen wird um seines Namens willen. Er gibt uns Hoffnung und Halt, und Er gibt uns Zeichen seiner Nähe: in seinem Wort, in Taufe und Abendmahl, in Gottesdiensten, in überraschenden, wunderbaren Veränderungen.

Amen.