Predigt 10. Februar 2019, Rolf Noormann

Stürme des Lebens - Predigt zu Markus 4,35-41

Liebe Gemeinde,

es geht wohl uns allen so, dass wir sonnige, strahlende Tage mehr lieben als dunkle, trübe Tage. Selbst nach dem langen, schier endlosen Sommer im letzten Jahr war es so: Kaum gab es eine trübe Woche, sehnten sich viele schon wieder nach der Sonne. Mir geht es auch so. Wenn ich, wie gestern, morgens aufstehe und der Himmel strahlt, dann fällt es mir leichter, frohgemut den neuen Tag zu beginnen. Allerdings wissen wir wohl alle, dass wir auch den Regen dringend brauchen. Immer nur strahlender Himmel wäre gar nicht gut für uns.

Auch im Leben gibt es nicht immer nur eitel Sonnenschein, so sehr wir es uns wohl wünschen würden. Fast keiner von uns hat das Glück, immer nur auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs zu sein. Zum Leben gehören oft auch Stürme, Stürme, die uns erschrecken, die uns manchmal auch Angst machen.

Das haben auch die Jünger Jesu so erlebt, obwohl sie so eng mit Jesus verbunden waren wie niemand sonst. Jesus selbst hatte sie sich als seine Begleiter ausgesucht. Tag und Nacht waren sie mit ihm unterwegs, begleiteten ihn auf allen seinen Wegen, hörten alle seine Predigten. Sie kannten Jesus sozusagen in- und auswendig. Und er war immer bei ihnen. Besser als ihnen kann es Menschen, die im Vertrauen auf Gott leben wollen, gar nicht gehen. Trotzdem bleiben auch die Jünger von Stürmen nicht verschont, ganz im Gegenteil. Und es zeigt sich, dass sie diesen Stürmen kaum besser gewachsen sind als wir. Davon erzählt der heutige Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 4:


Und an jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu ihnen: ‘Lasst uns hinüberfahren.’
Und sie entließen das Volk und nahmen ihn mit, wie er im Boot war.
Und es waren noch andere Boote bei ihm.
Und es erhob sich ein heftiger Sturmwind.
Und die Wellen schlugen in das Boot,
so dass das Boot schon voll lief.
Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm:
‘Meister, kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?!’
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: ‘Schweig! Verstumme!’
Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen:
‘Warum seid ihr so furchtsam?
Habt ihr noch keinen Glauben?’
Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander:
‘Wer ist denn dieser,
dass auch Wind und Meer ihm gehorchen?’

Die Jünger haben mit Jesus schon großartige Dinge erlebt. Sie haben gesehen, wie er Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben hat. Und sie haben gehört, wie er den Menschen Mut macht, indem er ihnen von der Nähe Gottes erzählt. Die Jünger haben all das in sich aufgesogen wie ein Schwamm, so begeistert sind sie von Jesus. Unendlich viel könnten sie von ihm erzählen. Aber jetzt haben sie einfach bloß Angst.

Es ist Abend, vielleicht schon Nacht. In der Dunkelheit hat sich über dem See Genezareth ein schwerer Sturm erhoben. Die Wellen drücken ins Boot. Die Jünger kämpfen mit Wind und Wetter. Als Fischer sind sie erfahrene Seeleute. Aber jetzt sind sie in größter Sorge. Es ist nicht sicher, ob das Boot diesen Sturm überstehen wird. Die Jünger haben Angst um ihr Leben. Und Jesus? Jesus liegt ruhig hinten im Boot und schläft. Als ginge ihn das alles gar nichts an. Als gäbe es gar keine Gefahr. Alles wäre alles in bester Ordnung.

Was die Jünger hier erleben, ist eine Erfahrung, die so ähnlich wohl viele Christinnen und Christen kennen. Sie leben ihr Leben im Vertrauen auf Gott. Sie sind dankbar für all die schönen Dinge, die ihnen geschenkt sind, für all das Gute, das sie erleben dürfen. Sie fühlen sich von Gott reich beschenkt und gesegnet. Doch dann bricht plötzlich ein Unglück über sie herein: eine schwere Krankheit; Schwierigkeiten in der Schule oder im Beruf; eine Krise in der Ehe oder in der Familie. Und auf einmal stellt sich ganz neu die Frage: Und wo ist jetzt Gott? Sieht er nicht, was da über mich hereinbricht? Warum lässt er die Dinge einfach so geschehen?

Die Jünger halten es nicht mehr aus. So sehr sie Jesus nach einem anstrengenden Tag die Ruhe gönnen, jetzt ist höchste Not. Da kann er doch nicht einfach weiter schlafen, als wäre nichts passiert. Und so wecken sie ihn schließlich und stellen ihm die vorwurfsvolle Frage: ‘Meister, kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?’

Eigentlich ist das eine ganz unmögliche Frage. Wie können die Jünger auch nur einen Augenblick annehmen, es könnte Jesus egal sein, wie es ihnen geht?! Als könnte es ihn nicht kümmern, wenn ihr Leben tatsächlich in Gefahr wäre?! Sie sind doch seine engsten Vertrauten, die Menschen, mit denen er sich umgibt, die seine Worte, seine Botschaft weitersagen sollen. Nie und nimmer wird es Jesus egal sein, was mit ihnen geschieht. Er ist doch sogar selbst mit an Bord.
   
Eigentlich eine unmögliche Frage, und doch stellen die Jünger sie: ‘Meister, kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?’ Wie den Jüngern, so geht es vielen Menschen mit ihrem Glauben. Eigentlich kann es gar keine Frage sein, dass wir Gott vertrauen können. Er hat uns doch mit dem Leben beschenkt. Er hat uns schon so viel Gutes erwiesen. Ja, er hat die Erde zu einem Ort gemacht, an dem Menschen leben können, an dem wir leben können. Und dann ist da doch plötzlich diese Frage: ‘Kümmert es dich nicht, dass wir umkommen? Bin ich dir, Gott, egal? Siehst du meine Not denn gar nicht?’ Und solche Fragen kommen ja nicht ohne Grund. Da ist tatsächlich ein Sturm über mich hereingebrochen. Vielleicht wird mein ganzes bisheriges Leben in Frage gestellt. Ich kann vielleicht die Arbeit, die bisher mein Leben ausge-macht hat, nicht weiter fortsetzen. Oder die Familie, die mein fester Halt im Leben war, zer-bricht. Oder ein mir nahe stehender Mensch stirbt. Wie soll ich da noch auf die Güte Gottes vertrauen? Wie sollte ich da nicht wie die Jünger fragen: ‘Kümmert es dich nicht, Gott, was mir geschieht?’

Jesus reagiert sofort. Als erstes bringt er den Sturm zum Schweigen. Ein paar Worte Jesu genügen, und schon entsteht eine große Stille; eine Ruhe, wie sie schöner nicht sein könnte. Das Meer wird spiegelglatt. So ruhig und glatt, wie es sich die antiken Philosophen für die Seele erhofft haben. So wie die Stürme ein beliebtes Bild für die vielfältigen Gefährdungen des menschlichen Lebens waren, so war die Ruhe des Meeres nach einem Sturm ein Bild für die Ruhe eines Menschen, der sich von all den beunruhigenden Dingen nicht mehr angreifen lässt; der in seiner Seele Ruhe gefunden hat.

Jesus schafft diese Ruhe, indem er Wind und Wellen zum Schweigen bringt. Das wird uns selbst bei den Stürmen unseres Lebens nicht so leicht gelingen. Ob wir trotzdem zu einer solchen Ruhe finden können, wie Jesus sie hier schafft, Ruhe für unsere Seele? Selbst dann, wenn Stürme über unser Leben hereinbrechen?

Jesus scheint das von seinen Jüngern zu erwarten. Kaum hat er den Sturm gestillt, wendet er sich an sie: ‘Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?’ Offenbar hat Jesus von seinen Jüngern größeres Vertrauen, größere Gelassenheit erwartet. Er selbst war und ist doch mit ihnen im Boot. Wie können sie da befürchten, das Boot könnte untergehen? Haben sie denn gar kein Vertrauen zu ihm, nach all dem, was sie schon mit ihm erlebt haben?

Für die Jünger ist das eine schwierige, eine beschämende Situation. Ihnen steckt noch die Angst in den Knochen vor dem, was ihnen hätte passieren können. Erfahrene Fischer, die sie waren, haben sie sich sicher nicht vom erstbesten Stürmchen ins Bockshorn jagen lassen. Und jetzt wirft Jesus ihnen vor, sie hätten sich aufgeführt wie ängstliche Schulbuben ohne jedes Gottvertrauen.

Für mich zeigt das: Es ist nicht so einfach mit dem Glauben und dem Gottvertrauen. Schon gar nicht, wenn Stürme über uns hereinbrechen. Das Beispiel der Jünger Jesu zeigt, dass im Zweifelsfall niemand davor gefeit ist, alles Vertrauen zu verlieren und vor der Angst zu kapitulieren. Was könnte dagegen helfen? Was könnte uns helfen, auch in schwierigen Situationen das Vertrauen auf Gott nicht zu verlieren und die innere Ruhe zu bewahren?

Das wichtigste ist vielleicht, dass wir den Glauben nicht als selbstverständlich ansehen. Gott dankbar zu sein, wenn es mir gut geht und ich mit den schönen Dingen des Lebens reich gesegnet bin, ist gut und wichtig, aber es ist keine Gewähr dafür, dass dies immer so bleibt. Nur allzu leicht kann ich auf die Idee kommen, mein Glück für verdient zu halten. Und ebenso leicht kann eine ernsthafte Krise mein Gottvertrauen in Frage stellen. Der Glaube ist nie so etwas wie ein selbstverständlicher Besitz. Glauben heißt: Gott zu vertrauen, und das muss ich jeden Tag von neuem tun, oft genug auch: von neuem lernen.

Helfen könnte vielleicht auch, stärker damit zu rechnen, dass Stürme über uns und unser Leben hereinbrechen können. Nicht ängstlich und besorgt, sondern nüchtern und realistisch. Für die antiken Philosophen, die Menschen zur Seelenruhe führen wollten, war das ein zentrales Thema. Sie hielten es für wichtig, sich schon im Vorhinein darauf einzustellen, dass es auch anders kommen kann als erwünscht und erhofft: Wie gehe ich damit um, wenn ich mit meinen beruflichen Plänen und Hoffnungen keinen Erfolg habe? Oder wenn ich krank werde und meinen Beruf nicht mehr ausüben kann? Wie gehe ich damit um, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn Freunde mich im Stich lassen? Für uns sind solche Fragen wohl ziemlich ungewohnt, und ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, wie weit sie tatsächlich helfen. Das eine aber dürfte auf jeden Fall richtig sein: sich hin und wieder vor Augen zu führen, dass nicht alles immer so gut weiter gehen muss, wie es jetzt gerade ist.

Am wichtigsten aber ist etwas anderes: das Vertrauen, dass Gott mich nie und nimmer im Stich lassen wird; dass auf seine Güte und Treue Verlass ist, auch dann, wenn Stürme über mich hereinbrechen sollten. Gott wird nicht immer meine Wünsche erfüllen. Er wird mich vielleicht nicht von jeder Not verschonen. Aber Er wird mich nicht fallen lassen. Johann Albrecht Bengel, der berühmte Lehrer hier im Kloster Denkendorf, hat seine Erfahrungen in dem Satz zusammengefasst: ‘Gott hilft uns nicht immer am Leiden vorbei, aber er hilft uns hindurch.’ So haben es die Jünger Jesu erlebt und viele Christinnen und Christen nach ihnen auch. Vieles ist auch ihnen nicht erspart geblieben. Aber im Stich gelassen wurden sie nie.

Ruhe und Gelassenheit, wie die antike Philosophie sie lehrt, findet nur, wer sich von allen äußeren Dingen nicht berühren lässt, weil sie sein innerstes Wesen gar nicht betreffen. Die Bibel hat eine andere Philosophie: Ruhe und Gelassenheit findet, wer darauf vertraut, dass Gott ihm zur Seite steht, auch und gerade in stürmischen Zeiten. Auf Gottes Treue ist Verlass. Er kann auch dort noch helfen, wo wir mit unserem Latein am Ende sind. Er steht uns bei in jedem Sturm des Lebens. Dietrich Bonhoeffer scheibt darum in seinem Gefängnistagebuch “Widerstand und Ergebung”: Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.”

Amen.

Rolf Noormann