Gedanken für den Tag

Sonntag, 18. April



Ein besonderer Tag



Mit Ostern beginnt alles. Ohne die Auferstehung Jesu von den Toten gäbe es keinen christlichen Glauben. Ostern ist der Anfang einer neuen Zeit. Für die frühen Christen war es so wichtig, diesen Anfang nicht aus den Augen zu verlieren, dass sie den Wochentag, an dem Jesus von den Toten auferstanden ist, als “Tag des Herrn” zum wichtigsten Tag der Woche gemacht haben. Erst viel später wurde dieser Tag, der Sonntag, auch offiziell zum wöchentlichen Feiertag gemacht. So feiern auch wir jede Woche, wenn auch wohl oft unbewusst, die Auferstehung. Ich denke, die frühen Christen wussten, was sie damit taten. Auf der einen Seite wollten sie diesen einzigartigen Tag gebührend würdigen. Dafür war ihnen ein Osterfest im Jahr viel zu wenig. Wenigstens einmal pro Woche sollte dieses großartige Ereignis in Erinnerung gerufen werden. Auf der anderen Seite wussten sie, wie schwach der Mensch ist. Selbst wenn ich heute begeistert die Auferstehung feiere, kann mir morgen schon wieder alles zweifelhaft vorkommen. Nur allzu oft sprechen ja die eigenen Erfahrungen dagegen. Es ist darum gut, wenn wir uns jeden Sonntag von neuem daran erinnern lassen: Der Herr ist auferstanden. Er schafft neues Leben.

Samstag, 17. April



Zweierlei Gebet



Die bekannte Geschichte von Kain und Abel wirft Fragen auf. Die beiden ungleichen Brüder – der eine Viehhirte, der andere Ackerbauer – bringen von ihren Erträgen Gott ein Opfer dar. Gott aber hat nur am Opfer Abels Wohlgefallen; das Opfer Kains missachtet er. Kain wird eifersüchtig und erschlägt seinen Bruder. Seit jeher beschäftigt Ausleger die Frage, weshalb Gott so unterschiedlich auf die Opfer der beiden reagiert. Der niederländische Theologe Miskotte sieht es so: Beide, Kain und Abel, bringen ihr Opfer dar, um damit Gott ihren Dank, ihre Schuld und ihre Hilfsbedürftigkeit zu bekennen. Doch während Abel mit seinem Opfer sich selbst und alle seine Habe in Gottes Hände gibt, will Kain durch sein Opfer sich selbst und seine Habe beschützen. Diesen Unterschied sieht Miskotte auch bei uns heute: Die meisten Menschen wollen immer etwas von Gott erreichen, selbst dann, wenn sie aufrichtig ihre Schuld und ihre Hilfsbedürftigkeit bekennen und Gott danken. Ihr Gebet ist ein “Kainsgebet”, das immer nur an sich denkt: dass ich gut schlafen kann ... Nur wenige bitten darum, von sich selbst und ihren Dingen loszukommen, und legen alles in Gottes Hände.

Freitag, 16. April



Mit Blindheit geschlagen



Ich glaube nur, was ich sehe, so sagen manche. Abgesehen davon, dass der Satz nicht stimmt – keiner kann darauf verzichten, auch an Dinge zu glauben, die er nicht sehen kann –, was sehe ich eigentlich? Und was nicht? Wir Menschen sind neugierige Wesen. Wir wollen die Welt und uns selbst erkennen. Aber was können wir tatsächlich erkennen? Darüber haben sich die Menschen seit jeher den Kopf zerbrochen. Eine Antwort auf diese Frage ist kaum möglich. Denn das, was ich nicht erkenne, erkenne ich ja nicht. Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz schreibt deshalb, sicher mit einem Augenzwinkern, aber doch zugleich sehr ernsthaft: “Seine eigene Blindheit muss man unbesehen annehmen”. Ein blinder Fleck ist ja das, was ich nicht sehen kann. Und wer weiß, am Ende ist es nicht bloß ein Fleck, den ich nicht sehe, sondern eine ganze Landschaft. So großartig es sein mag, was ich im Laufe meines Lebens erkenne, es ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Das gilt auch für die moderne Wissenschaft, unbeschadet ihrer zum Teil großartigen Erfolge. Ohne die nötige Demut und Bescheidenheit täuschen wir darum nur uns selbst.

Donnerstag, 15. April



Der Glaube ruht nicht in sich selbst




Es gibt wohl kaum etwas am christlichen Glauben, was so häufig missverstanden worden ist, wie der Glaube selbst. Es geht nicht darum, ob ich etwas glaube, also zum Beispiel für wahr halte, dass Jesus von den Toten auferweckt worden ist. Es geht darum, dass ich jemandem vertraue, nämlich Gott, der Jesus auferweckt hat und darum auch mich auferwecken wird. Echten Glauben gibt es nur in der Beziehung zu Gott. Deshalb schreibt der niederländische Theologe Miskotte: “Der Glaube kennt keine Sicherheit außer derjenigen, die in dem Anderen ruht”, nämlich in Gott. Nicht auf meinen Glauben kann ich mich verlassen, sondern darauf, dass Gott tut, was er versprochen hat. Tatsächlich halten wir das kaum durch. “Obgleich alle Religion ursprünglich auf dem Wunder der Offenbarung beruht, beginnt sie nach kürzerer oder längerer Zeit in sich selbst zu ruhen, verwechselt sie Glauben und Glaubensgestalt: es kommt so, dass der Mensch in sich selbst sicher wird.” Auf mich und meine religiösen Vorstellungen und Überzeugungen ist jedoch kein Verlass. Verlass ist allein auf Gott selbst. Darum kann der Glaube nicht in sich selbst ruhen, sondern nur in Gott.

Mittwoch, 14. April



Die Frage nach Gott



Zur modernen, aufgeklärten Welt gehört es, dass Gott fraglich geworden ist. Waren Menschen zu anderen Zeiten meist ganz selbstverständlich davon überzeugt, dass ein Gott oder viele Götter über diese Welt herrschen, so ist diese Überzeugung seit der Aufklärung häufig in Frage gestellt worden. Der moderne Mensch geht nicht selbstverständlich von Gott aus, sondern fragt nach Gott: ob es ihn wohl geben mag; ob es eine Macht gibt, die die Welt und mein Leben regiert, usw. Ob es angemessen ist, so nach Gott zu fragen, sei dahingestellt. Der israelische Schriftsteller Elazar Benyoëtz nähert sich dem Thema aus einer anderen Perspektive: “Die Frage nach Gott – was ist das Fragen ohne Gott?” Für Benyoëtz ist die Frage nicht, ob es Gott gibt, sondern welchen Sinn das Fragen, das für uns Menschen so charakteristisch ist, haben soll, wenn es keinen Gott gibt. Nur wenn es jemanden gibt, an den ich meine Lebensfragen richten kann, hat das Fragen einen Sinn. Einem blinden Schicksal oder dem Zufall der Evolution kann ich keine Fragen stellen.

Dienstag, 13. April



Güte siegt



Frechheit siegt, so heißt es manchmal. Schnell noch in den Parkplatz einbiegen, in den der andere gerade zurücksetzen will. Sich vordrängeln beim Bäcker. Mögen die anderen ruhig schimpfen, ich war einfach schneller. Für den Moment kann man sich so einen Vorteil verschaffen, aber ob Frechheit wirklich siegt, ist eine andere Frage. Der russische Schriftsteller Tolstoi war da entschieden anderer Meinung. Er hat viel über den Weg Jesu nachgedacht und versucht, die Ideale Jesu in seine eigene Lebensphilosophie zu übersetzen. Einer seiner Grundsätze lautet: “Güte besiegt alles und ist selbst unbesiegbar.” Jesus ist den Weg der Güte gegangen. Viele Menschen hat er so gewinnen können, jedoch längst nicht alle. Seine Feinde haben sich von seiner Güte nicht bezwingen lassen. Das weiß auch Tolstoi. Er sieht über die Zeit damals im Jahre 30 hinaus. Die Feinde Jesu sind vergessen. Geblieben ist die Erinnerung an Jesus und seinen Weg der Liebe und der Barmherzigkeit. Frechheit mag für den Augenblick die Oberhand behalten, Bleibendes schafft allein die Güte.

Montag, 12. April



Hätte ich doch!



Je länger ich lebe, desto länger wird die Reihe der verpassten Chancen, desto größer die Zahl der begangenen Fehler. Das menschliche Gedächtnis deckt vieles gnädig mit dem Schleier des Vergessens zu. Dennoch bleibt manches in Erinnerung, das zur Belastung werden kann. Der Psychiater Walter Schulte sieht darin sogar das Hauptproblem des Älterwerdens: “Das Belastende im Alter ist nicht der Abbau, sondern das Unerledigte und Unwiederbringliche.” Den mit hohem Alter häufig verbundenen körperlichen Abbau haben die meisten vor Augen. Die Innenseite, von der Schulte spricht, ist weniger im Blick. Sie ist vielleicht ein Grund dafür, dass ältere Menschen manchmal unzufrieden oder griesgrämig wirken. Was tun? Wir können die Zeit nicht zurückdrehen und Vergangenes ungeschehen machen. Zum christlichen Glauben gehört aber die Überzeugung, dass nichts unwiderruflich so bleiben muss, wie es geworden ist. Schuld kann vergeben werden. Damit wird das Vergangene nicht ungeschehen gemacht, aber ich kann damit leben, ohne dass es mich zerstört. Zum Glauben gehört zudem die Hoffnung, dass Gott am Ende alles zurechtbringen wird, was in dieser Welt und in meinem Leben zerbrochen ist.

Sonntag, 11. April

 

Sich seines Lebens freuen



Es ist alles eine Frage der Blickrichtung. Schon antike Philosophen haben ein Grundproblem der Menschen darin gesehen, dass sie lieber nach unten gebeugt auf die Erde schauen als aufrecht stehend den Blick zum Himmel zu wenden. Die Betrachtung der Sternenwelt lässt erahnen, so meinten sie, dass es in der Welt weit Größeres und Schöneres gibt als das tägliche Kleinklein der Menschen mit ihren Freuden und Leiden. Der Wechsel der Blickrichtung ist auch für Glauben grundlegend: weg von mir selbst hin zu Gott; weg von den bedrückenden Erfahrungen hier und jetzt hin zur neuen Welt Gottes. Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz schreibt dazu: “Hat man Gott vor Augen, versteht man die Welt nicht mehr und freut sich seines Lebens”. Der Blick auf Gott hat demnach zwei Folgen: Was die Welt betrifft, so nimmt die Klarheit nicht zu, sondern ab. Es ist nicht so, dass der Glaubende die Welt durchschaut; vielmehr versteht er noch weniger als andere, warum die Welt noch immer nicht so ist, wie sie sein soll. Dennoch kann, wer auf Gott schaut, sich seines Lebens freuen. Nicht weil das Unbegreifliche in der Welt für ihn unwichtig geworden wäre, sondern weil er es aufgehoben weiß in Gott.

Samstag, 10. April



Geheimnisvolles Leben



In Zeitungen sind manchmal Schlagzeilen zu lesen wie diese: “Geheimnis des Atomkerns entschlüsselt”. Könnte man solchen Nachrichten Glauben schenken, wären schon viele Geheimnisse der Welt und des menschlichen Lebens entschlüsselt: das Geheimnis der Liebe und der Partnerwahl, das Geheimnis des Erfolgs usw. Tatsächlich sind solche Nachrichten meist sehr vereinfacht und weit übertrieben. Es bleiben noch viele Rätsel zu lösen, bis man diese und andere Geheimnisse tatsächlich entschlüsselt hat – falls dies überhaupt je möglich sein sollte. Meist ist es so, dass einige neue Aspekte eines Phänomens analysiert worden sind. Das kann manchmal sehr hilfreich sein, aber es sind doch nur Aspekte. Das Geheimnis bleibt. Seriöse Naturwissenschaftler sagen eher: Mit jeder Antwort, die wir finden, tauchen drei neue Fragen auf. So hilfreich moderne wissenschaftliche Erkenntnisse auch sind, sie sollten verbunden sein mit dem Staunen über den geheimnisvollen Reichtum des Lebens bzw. der Natur. Das ist wichtig auch für unser Selbstverständnis, denn “mit dem Schwinden des Geheimnisses hört auch das Selbstverständliche auf” (Elazar Benyoëtz).

Freitag, 9. April



Beflügelnde Gedanken



Die menschliche Sprache ist ein erstaunliches Instrument. Worte ermöglichen es uns, Gedanken und Vorstellungen zu entwickeln. Gedanken und Vorstellungen aber verändern unsere Sicht der Wirklichkeit, unsere Gefühle, unser Handeln – zum Guten und zum Schlechten. Was mir durch den Kopf geht, kann mich beflügeln oder lähmen. Die Erwartung, dass ich heute schaffen werde, was ich mir vorgenommen habe, kann mir den nötigen Schwung verleihen, um mein Tagesziel tatsächlich zu erreichen. Umgekehrt kann der resignierte Gedanke, dass ich sowieso nichts hinbekomme, mich so sehr lähmen, dass aus diesem Tag nichts wird. Das Beispiel lässt ahnen, wie wichtig es ist, dass wir nur solche Gedanken von uns Besitz ergreifen lassen, die uns beflügeln, die unser Selbstvertrauen stärken und unsern Lebensmut wecken. Die Osterbotschaft ist das beste Beispiel dafür. Sie beflügelt die Phantasie und weckt Sehnsucht nach mehr. Seit Ostern ist Hoffnung nicht mehr totzukriegen, dass Gottes alles Leid überwinden wird. Eine Hoffnung, die auch in bedrückenden Zeiten Mut machen kann.

Donnerstag, 8. April


Kein Jammertal!



Über viele Jahrhunderte hat die christliche Kirche das Leben hier und jetzt als irdisches Jammertal beschrieben. Die Hoffnung des Glaubens richtete sich darauf, diesem Elend möglichst bald zu entrinnen. Es gab und gibt Gründe für eine solche Sicht des Lebens. Es gibt großes Leid und unendlich viel Not. Allerdings gäbe es auch Gründe für eine andere Sicht der Dinge: das Wiederaufblühen des Lebens im Frühling; das Erleben von Liebe; Lebensfreude, die sich auch von negativen Erfahrungen nicht unterkriegen lässt. Christoph Blumhardt lehnt die Vorstellung eines irdischen Jammertals entschieden ab, allerdings aus einem anderen Grund: “Nein, wir leben in keinem Jammertal. Das ist lauter Lug und Trug. Wir leben in einer glückseligen Welt, wenn das Regiment Gottes uns in der Hand hat.” Blumhardt ist überzeugt: Wenn Gott die Welt regiert, kann sie nicht einfach ein Elend sein. Dann muss mehr über das Leben hier und jetzt zu sagen sein. Wir können und müssen Glück und Leid nicht gegeneinander aufrechnen. Das eine aber können und sollen wir tun: darauf vertrauen, dass Gott die Welt und mein Leben in seinen Händen hält. Das Vorzeichen ist auf jeden Fall positiv.

Mittwoch, 7. April



Verhaltene Freude



Die ersten Reaktionen am Ostermorgen sind Angst und Schrecken. Verständlicherweise. Ein offenes Grab, der Leichnam Jesu verschwunden, herumliegende Leichentücher, dazu noch außergewöhnliche Jünglinge in strahlend weißen Gewändern – wer würde da nicht erschrecken? Doch auch von anderen Reaktionen wird berichtet. Lukas erzählt, die Frauen hätten sich vom leeren Grab gleich zu den Jüngern begeben, um ihnen zu berichten, was sie erlebt haben. Allerdings stößt ihr Bericht bei den Jüngern auf größte Skepsis: “Es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht” (Lukas 24,11). Einer der Jünger, Petrus, macht sich allerdings trotzdem auf den Weg und schaut nach. Er findet das leere Grab und die Leichentücher, wie die Frauen es berichtet haben. Er kommt ins Staunen über das, was da geschehen ist (Vers 12) – ein erster Schritt. Erst nachdem der Auferstandene selbst den Jüngern erschienen ist, mischt sich das ungläubige Staunen allmählich mit Freude. Ostern widerspricht aller Erfahrung. Da kann es dauern, bis die Botschaft ankommt. Das ist auch heute nicht anders.

Dienstag, 6. April




Des Glaubens liebstes Kind



In Goethes “Faust” spielt das Osterfest eine wichtige Rolle. Als Faust den “Chor der Engel” hört, der ein Auferstehungslied singt, reagiert er mit den Worten: “Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube; das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.” Seit Goethes Zeiten hat die Skepsis, was Wunder angeht, noch erheblich zugenommen. Als moderne Menschen rechnen wir nicht mehr mit der Möglichkeit, dass es Wunder geben könnte. Dabei gäbe durchaus Gründe, die Selbstverständlichkeit, mit der wissenschaftliche Erkenntnisse als zuverlässig und wahr präsentiert werden, in Frage zu stellen. Es ist nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der sich mit den aktuellen wissenschaftlichen Methoden wahrnehmen lässt. Ein Beispiel ist die erstaunliche Wirksamkeit von Placebos (Scheinmedikamenten), ist es hier doch nicht das Medikament, das heilt, sondern der bloße “Glaube”. Goethe hat recht: der christliche Glaube kann auf das Wunder nicht verzichten. Schließlich kommt er von Ostern her, dem Wunder der Auferstehung. Aber wer weiß, vielleicht ist genau das realistisch: mit der Möglichkeit von Wundern zu rechnen. So sieht es die Dichterin Mascha Kaléko: “Zerreiß deine Pläne. Sei klug / und halte dich an Wunder.”

 

 

Ostermontag, 5. April



Protestleute gegen den Tod



Für Christoph Blumhardt, den bekannten Pfarrer von Bad Boll, stand die Osterbotschaft im Zentrum des christlichen Glaubens. Anders als für viele andere hatte das für ihn auch praktische Folgen. Christen müssen sich, so seine Überzeugung, gegen alles engagieren, was das Leben beeinträchtigt, nicht zuletzt gegen Krankheiten. Krankheiten und Tod sind für Blumhardt nichts Natürliches, sondern eine “Folge der Sünde”. Ostern hat Gott den Kampf dagegen aufgenommen, einen Kampf, der so lange dauern wird, bis der Tod endgültig überwunden sein wird. Für Blumhardt ist darum “jedes Erhalten des Lebens und jeder Protest gegen den Tod ... eine Art Ehrensache”. Jesus selbst gibt uns den Auftrag, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Krankheiten zu bekämpfen und Leben zu ermöglichen. “Wir, die wir uns mit Kranken abgeben und selber krank sind, – wir, die wir das im Namen Jesu sind und tun, wir sind Protestleute gegen den Tod.” Seit Ostern kann uns das ganz normale menschliche Leben mit seinen Gebrechen nicht mehr gleichgültig sein. Jeder medizinische Fortschritt, ja, alles, was dem Leben dient, ist eine Wahrnehmung des Auftrags, der sich aus der Osterbotschaft ergibt.

Ostersonntag, 4. April



Furchterregend



Eines haben die biblischen Erzählungen vom Ostermorgen gemeinsam: Nicht von Freude und Begeisterung erzählen sie, sondern von Furcht und Schrecken. Es sind die Frauen, die am Ostermorgen zum Grab geben. Einen letzten Dienst wollen sie dem toten Herrn und Meister erweisen, seinen geschundenen Körper einbalsamieren. Doch dann kommt alles anders: Das Grab ist offen, der Leichnam Jesu weg. Eine Gestalt in einem strahlend weißen Gewand erklärt den Frauen, was das alles zu bedeuten hat: “Erschreckt nicht. Ihr sucht Jesus, den Nazarener. Er ist auferweckt worden. Er ist nicht hier. Seht die Stätte, wo sie ihn hingelegt haben” (Markus 16,6). Was für eine Freude! Sollte man meinen. Doch die Frauen sind überfordert. Ihre Seele kommt da nicht mit. Sie fliehen vom Grab. Zittern und Entsetzen hat sie ergriffen, und sie sagen niemandem etwas, so sehr fürchten sie sich (Vers 8). Angst, nicht Freude bestimmt den Ostermorgen. Nicht nur der Tod ist erschreckend, auch seine Überwindung.

Karsamstag, 3. April



Liebesdienst



Die Leidensgeschichte Jesu hält uns den Spiegel vor. Sie zeigt uns, wie wir Menschen sind. Sehr ernüchternd ist das. Aber es gibt auch Ausnahmen. Joseph von Arimathäa zum Beispiel. Vorher hatte man nichts von ihm gehört, aber jetzt taucht er plötzlich auf. Ein angesehener Mann, Mitglied im Hohen Rat und ein guter, gerechter Mensch, wie Lukas erzählt (Lukas 23,50–53). Er geht zu Pilatus und bittet um den Leichnam Jesu. Nachdem er ihn bekommen hat, wickelt er ihn in ein Leintuch und bestattet ihn in einem Felsengrab. Wahrscheinlich ist es die Gruft, die er für sich und seine Familie erworben hat. Ein letzter Liebesdienst an Jesus, von einem Menschen, der bis dahin nichts mit ihm zu tun hatte. Auch das gibt es: Menschen, die sich anrühren lassen von fremdem Leid. Die einfach tun, was nötig ist, ohne große Worte, ohne Hoffnung auf Lohn oder Dank. Die wenigsten sind zu Helden geboren. Aber etwas kann jeder tun, selbst in einer so schlimmen Situation wie hier. Etwas kann auch ich tun. Joseph von Arimathäa macht es uns vor.

Karfreitag, 2. April



Weint mit den Weinenden!



Manchmal ist keine Hilfe mehr möglich. Nicht jede Not lässt sich verhindern, manches Leid ist nicht zu lindern. Nachdem Jesus einmal in die Mühlen der Macht geraten ist, können seine Jünger und Freunde nichts mehr für ihn tun. Dafür sind sie viel zu schwach. Erst nachdem er schon am Kreuz hängt, können sie ihm wieder näher kommen. Es sind vor allem die Frauen aus seinem Umfeld, die auch jetzt noch da sind. Sie lassen Jesus auch in dieser dunkelsten Stunde nicht allein. Auch wenn sie ihm nicht mehr helfen können, eine Hilfe sind sie ihm doch. Das nag paradox klingen, ist aber eine urmenschliche Erfahrung. Vielleicht laufen wir heute Gefahr, dies zu verlernen: wie hilfreich es sein kann, die eigene Hilflosigkeit mit anderen zu teilen. Nicht immer können wir etwas tun. Es gibt ausweglose Situationen und unerträgliches Leid. Gebraucht werden wir trotzdem.


Gründonnerstag, 1. April



Späte Erkenntnis



In der Leidensgeschichte Jesu hat sich niemand mit Ruhm bekleckert, auch die Römer nicht. Sie, denen das Recht so wichtig war, wissen auch: Macht geht vor Recht. Ein Weltreich regiert sich nicht von selbst. Dazu braucht man alle Mittel. Ein Justizmord irgendwo in der Provinz fällt da kaum ins Gewicht. Überhaupt, was heißt hier Mord? Gab es etwa kein ordentliches Verfahren? Und wer ist schon unschuldig? Wer sich Feinde macht, hat sicher Dreck am Stecken. Besser, einer wird hingerichtet, als es gibt einen Aufstand mit viel mehr Toten. Genug Gründe für die römischen Behörden, Jesus hinzurichten. Auch wenn sie wissen, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Soldaten erledigen ungerührt ihre grausame Pflicht. Nur einer kommt ins Grübeln: der Hauptmann, der die Kreuzigung überwacht. Als er sieht, wie Jesus stirbt, kommt er zum dem Schluss: “Wahrlich, dieser Mensch war ein Gerechter” (Lukas 23,47). Die Erkenntnis kommt zu spät. Und doch ist sie tröstlich. Ein kleiner Lichtblick inmitten dieses finsteren Geschehens.

Mittwoch, 31. März



Mächtige Angst



Wer in Not gerät, lernt die Menschen kennen. Das ist auch Jesus so gegangen. Die Menschen, die ihm auf seinem Leidensweg begegnen, zeigen uns, wie wir Menschen sind, wenn es hart auf hart kommt. Petrus zum Beispiel. Wenn es einen leidenschaftlichen Anhänger Jesu gibt, dann ist er es. Und nicht nur das, er gehört zum innersten Kreis. Er ist immer ganz vorne mit dabei. Da, wo es spannend wird und manchmal auch weh tut. Das bleibt so bis zuletzt. Mögen die anderen davon laufen, er nicht. Er wagt sich in die Höhle des Löwen, bis in den Hof des Hohen Rates. Er muss wissen, wie es mit Jesus weitergeht. Doch dann wird es richtig heiß. Jemand sagt zu ihm: “Du gehörst doch auch zu dem!” Und da passiert es, das Unbegreifliche. Der sonst so wagemutige Petrus bekommt es mit der Angst zu tun. So mächtig, dass er alles vergisst, was ihm heilig ist. Und schon ist es heraus: “Ich? Ich kenne diesen Menschen nicht!” Niemand sollte Petrus verurteilen. Angst kann unglaublich mächtig sein, und der Mensch ist schwach. Da sollte keiner für sich selbst die Hand ins Feuer legen.

Dienstag, 30. März



Saubere Hände



In den 90er Jahren gab es in Italien eine großangelegte Aktion gegen Korruption und Amtsmissbrauch. Sie stand unter dem Motto “Mani pulite”, saubere Hände. Wie immer es damals zu diesem Motto kam, schon in biblischer Zeit konnten saubere Hände ein Symbol politischer Reinheit sein. Pilatus, römischer Statthalter im damaligen Palästina, möchte sich in seinem Amt nicht die Hände schmutzig machen. Jedenfalls nicht mit Jesus. Was es mit dieser merkwürdigen Gestalt tatsächlich auf sich hat, bleibt ihm ein Rätsel. Seinen Anklägern kann man nicht glauben, er selbst schweigt. Pilatus möchte das Problem gern loswerden, aber das gelingt ihm nicht. Am Ende versucht er, wie so viele Verantwortungsträger, einen Spagat: den Feinden Jesu ihren Willen zu lassen und dennoch saubere Hände zu behalten. Ein symbolischer Akt soll die Rettung bringen. Bevor er Jesus zum Tode verurteilt, wäscht er sich öffentlich die Hände in Unschuld (Matthäus 27,24). Doch diese Aktion ist vergeblich. Wissentlich das Falsche zu tun und trotzdem ein reines Gewissen zu behalten, das funktioniert nicht. Wer Verantwortung hat, muss sie auch wahrnehmen, nach bestem Wissen und Gewissen.

Montag, 29.März



Enttäuschte Hoffnungen?



Judas. Kaum eine Gestalt der Passionsgeschichte hat zu so vielen Fragen Anlass gegeben wie er. Er scheint das größte Rätsel zu sein. Warum verrät er Jesus? Er, der zum innersten Kreis gehört, von Jesus selbst ausgesucht. Was treibt ihn an? Sind es enttäuschte Hoffnungen? Will er Jesus zwingen, endlich sein wahres Gesicht, seine Macht zu zeigen?

Jesus hat seine Anhänger enttäuscht. Große Veränderungen hat er versprochen, aber dann ist kaum etwas passiert. Ein paar schöne Predigten, eine Heilung hier, ein Wunder da, das mag ja alles ganz beeindruckend sein, aber das Himmelreich auf Erden ist es noch lange nicht. Ja, es ist noch nicht einmal eine neue Perspektive für das Volk Israel. Die Jünger haben die Hoffnung für ihr Volk nicht aufgegeben. Nach der Auferstehung fragen sie Jesus: “Herr, wirst du in dieser Zeit für Israel das Königreich wiederherstellen?” (Apostelgeschichte 1,6)

Der Mensch braucht Hoffnungen. Werden sie enttäuscht, kann es gefährlich werden. Da können Verbündete zu Feinden werden, Freunde zu Verrätern. Das ist auch heute noch so.

Sonntag, 28. März



Für andere da sein


Eigentlich ist die Logik des christlichen Glaubens ganz einfach: Weil Christus für uns eintritt, müssen wir uns nicht mehr um es selbst sorgen, sondern sind frei, für andere da zu sein. Tatsächlich fällt es den meisten jedoch schwer, wirklich für andere da zu sein. Denn dazu gehören Einsatz und die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen. Der Theologe Adolf Köberle schreibt deshalb: “Erst wenn wir wirklich nicht nur freundlich denken und reden, sondern hingehen, Zeit, Geld und Mühe wirklich opfern, erst dann hören wir im Grunde auf, uns selbst zu meinen.” Nur allzu oft tricksen wir uns selbst und andere aus. Tun so, als ob es um den anderen ginge und haben in Wirklichkeit doch vor allem uns selbst im Blick, unseren Ruf, unser Gewissen, unser Ansehen vor Gott. Von Christus zu lernen, heißt: ganz und gar offen zu sein für den anderen; wahrzunehmen, was er oder sie gerade braucht, und dann auch zur Stelle zu sein.

Samstag, 27. März



Nicht allein sein


Auf den ersten Seiten der Bibel ist viel über das Menschsein zu lernen, Geheimnisvolles und Naheliegendes. Leicht nachzuvollziehen ist die Feststellung Gottes: “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sein” (1. Mose 2,18). Schwieriger wird es, wenn es um die Lösung dieses Problems geht. Was hilft gegen das Alleinsein? Nach längerem Experimentieren kommt Gott zu dem Ergebnis, dass es nur der Mit-mensch sein, der Fleisch von meinem Fleisch ist und so mein Leben wirklich teilen kann. Dieser Mitmensch aber ist unverzichtbar:



    Man braucht nur eine Insel
    Allein im weiten Meer.
    Man braucht nur einen Menschen,
    Den aber braucht man sehr.
    (Mascha Kaléko)



Schon ein einziger Mensch hilft gegen das Alleinsein. Diesen einen braucht man allerdings so dringend wie die Insel im Meer.

Freitag, 26. März



Einer, der mich aushält




Seit frühester Zeit rätseln Christen über die Frage: Was hat der Tod Jesu Christi am Kreuz zu bedeuten? Wie kann es sein, dass Gottes Sohn solches Leid über sich ergehen lassen muss? Den vielen verschiedenen Antwortversuchen ist eine Überzeugung gemeinsam: Es ist “für uns” geschehen. Mit seinem Leiden hat sich Christus unser Leiden, ja, das Leiden der ganzen Menschheit zu eigen gemacht. Dass Er mit-trägt, was uns belastet, kann uns helfen, es selbst zu tragen. Dass Er durchhält, wo wir an unsere Grenzen kommt, stärkt unser Durchhaltevermögen. Xandi Bischoff von der Kommunität Don Camillo hat dies in zwei “Stoßgebeten” sehr eindrücklich zur Sprache gebracht:



    du – halte mich aus
    damit ich mich aushalten kann



    du – halte mich durch
    damit ich durchhalten kann

Donnerstag, 25. März



Gott ist nah, auch wenn er fern scheint




Der große Reformator Martin Luther war gar nicht der Glaubensheld, als den wir ihn als Kinder in Norddeutschland in unseren “Martini-Liedern” besungen haben (“Martinus Luther war ein Christ, ein glaubensstarker Mann ...”). Er hat zeitlebens mit Glaubensnöten zu kämpfen gehabt. Die großen Glaubensaussagen, für die er bekannt geworden ist, sind dem Leben abgerungen. Immer wieder überkam ihn das Gefühl, dass Gott ihm fern sei und der Glaube unmöglich sei. Doch in all den Kämpfen mit sich und seinen Zweifeln ist Luther eine Überzeugung immer gewisser geworden: “Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt scheint.” In den Zweifeln und Nöten, den Kämpfen und Leiden, die er durchzustehen hatte, ist ihm Gott selbst begegnet. Luther hat sich damit eine Erfahrung aus dem Hiobbuch zu eigen gemacht. Hiob hat in seinem Leid mit Gott gerungen, hat ihn angeklagt und angriffen wie kein zweiter. Am Ende aber erkennt er, dass ihm in seinem Leid Gott selbst begegnet ist: “Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen” (Hiob 42,5).

Mittwoch, 24. März


Mit-leiden



O sag nicht: fremdes Leid!
Ein Leid ist fremd dir nie!
Die Trän’ im Bruderaug’,
du selbst vergießest sie.


Es schlägt ein einzig Herz
in diesem großen All,
in deiner eignen Brust
ertönt sein Widerhall.



Der andere bist du selbst,
und ist ihm weh geschehn,
und sinkt verletzt er hin –
du bleibst nicht aufrecht stehn.



Marie von Ebner-Eschenbach


Dienstag, 23. März



Was kommen muss, kommt




Zum Leben gehören nicht nur schöne Seiten; auch der Schmerz und das Leid gehören dazu. Die Bibel sagt: Das ist ein Kennzeichen der gefallenen Welt, eine Folge von Sünde und Schuld. Sie hält damit die Hoffnung aufrecht, dass es einmal ganz anders werden wird. Bis dahin müssen wir mit dem Leid zu leben versuchen. Vielleicht kann das nüchterne “Rezept” von Mascha Kaléko eine Hilfe sein: “Es ist wahr, was sie sagen: / Was kommen muss, kommt. / Geh dem Leid nicht entgegen. / Und ist es da, / sieh ihm still ins Gesicht. / Es ist vergänglich wie Glück.” Auch wenn das Leid von Christus her eine besondere Würde hat, suchen sollen wir es nicht. Wenn es aber über uns kommt, ihm still ins Gesicht sehen zu können, das wäre Ausdruck einer tieferen Gelassenheit, die weiß: auch dem Leid ist eine Grenze gesetzt. Die Bibel blickt voraus auf den Tag, an dem Gott selbst alle Tränen abwischen wird und es kein Leid und keinen Schmerz mehr geben wird (Offenbarung 21,4).

Montag, 22. März



Geteiltes Leid



Die Passionszeit ist eine Zeit, in der auch das Leiden der Welt in den Blick gerückt wird. Der Blick auf den leidenden Christus öffnet sich zum Blick auf das Leiden der anderen. Dass Er das Leiden der Welt geteilt hat, gibt dem menschlichen Leiden eine neue Würde. Was immer Menschen erleiden müssen, es ist geteiltes Leid – geteilt von Gott selbst. So werden auch wir Menschen zu Geschwistern in unserem Leid: “Im Hunger des Menschen / ist ein Schmerz, / der jeden Menschen schmerzt. // Auf der Schulter des Menschen / ist eine Last, / die jeden Menschen drückt” (Enriquillo Rojas Abreu). Nur allzu leicht vergessen wir das, weil das Leid der anderen uns fern bleibt. Kommen wir unmittelbar mit dem Leid anderer in Berührung, schmerzt es auch uns. Manchmal hilft es, wenn wir andere spüren lassen, wie sehr ihr Leid auch uns berührt.

Sonntag, 21. März



Das tun, was sinnvoll ist



Viele Menschen sind, wie es scheint, geborene Opportunisten. Ohne dass sie etwas Böses dabei denken, sind sie ständig auf ihren Vorteil aus. Schnäppchenjäger-Mentalität gibt es nicht nur beim Shoppen. Was ich umsonst oder günstig bekommen kann, nehme ich gerne mit. Das ist verständlich. Schließlich möchten wir es im Leben so leicht wie möglich haben. Aber ist es auch gut? Wer immer nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, macht sich damit nicht beliebt. Das Vertrauen der anderen ist so nicht zu gewinnen. Zudem ist es kurzsichtig. An einem vorteilhaften Einkauf mag ich mich für einen Augenblick freuen. Einen Konkurrenten auszutricksen, mag mir für den Moment eine gewisse Befriedigung geben. Auf längere Sicht wird es mich nicht zufrieden stellen. Der Mensch will mehr, als nur seine unmittelbaren Bedürfnisse nach Wohlstand und Erfolg zu stillen. Das Leben soll auch einen Sinn haben. Den finde ich aber nur, wenn ich nach dem strebe, was sinnvoll sind, nicht nach meinem eigenen Vorteil.

 

Samstag, 20. März



Mit wem vergleiche ich mich?



Zu unseren menschlichen Eigenarten gehört es, dass wir uns gern mit anderen vergleichen. Oft genug tut das nicht gut. Schon beim ersten menschlichen Brüderpaar, Kain und Abel, ist das gründlich schief gegangen. Wer sich mit anderen vergleicht, wird leicht neidisch. Er fühlt sich ungerecht behandelt und verortet sich selbst auf der Schattenseite des Lebens. Wenn wir ernsthaft über diese Art des Sich-Vergleichens nachdenken würden, wäre uns bald klar, dass wir dabei nur verlieren können. Jorden B. Peterson stellt gegen diese Unart, sich ständig mit anderen zu vergleichen, eine alte philosophische Regel: “Vergleiche dich mit dem, der du gestern warst, nicht mit jemand anderem heute.” In dieser Regel klingt das antike Ideal des täglichen Fortschritts durch: Jeden Abend sollte ich mich fragen, in welchem Bereich ich mich heute gebessert habe. Ein Tag ohne einen solchen moralischen Fortschritt wäre ein verlorener Tag. Wer sich an diese Regel hält, dem fehlt die Muße dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Er hat genug damit zu tun, die eigenen Fehler und Schwächen zu bekämpfen.


Freitag, 19. März



Eine Katze streicheln



Bei dem Ruf, der Jordan B. Peterson als konservativem Intellektuellen vorauseilt, könnte man bei seinen “12 Regeln für das Leben” eine Ansammlung bierernster Verhaltensregeln erwarten. Umso überraschter ist man, wenn man bei der zwölften Regel ankommt: “Läuft dir eine Katze über den Weg, streichle sie.” Peterson geht es darum, trotz all der Schwierigkeiten, die zum Leben gehören, die schönen Dinge, die einem auch begegnen, nicht zu übersehen. Vielleicht macht man gerade einen Spaziergang, der Kopf fährt Karussell von all den Sorgen, die einen umtreiben, und dann begegnet einem eine Katze. Wer in diesem Moment seine Aufmerksamkeit der Katze widmet, der wird, so Peterson, „für ein paar Sekunden daran erinnert, dass das Wunder des Seins einen Ausgleich schafft für das unauslöschliche Leiden, das mit ihm verbunden ist”. Auch wenn das Leben hier und jetzt alles andere als paradiesisch ist und sich auch nicht in ein Paradies verwandeln lässt, in solchen kleinen Momenten wie der zufälligen Begegnung mit einer Katze blitzt etwas vom Wunder des Daseins auf, das es trotz allem immer noch gibt.


Donnerstag, 18. März



Sich selbst gut behandeln



Jordan B. Peterson ist zu einem gefragten Ratgeber für junge Männer geworden. Seine Video-Aufzeichnungen finden Hundertausende von Zuhörern. Wie es scheint, gibt es einen großen Bedarf an Regeln für das Leben, die den Tatsachen ins Auge sehen. Eine seiner Regeln, die besonders für Jüngere wichtig ist, heißt: “Behandle dich wie jemanden, für dessen Unterstützung du verantwortlich bist.” Wer für jemanden Verantwortung übernimmt, handelt in der Regel umsichtig und verantwortungsbewusst. Dass es gut wäre, mit sich selbst ebenso umsichtig und verantwortungsbewusst umzugehen, ist vielen nicht so klar. Peterson ist überzeugt, dass ein Perspektivwechsel helfen könnte: Wenn ich mich selbst als einen Menschen betrachte, für den ich Verantwortung übernommen habe und dem ich hilfsbereit zur Seite stehen soll, was würde ich dann tun? Und was nicht?

Mittwoch, 17. März



Kinder ihre Spiele machen lassen



In der Diskussion zu seinen “12 Regeln für das Leben” ist Jordan B. Peterson oft vorgeworfen worden, er wolle zurück zu einem konservativen, strikt werteorientierten pädagogischen Ideal. Abgesehen von der Frage, ob das ein Vorwurf sein muss – darüber könnte man durchaus diskutieren –, formuliert Peterson auch Regeln, die in eine ganz andere Richtung gehen. Eine der 12 Regeln lautet: “Störe Kinder nicht, wenn sie Skateboard fahren!” Peterson meint, Kinder müsse man bei ihren Spielen einfach machen lassen, auch wenn sie zum Beispiel mit ihrem Skateboard auf Treppengeländern herumfahren. Oder wenn sie auf hohe Bäume klettern. Wenn Kinder sich nicht ausprobieren dürfen, können sie sich nicht entwickeln. Wer Spielplätze zu gefahrenfreien Zonen machen möchte, treibt die Kinder anderswohin. Sicher haben Eltern und Pädagogen die Aufgabe, Kinder zu schützen. Aber Kinder brauchen auch Freiheit. Sie müssen sich ausprobieren können. Sonst werden sie den Herausforderungen des Lebens nicht gewachsen sein.

Dienstag, 16. März


Ich kann von anderen etwas lernen!


Eine Regel von Jordan B. Peterson, die mir besonders gut gefällt, lautet: “Gehe davon aus, dass die Person, mit der du sprichst, etwas wissen könnte, was du nicht weißt.” In den letzten Monaten ist das ein großes Thema in der Öffentlichkeit: Können wir einander noch zuhören? Sind wir in der Lage, uns so zu streiten, dass wir auch andere Positionen akzeptieren können? Peterson geht noch einen Schritt weiter: Sind wir bereit, bei Gesprächen mit anderen damit zu rechnen, dass wir selbst noch etwas lernen können? Dass der andere etwas wissen könnte, was ich noch nicht weiß? Nur wer damit rechnet, dass er von dem anderen etwas Neues lernen kann, hört wirklich zu. Für die Bibel ist das Hören die wichtigste menschliche Fähigkeit, noch wichtiger als das Sehen. Es kommt darauf an, dass ich höre, was Gott mir zu sagen hat. Aber wie sollte ich auf Gottes Wort hören können, wenn ich nicht einmal dem Menschen wirklich zuhöre, mit dem ich gerade spreche?


Montag, 15. März


Sich dem Leben stellen



Der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson hat 2018 ein Buch veröffentlicht, das Furore gemacht hat: “12 Regeln für das Leben. Ein Gegengift gegen das Chaos”. Pertersons Buch ist schnell zu einem Bestseller geworden, hat aber auch zu heftigen Diskussionen geführt. Gleich die erste Regel lässt ahnen, warum: “Stell dich aufrecht hin und mach die Schultern breit”. Allerdings geht es hier nicht um Macho-Gehabe. Es geht darum, sich dem Leben zu stellen, auch wenn es nicht leicht ist. Peterson geht davon aus, dass wir permanent mit Widrigkeiten zu kämpfen haben. Die Natur ist uns nicht freundlich gesonnen. Es gibt Schwierigkeiten in der Familie, in der Schule, im Beruf. Das ist nicht zu ändern. Aber es ist auch kein Grund zu jammern. Es eine Aufforderung an mich, dem Leben offensiv zu begegnen. Ich kann die Herausforderungen des Lebens bewältigen. Aber ich muss mich ihnen stellen.


Sonntag, 14. März



“Sozusagen grundlos vergnügt”



In den letzten Jahren sind viele Bücher zum Thema Lebenskunst geschrieben worden. Richtig zu leben ist, so scheint es, eine Kunst. Eine Kunst, die man lernen kann. Manche sagen, wir bräuchten einen Führerschein für das Leben. Dichter und Denker haben immer schon Hinweise dazu gegeben. Zu den schönsten Übungen der Lebenskunst gehört für mich die Freude an den alltäglichen Dingen. Eindrücklich kleidet Mascha Kaléko diese Freude in Worte: “Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht / und dass die Sonne täglich neu aufgeht. / Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter, / gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter, / wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehen. / Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn! / Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn. / Ich freu mich vor allem, dass ich bin.” Das eine hängt mit dem anderen zusammen: Wer sich an der Sonne und den Jahreszeiten, an Wolken und Regen freuen kann, der kann sich auch an seinem eigenen Leben freuen. Und umgekehrt. So lässt sich der Sinn des Lebens neu entdecken.

Samstag, 13. März



Sehnsucht nach dem Anderswo



Vor vielen Jahren habe ich einen Film gesehen mit dem Titel “Überall ist es besser, wo wir nicht sind”. Der Filmtitel – ein polnisches Sprichwort – ist mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Mascha Kaléko nennt dieses Gefühl “Sehnsucht nach dem Anderswo”. Sie vermutet, dass dieses Gefühl uns nie verlässt: “Der Sehnsucht nach dem Anderswo / kannst du wohl nie entrinnen: / Nach drinnen, wenn du draußen bist, / nach draußen, bist du drinnen.” Dabei geht es ja nicht nur um drinnen und draußen, um diesen oder jenen Ort, es geht um das Gefühl: Das Leben, das ich gerade führe, ist nicht das Leben, das ich mir wünsche. Es muss noch mehr geben. Aber dieses “Mehr” ist nicht zu greifen. Jage ich ihm nach, entzieht es sich mir. Es geht nicht darum, dass sich dieses oder jenes ändert, ich suche etwas ganz anderes. Aus der Sicht der Bibel ist es die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies: die Sehnsucht nach einem Leben ohne Fehler und Gebrechen; die Sehnsucht nach der Einheit mit Gott.

Freitag, 12. März



Aus Bösem Gutes entstehen lassen



In einem kurzen Gedicht erzählt Mascha Kaléko von einem Eremiten. Der Eremit ist Angriffen ausgesetzt. Aber er versteht es, sich die Angriffe zum Guten dienen zu lassen: “Sie warfen nach ihm mit Steinen. / Er baute aus ihnen sein Haus.” Es gehört schon Größe dazu, trotz Anfeindungen an dem einmal eingeschlagenen Weg festzuhalten. Ein Eremit ist einer, der sich entschieden hat, sein Leben außerhalb der Gesellschaft zu leben: allein in der Wüste, als Selbstversorger, ganz seinem inneren Leben ergeben. So jemand muss mit Ablehnung rechnen. Schließlich stellt er mit seinem Weg das Leben der anderen in Frage. All das, was ihnen so wichtig ist, braucht er nicht. Wie aber soll er, der ein gottergebenes Leben führen will, mit den Anfeindungen umgehen? Kaléko findet dafür ein großartiges Bild: Er baut ein Haus aus den Steinen, mit denen sie nach ihm werfen! Wie kann ich aus dem Bösen, das mir begegnet, aus Angriffen und Feindseligkeit, Gutes entstehen lassen? Vielleicht kann ich solche Dinge als Gelegenheit sehen, mich in Geduld und Gelassenheit zu üben. Oder im Verständnis für andere.

Donnerstag, 11. März



Allein sein



Die mit der Corona-Krise verbundenen Einschränkungen setzen vielen zu. Besonders hart trifft es Menschen, die allein leben – das sind in Deutschland aktuell mehr als 17 Millionen! Viele junge Menschen sind darunter und viele alte, aber auch Menschen mitten im Leben. Wenn dann noch Homeoffice oder Online-Studium dazu kommen, wird es schwer. Für die Dichterin Mascha Kaléko sind es die alltäglichen Dinge, in denen das Alleinsein sie besonders bedrückt: “Alle müssen sie heim. Nur ich muss nicht müssen. / Keiner wartet, dass ich das Essen ihm richte. / Keiner sagt, komm, setz dich her. Wie bist du müde!” So geht es wohl vielen, für die das Alleinsein eine neue Erfahrung ist. Denen, die daran gewöhnt sind, fehlen andere Dinge: die Begegnungen mit Freunden; das gemeinsame Ausgehen; die Kontakte im Büro oder in den Vorlesungen. Wir brauchen Menschen, die wahrnehmen, wie es uns geht. Und uns zur Seite stehen.

Mittwoch, 10. März



Das Leben ist nicht zu entschlüsseln


In ihren Gedichten versucht Mascha Kaléko, die Geheimnisse des Lebens zu ergründen. Oft gelingt es ihr nicht, oder nur in Ansätzen. “Die Zeit schreibt harte Zeilen in mein Buch, / und ihre Handschrift kann ich selten lesen. / Ein Wort erkenn ich immerfort: gewesen. / Doch wer entziffert mir den ganzen Spruch?” Ich lese manchmal in alten Kirchenbüchern. Die sind mühsam zu entziffern. Glücklicherweise begegnen manche Wörter immer wieder und werden einem so vertraut. Ähnlich geht es Mascha Kaléko mit ihrem Lebensbuch. Was die Zeit da hineinschreibt, kann sie kaum entziffern. Nur ein Wort springt sie förmlich an: gewesen. Ob es das Glück ist, das gerade zerbricht, oder all das andere, was ihr Leben gestern noch ausgemacht hat: so schnell wird all das Vergangenheit, dass sich dieses eine Wort schon bald an alles hängt. Gewesen! Kein Wunder, dass sie ihr Gedicht “Aquarell in Grau” nennt. Noch ist nicht zu erkennen, wie sich ihre Lebenszeilen zu einem sinnvollen Ganzen fügen. Nur ganz leise klingt die Hoffnung an, jemand könnte für sie “den ganzen Spruch” entziffern.

Dienstag, 9. März



Mitten drin neu anfangen


“Wenn man ein zweites Mal geboren würde, / dann finge man das Leben anders an”, so heißt es in einem Gedicht von Mascha Kaléko. Das hat sich wohl schon so mancher gewünscht: noch einmal ganz neu anfangen zu können. Das Problem ist nur: Das Leben fängt gar nicht mit dem Anfang an. Wenn ich das erste Mal bewusst wahrnehme, wie ich lebe, bin ich schon längst mitten drin. Und auch ich die Rahmenbedingungen sind vorgegeben, das Elternhaus, der Wohnort und vieles mehr. Das heißt nicht, dass es gar keine Freiheit gäbe. Es gibt Freiheit, aber es gibt sie nur unter den gegebenen Bedingungen. Um neu anfangen zu können, muss ich darum nicht neu geboren werden. Selbst wenn es möglich wäre, es würde mir nicht viel nützen. Neu anfangen kann ich nur mitten drin: wenn ich schon auf dem Weg bin; wenn ich schon weiß, was gut tut und was nicht. Leicht ist ein neuer Anfang nicht. Was war, wiegt schwer. Aber ich bin nicht angekettet. Es ist nur die Macht der Gewohnheit, die mich festhält. Änderungen sind jederzeit möglich. Die Bibel nennt das Umkehr.

Montag, 8. März


Eingesperrt



“Ich bin ein freier Mensch”, so sagen manchmal junge Erwachsene, wenn sie ihre eigenen Wege gehen wollen. Verständlich. Aber stimmt es auch? Vielleicht ist die Aussage sogar ein Widerspruch in sich: Ich bin ich, das stimmt. Aber kann ich dann noch frei sein? Vielleicht ist es gerade mein eigenes Ich, das meine Freiheit einschränkt. Die Dichterin Mascha Kaléko, zeitlebens eine große Freiheitssucherin, hat diese Schwierigkeit lebhaft empfunden: “Zuweilen möchte man aus sich heraus / und kann die Tür ins Freie doch nicht finden.” Aus sich herausgehen zu können, kann einfach eine Umschreibung für Ausgelassenheit sein. Hier ist es tiefer gemeint: endlich einmal die eigenen inneren vier Wände zu verlassen, frei zu sein von all den Dingen, die einen dauernd umtreiben. “Man horcht sehr oft zu viel in sich herum.” Wer sich zu sehr auf sich selbst konzentriert, steht sich damit selbst im Weg. Freiheit erlebe ich nur, wenn ich auch von mir selbst frei werde.

Sonntag, 7. März



Entdeckerfreude



Nicht selten habe ich das Gefühl, dass sich mein Leben auf eingefahrenen Gleisen bewegt. Das kann auch daran liegen, dass mir die Entdeckerfreude abhanden gekommen ist. Wenn ich von anderen nichts mehr erwarte, muss ich mich nicht wundern, wenn mir wenig Neues und Überraschendes begegnet. Als Menschen besitzen wir eine erstaunlich ausgeprägte Fähigkeit, Dinge, die wir nicht sehen wollen oder mit denen wir nicht rechnen, auszublenden. Eine Bitte im Gebet der alten Nonne lautet deshalb: “Gib mir die Fähigkeit, an unerwarteten Orten gute Dinge zu entdecken und Talente an Menschen, bei denen ich nicht damit rechne; und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, es ihnen auch zu sagen.” Mein Leben wir reicher, wenn ich Unerwartetes wahrnehme und nicht übersehe. Zum Beispiel Talente eines anderen, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Echte Entdeckerfreude geht noch einen Schritt weiter: Sie lässt andere an ihrer freudigen Entdeckung teilhaben. Wenn ich es dem Betreffenden selbst sage, wird die Freude noch größer.



Samstag, 6. März


Vielleicht bin ich es, der sich irrt!



“Ich wage es nicht, um ein besseres Gedächtnis zu bitten, aber ich bitte um wachsende Demut und um weniger Selbstgewissheit, wenn mein Gedächtnis dem der anderen zu widersprechen scheint. Lass mich die großartige Erkenntnis gewinnen, dass gelegentlich ich im Irrtum sein könnte.” Wer würde diesen erschreckenden Moment nicht kennen? Da war ich mir absolut sicher, dass ich Recht habe und die anderen sich irren; vehement habe ich meine Sicht verteidigt – und dann muss ich erkennen, dass ich mich getäuscht habe. Peinlich, peinlich. Aber leider nur selten so peinlich, dass ich daraus fürs nächste Mal meine Lehren ziehe. Rechthaberei ist eine Krankheit, die sich tatsächlich mit dem Alter zu verstärken scheint. Es wäre gut, immer mit der Möglichkeit zu rechnen, dass ich selbst im Irrtum sein könnte. Ich vergesse etwas. Ich bringe Dinge durcheinander. Ich habe die Situation anders wahrgenommen, als sie tatsächlich war. Irren ist menschlich, sagt der Volksmund. Es macht mich menschlicher, wenn ich damit rechne, dass der Irrtum auch auf meiner Seite liegen könnte.

Freitag, 5. März



Bloß nicht griesgrämig werden!



Das “Gebet einer alten Nonne”, das uns diese Woche durch die Gedanken zum Tag begleitet, lässt ein wenig davon ahnen, wie schwierig es sein kann, älter zu werden, ohne dabei an der Seele Schaden zu nehmen. An einigen Stellen werden die Schwächen, die im Alter deutlicher zutage treten, mit britischem Humor aufgespießt. Humor kann helfen, die eigenen Schwächen wahrzunehmen, ohne gleich gekränkt zu sein. Zu den Gefahren des Älterwerdens gehört es, missmutig und griesgrämig zu werden. Zum Gebet gehört deshalb die Bitte: “Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein – mit manchen von ihnen lebt es sich so schwer –, aber ein alter Griesgram ist ein Krönungswerk des Teufels.” Griesgrämigkeit ist keine Form von Altersweisheit. Sie ist auch keine realistische Bilanz des Lebens. Sie ist eine negative Haltung, die alles mit einem undurchdringlichen Grauschleier überzieht und andere mit in den eigenen Sumpf hineinzieht. Diesen Triumph möchte ich dem Widersacher nicht geben. Dankbarkeit ist ein probates Gegenmittel.

Donnerstag, 4. März



Wohin mit meiner Weisheit?



“Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es doch schade, nicht alles weiterzugeben. Aber Du verstehst, Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.” Der Gedanke, dass ich mit wachsendem Alter erfahrener und insofern auch klüger werde, kommt mir plausibel vor. So würde ich es jedenfalls für mich in Anspruch nehmen, auch wenn ich nicht gleich von Weisheit sprechen würde. Gelegenheiten, ein wenig von meinen Erfahrungen oder von meinem Wissen weiterzugeben, nehme ich schon gern wahr. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Das Gebet bringt es mit britischem Humor zur Sprache: Ein paar Freunde würde ich schon gern behalten! Andere mit dem reichen Schatz meiner Weisheit zu überschütten, ist nicht ungefährlich. Die meisten Menschen wünschen sich eine Beziehung auf Augenhöhe. Dazu gehört, dass beide Seiten voneinander lernen, nicht nur die eine von der anderen. Wie groß mein Schatz an Wissen und Erfahrung auch immer sein mag, ich sollte weiter bereit sein, auch selbst von anderen zu lernen. Sonst mache ich mich nicht nur unbeliebt, sondern ich verliere auch meine Weisheit. Wenn ich Wissen und Erfahrungen wie eine kostbare Briefmarkensammlung behandle, verdumme ich.

Mittwoch, 3. März



Von Krankheiten reden



Ältere Menschen haben manchmal die Neigung, ausführlich und mit großer Detailfreude von ihren Krankheiten zu erzählen, ältere Männer vielleicht besonders. Es verwundert daher nicht, dass die alte Nonne gerade an dieser Stelle um die Gabe der Zurückhaltung bittet: “Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.” Ob die Erzählfreude in puncto Krankheiten wirklich von Jahr zu Jahr wächst, weiß ich nicht, aber dass hier eine Gefahr liegt, ist wohl wahr. Allerdings kann es für Kranke hilfreich sein, von ihrer Situation erzählen zu können. Dafür brauchen sie Menschen, die ihnen zuhören. Deshalb folgt gleich noch eine weitere Bitte: “Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber hilf mir, sie geduldig zu ertragen.” Krankheitsgeschichten will kaum jemand hören. Erzählt werden sie trotzdem. Offenbar ist uns das ein tief sitzendes Bedürfnis. Deshalb sollten wir zuhören. Auch wenn es keine Freude macht, es hilft.

Dienstag, 2. März



Nachdenklichkeit



Zu den Vorzügen des Alters gehört es, nicht immer gleich lospreschen zu müssen, sondern zunächst einmal innezuhalten. Zu den schnellsten gehört man ohnehin nicht mehr, da kann man die Dinge etwas ruhiger angehen. Das ist wohl einer der Gründe dafür, dass mit dem Alter traditionell Weisheit verbunden wird. Ruhe und Nachdenklichkeit sind Tugenden, die auch Jüngeren gut zu Gesicht stünden. Allerdings kann Nachdenklichkeit auch ins Grüblerische umschlagen. Die Rätsel des Lebens werden zumeist nicht kleiner, auch mit steigendem Alter nicht. Wer grüblerisch wird und allzu viel über das eigene Leben sinniert, kann leicht mürrisch werden. Zum “Gebet der alten Nonne” gehört deshalb die Bitte: “Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht herrisch zu sein.” Als nachdenklicher, älterer Mensch weiß ich vieles besser als Jüngere. Das kann eine echte Hilfe sein. Nur allzu leicht kann es aber auch zu einer Plage werden. Alter und Lebenserfahrung geben mir nicht das Recht, andere zu gängeln, auch die eigenen Kinder und Enkel nicht.

Montag, 1. März

 


Älter werden



“Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.” So beginnt das schöne “Gebet eines älter werdenden Menschen”, das häufig Theresa von Avila zugeschrieben wird. Tatsächlich stammt es wohl aus England, wo es seit dem 17. Jahrhundert als “Gebet einer alten Nonne” überliefert ist. Das Gebet stellt sich den Herausforderungen des Älterwerdens. Vieles passt aber ebenso für Jüngere. Älter werden wir ja alle, und für alt hält sich selbst kaum jemand –auch die älter werdende Nonne (noch) nicht. Eine ihrer Bitten lautet: “Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Flügel, um zum Wesentlichen zu kommen.” Ältere Menschen neigen ja manchmal dazu, umständlich und ausführlich zu werden. Auch ich ertappe mich manchmal dabei, allzu detailliert und langatmig von Dingen zu erzählen, die ich erlebt habe (obwohl ich natürlich noch nicht “alt” bin). Möge Gott meinen Worten Flügel verleihen, dass sie über Nebensächliches hinweggleiten und zügig zu dem kommen, was auch für andere interessant sein könnte.

Sonntag, 28. Februar



Nur eine Welle



In der Weisheit Salomos heißt es: “Wir erfassen kaum, was auf Erden ist, und verstehen nur mit Mühe, was wir in Händen halten. Wer sollte da erforscht haben, was im Himmel ist?” (Weisheit 9,16). Auch wenn seither Jahrtausende vergangen sind, die Aussage hat ihre Gültigkeit nicht verloren. Trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte hat der Mensch immer noch genug damit zu tun, das zu verstehen, was auf Erden vor sich geht. Ein kleines Virus demonstriert uns gerade, wie begrenzt unsere wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten immer noch sind. Wer wollte da über den irdisch-menschlichen Bereich hinausgehen und Aussagen über das Göttliche treffen? Die skeptische Warnung der Weisheit Salomos ist leider nur allzu oft ungehört verhallt. Zahllose Religionskriege und noch mehr Ketzerverurteilungen zeugen davon. Wenn es um die Frage nach Gott geht, sollten wir darum unbedingt die Grenzen unseres Erkennens und Verstehens akzeptieren. “Im Verhältnis zu den Religionen muss Gott etwa sein, was das Meer zu Wellen, die wir an einen Hafendamm schlagen sehen” (Kurt Marti).

Samstag, 27. Februar



Hoffnungsvoller Realismus



Von Jesus können wir viel lernen. Vor allem von seiner Menschenkenntnis. Und von seiner Menschenliebe. Er kennt uns Menschen durch und durch. Er macht sich nichts vor. Und doch sieht er in uns Menschen mehr, als wir im Augenblick sind. “Jesus lehrt, den Mitmenschen realistisch anzunehmen, so wie er ist, und ihn dennoch in der Perspektive seiner Möglichkeiten, d.h. in Hoffnung, zu sehen” (Kurt Marti). Wenn es um uns und unsere Mitmenschen geht, ist es wichtig, dass wir realistisch bleiben. Nur allzu oft schon haben die Dichter und Denker ein Idealbild vom Menschen gezeichnet, dem die wirklichen Menschen nicht gerecht geworden sind. Viele haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Jesus lehrt uns, einander realistisch zu sehen, und das heißt: einander so anzunehmen, wie wir tatsächlich sind. Das ist nicht immer schön, aber so sind wir eben. Allerdings bleibt Jesus dabei nicht stehen. So realistisch er ist, er sieht auch die Möglichkeiten, die in uns stecken. Sein Realismus bleibt darum voller Hoffnung.

Freitag, 26. Februar



Wer glaubt noch an den Menschen?



Viele Menschen heute sagen von sich, dass sie nicht mehr an Gott glauben können. Nicht nur in ihrem Weltbild, auch in ihrem alltäglichen Leben kommt Gott einfach nicht mehr vor. Wie sollten sie da noch an Gott glauben? Aber vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage. Mindestens so wichtig ist die Frage, wer eigentlich noch an den Menschen glaubt. Angesichts der unendlichen Geschichte von Unrecht und Gewalt müsste man schon verrückt sein, wenn man noch an die Menschlichkeit des Menschen glauben wollte. So verrückt wie Gott: “Gott? Jener Große, Verrückte, der noch immer an Menschen glaubt” (Kurt Marti). Wie kann Gott so verrückt sein? Es muss wohl Liebe sein. Liebe zu seinem vornehmsten Geschöpf, geschaffen nach seinem Bild und Gleichnis. Trotz allem, was schon geschehen ist, hat Gott sein Projekt nicht aufgegeben. Er glaubt noch immer an uns Menschen. Glaubt noch immer, dass wir dereinst tatsächlich so werden, wie Er uns gedacht hat. Noch ist es nicht so weit. Aber es gibt Hoffnung. Weil Gott an uns glaubt.
 

Donnerstag, 25. Februar



Grundwissen



Wenn Menschen aus früheren Zeiten einen Besuch bei uns machen könnten, würden sie über manches ins Staunen geraten. Sicher auch darüber, wie sehr wir heute an Zeit und Stunde gebunden sind. Nicht nur das Arbeitsleben war vor Jahrhunderten meist weniger intensiv und viel flexibler als heute, auch die Zeit wurde ganz anders erlebt. Kurt Marti bringt unser heutiges Zeitempfinden in Form eines Gebotes zum Ausdruck: “Du sollst jederzeit wissen, der wievielte welchen Monats es ist und wieviel Uhr mitteleuropäischer Zeit wir haben.” So selbstverständlich gilt dieses Gebot, dass Mediziner die Frage nach Wochentag und Datum als Test benutzen, um den Geisteszustand eines Menschen festzustellen. Wer keine Ahnung hat, was für ein Wochentag gerade ist, kann leicht in Verdacht geraten, nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein. Das gehört einfach zum unverzichtbaren Grundwissen des heutigen Menschen. Wie eingetaktet unser Leben doch ist! Nur manchmal im Urlaub, wenn wir länger abschalten können, verlieren wir dieses strenge Zeitgefühl.

Mittwoch, 24. Februar


Von mir Besitz ergreifen



Schön gestaltete Notizbücher sind in den letzten Jahren in großer Vielfalt in Buchhandlungen und Schreibwarenläden zu bekommen. Viele Menschen schreiben Tagebuch, manche ganz regelmäßig, andere in unregelmäßigen Abständen. Manche schreiben schöne Gedanken auf, die ihnen irgendwo begegnet sind und die sie gern festhalten möchten. Warum schreiben Menschen so gern? Kurt Marti, der als Dichter und Schriftsteller viele Bücher veröffentlicht hat, deutet es so: “Schreiben: vergebliche Versuche, von mir Besitz zu ergreifen.” Mein Leben fließt so schnell dahin. Ich entgleite mir. Nur allzu gern möchte etwas von meinem Leben festhalten. Aber es gelingt mir nicht. Ich kann nicht von mir Besitz ergreifen. Ich gehöre mir nicht. Das Leben ist mir nur für eine gewisse Zeit geliehen. Es gehört Gott, meinem Schöpfer. Bei ihm hat mein Leben Bestand, auch wenn es mir selbst zerfließt.

Dienstag, 23. Februar



Droge Alltag



Dass die gesetzlich verbotenen Drogen nicht immer die schlimmsten sind, ist bekannt. Manche Drogen wie Alkohol und Nikotin sind überall erhältlich, obwohl sie keineswegs ungefährlich sind. Kurt Marti hat eine noch gefährlichere Droge entdeckt: “Alltag, gefährlichste Droge, von keinem Betäubungsmittelgesetz verboten.” Der Alltag eine Droge? Wie kommt der Schweizer Dichterpfarrer auf diese Idee? Nicht ohne Grund erwähnt er das Betäubungsmittelgesetz. Der Alltag wirkt wie ein Betäubungsmittel. Höchst erfolgreich gelingt es ihm, jeder neuen Idee durch endlose Wiederholungen den Elan zu nehmen. Wer auf diese schiefe Bahn gerät, für den gibt es kein Halten: “In kugelrunder Routine roll’ ich tagab.” Was tun? Helfen könnten heilsame Unterbrechungen: Der Sonntag als der eine Tag in der Woche, auf den der Alltag kein Recht hat. Zeiten am Tag, die ich mir bewusst herausnehme, um etwas Schönes zu tun. Und: Immer wieder einmal die Abläufe verändern, um wach und lebendig zu bleiben.

Montag, 22. Februar



Schon wieder heute



Ein Buch des Schweizer Pfarrers und Dichters Kurt Marti trägt den Titel “Schon wieder heute”. Ein kurzer Aphorismus erklärt, wie es zu diesem Buchtitel gekommen ist: “Erster Gedanke nach dem Erwachen: Schon wieder heute?” Schon wieder heute? Wie ist diese überraschende Frage zu verstehen? Ist es das ungläubige Staunen darüber, dass schon wieder ein neuer Tag begonnen hat? Dass der gestrige Tag schon wieder Vergangenheit ist? Schon wieder heute: Überraschend ist die Frage, weil für mein Erleben eigentlich immer “heute” ist. Nur dass diese Heute so schnell in die Vergangenheit übergeht und, ehe ich mich’s versehe, schon wieder ein neues Heute begonnen hat. Dazwischen aber liegt die Nacht, wie eine Art Zwischenreich zwischen dem “heute” von gestern und dem “heute” des gerade beginnenden Tages. Mag die Uhr auch ununterbrochen weiterlaufen, unser Erleben lebt von den Unterbrechungen. Dazu gehört der tiefe Einschnitt der Nacht: “Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.” Das Kinderlied hat recht: Nur wenn ich dank der Güte Gottes zu einem neuen Tag erwache, wird es für mich “wieder heute”.

Sonntag, 21. Februar



Weiß ich, was ich brauche?



Am Ende des Alltagsgebets von Antoine de Saint-Exupéry steht noch einmal eine ganz besondere Bitte: “Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern das, was ich brauche.” Vielleicht sollte jedes Gebet so enden. Es ist ja tatsächlich so, dass ich eigentlich gar nicht weiß, was ich wirklich brauche. Schon allein deshalb, weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringt. Auch Jesus hat im Garten Gethsemane so gebetet. Was er sich wünschte, wonach er sich sehnte, war klar und nach menschlichem Ermessen nur allzu berechtigt: dass der Kelch des Leids an ihm vorüber gehen möchte. Doch am Ende seines Gebets stehen die Worte: “Doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst.” Tatsächlich sah sein Weg anders aus, als er es sich wünschte. Der Weg zum neuen Leben führte ihn durch das tiefste Leid. Oft weiß ich, was ich mir wünsche, und manchmal ahne ich wohl auch, was gut wäre für mich oder für andere. Aber ob es wirklich das ist, was ich brauche, was mir und anderen zum Guten dient, diese Frage kann nur Gott beantworten.

Samstag, 20. Februar



Selbstbeherrschung



Die großen Fragen des Lebens bleiben über die Jahrhunderte dieselben. So gewinnen auch philosophische Lehren der Antike immer wieder neu Aktualität. Heute besitzt die stoische Philosophie eine große Anziehungskraft. Die Stoiker wollen ihre Schüler mit Hilfe eines mentalen Trainings dazu befähigen, den Herausforderungen des Lebens gelassen zu begegnen. Die entscheidende Frage lautet: Was kann ich beeinflussen und was nicht? Die Antwort ist einfach: Wirklich beeinflussen kann ich nur mich selbst; meine Reaktion auf das, was mir im Leben begegnet. Dazu gehört ein großes Maß an Selbstbeherrschung. Saint-Exupéry nimmt dieses Ziel in seinem Gebet auf: “Ich bitte um die Kraft der Selbstbeherrschung und um das rechte Maß, dass ich mich nicht vom Leben davontreiben lasse, sondern dass ich den Verlauf des Tages mit Weisheit gestalte.” Mich nicht davontreiben zu lassen, weder von Ereignissen noch von Stimmungen, sondern meinen Tag bewusst und überlegt zu gestalten, darauf kommt es an.

Freitag, 19. Februar



Schwierigkeiten und Misserfolge gehören dazu



Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mir ein Leben ohne Misserfolge wünschen. Auch auf ernste Schwierigkeiten könnte ich gut und gern verzichten. Doch das Leben ist nicht so. Und es ist nicht einmal sicher, ob es besser wäre, wenn es so wäre. Antoine de Saint-Exupéry ist überzeugt, dass wir lernen müssen, diese Dinge als selbstverständliche Zugaben des Lebens anzunehmen. In seinem Gebet bittet er darum: “Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten und Misserfolge zum Leben dazugehören; sie sind Gelegenheiten zu wachsen und zu reifen.” Wachsen möchte ich schon gern, und mit fortschreitendem Alter möchte ich auch ein durch Lebenserfahrung gereifter Mensch sein. Beides ist allerdings nicht umsonst zu haben. Auch wenn man nicht dem modischen Slogan huldigen möchte, in jedem Scheitern liege eine Chance, dass es gerade die schwierigen Erfahrungen sind, an denen wir als Menschen wachsen, können wohl viele aus eigener Erfahrung bestätigen. Wenn ich das im Blick behalte, fällt es mir vielleicht leichter, Schwierigkeiten und Misserfolgen anzunehmen.

Donnerstag, 18. Februar



Wichtig ist, was jetzt geschieht!



Wir Menschen besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, uns selbst auf die Zukunft zu vertrösten. Mag sein, dass es in meiner Arbeit gerade schlecht läuft, aber das wird bald anders sein. Diese Woche habe ich zu viel getrunken, aber nächste Woche reiße ich mich wieder zusammen. Manchmal kann es tatsächlich eine Hilfe sein, sich eine bessere Zukunft auszumalen. Doch nur allzu oft ist der Blick auf die Zukunft nur eine Flucht vor der Gegenwart. Zum Gebet von Saint-Exupéry gehört deshalb die Bitte um die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben: “Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.” Nicht das Übernächste soll mich beschäftigen, sondern das, was jetzt dran ist. Das soll ich so gut wie möglich tun. Das andere kommt danach. Morgen wird es nur dann besser sein, wenn ich es heute schon versuche. Was ich aus meinem Leben mache, entscheidet sich nicht morgen, sondern jetzt.

Mittwoch, 17. Februar



Die Gewichte gut verteilen



Zur “Kunst der kleinen Schritte” gehört es, im Alltag die Gewichte gut zu verteilen. Nur allzu leicht bekommen nebensächliche Dinge zu viel Gewicht. Da will ich rasch etwas Kleines erledigen, doch dann geht unerwartet etwas schief. Das, was eben noch eine Kleinigkeit war, raubt mir auf einmal unendlich viel Zeit und Energie. Zum Alltagsgebet von Saint-Exupéry gehört deshalb die Bitte: “Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir die Fähigkeit wahrzunehmen, was wesentlich und was zweitrangig ist.” Das Wichtige vom weniger Wichtigen zu unterscheiden, ist eine Fähigkeit, die im Alltag besonders nötig ist. Sonst geht das, was wirklich wichtig ist, in dem Vielerlei, was auch noch getan werden sollte, unter. Nicht nur Menschen, auch Aufgaben können sich aufplustern und viel mehr Platz einnehmen, als ihnen eigentlich zukommt. Auch und gerade im Alltag sollte meine Aufmerksamkeit zuerst und vor allem dem gelten, was wesentlich ist. Für das andere wird sich, wenn die Gewichtung stimmt, der nötige Platz schon noch finden.

Dienstag, 16. Februar



Aufmerksamkeit im Alltag



Gleich die zweite Bitte in Saint-Exupérys Gebet für den Alltag hält eine Überraschung bereit: “Mach mich aufmerksam und erfinderisch, zur rechten Zeit die Erkenntnisse und Erfahrungen festzuhalten, die mich in besonderer Weise berühren.” Für Saint-Exupéry ist das ein wesentlicher Aspekt der “Kunst der kleinen Schritte”: das wahrzunehmen und festzuhalten, was mich in besonderer Weise berührt. Wenn ich aufmerksam bin für das, was ich sehe und erlebe, ist der Alltag nicht mehr grau. Eintönig und monoton wird das Leben nur, wenn ich unaufmerksam bin. Wenn ich das, was ich tue und was mir begegnet, an mir vorbeiziehen lasse, ohne ihm Beachtung zu schenken, muss ich mich nicht wundern, wenn anscheinend nichts passiert. Wer mit Kindern spazieren geht, merkt, dass selbst auf zig Mal begangenen Wegen immer wieder Neues zu entdecken ist. Wenn ich im Alltag ebenso aufmerksam bin, werde ich immer wieder etwas Besonderes entdecken. So wird mein alltägliches Leben reich.

Montag, 15. Februar



Die Kunst der kleinen Schritte



Viele kennen das schöne Buch “Der kleine Prinz”, ein Kinderbuch und zugleich viel mehr als das. Sein Autor ist der französische Pilot und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Von ihm gibt es auch ein eindrucksvolles Gebet für den Alltag. Es beginnt mit den Worten: “Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte”. Wer würde nicht gern große Sprünge tun? Doch das Leben besteht zumeist aus kleinen Schritten. Große Ziele sind in der Regel nur über einen längeren Zeitraum hinweg zu erreichen. Im Alltag sind dagegen kleine Schritte gefordert, viele kleine Schritte. Manchmal sind sie mühsam, manchmal kommen sie einem vielleicht auch sinnlos vor. Und doch ist genau das der Weg, auf dem auch große Ziele erreicht werden. Saint-Exupéry beginnt sein Gebet deshalb mit der Bitte: “Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, sondern um Kraft für das Alltägliche.”

Sonntag, 14. Februar


Wozu brauchen wir den Himmel?


Es ist ein wenig aus der Mode gekommen, vom Himmel zu reden. Das könnte damit zu tun haben, dass in früheren Zeiten das Leben hier und jetzt einseitig als “irdisches Jammertal” beklagt wurde und die Sehnsucht sich allzu sehr auf ein jenseitiges Leben “im Himmel” richtete. Inzwischen ist das Pendel weit in die andere Richtung ausgeschlagen. Wenn überhaupt noch vom Himmel die Rede ist, dann noch am ehesten vom “Himmel auf Erden”. Wo immer es solche paradiesischen Zustände tatsächlich gibt, ist das wunderbar. Aber es ist leider nicht die ganze Wahrheit. Solche grandiosen Glücksmomente sind eher selten. Viel häufiger müssen wir uns mit dem mehr oder minder grauen Alltag abfinden. Und nicht selten haben wir mit Trauer und Leid zu kämpfen. Da könnte es eine Hilfe sein, wenn wir über das Hier und Jetzt hinaussehen könnten. Und wenn es nur ein kleiner Lichtstreifen zwischen dunklen Wolken wäre. So könnte der Himmel das Leben auf Erde auch in dunkleren Zeiten erträglich machen. Als Hoffnungszeichen. Da kommt noch etwas. Gott hat noch mehr für uns in petto.


Samstag, 13. Februar


Nicht zu klein vom Menschen denken



“Denkt man von sich gering, / wie soll man von seinem Schöpfer / groß denken”, so fragt der jüdische Dichter Elazar Benyoëtz. Man könnte auch umgekehrt fragen: Denkt man vom Schöpfer gering, wie soll man vom Menschen groß denken? Es ist wohl ein Kennzeichen unserer Zeit, dass wir vom Menschen bald zu groß, bald zu klein denken. Manchmal schreiben wir uns fast schon göttliche Fähigkeiten zu, überschätzen unsere Möglichkeiten und wähnen uns den größten Zielen schon ganz nahe. Dann wieder erscheint der Mensch wie ein höheres Tier, gesteuert von einem biologischen Programm und ohne freien Willen. Bedenklich ist nicht nur die Selbstüberschätzung, auch zu klein vom Menschen zu denken, kann gefährliche Folgen haben. 1931, noch vor den schlimmsten Auswüchsen der Barbarei des 20. Jahrhunderts, hat der Philosoph Karl Jaspers geschrieben: “Es gibt keinen Gott, ist der anschwellende Ruf der Massen; damit wird auch der Mensch wertlos, in beliebiger Zahl hingemordet, weil er nichts ist”. Es hat darum seinen guten Sinn, den Menschen als Geschöpf Gottes zu sehen, ausgestattet mit einer einzigartigen Würde, aber seinem Schöpfer untergeordnet (Psalm 8).

Freitag, 12. Februar



Sehnsucht nach Nähe



Wie sehr wir uns nach Nähe sehnen, wird vielen von uns angesichts der aktuellen Einschränkungen schmerzhaft bewusst. Allerdings ist Nähe ein zweischneidiges Schwert. Neben der Sehnsucht nach Nähe gibt es auch die Flucht vor ihr: “Ich fliehe die Nähe, die ich suche / und nicht ertragen kann”, so beschreibt es Elazar Benyoëtz. Dass ich Nähe suche, steht außer Frage. Ich möchte den anderen spüren und durch den anderen auch mich selbst. Ich brauche Wärme und Mitgefühl. Aber Nähe hat auch etwas Bedrohliches. Wer möchte schon einen anderen in das Innerste seiner Seele schauen lassen? Das geschieht selbst in engsten Familienbeziehungen nur selten. Wichtig wäre es, eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Alles, was mich belastet oder mir Sorgen macht, mit mir allein auszumachen, dürfte eine Überforderung sein. Und es ist auch nicht nötig. Es gibt Menschen, die bereit wären, meine Ängste und Sorgen mit mir zu teilen. Aber ich darf auch Grenzen ziehen. Auch im Vertrauen darauf, dass jemand da ist, der mein Innerstes schon kennt, bevor ich es ihm mitteile, Gott.

Donnerstag, 11. Februar



Nachsicht üben



Wer an andere strenge Maßstäbe anlegt, hält sich selbst vielleicht für überlegen. Das könnte ein Irrtum sein. Elazar Benyoëtz jedenfalls hält eher das Gegenteil für wahr: “Siehst du mir nichts nach, / hast du mir auch nichts voraus”. Benyoëtz liebt es, mit den Worten zu spielen, aber so, dass sich dabei eine tiefere Bedeutung erschließt. Hier geht es um Nachsichtigkeit. Nicht selten wirft man anderen vor, sie seien zu nachsichtig. Manch einer hält sich etwas darauf zu Gute, dass er diesen Fehler nicht macht. Doch Strenge ist kein Kennzeichen moralischer Überlegenheit. Wer anderen nichts nachsieht, verkennt womöglich nur die eigene Unvollkommenheit. Wer dagegen einsieht, wie oft er selbst hinter seinen hehren Ansprüchen zurückbleibt, kann vielleicht gnädiger mit anderen umgehen. Und mit sich selbst. Mit falscher Strenge und Unerbittlichkeit schade ich nicht nur anderen, sondern auch mir selbst.

Mittwoch, 10. Februar



Schlechte Verbindung



Kommunikation ist das Zauberwort unserer Zeit. Noch nie konnten wir so leicht mit so vielen Menschen in Verbindung treten wie heute. In den Zeiten des Lockdowns haben viele diese technischen Möglichkeiten ganz neu schätzen gelernt. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist die Frage nach der Qualität der Verbindung. Schon vor hundert Jahren hat die Schriftstellerin Ricarda Huch notiert: “Je mehr die Menschen durch Schienen und Drähte verbunden sein werden, desto wenig werden sie es durch Geist und Seele sein.” Solche Beobachtungen und Prognosen begleiten die modernen technischen Entwicklungen von Anfang an. Die Technik ermöglicht Begegnungen und Kontakte, die in früheren Zeiten undenkbar gewesen wären. Gleichzeitig scheint die Qualität der Beziehungen darunter zu leiden. Weniger ist auch hier manchmal mehr. Vielleicht kann es eine Hilfe sein, neben der modernen Technik bewusst alte Formen zu pflegen: Gespräche auf langen Spaziergängen zu zweit; Abende im kleinen Kreis ohne festes Programm; Briefe schreiben.

Dienstag, 9. Februar



Staunen



“Des Menschen Staunen / ist der Welten Wunder” (Elazar Benyoëtz). Wahrscheinlich ist der Mensch das einzige Geschöpf, das zu staunen vermag. Auf jeden Fall gehört die Fähigkeit zu staunen zu den grundlegenden Kennzeichen des Menschen. Mit dem Staunen fängt das menschliche Denken an. Etwa über die Vielzahl der Sterne an einem klaren Nachthimmel. Oder über das rasche Wachstum der Pflanzen, wenn es im Frühjahr plötzlich warm wird. Oder über die Zugvögel, die ohne Landkarte ihre Flugrouten über Länder und Kontinente hinweg finden. Darüber kann man schon ins Staunen kommen. Und vom Staunen ins Fragen. Wie machen die Vögel das? Wie viele Sterne mag es geben? Wie weit sind sie von der Erde entfernt? Auf viele Fragen haben die Menschen schon Antworten gefunden. Und dabei immer neue Fragen entdeckt. Die Welt ist voller Wunder. Aber das größte Wunder ist der Mensch, der darüber ins Staunen gerät. Die Frage nach dem Schöpfer stellt sich da von selbst. Wir sollten sie uns nicht verbieten lassen. Sonst verlernen wir am Ende auch das Staunen.

Montag, 8. Februar


Die Zeit eilt davon


Die Zeit rast, so scheint es. Kaum hat das neue Jahr begonnen, ist es schon wieder Februar. Eine merkwürdige Sache ist das mit der Zeit. Objektiv betrachtet, das heißt: an der Uhr gemessen, vergeht die Zeit immer gleich schnell. Ein Tag hat 24 Stunden, das ist nicht gerade wenig, selbst wenn man den Schlaf abzieht, und der Januar hatte immerhin 31 Tage. Eigentlich ganz schön viel Zeit. Trotzdem stellt sich leicht das Gefühl ein, dass uns die Zeit davonrast. Bzw. mit uns davon rast. Und dann bleiben wir plötzlich auf der Strecke: “Die Zeit brennt mit mir durch / und schüttelt mich ab”, so beschreibt es der jüdische Dichter Elazar Benyoëtz. Der erste Teil klingt verlockend: Wer wäre als Jugendlicher nicht gern einmal mit jemandem durchgebrannt? Umso ernüchternder dann der zweite Teil: von der Zeit abgeschüttelt, bleibe ich auf halbem Weg zurück. Es wohl doch nicht ratsam, mit der Zeit durchzubrennen. Vielleicht sollte ich stattdessen die Langsamkeit wieder entdecken. Im Alltag bewusst Pausen einbauen, lang genug, dass ich sie spüre. Eine Stunde vielleicht. Innehalten. Etwas lesen. Ein paar Gedanken notieren.

Sonntag, 7. Februar



Das Leben genießen



Es gab Zeiten, in denen es fast schon als Sünde galt, das Leben zu genießen. Diese Zeiten sind glücklicherweise lange vorbei. Martin Luther war schon vor 500 Jahren so unverfroren, zum fröhlichen Genießen der guten Gaben Gottes einzuladen: “Darf unser Herr Gott gute große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich sie wohl auch essen und trinken.” Die guten Dinge, die Gott schafft, sind dazu da, dass wir Menschen sie genießen. Das war vielleicht auch der Sinn des Sonntagsbratens, der mittlerweile wohl etwas aus der Mode gekommen ist: ein besonders gutes Essen, um mit Genuss den Sonntag zu zelebrieren. Vielleicht muss es heute kein Sonntagsbraten mehr sein. Aber am Sonntag etwas Besonderes ganz bewusst zu genießen, könnte dazu beitragen, den besonderen Charakter dieses Tages zu würdigen. Und die Freude am Leben, das Gott uns schenkt, zum Ausdruck zu bringen.

Samstag, 6. Februar



Der Mensch – ein “Feierbiest”?



Der Fußball-Trainer Louis van Gaal hat sich gerühmt, er sei ein “Feierbiest”. Er verstehe nicht nur, hart zu arbeiten und das auch von seinen Spielern zu fordern, er verstehe auch, nach getaner Arbeit zu feiern, zumal wenn die Arbeit von Erfolg gekrönt war. Auch wenn es in der Bibel keine “Feierbiester” gibt, kann uns Louis van Gaal an diesem Punkt durchaus ein Vorbild sein. Zur Arbeit gehört in der Bibel auch das Feiern. Ja, das Feiern ist sogar die Krönung, die Vollendung der Arbeit. Der Mensch soll schon auch arbeiten. Aber nicht nur. Er ist kein Arbeitstier. Das Feiern gehört auch dazu. Und das nicht erst am Ende einer langen Saison, und auch nicht nur bei Erfolg. Mindestens einmal pro Woche soll dafür Zeit sein. Dazu ist der Sonntag da: als Tag der Ruhe – und des Feierns! Martin Luther sagt es so: “Man kann Gott nicht allein mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen. Darum hat er das dritte Gebot gegeben und den Sabbat geboten.”

Freitag, 5. Februar



Gib dem Trübsinn keine Chance!



Wer würde nicht manchmal Trübsal blasen, zumal in diesen Zeiten! So vieles bedrängt und bedrückt uns. Wie sollte man da nicht trübsinnig werden? Martin Luther war ein Mensch, der sich mit Trübsinn auskannte. Jahre seines Lebens hat er damit verbracht. Trübsal zu blasen. Er war deprimiert und niedergeschlagen und sah für seine Leben keine Perspektive. Wenn Luther uns einen Tipp gibt, wie wir dem Trübsinn wehren könnten, spricht er daher aus Erfahrung: “Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.” Mir gefällt das Bild. Dass ich manchmal traurig oder besorgt bin, kann ich nicht ändern. Trübsinnige Gedanken brechen über einen herein, manchmal sogar dann, wenn es gar keine Gründe dafür gibt. Verhindern kann und soll ich aber, dass sie sich in meinem Kopf einnisten, dass Kummer und Sorge sich bei mir häuslich niederlassen und mich ganz und gar bestimmen.

Donnerstag, 4. Februar


Glaube und Liebe gehören untrennbar zusammen


Glaube und Liebe
ist das ganze Wesen eines christlichen Menschen.
Der Glaube empfängt,
die Liebe gibt.
Der Glaube bringt den Menschen zu Gott,
die Liebe bringt ihn zu den Menschen.
Durch den Glauben lässt er sich wohltun von Gott,
durch die Liebe tut er wohl den Menschen.



Martin Luther

Mittwoch, 3. Februar



Freude an der Taufe



Wie am Anfang des menschlichen Lebens die Geburt steht, so steht am Anfang des christlichen Lebens die Taufe. Zu beidem habe ich selbst nichts beigetragen. Für Martin Luther war die Tatsache, dass er als Säugling getauft worden war, immer wieder ein Grund zur Freude: “Ich danke Gott und bin fröhlich, dass ich als ein Kind getauft bin. Ich habe nun geglaubt oder nicht, so bin ich dennoch auf Gottes Gebot getauft. An der Taufe fehlt nichts; am Glauben fehlt’s immer.” Über den Glauben hat wohl niemand so viel nachgedacht wie Martin Luther. Alles dreht sich bei ihm, so scheint es manchmal, um den Glauben. Aber Luther kennt uns Menschen so gut, dass er weiß: Auf unsern Glauben können wir nicht bauen. Der ist so menschlich und unsicher wie alles andere in unserem Leben. Bauen können wir nur auf Gottes Gnade. Und die zeigt sich für Luther am deutlichsten in der Taufe. Mag an meinem Glauben auch noch so viel fehlen, meine Taufe ist der feste Bezugspunkt, auf den ich mich immer berufen kann.

Dienstag, 2. Februar



Mit Unsicherheiten leben



In den vergangenen Monaten sind viele Selbstverständlichkeiten zerbrochen. Immer wieder mussten Pläne über den Haufen geworfen werden. Lieb gewonnene Gewohnheiten mussten aufgegeben werden. Nicht wenige beklagen sich über immer neue Regelungen, fordern Klarheit und Sicherheit für die nächsten Monate. Manche sagen: Wir können vieles ertragen, nur die ständige Unsicherheit können wir nicht ertragen. Ich kann das gut verstehen. Unsicherheit hat etwas Zermürbendes. Allerdings ist der Wunsch nach Sicherheit trügerisch, und das nicht nur wegen Corona. Für Martin Luther ist die Sehnsucht nach Sicherheit ein Kennzeichen des Menschen, aber sie ist unerfüllbar: “So sind wir auch von Natur aus dazu geschickt, gern einen Glauben haben zu wollen, der Rückversicherungen verlangt. Wir wollen es gern mit Händen greifen und in die Tasche stecken. Aber das geschieht in diesem Leben nicht.” Es gibt keine Sicherheit, die wir mit Händen greifen können. Sicherheit gibt es nur im Vertrauen auf die Güte Gottes. Er hält unser Leben mit all seinen Unwägbarkeiten in seinen Händen.

Montag, 1. Februar



Was Eltern tun können



Es wird gerade sehr viel darüber geredet, was Kinder aufgrund der weitgehend geschlossenen Kindergärten und Schulen alles verpassen. Manches davon mag berechtigt sein. Eines fehlt mir dabei allerdings: die Wertschätzung für das, was die Eltern tun. So wichtig Kindergärten und Schulen sein mögen, Eltern sind für ihre Kinder noch weit wichtiger. An ihnen liegt es vor allem, was aus ihren Kindern wird. Wenn sie ihren Kindern die Liebe und das Vertrauen geben, die sie brauchen, und sie nach Kräften fördern, verpassen sie nichts. Wie wichtig die Eltern für ihre Kinder sind, hat schon Martin Luther sehr deutlich gesehen: “Das größte Werk, das du tun kannst, ist, dass du dein Kind recht erziehst, wenn du gleich am Sonntag nicht in die Kirche kommst und keine Messe oder Predigt hörst – erziehe nur dein Kind recht!” Alles andere kann und darf für Luther zurückstehen, wenn Eltern nur ihren Kindern die gebührende erzieherische Aufmerksamkeit widmen! Das ist sozusagen ihr wichtigster Gottesdienst.

Sonntag, 31. Januar


Für das Glück geschaffen


Unter den Zehn Regeln von Johannes XXIII. gibt es eine, die für mich so etwas wie eine Sonntagsregel ist. Der Sonntag ist ein ganz besonderer Tag, ein “Feiertag”, wie ihn Martin Luther in den Zehn Geboten nennt. Den Feiertag sollen wir “heiligen”, das heißt, wir sollen ihn tatsächlich als einen besonderen Tag achten. Nur: Was ist eigentlich das Besondere an diesem Tag? Dass wir nicht arbeiten dürfen? Nein, das trifft es nicht. Besser wäre da schon: dass wir nicht arbeiten müssen. Aber warum? Weil wir feiern dürfen! “Feiern” heißt für die Bibel zweierlei: von der Arbeit ruhen und Raum haben für Freude. Gott hat den Menschen nicht als Arbeitstier geschaffen. Und auch nicht als Konsumenten. Er hat ihn dazu geschaffen, dass er lebt und sich seines Lebens freuen kann. Dafür ist der Sonntag da: als Freudentag. Deshalb passt für mich zum Sonntag die Regel von Johannes XXIII., in der es um das Glück geht: Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin – nicht nur für die andere Welt, sondern auch für diese. Dafür ist der Sonntag da: für Momente des Glücks im Hier und Jetzt.

Samstag, 30. Januar



Gottes Güte gilt mir!



Vieles kann man sich vornehmen, wenigstens für einen Tag. Aber kann man sich auch vornehmen, etwas zu glauben? Johannes XXIII. sieht es so. Zu seinen zehn Regeln gehört eine, in der es ganz direkt um den Glauben geht: „Nur für heute werde ich fest glauben, selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.“ Wow! Das ist einmal ein steiler Glaubenssatz! Es wäre ja schon viel, wenn die gütige Vorsehung Gottes sich auch um mich kümmerte. Hier geht es um noch mehr: Dass die Vorsehung Gottes sich so um mich kümmert, als ginge es allein um mich! Dass Gott mir so wohlgesonnen ist, dass alles, was er geschehen lässt, mir zum Besten dient, wie Paulus es ausdrückt (Römer 8,28). Aus den Umständen ist das wohl nur für die wenigsten ablesbar. Warum soll ich es dann trotzdem glauben? Weil Gott es verheißen hat. Jesus hat es so gesagt: “Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zwei Groschen? Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen. Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge” (Lukas 12,6–7).

Freitag, 29. Januar



Etwas tun, wozu ich keine Lust habe



Nicht alles, was ich tun sollte, tue ich gern. Da geht es mir nicht so viel anders als meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden. Als Erwachsene haben wir uns allerdings meist damit abgefunden, dass es manche Aufgaben gibt, die einfach getan werden müssen, ob man will oder nicht. Deshalb überrascht es mich, dass Johannes XXIII. eine seiner zehn Regeln diesem Thema gewidmet hat: „Nur für heute werde ich wenigstens eine Sache tun, zu der ich keine Lust habe; sollte ich mich dabei in meinen Empfindungen beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass es niemand merkt.“ Das erste, was mir auffällt: Wenn ich diese Regel halte, dann nehme ich mir vor, heute etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun möchte. Das heißt: ich lasse es nicht bloß über mich ergehen. Ich tue es ganz bewusst. Und das zweite: Ich tue es nicht unwillig. Zumindest lasse ich es niemanden spüren, falls es so sein sollte. So verändern auch unliebsame Aufgaben ihren Charakter: Sie werden zu einer Übung für mich selbst. Eine kleine Trainingseinheit in puncto Haltung.

Donnerstag, 28. Januar



Nahrung für die Seele



Wenn ich länger nichts esse, bekomme ich Hunger. Der Magen meldet sich zuverlässig, wenn er nicht in gewohntem Maße zufrieden gestellt wird. Die Seele ist da zurückhaltender. Auch sie braucht Nahrung, wenn sie nicht verkümmern soll. Doch sie meldet sich nicht sofort. Wenn ich meine Seele vernachlässige, wird das oft erst nach längerer Zeit spürbar. Deshalb ist es gut, wenn ich mir einen Rat von Johannes XXIII. zu Herzen nehme: „Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen; wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist eine gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.“ Zehn Minuten, das ist nicht viel. Das kann ich selbst dann erübrigen, wenn ich heute viel zu tun habe. Es würde mir gut tun. Zehn Minuten für eine “gute Lektüre”: das kann ein schöner Text sein, ein anregendes Gedicht, ein Andachtsbuch. Wichtig ist nur, dass es mich auf andere Gedanken bringt: dass ich mich aus dem Alltag lösen kann; dass ich einen neuen Blick gewinne auf das, was ich tue; dass ich auf das sehe, was Bedeutung hat über den Tag hinaus. Ein kleines Stück Sonntag mitten im Alltag.

Mittwoch, 27. Januar



Eine vornehme Haltung



In meinem beruflichen Alltag begegne ich vielen Menschen. Dabei bin ich immer wieder beeindruckt, wie manche selbst unter schwierigen Umständen auf sich achten, sich sorgfältig kleiden, ihre Wohnung schön gestalten. Für mich zeigt sich darin, wie diese Menschen ihren Lebensumständen begegnen, eine vornehme Haltung. Johannes XXIII. schlägt uns vor, eine solche vornehme Haltung auch im Umgang mit anderen an den Tag zu lesen: „Nur für heute werde ich große Sorgfalt in mein Auftreten legen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemanden kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern – nur mich selbst.“ Bei den ersten Worten dieser Regel denke ich an ein gepflegtes Äußeres. Doch dann merke ich, dass es um mein Verhalten geht: Eine vornehme Haltung zeigt sich für Johannes XXIII. darin, dass ich niemanden kritisiere! Dass ich nicht versuche, andere zu verbessern, sondern mich selbst. Ob es mir gelingt, das einen ganzen Tag lang durchzuhalten? Einen Versuch ist es wert!

Dienstag, 26. Januar


Keine Angst, mich zu freuen

 

Zu den Lebensregeln von Johannes XXIII. gehört eine, die heute besonders aktuell ist: „Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist – und ich werde an die Güte glauben.“ Keine Angst zu haben, ist in diesen Corona-Zeiten nicht so einfach. Mit dem Corona-Virus ist ja tatsächlich nicht zu spaßen. Trotzdem sollte ich mich nicht von der Angst bestimmen lassen. Angst kann sehr lähmend sein und mir alle Lebensfreude nehmen. Das dürfte der Grund für den überraschenden zweiten Satz der heutigen Regel sein: keine Angst davor zu haben, mich an allem zu freuen, was schön ist. Wenn ich mir das für heute vornehme, werde ich vielleicht entdecken, wie viel Schönes es trotz allem gibt. Ob es ein wohlschmeckendes Essen ist, ein schöner Sonnenuntergang oder ein freundlicher Gruß der Nachbarin. Wenn ich die schönen Momente auch in meinem jetzigen Alltag entdecke, fällt es mir vielleicht leichter, trotz allem an die Güte zu glauben: an die Güte Gottes, der mir auch heute Zeichen seiner Freundlichkeit schickt.

Montag, 25. Januar


Mit den Gegebenheiten leben


Auf Papst Johannes XXIII. wird eine Sammlung von zehn Lebensregeln zurückgeführt, die unter dem Titel stehen: „Nur für heute.“ Streng genommen sind es keine Lebensregeln, sondern gute Vorsätze. Das Besondere daran ist: die Vorsätze gelten nur für diesen einen Tag. Ein Tag, das ist ein halbwegs überschaubarer Zeitrahmen. Da kann ich tatsächlich hoffen, dass es mir gelingt, meinen Vorsatz durchzuhalten. Allerdings wären mir zehn Vorsätze für einen Tag zu viel. Darum heute nur dies eine: „Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.“ Die aktuellen Umstände sind nicht so, wie wir sie uns wünschen würden. Viele sind der Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen müde. Die Umstände können wir nicht ändern. Ändern können wir nur, wie wir mit ihnen umgehen. Wir können uns an die Umstände anpassen, “heiter und trotzig”, wie es Samstag im Wort zum Sonntag in der Esslinger Zeitung hieß. Mich anzupassen heißt nicht: mich zu ergeben. Es heißt: mein Leben so zu gestalten, dass ich auch unter den aktuellen Umständen damit zufrieden sein kann.

Sonntag, 24. Januar



Sich am Leben freuen



Der russische Schriftsteller Anton Tschechow schreibt einer guten Bekannten zum Abschied: “Ihnen alles Gute, die Hauptsache – seien Sie heiter, schauen Sie nicht so spitzfindig auf das Leben: vermutlich ist es in der Tat bei weitem einfacher. Und ob es, das Leben, das wir nicht kennen, all die quälenden Überlegungen verdient, an denen sich unsere russischen Geister abnützen – das ist noch die Frage”. Nicht wenige Menschen haben die Neigung, das Leben allzu kompliziert zu sehen. Sich einfach am Leben zu freuen, fällt ihnen schwer. Dafür gibt es zu viele Fragen und Einwände. Ob Tschechows Tipp helfen können: heiter zu sein und nicht so spitzfindig auf das Leben zu schauen? Vielleicht ist es ja tatsächlich “bei weitem einfacher”, als wir manchmal meinen. Oder es wird einfacher, wenn ich es so annehmen kann, wie es nun einmal geworden ist. Es könnte ja tatsächlich sein, dass “all die quälenden Überlegungen” darüber, wie anders mein Leben hätte sein können, sich gar nicht lohnen. Weil dieses andere Leben zwar vielleicht anders, aber deshalb noch längst nicht besser gewesen wäre.

Samstag, 23. Januar



Eine Frage der Perspektive



Wie wir uns Leben sehen, ist eine Frage der Perspektive. Die moderne Wissenschaft hat unsere Sichtweise grundlegend verändert. “Wenn es den Alten höchster Stolz war, Abkömmlinge der Götter zu heißen, so lassen die Modernen für ihre Herkunft sich nur die Gesellschaft der Affen gefallen. Sie glauben an nichts, das nicht aus dem Tier erklärt wird. Sie verachten jeden, der sie nicht erniedrigt”, so der jüdische Philosoph Karl Joel. Bei “den Alten” denkt er an die alten Griechen, die die Menschen in engster Verwandtschaft mit den Göttern gesehen haben. Die moderne Wissenschaft dagegen hat alle religiösen Vorstellungen aus ihrer Deutung der Welt verbannt. Sie bezahlt dafür einen hohen Preis: sie macht den Menschen zu einem Tier! Hoch entwickelt zwar, aber doch ein naher Verwandter des Affen. Auch das menschliche Verhalten, etwa in der Liebe, wird ganz selbstverständlich mit tierischen “Vorbildern” erklärt. Wäre es da nicht besser, an der Vorstellung eines göttlichen Schöpfers festzuhalten? Selbst rein empirisch spricht kaum etwas dafür, den Menschen bloß für ein höheres Tier zu halten. Der Mensch ist ein ganz ein eigenes Wesen, mit einer besonderen Würde. Er sollte sich nicht selbst auf dem Altar der Wissenschaft opfern.

Freitag, 22. Januar



Pessimismus des Alters



Wenn ich ältere Menschen besuche, staune ich bisweilen, wie negativ einige die heutige Zeit sehen. Manchmal heißt es sogar, so schlimm wie heute sei es noch nie gewesen. Ich frage mich, wie Menschen, die noch die 30er Jahre, die Kriegs- und die Nachkriegszeit erlebt haben, das so sehen können. Aber sie stehen damit nicht allein. Der russische Schriftsteller Tschechow schreibt: “Alte Männer haben immer dazu geneigt, das Ende der Welt vorauszusehen, und haben immer gesagt, die Moral sei gesunken bis zum geht nicht mehr, die Kunst sei verflacht, verbraucht, die Menschen seien schwach geworden usw. usf.” Tschechow vermutet, dass dieser Pessimismus etwas mit dem Alter zu tun hat. Wer spürt, dass sein eigenes Leben sich dem Ende nähert, neigt dazu, die Welt auch so zu sehen. Ich frage mich, wie wir da gegensteuern können. Offenbar dürfen wir unseren Eindrücken und Gefühlen nicht einfach unbesehen trauen. Vielleicht wird nur die Brille dunkler, mit der wir die Welt und unser Leben sehen. Eine Abhilfe könnte es sein, wenn ich bewusst die positiven Dinge wahrnehme: das, was heute besser ist als früher; das Gute, das mir begegnet; Probleme, die es heute nicht mehr gibt.

Donnerstag, 21. Januar



Moralischer Fortschritt



In früheren Zeiten haben Schriftsteller und Theologen oft über den Verfall der Sitten geschrieben. Fast immer waren sie der Meinung, dass es mit Sitte und Moral stetig bergab gehe. Früher sei alles besser gewesen, der moderne Mensch sei egoistisch und zuchtlos und tue einfach, was ihm gerade gefalle. Mit besonderer Leidenschaft hat der große russische Schriftsteller Tolstoi im Alter gegen den Verfall der Sitten gewettert und strenge Keuschheit und eine vegetarische Lebensweise gefordert. Sein jüngerer Zeitgenosse Anton Tschechow widerspricht ihm an diesem Punkt entschieden: “Überlegung und Gerechtigkeitssinn sagen mir, dass in Elektrizität und Dampfkraft mehr Menschenliebe liegt als in Keuschheit und Ablehnung des Fleischgenusses ...”. Ein spannendes Argument! Tschechow misst den moralischen Fortschritt nicht an irgendwelchen Idealen, sondern am Maß der Menschenliebe. Und er erkennt, schon am Ende des 19. Jahrhunderts, wie viel Gutes der wissenschaftliche und technische Fortschritt den Menschen tatsächlich bringt. Er ist darum auch ein moralischer Fortschritt: ein Fortschritt der Menschenliebe.

Mittwoch, 20. Januar



Einen Brief schreiben



Je länger die Corona-Krise dauert, desto mehr drückt sie vielen aufs Gemüt. Immer wieder höre ich von Menschen, denen die Ansprache fehlt, die vereinsamen und die Freude am Leben verlieren. Dass wir immer noch mit der Verbreitung des Virus und seinen Folgen zu kämpfen haben, können wir nicht ändern. Die Maßnahmen, die dagegen ergriffen werden, müssen wir wohl oder übel akzeptieren; bessere Lösungen sind nicht in Sicht. Dennoch müssen wir die Krise nicht tatenlos über uns ergehen lassen. Wir können etwas tun, für uns und für andere. Zum Beispiel einen Brief schreiben. “Natürlich ist ein Brief eine Kleinigkeit, aber wenn man ihn liest, fühlt man sich nicht einsam, und das Gefühl der Einsamkeit ist das lausigste und stumpfsinnigste Gefühl”, so der russische Schriftsteller Anton Tschechow. Ein Brief mag eine Kleinigkeit sein, aber wenn ein anderer sich nicht mehr einsam fühlt, zumindest für einen Moment, ist das eine großartige Sache. Überlegen Sie sich, was Sie tun können, damit ein anderer sich weniger einsam fühlt! Wenn Sie keine Briefe schreiben mögen, rufen Sie an. Oder bringen Sie ein kleines Präsent vorbei. Jedes Zeichen der Verbundenheit kann eine große Hilfe sein.

Dienstag, 19. Januar


Leben wie ein König


“Das schönste und heiligste Recht der Könige ist das Recht auf Begnadigung. Und ich habe mich immer als König gefühlt, denn ich habe von diesem Recht uneingeschränkt Gebrauch gemacht. Ich habe nie gerichtet, war nachsichtig, habe gern nach links und rechts allen vergeben.” So beschreibt in Tschechows Novelle “Eine langweilige Geschichte” ein alternder Professor seine lebenslange Haltung. Jetzt, im Alter, nimmt er eine erschreckende Veränderung an sich wahr: “... heute bin ich kein König mehr. In mir geht etwas vor, das nur Sklaven eigen ist. Meinen Kopf durchziehen Tag und Nacht böse Gedanken, und in der Seele haben sich Gefühle ein Nest gewunden, die ich früher nicht kannte. Ich hasse, ich verachte, ärgere, empöre mich, habe Angst. Ich bin heute über die Maßen streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig, misstrauisch.” Mich beeindrucken diese Gedanken des Professors. Gern möchte ich mir seine königliche Haltung zum Vorbild nehmen. Und wenn ich an mir das andere wahrnehme, böse Gedanken, Hass, Verachtung und Angst, Strenge und Misstrauen, möchte ich mich daran erinnern, was für eine kleinliche und niedrige Haltung ich damit einnehme.

Montag, 18. Januar



Demut und Würde



Hochmut kommt vor dem Fall, so sagt es der Volksmund. Demut dagegen gilt, zumindest in christlichen Kreisen, als eine Tugend. Selbstverständlich ist das nicht. Im kulturellen Umfeld des frühen Christentums wurde nicht nur Hochmut, sondern auch Demut abgelehnt. Von sich selbst “niedrig” zu denken, galt als eine Haltung, die allenfalls für Sklaven angemessen sein könnte. Ein Brief des russischen Schriftstellers Anton Tschechow an seinen 14-jährigen Bruder Mischa wirft ein erhellendes Licht auf diese Frage. Mischa hatte sich selbst in einem Brief als “nichtswürdigen und unbedeutenden kleinen Bruder” bezeichnet. Tschechow lehnt das ab: “Deiner Nichtigkeit werde dir bewusst, aber weißt du wo? vor Gott meinetwegen, vor dem Geist, der Schönheit, der Natur, aber nicht vor den Menschen. Unter den Menschen muss man sich seiner Würde bewusst sein. ... Verwechsle nicht ‘demütig sein’ mit ‘sich seiner Nichtigkeit bewusst sein’.” Sich selbst vor anderen Menschen klein zu machen, hält Tschechow für würdelos. Demut ist für ihn etwas ganz anderes: das Wissen um die eigene Nichtigkeit angesichts der Größe Gottes, des Geistes und der Natur. Im Umgang mit Menschen hält er das Bewusstsein von der eigenen Würde für entscheidend, zu dem auch die Anerkennung der Würde der anderen gehört. So gesehen passen Demut und Würde sehr wohl zusammen.

Sonntag, 17. Januar



Das Vaterunser ganz anders



In der vergangenen Woche haben die Gedanken zum Tag Anregungen aus den Vaterunser-Improvisationen von Xandi Bischoff aufgenommen. Seine Auslegungen sind meist sehr kurz, und doch umschreiben sie die einzelnen Bitten des Vaterunsers so, dass etwas davon sichtbar wird, was damit hier und heute gemeint sein könnte – eine großartige Leistung! Ein besonders schönes Beispiel für seine ebenso kurzen wie erhellenden Umschreibungen des Vaterunsers möchte ich hier vollständig anführen:



    komprimiertes gebet



    zeig wer du bist
    bring alles in ordnung
    halt uns am leben

    behalte die übersicht
    zeig wie man vergibt
    mach uns sicher

    verscheuche das böse

Samstag, 16. Januar


Was heißt beten?


Was tue ich eigentlich, wenn ich bete? Warum soll ich vor Gott bringen, was er ohnehin schon längst weiß? Hat nicht Jesus selbst genau aus diesem Grund davor gewarnt, beim Beten viele Worte zu machen, weil unser himmlischer Vater auch so weiß, was wir brauchen? Ein kurzes Gebet bleibt allerdings erlaubt. Als Anleitung dazu hat Jesus seinen Jüngern das Vaterunser gegeben. Nur: Wenn es nicht nötig ist, beim Beten viele Worte zu machen, weil der himmlische Vater ohnehin alles schon weiß, wozu sollen dann die wenigen Worte gut sein? Eine Antwort gibt Xandi Bischoff. Er deutet das Vaterunser als “beschluss nicht zu zweifeln”. Die ersten drei Bitten umschreibt er so: “ich beschliesse / weder an seinem namen noch an seinem reich / noch an seinem willen zu zweifeln”. Das Gebet als Beschluss, nicht zu zweifeln – das finde ich sehr ansprechend. Gerade bei den ersten drei Bitte des Vaterunsers können einem ja schon Zweifel kommen. Ist es wirklich Gottes Wille, der geschieht? Wann endlich kommt sein Reich? Das Gebet selbst kann ein Gegenmittel gegen solche Zweifel sein. Wenn ich bete, entscheide ich mich dazu, an Gottes Zusagen festzuhalten und dem Zweifel keinen Raum mehr zu geben.

Freitag, 15. Januar


“wer liebt ist unschlagbar”


– so lautet die Überschrift zu einer kurzen Meditation von Xandi Bischoff über das Vaterunser. Die Überschrift reizt zum Widerspruch. Ist die Literatur nicht voll von Erzählungen darüber, wie Liebende zugrunde gehen? Tolstoi wirft in einer Fabel die Frage auf, ob nicht die Liebe sogar die Quelle alles Übels ist: “Meiner Meinung nach”, so die Taube, “kommt das Übel ... von der Liebe. Wenn jeder für sich lebte, hätten wir weniger Kummer.” Wie kann Xandi Bischoff da behaupten, wer liebe, sei unschlagbar?



In seiner Meditation deutet er die Liebe als Erfüllung aller Vaterunser-Bitten. Mit Blick auf die Bitte um Erlösung von dem Bösen heißt es zum Beispiel: “wer liebt ist gelöst”. Damit könnte gemeint sein: Wer liebt, ist frei von allem Bösen: von der Habgier, von der Selbstsucht, von der Rücksichtslosigkeit. Bezogen auf die Bitte “und führe uns nicht in Versuchung” heißt es: “wer liebt ist sicher”. Nicht, weil die Liebe unangreifbar machen würde – das nicht –, sondern weil sie vor Versuchungen schützt. Wer liebt, kann von keinem Bösen besiegt werden.

Donnerstag, 14. Januar


Verteidige dich nicht!


Wie oft bin ich damit beschäftigt, mich zu verteidigen oder mich vor anderen zu rechtfertigen. Dazu müssen andere mich nicht einmal direkt kritisieren. Ich muss nur das Gefühl haben, jemand könnte denken, ich hätte mich falsch verhalten. Offenbar ist es ein sehr tief sitzendes menschliches Bedürfnis, vor anderen möglichst gut dazustehen. Wir versuchen es oft selbst dann noch, wenn wir wissen, dass der andere uns nicht schätzt und alle Mühe vergeblich bleiben wird. So hungrig sind wir nach Anerkennung! Dabei ist das ganz und gar unnötig. Und sinnlos. Wer sich verteidigen muss, hat ohnehin schon eine Schramme abbekommen. Und weitere Schrammen kommen bald dazu. Das summiert sich. Wie soll ich da noch gut dastehen?



Einen Ausweg gibt es: sich gar nicht mehr zu verteidigen! Nicht mehr um die eigene Stellung zu kämpfen, sondern dies ganz dem himmlischen Vater zu überlassen. Er tritt für mich ein, obwohl er weiß, dass da gar nicht so viel zu verteidigen ist. So deutet Xandi Bischoff die dritte Bitte des Vaterunsers:


    verteidige dich nicht
    du bist gewollt
    sein wille geschieht


Mittwoch, 13. Januar



Ich muss niemandem etwas beweisen


Wenn wir das Vaterunser meditieren, können wir immer wieder neue Entdeckungen machen. Hinter jedem Wort steckt ein tieferer Sinn, der weit in unseren Alltag hineinreicht. Allein schon die Anrede Gottes als “unser Vater” ist so bedeutungsvoll, dass wir damit gar nicht zu Ende kommen. In einer kurzen Auslegung von Xandi Bischoff heißt es:



    beweise dich nicht
    du bist bewiesen
    du hast einen vater


Einen Vater zu haben heißt, dass ich mich nicht länger selbst beweisen muss. So würden sich wohl viele ihren Vater wünschen. Gott ist so. Ich muss nicht erst beweisen, dass ich Anspruch auf meine Stellung als sein Kind habe. Ich habe keinen Anspruch darauf; ich bin es. Er hat mich längst zu seinem Kind gemacht. Auch seine Anerkennung muss ich mir nicht erst verdienen. Ich bin schon längst anerkannt, noch bevor ich irgendetwas vorweisen kann.


Wenn ich meinem himmlischen Vater nichts mehr beweisen muss, dann anderen erst recht nicht! Ich kann einfach der sein, der ich bin. Und das tun, was ich kann. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. So werde ich frei.

Dienstag, 12. Januar


In der Zukunft leben


Wer sich als Gottes Kind weiß, der lebt schon in der Zukunft – so war es in den gestrigen “Gedanken zum Tag” zu lesen. Wie kann ich heute schon in der Zukunft leben? Und warum sollte ich das tun? Wäre das nicht Träumerei? Kommt es nicht gerade darauf an, im Hier und Jetzt zu leben und das zu tun, was heute möglich ist?


Es stimmt: Handeln kann ich nur hier und heute, nicht morgen und auch nicht anderswo. Aber was soll ich tun? Und woher bekomme ich die Energie, das zu tun, was möglich ist, selbst wenn es wenig ist? Wenn ich nur das Hier und Heute sehe, kann ich leicht mutlos werden. Wie schnell bin ich ernüchtert, wenn ich merke: Es wird ja doch nicht besser. Die Menschen ändern sich nicht. Und die Verhältnisse schon gar nicht. Da liegt es nahe, sich zurückzuziehen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.


Als Gottes Kinder schauen wir über den Tellerrand hinaus. Unser Vater ist ja der Vater aller seiner Geschöpfe. Er hat noch etwas vor mit seiner Erde und mit uns Menschen. Und wir können und sollen heute schon so leben, als wäre es schon wahr: als würde die Liebe Gottes heute schon alles bestimmen.

Montag, 11. Januar


Gelassenheit als Kind Gottes


Xandi Bischoff, Mitglied der evangelischen Communität Don Camillo in der Schweiz, hat im letzten Jahre wunderbare “Improvisationen” zum Vaterunser veröffentlicht (Xandi Bischoff / Nadine Seeger, Improvisationen zum Unservater. “Wie wenn ich beten könnte”, Friedrich Reinhardt Verlag Basel 2020). Auf jeder Seite entdeckt er neue Aspekte dieses kurzen, aber inhaltsreichen Gebetes. Eine Meditation zur ersten Bitte beginnt so:

    lass mich heute dein Kind sein
    lass mich in der zukunft leben
    lass mich heute gelassen wandern

Was heißt es, Gottes Kind zu sein? Zwei Aspekte deutet Xandi Bischoff an: Wer sich als Gottes Kind weiß, der lebt schon “in der Zukunft” und kann darum “heute gelassen wandern”.

Gelassenheit ist eine Tugend, die heute keine große Rolle spielt. Eher sind Aufregung und Empörung Kennzeichen unserer Zeit. Das färbt auch auf uns als einzelne ab. Es wäre gut, wenn wir da gegensteuern könnten. Doch wie sollen wir ruhig und gelassen bleiben, wenn es so vieles gibt, worüber wir uns aufregen könnten, ja, müssten? Oft geht es dabei um wichtige Dinge.

Wenn ich Gott als meinen Vater anrufe, müsste es dennoch möglich sein, gelassen zu bleiben. Weil ich mich in ihm geborgen, von ihm geliebt weiß. Und nicht nur mich, sondern die ganze Schöpfung.


Sonntag, 10. Januar


Siebenmal ist nicht genug


Petrus stellt Jesus eine Frage: “Herr, wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, der gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?” Jesus antwortet: “Ich sage dir: Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal” (Matthäus 18,21–22). Wie kann Jesus das verlangen? Die meisten verlieren schneller die Geduld, vor allem, wenn es immer das gleiche Problem, der gleiche Ärger ist. Dabei liegt in den Worten Jesu eine Weisheit verborgen, die für das ganze Leben gilt. Siebenmal ist fast nie genug. Nicht für die Worte der Liebe, die ich hören möchte. Nicht für das Verzeihen. Nicht für die Versuche, mein Leben zu ändern: mehr Sport zu treiben, weniger Süßes zu essen, geduldiger zu werden, dem Zorn Zügel anzulegen. Wer nach ein paar Versuchen aufgibt, wird kaum ein Ziel erreichen. Siebenmal siebzigmal: das ist eine gute Richtschnur für viele Dinge, die für das Leben wichtig sind. Nicht aufgeben, sondern immer wieder neu anfangen, womöglich sogar täglich.

Samstag, 9. Januar


Es kommt darauf an, was WIR tun



Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.

Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.

Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.

Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen an seine Seite zu bringen.


Verfasser unbekannt

Freitag, 8. Januar


Zeit ist Gnade



Zeit ist Gnade – so ist auf einer Turmuhr zu lesen. Zeit ist Gnade: Dieser Satz in Verbindung mit einer Turmuhr reizt zum Widerspruch. Lässt eine Uhr nicht eher an die unaufhörlich verrinnende Zeit denken? Wie unbarmherzig kann das Ticken einer Uhr sein, wenn ich in Eile bin! Wie schnell vergeht ein Jahr, wenn ich älter werden und gern noch etwas mehr Zeit zum Leben hätte! Wie soll Zeit da Gnade sein? Noch dazu in Verbindung mit einer Uhr, die ihr unerbittliches Voranschreiten mitleidlos anzeigt?



Zeit ist Gnade, weil sie mir zum Leben gegeben ist. In jedem Augenblick eröffnet sie mir eine neue Gelegenheit, zu erleben, was die Welt mir bietet, und zu tun, was in meiner Macht steht. Der große Philosoph Immanuel Kant hat recht: Zeit und Raum gemeinsam bilden unseren Lebensraum. Gott gibt uns Raum zum Leben, an diesem Ort und in dieser Zeit. Das Leben selbst aber weist darüber hinaus. Es birgt in sich die Sehnsucht nach mehr. So öffnet Gott die Zeit und den Raum hin zu seiner Ewigkeit.

Donnerstag, 7. Januar


Den Blick auf die Zukunft gerichtet



Der israelische Schriftsteller Benyoëtz macht auf ein merkwürdiges Phänomen aufmerksam: “Wir wissen, dass wir in der Zukunft nichts zu suchen haben, und doch wird unser Schritt und Blick auf sie gelenkt”. Was kommt, können wir nicht wissen. Wir können die Zukunft nicht erforschen. Alles Zukünftige bleibt für uns undurchdringlich, bis es eintritt. Trotzdem gehen wir nicht rückwärts durch die Zeit, sondern vorwärts, den Blick fest auf die Zukunft gerichtet. Wie kommt das? Vielleicht hat das damit zu tun, dass Gott uns eine andere Zukunft versprochen hat. Das Leben hier und jetzt ist nicht so, wie es sein soll, und es war auch in der Vergangenheit nicht so. Darum bleibt die Sehnsucht nach dem Neuen lebendig. Das aber muss erst noch kommen. Unsere Hoffnung richtet sich auf die Zukunft. Der Liederdichter Klaus Peter Hertzsch sagt es so:


    Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt!
    Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land.
    Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit.
    Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.


Mittwoch, 6. Januar, Erscheinungsfest (Epiphanias)


Mache dich auf und werde licht!




Über dem Erscheinungsfest steht im Gesangbuch einer der schönsten Verse der Bibel: “Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!” (Jesaja 60, Vers 1). Bevor das neue Jahr allzu forsch voranschreitet und das Weihnachtsfest ganz in den Hintergrund gerät, erinnert das Erscheinungsfest noch einmal an das Licht der Heiligen Nacht. Es ist ein besonderes Licht: Gottes Licht, das doch zugleich mein Licht ist. Gottes Herrlichkeit geht auf über uns, damit sein Licht ausstrahlen kann in unser Leben. Und darüber hinaus! Gottes Licht ist sich selbst nicht genug. Es will auch zu meinem Licht werden. Und durch mich zum Licht für andere: “Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt!” Nur so kann Weihnachten ausstrahlen in den Alltag unserer Welt.

Dienstag, 5. Januar



Weihnachten – ein Fest mit Folgen



“Brüder!” hört das Wort,
soll’s ein Wort nur bleiben,
soll’s nicht Früchte treiben
fort und fort?


Allen Bruder sein,
allen helfen, dienen,
ist seit Er erschienen
Ziel allein.


“Brüder!” hört das Wort,
dass es Wahrheit werde
und dereinst die Erde
Gottes Ort!


Christian Morgenstern

Montag, 4. Januar



Gute Vorsätze?


Zum Jahreswechsel sind gute Vorsätze ein großes Thema. Jeder weiß, wie kurz die Lebensdauer solcher Vorsätze ist. Ende Januar ist das meiste davon schon wieder weggerutscht. Nur: Was folgt eigentlich daraus? Wäre es besser, sich keine neuen Projekte vorzunehmen, keine Veränderungen mehr anzustreben? Nein, das ist auch keine Lösung. Es gibt ja meist gute Gründe, sich etwas vorzunehmen und zum Beispiel bestimmte Verhaltensweisen zu ändern. Das Problem sind nicht die Vorsätze an sich. Das Problem ist eher, dass es so oft bei bloßen Möglichkeiten bleibt. Deshalb gefällt mir eine Aussage von Elazar Benyoëtz: “Was du tun kannst, ist immer mehr, als du tun könntest”. Eigentlich unlogisch! Der Konjunktiv, so scheint es, enthält unendlich viele Möglichkeiten. Das Problem ist nur: Das meiste sind Luftnummern. Der morgendliche Gedanke: “Was könnte ich heute nicht alles tun!”, ist eine irreführende Selbsttäuschung. Er verhindert, dass ich das tue, was tatsächlich tun kann. Und das ist sehr viel mehr. Das zu tun, was ich tatsächlich schaffen kann, ist viel mehr als das endlose Reich der scheinbaren Möglichkeiten.

Sonntag, 3. Januar


Nicht mehr wegzudenken!


Wenn wir Schritt für Schritt ins neue Jahr gehen und die Weihnachtszeit so nach und nach in den Hintergrund rückt, stellt sich die Frage: Was hat sich eigentlich durch Weihnachten geändert? Eine mögliche Antwort gibt ein Liedvers von Rudolf Otto Wiemer:

    Gott geht durch die Zeiten,
    will auch uns geleiten,
    hat die Krippe aufgestellt
    mitten in der Welt.

Das hat sich durch Weihnachten auf jeden Fall geändert: Die Krippe ist aufgestellt, mitten in der Welt, und sie ist jetzt nicht mehr wegzudenken. Man muss sie nicht beachten. Man kann so tun, als gäbe es die Krippe nicht. Da ist sie trotzdem. Die Krippe erinnert uns: Gott ist nicht weit weg. Er kommt uns nahe, wird ein Mensch wie Du und ich. Seit Weihnachten sind Gott und Mensch nicht mehr zu trennen. Auch wir sind nicht mehr von Gott zu trennen. Gott geht mit uns durch unsere Zeiten. Er will auch uns geleiten.

Samstag, 2. Januar


Vertrauensvoll den Weg ins Ungewisse gehen


Zum Jahreswechsel haben Astrologen und Wahrsager aller Art Hochkonjunktur. Nur allzu gern würden viele wissen, was das kommende Jahr bringen wird. Aber auch die Astrologen und Wahrsager wissen es nicht. Kürzlich wurden die Prognosen vom Anfang des Jahres 2020 unter die Lupe genommen. Nicht einmal das größte Ereignis dieses Jahres, die Corona-Pandemie, hatte jemand auf dem Schirm. Nein, wir können nicht in die Zukunft schauen. Kein Mensch kann das. Was kommt, bleibt uns verborgen, bis es eintritt. Offen vor uns liegt nur das, was bereits geschehen ist. Dennoch können wir vertrauensvoll und zuversichtlich unseren Weg weiter gehen. Denn Gott geht mit. Ein Text aus China bringt dies sehr schön zum Ausdruck:


    Ich sagte zu dem Engel,
    der an der Pforte des neuen Jahres stand:
    Gib mir ein Licht,
    damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit
    entgegengehen kann!


    Aber er antwortete:
    Gehe nur hin in die Dunkelheit
    und lege deine Hand in die Hand Gottes!
    Das ist besser als ein Licht
    und sicherer als ein bekannter Weg.


Freitag, 1. Januar 2021


Ermutigung für das neue Jahr


Gesegnet der Mensch, der sich auf Gott verlässt,
dessen Hoffnung auf Gott gründet.
Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt,
der seine Wurzeln zum Bach hinstreckt.
Wenn auch die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht,
sondern seine Blätter bleiben grün.
Er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt,
sondern bringt ohne Aufhören Früchte.
Jeremia 17,7–8

Donnerstag, 31. Dezember, Silvester


Was habe ich versäumt?



Wenn ich am Ende des Jahres zurückblicke, fällt mir wohl manches ein, was ich in diesem Jahr nicht geschafft habe. Dazu muss ich nicht einmal die Vorsätze vom letzten Jahreswechsel noch einmal nachlesen. So vieles versäume ich oft schon an einem Tag, in einer Woche. Wie dann erst in einem ganzen Jahr?! Bei manchen summieren sich die vielen Versäumnisse zu dem deprimierenden Gefühl:Ich habe mein Leben versäumt. Dagegen hilft mir ein Gedanke des israelischen Schriftstellers Elazar Benyoëtz: “Das eine Leben versäumt man immer. Mit der Erfüllung ist das Versäumte vollendet”. Das eine Leben versäumt man immer: Von den unendlich vielen Möglichkeiten, die sich mir bieten, kann ich nur einige wenige verwirklichen. Was ist mit den anderen? Wenn ich mich für das eine entscheide, ist das oft zugleich eine Entscheidung gegen das andere, auch wenn das gar nicht meine Absicht ist.
Aber vielleicht hat Benyoëtz recht: Mit der Erfüllung des einen ist auch das andere, das ich versäumt habe, vollendet.

Mittwoch, 30. Dezember


Was war wichtig?


Das Ende eines Jahres ist die Zeit der Rückblicke. Fernsehsendungen und Zeitungsbeilagen erinnern uns an das, was die Redaktion für wichtig hält. Ich frage mich, wie da die Auswahl getroffen wird. Einige außergewöhnliche Ereignisse drängen sich natürlich auf, wie in diesem Jahr die Corona-Pandemie. Aber sonst? Was war wichtig, was nicht? Woran wird man sich in zehn Jahren noch erinnern, woran in fünfzig Jahren? Da bleibt nicht viel. Jetzt, aus der Nähe, ist das ohnehin kaum zu beurteilen. Dafür sind wir noch zu nahe dran. Und, noch wichtiger: Jeder einzelne hat das vergangene Jahr anders erlebt. Der russische Philosoph Dimitri Mereschkowski hat darum recht, wenn er schreibt: “Wir berechnen die Zeit nach Stunden und glauben, sie sei für alle gleich. Jeder Mensch hat aber seine eigene Zeit, und alle Zeiten sind verschieden.” Die Bibel relativiert unsere Zeiterfahrung aus der Perspektive Gottes: Für ihn sind 1000 Jahre wie ein Tag, und ein Tag ist wie 1000 Jahre. Erst aus dem Blickwinkel Gottes bekommen unsere aktuellen Erfahrungen das Gewicht, das ihnen zukommt. Dafür reicht unser Urteilsvermögen nicht aus.

Dienstag, 29. Dezember


Geheimnisvolle Natur

 

“Das Geheimnis des Pflanzenlebens ist genauso groß wie das Geheimnis unseres Lebens, und der Naturwissenschaftler hofft vergebens, es ebenso durch mechanische Gesetze zu erklären, die er selbst konstruiert hat.” Diese Worte des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau, geschrieben in der Zeit der ersten Blüte der modernen Naturwissenschaft, haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Die Sehnsucht des Menschen, die Natur nach von ihm selbst konstruierten Gesetzen und Produkten zu erklären, ist ungebrochen. Denken wir nur daran, wie oft heute das menschliche Gehirn mit einem Computer verglichen wird! Dabei liegt es auf der Hand, dass menschliches Denken und Empfinden völlig anders funktioniert als selbst modernste Computertechnik. Mehr als ein paar Äußerlichkeiten sind auf diesem Wege nicht zu entdecken. Das Geheimnis der Natur ist so nicht zu entschlüsseln. Warum nur versucht der Mensch, sich selbst auf die Funktionsweise von technischen Geräten zu reduzieren? Ist das Geheimnis der göttlichen Schöpfung so schwer zu ertragen?

Montag, 28. Dezember


Wertvoll


Gern werden zum Jahresende Leistungsbilanzen vorgelegt. Die Erfolge (und Misserfolge) eines Unternehmens werden aufgelistet, eine Bilanz gezogen. Manche versuchen, auch das eigene Leben im vergangenen Jahr zu bilanzieren. Was war gut? Was habe ich erreicht, wo war ich erfolgreich? Und wo bin ich hinter den Erwartungen zurückgeblieben, vielleicht sogar gescheitert? Dem einen oder der anderen mag eine solche Bilanz eine Hilfe dazu sein, für das neue Jahr klare Ziele zu formulieren. Sich selbst und seine eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen, kann dazu helfen, sich nicht zu überfordern und so zufriedener zu sein. Fatal wird es allerdings, wenn ich meinen eigenen Wert von meinen Leistungen, von meinen Erfolgen und Misserfolgen abhängig mache. Wenn ich ständig unter Druck stehe, mir – und anderen – beweisen zu müssen, wie wertvoll ich bin, verliere ich meine Freiheit und womöglich auch mein Selbstwertgefühl. Deshalb gefällt mir ein Satz des Theologen Helmut Thielicke: “Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll wären, sondern wir sind wertvoll, weil er uns liebt.” Genau davon erzählt die Weihnachtsgeschichte.

Sonntag, 27. Dezember


Vom göttlichen Licht begleitet


Nun liegt das Weihnachtsfest schon wieder hinter uns. Für manche war es ein schönes Fest, trotz der Einschränkungen, die es in diesem Jahr gab. Andere haben darunter gelitten, dass sie nicht wie gewohnt mit ihren Verwandten Weihnachten feiern konnten. Für einige war es wohl einfach genauso einsam und traurig wie schon in den letzten Jahren. So wird wohl nicht überall Weihnachtsfreude spürbar geworden sein. Und bald schon werden die Mühseligkeiten des Alltags uns alle wieder einholen. So war es auch damals bei den Hirten von Bethlehem. Auch sie mussten in ihren anstrengenden und bescheidenen Alltag zurückkehren. Doch eines war anders: Das Licht war immer noch da. Mag auch der strahlende Glanz der Engel bald wieder verloschen sein, das warme Licht, das vom Kind in der Krippe ausging, das ist geblieben. Das hat sie nicht mehr losgelassen. Ohne dieses Licht müssen auch wir nicht mehr sein.


    Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
    doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld
    Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
    von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.


    (Jochen Klepper)


Samstag, 26. Dezember, 2. Weihnachtsfeiertag


Ehre sei Gott in der Höhe


“Ehre sei Gott in der Höhe”, so singen die Engel in der Heiligen Nacht, und so singen auch wir es in vielen Weihnachtsliedern. Wunderbar, mag da der eine oder die andere bitter denken! Der hat’s gut da oben in der Höhe, während wir uns hier unten durchschlagen müssen. Und dann sollen wir ihm auch noch Ehre erweisen! Hätten wir nicht viel mehr Ehre verdient, die wir uns Tag für Tag hier auf Erden behaupten müssen und uns mit Unbilden aller Art abplagen? Eine berechtigte Frage! Wenn Gott so wäre wie die Großen auf Erden, die sich in vornehme Paläste zurückziehen und das Leben genießen, während ihre Völker sich plagen dürfen, dann gäbe es wirklich keinen Grund, ihm Ehre zu erweisen. Glücklicherweise ist Gott ganz anders. Hoch erhaben und gut abgeschirmt von allem Irdischen im Himmel zu thronen, war noch nie seine Sache. Gott hält sich nicht fern. Er macht sich handgemein mit unserem Leben, mit unseren Sorgen und Nöten. Damit das keiner übersehen kann, wird er selbst Mensch. Weil Gott so ist, deshalb gebührt ihm die Ehre. Elmar Gruber sagt es so: “Ehre sei Gott in der Höhe, der herunter gekommen ist bis in meine Tiefe.”

Freitag, 25. Dezember, 1. Weihnachtstag


Heimat


Als ich Student war, musste ich nicht lange darüber nachdenken, was ich an Weihnachten tue. Ich bin zu meinen Eltern gefahren: nach Hause, in meine ostfriesische Heimat. So wie für mich damals, so hat Weihnachten wohl für viele etwas mit Heimkommen zu tun. Der Weihnachtsbaum, die festlich geschmückte Kirche, die vertrauten Lieder – da entsteht bei vielen ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Das ist kein Zufall. Weihnachten hat tatsächlich etwas mit Heimkommen zu tun. Die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen bringt es auf den Punkt:

    Gottes Sohn wurde Mensch,
    damit der Mensch Heimat habe in Gott.

Im Kind in der Krippe kommt Gott zu uns, damit wir zu ihm zurückfinden. Von ihm kommen wir her. Bei ihm sind wir Zuhause. Bei ihm ist unsere Heimat: der Ort, an dem wir Geborgenheit finden, zu dem wir immer zurückkehren können.

24. Dezember, Heiligabend


Unterwegs zu Dir


Zur Weihnachtsgeschichte gehören die Engel. Sie sind Gottes Boten. Sie haben einen wichtigen Auftrag. Sie sollen bekannt machen, was in dieser besonderen Nacht geschieht. Ohne sie wäre das Kind in der Krippe unbemerkt geblieben: ein gewöhnliches Kind, unter ärmlichen Umständen geboren. So aber bekommen wir von dem Kind zu hören. Die Hirten zuerst und nach ihnen viele andere. Auch heute, an diesem besonderen Heiligabend, wird die Weihnachtsbotschaft zu hören sein. “Gottes Weihnachtswelt ist voller Boten – und einige sind unterwegs zu dir” (Albrecht Goes). Auch in dieser heiligen Nacht sind Gottes Boten unterwegs, unterwegs zu jedem einzelnen von uns. Sie haben eine großartige Botschaft: Gottes Sohn wird Mensch. Gott selbst kommt uns nahe, damit kein Mensch mehr Gott fern ist.

Mittwoch, 23. Dezember


Sieben Farben hat das Licht


Wenn bei uns an Heiligabend das Wohnzimmer ganz im Kerzenlicht erstrahlt, schaue ich gerne einfach nur zu. Etwa auf die vielen Kerzen, die unsere Krippenfiguren in ihr warmes, bewegtes Licht tauchen. Oder auf den Leuchter mit den sieben Kerzen, den wir nur in der Weihnachtszeit hervorholen. Was ist es, das uns am Licht so fasziniert? Es liegt wohl daran, dass wir instinktiv spüren: Licht ist Leben. Nicht nur in der Natur bringt das Licht neues Leben hervor. auch uns lässt es aufleben. Vielleicht sollten wir in diesem Jahr ganz bewusst viele Lichter anzünden und uns mit einem strahlenden Lichtglanz umgeben, um so ein wenig vom Weihnachtsglanz in unsere Wohnung zu holen. Das Licht ist ein Zeichen für mehr:

    Sieben Farben hat das Licht,
    will die Nacht vertreiben.
    Sieh es an und fürcht’ dich nicht,
    soll nicht finster bleiben.

    (Lothar Zenetti)

Dienstag, 22. Dezember


Hoffnung für die Schwächsten

 


Selten gab es in unserer Gesellschaft so viele Diskussionen über die “Alten und Schwachen” wie zuletzt. In der Corona-Krise stehen sie plötzlich im Rampenlicht. Sie sind die Risikogruppen, die Verletzlichen, die Vulnerablen, wie es jetzt öfters heißt. So problematisch diese Diskussionen manchmal auch sein mögen, sie haben vielleicht auch eine gute Seite. Wir nehmen als Gesellschaft neu wahr, dass es Menschen gibt, die angreifbarer sind als andere. Auf die müssen wir in einer Krise wie jetzt besonders achten. Ohne Neid und ohne Ärger. Einfach, weil es sich für Stärkere so gehört. Warum? Weil Gott es uns vormacht. Für die Bibel gibt es kein Recht des Stärkeren. Es gilt das Recht des Schwächeren! Das wird zu Weihnachten so deutlich wie selten. Die französische Mystikerin Therèse von Lisieux schreibt dazu: “Gerade der schwächste Mensch darf die größte Hoffnung auf die größten Gnaden haben, weil sich Gott dem Elend der Menschen anpasst.” Das ist es, was im Stall von Bethlehem zu bestaunen ist.

Montag, 21. Dezember


Licht in dunkler Nacht



Zu den schönsten Weihnachtsliedern gehört für mich das Lied “Die Nacht ist vorgedrungen” von Jochen Klepper. Es ist kein leichtes und fröhliches Lied. Danach war Klepper, als er das Lied schrieb, nicht zumute. Das Weihnachtslied ist in einer Zeit entstanden, in der das Leben seiner Familie in Gefahr war. Dennoch ist sein Lied auf Hoffnung gestimmt. Mag seine eigene Lebenssituation auch noch so dunkel scheinen, sie ist doch schon in ein neues Licht getaucht. Ein Licht, das vom Kind in der Krippe ausgeht. Das Kind wird für ihn zum Morgenstern, der das baldige Ende der Nacht ankündigt und damit jetzt schon Freude bringt:

    Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
    So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.
    Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
    Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Sonntag, 4. Advent, 20. Dezember



Erleuchtete Herzen




In der Advents- und Weihnachtszeit erstrahlen Straßen, Häuser und Fenster im Lichterglanz. Auf vielen öffentlichen Plätzen werden Weihnachtsbäume mit zahllosen Kerzenlichtern aufgestellt. Spätestens an Heiligabend erstrahlen auch in vielen Wohnungen und Häusern Tannenbäume im Lichterschmuck. Als Kinder haben wir sehnsüchtig darauf gewartet, dass endlich die Kerzen angezündet und alle elektrischen Lichter ausgeschaltet wurden. Eine schöne Tradition. Die Kerzen verbreiten eine stimmungsvolle Gemütlichkeit. Der Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer lenkt in einem seiner Weihnachtsgedichte unseren Blick jedoch noch in eine andere Richtung:

    Halten in den dunklen Tagen
    euer Herz bereit!
    Tannen werden Lichter tragen
    und die leuchten weit.


Dass die Kerzen an den Weihnachtsbäumen weit leuchten, ist nicht wörtlich zu nehmen. Das Kerzenlicht reicht für das Wohnzimmer, aber kaum darüber hinaus. Damit es ausstrahlt, muss es einen Umweg nehmen über das Herz. Nur wenn das Weihnachtslicht auch die Herzen erleuchtet, kann es ausstrahlen, in unser Leben und in das der anderen.



Samstag, 19. Dezember

Großherzigkeit

 

Wie wenige andere hat der schlesische Mystiker Johannes Scheffler (1624–1677) über die Bedeutung von Weihnachten nachgedacht. In zahllosen Epigrammen buchstabiert er das Geheimnis der Menschwerdung Gottes durch. Seine tiefsinnigen Texte haben ihn so bekannt gemacht, dass er schließlich unter dem Namen Angelus Silesius, Schlesischer Engel, in die Geschichte eingegangen ist. Begeistert von der Großherzigkeit Gottes richtet er in einem seiner Epigramme seinen Blick auf die Kleinmütigkeit der Menschen:

    Gott, weil er groß ist,
    gibt am liebsten große Gaben:
    Ach, dass wir Armen
    nur so kleine Herzen haben!


Gott gibt gerne. Seine Großzügigkeit kennt keine Grenzen. Alles vertraut er uns Menschen an. Grenzen gibt es dennoch, nämlich auf der Seite der menschlichen Empfänger. Unser oft so kleines Herz setzt Gottes Großzügigkeit Grenzen. Nur wenn wir unsere Kleinmütigkeit ablegen und selbst großherzig werden, können wir Gottes Gaben empfangen. Und mit vollen Händen weitergeben!


Freitag, 18. Dezember


Zuhören können


Nur wenige Menschen können zuhören. Wie oft merken wir, wenn wir etwas erzählen, dass der andere gar nicht bei der Sache ist und höchstens mit einem halben Ohr zuhört! Wenn mir dagegen einer wirklich zuhört, spüre ich es, und dann erzähle ich gern. Und manchmal wird mir erst beim Erzählen bewusst, was ich eigentlich sagen wollte. Aufmerksames Zuhören ist darum ein kostbares Geschenk. Warum nur hören die meisten oft so unaufmerksam zu? Es könnte daran liegen, dass wir von den Worten des anderen nicht genug erwarten. Der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson hat deshalb für das Zuhören eine wichtige Regel aufgestellt: Gehe davon aus, dass die Person, mit der du sprichst, etwas wissen könnte, was du nicht weißt. Nur wenn ich vom anderen etwas erwarte, höre ich ernsthaft zu. Voraussetzung für die Kunst des Zuhörens ist daher Interesse am anderen und die Erwartung, dass er mir etwas zu sagen hat. Wer so zuzuhören versteht, hat ein reicheres Leben. Er lernt täglich etwas Neues dazu.
Jordan Peterson Regeln gegen das Chaos Nr. 9:

Donnerstag, 17. Dezember


Nächstenliebe


In der Advents- und Weihnachtszeit überlegen sich viele, wie sie anderen etwas Gutes tun können. Manche verteilen Gutsle in der Nachbarschaft oder an alleinstehende Ältere. Andere spenden Geld für gute Zwecke – im Dezember haben Spendenaktionen Hochkonjunktur. Für viele ist die Advents- und Weihnachtszeit ganz selbstverständlich eine Zeit der Nächstenliebe. Vielleicht hat dies damit zu tun, dass einst der Nikolaustag ein Höhepunkt der Weihnachtszeit war, nämlich als Tag der Geschenke. Bischof Nikolaus war ein großer Wohltäter, der immer wieder Bedürftigen in ihrer Not geholfen hat. Es gut, wenn wir uns in diesen Tagen überlegen, wem wir etwas Gutes tun können. Sonst haben wir die Bedürfnisse des Nächsten ja oft nicht so im Blick. Der israelische Dichter Elazar Benyoëtz bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: “Das Wissen vom Menschen schließt den Nächsten nicht ein.” Wer über das Menschsein nachdenkt, denkt meist zuerst an sich, nicht an andere. Dabei sind für das Miteinander geschaffen. Wer ich bin, kann ich nur durch andere lernen. Menschenkenntnis ist daher ohne den Nächsten gar nicht möglich.

Mittwoch, 16. Dezember


Wo ist Gott in dieser dunklen Zeit?


Kürzlich wurde ich im Konfirmandenunterricht vor eine herausfordernde Frage gestellt. Ein Konfirmand fragte mich, wie er an Gott glauben solle, wenn der uns Corona schickt, mit all den schlimmen Folgen, die das Virus hat, bis hin zum Fernunterricht am Computer zu Hause. Es sind tatsächlich gerade dunkle Zeiten, und die Frage des Jugendlichen beschäftigt wohl auch Erwachsene. Wo ist Gott in dieser dunklen Zeit? Wie kann ich an einen guten Gott glauben, wenn in der Welt um mich herum so wenig von seiner Güte zu erkennen ist? Der Theologe und Pfarrer Traugott Hahn findet in der Krippe eine Antwort auf diese Fragen:

    In dieser Welt, wo so vieles dunkel bleibt,
    können wir die Gnade Gottes oft nicht sehen.
    Aber an der Krippe zu Bethlehem –
    wenn wir sie recht zu Herzen nehmen –,
    da kann man an sie glauben lernen.

In der Krippe kommt Gott selbst in das Dunkel unserer Welt. Er teilt unsere Not und taucht damit alles in ein neues Licht. Er verspricht uns: Das Dunkel wird ein Ende haben.


Dienstag, 15. Dezember


Suchen und Finden


Viele moderne Menschen tun sich schwer mit Gott. Seit dem Siegeszug der modernen Wissenschaft ist es unüblich geworden, außergewöhnliche Naturereignisse und oder besondere Erfahrungen im eigenen Leben mit Gott in Verbindung zu bringen. Für vieles können wir Ursachen angeben. Beim Rest, so hoffen wir, wird uns dies früher oder später auch möglich sein. Gott wird nicht mehr gebraucht, so scheint es. Wer sollte da noch nach Gott suchen? Für Gott ist das glücklicherweise kein so großes Problem. Er ist daran gewöhnt, dass die Menschen meist nicht nach ihm suchen. Und wenn, dann an der falschen Stelle. Er macht sich daher selbst auf den Weg, um uns zu suchen. Und zu finden: Im Kind in der Krippe. So beschreibt es der schwäbische Pfarrer und Dichter Albrecht Goes in einem Weihnachtsgedicht:

    Wir suchen dich nicht.
    Wir finden dich nicht.
    Du suchst und Du findest uns,
    Ewiges Licht.

Montag, 14. Dezember



Beschränkte Sicht



Wenn es einen Konflikt gibt, sagen wir gern: “Man muss beide Seiten sehen.” Tatsächlich kann es manchmal helfen, auch die Sicht der anderen Seite anzuhören. Man sollte nur nicht meinen, dass man damit schon das Ganze im Blick hätte. In Wirklichkeit hat jeder Konflikt weit mehr als nur zwei Seiten. Elazar Benyoëtz sieht darum die “Beschränktheit des Menschen” darin, “dass er an jedem Ding nur zwei Seiten sieht”. Wenn zwei Menschen miteinander streiten, bringen beide einen ganzen Packen mit: frühere Streitigkeiten, die wieder hochkommen; die tief in der Seele verwurzelte Angst, immer den Kürzeren zu ziehen; die Sehnsucht nach Liebe; Ärger über etwas ganz anderes. Konflikte sind selten einfach. Vieles spielt mit, viel mehr als nur das, was jede Seite gerade für den Streitpunkt hält. Mehr Offenheit für das, was sonst noch alles eine Rolle spielt, könnte helfen, den Streit besser einzuordnen. Und sich leichter wieder zu versöhnen.

Sonntag, 13. Dezember, 3. Advent


Vorbereitung


Die Adventszeit ist eine Zeit der Vorbereitung: die Wohnung weihnachtlich schmücken, Gutsle backen, Geschenke besorgen, Karten schreiben und vieles mehr. Allerdings geht es im Advent nicht nur um die Vorbereitung auf ein schönes Familienfest. Es geht auch und vor allem um die Vorbereitung den großen Gast, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, Jesus Christus. Im Neuen Testament ist es Johannes der Täufer, der die Menschen auf das Kommen Jesu vorbereitet. Nicht mit schön geschmückten Bäumen und Straßen, sondern mit einer strengen Predigt: Ändert Euer Leben! Legt alles ab, was in Eurem Leben nicht gut ist: die schlechten Gedanken, die bösen Worte, das falsche Handeln! Bessert euch! Dabei geht es nicht um die ganz großen Dinge, sondern um das Leben im Alltag. “Die meisten Menschen, die ihr Leben bessern möchten, wollen lieber etwas Schwieriges und Ungewöhnliches tun als ihre Begierden ablegen und auf die Selbstgefälligkeit verzichten, mit der sie ihre üblichen Pflichten erfüllen. Dabei ist Letzteres weitaus schwieriger als Ersteres” (François Fénelon).


 

Samstag, 12. Dezember


Lasst es hell werden!

 


In der Vorweihnachtszeit werden viele Straßen und Häuser mit Lichtern geschmückt. So entsteht trotz der dunklen Jahreszeit eine heimelige Stimmung. Licht tut uns gut, selbst wenn es nur Dekoration ist. Hell und strahlend soll es darum auch in unseren Häusern werden. Und in unseren Herzen. “Früher war es dunkel in euch und um euch her. Jetzt ist es Licht. Ihr selbst leuchtet wie Christus, der das Licht ist. Lebt nun wie Funken, die dem Feuer entsprühen. Wer nämlich Licht ist aus Christus, strahlt Güte aus, Gerechtigkeit und Wahrheit”, so heißt es in einer schönen Umschreibung von Epheser 5,8–9. Christus bringt Licht und Wärme in unser Leben, die uns gut tun – und die auch auf andere ausstrahlen sollen. Dann wird es auch nicht nur in uns, sondern auch um uns herum hell und warm.

Freitag, 11. Dezember


Auf Echtheit prüfen


Nicht alles, was in Läden zu kaufen ist, ist sein Geld wert. Manches sieht zwar schön aus, hält aber nicht lange. Als Kind habe ich das oft erlebt. Manche Weihnachtsgeschenke haben nicht einmal die Feiertage überstanden. Auch als Erwachsener erlebe ich den einen oder anderen Reinfall. Glücklicherweise hält sich der Verlust meist in Grenzen. Schlimmer ist es, wenn ich in großen Fragen meines Lebens einer Täuschung aufsitze. Dann kann es mir so gehen, wie es Karl von Schwarz über Weihnachten schreibt: “Man kann in Läden, die Scherzartikel verkaufen, zuweilen täuschend echte Nachbildungen von Essbarem sehen. Aber wer nun in einen solchen nachgemachten Apfel hineinbeißen wollte, würde enttäuscht feststellen, dass man ihm Papiermasse gegeben hat. Ungezählte Menschen innerhalb der Christenheit kennen von Weihnachten nur eine Attrappe.” Nicht nur Konsumartikel sollten wir auf ihre Qualität prüfen, sondern auch die Werte und Grundorientierungen unseres Lebens. Lassen wir uns nicht mit Attrappen abspeisen, die einer Echtheitsprüfung nicht standhalten. Nicht auf Lichterglanz und Weihnachtsgeschenke kommt es an, sondern darauf, dass Gott uns nahe kommt.

Donnerstag, 10. Dezember


Kostbarkeit der alltäglichen Dinge


Was ist aller Welt Geld und Gut im Vergleich zu einem Tag, den uns die liebe Sonne täglich macht? Wenn die Sonne einen Tag nicht schiene, wer wollte nicht lieber tot sein? Oder was hülfe ihm all sein Gut und Herrschaft? Was wäre aller Wein und Sekt in aller Welt, wenn wir einen Tag des Wassers ermangeln sollten? Was wären alle hübschen Schlösser, Häuser, Samt, Seide, Purpur, goldene Ketten und Edelsteine, alle Pracht, Schmuck und Hoffart, wenn wir ein Vaterunser lang die Luft entbehren sollten? Solche Güter sind die größten und zugleich die allerverachtetsten, und deshalb, weil sie allgemein sind, dankt niemand Gott dafür. Die Menschen nehmen sie und brauchen sie täglich immer so dahin, als müsste es so sein und wir hätten volles Recht dazu und brauchten Gott nicht einmal dafür zu danken.

Martin Luther

Mittwoch, 9. Dezember


Ansteckungsgefahr


Diskussionen zu Corona-Maßnahmen bekommen manchmal einen bedenklichen Zungenschlag. Etwa wenn es heißt, an Corona stürben doch nur Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Was will man damit sagen? Ist es nicht so schlimm, wenn diese Menschen sterben? Ist ihr Leben weniger wichtig, weniger wertvoll. Es ist erschreckend, wie schnell solche Gedanken um sich greifen. Offenbar besteht auch hier eine große Ansteckungsgefahr. Wie können wir uns davor schützen, von solchen Gedanken infiziert zu werden? Die Botschaft von Weihnachten könnte ein Gegenmittel sein, ein Impfstoff sozusagen. Wie wichtig müssen wir Menschen sein, muss jeder einzelne Mensch sein, wenn Gott selbst Mensch wird! Ein Liedvers von Siegfried Goes bringt es auf den Punkt:
    In unser armes Leben,
    das wir so oft veracht’,
    hast du dich ganz gegeben
    und hast es wert gemacht.

Dienstag, 8. Dezember


Freude mitten in der Nacht

Die Nacht hält uns umfangen,
sie lastet schwarz und schwer.
Doch tritt mit leisem Prangen
jetzt vor der Sterne Heer.

Da fangen unsre Herzen
sich still zu freuen an,
wie wenn viel kleine Kerzen
vom Licht ihr Licht empfahn.

Ja, freut euch allewege
im Herrn, der uns ersah!
Tut ab, was trüb und träge.
Freut euch: Der Herr ist nah!

 

 

Montag, 7. Dezember


Es kommt auf uns selbst an!



Wenn es jemandem schlecht geht, schiebt er gern die Schuld auf andere. Auch in öffentlichen Diskussionen wird oft nach äußeren Erklärungen gesucht. Das muss nicht immer falsch sein, aber es ist gefährlich. Es nimmt den Betroffenen ihre Würde. Der Schriftsteller Tolstoi hat sich leidenschaftlich für die verarmten russischen Bauern eingesetzt und die adligen Großgrundbesitzer heftig kritisiert. Trotzdem lehnt er es ab, wenn die Bauern selbst andern die Schuld an ihrer Lage geben: “Es hat keinen Sinn, andere zu verurteilen. Jeder muss zuerst an sich denken ... es geht uns nur deshalb schlecht, weil wir selbst nicht richtig leben. Würden wir gottgefällig leben, ginge es uns nicht schlecht. Wie unser Leben wäre, würden wir gottgefällig leben, das weiß nur Gott allein, fest steht jedoch, es gäbe kein schlechtes Leben mehr.” Auf den Einwand eines Bauern, sie hätten es so schwer, antwortet er: “Ja, mein Lieber, ihr Bauern habt ein schweres, ein furchtbar schweres Leben, das ist wahr. ... aber daran, dass es so schwer ist, sind nicht andere, sondern seid einzig und allein ihr selber schuld. Und eine Erleichterung habt ihr von niemand zu erwarten ... – außer von Gott und von euch selbst.” Das ist provozierend und vielleicht zu einseitig. Wahr ist aber: Wie jemand lebt, hängt nicht von den äußeren Bedingungen ab, sondern von ihm selbst.

6. Dezember (2. Advent – Nikolaustag)


Annahme verweigert


Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine Zeit des Schenkens. Viele überlegen sich, womit sie anderen eine Freude machen können. Manche denken auch darüber nach, was andere dringend brauchen, und suchen nach einem nützlichen Geschenk. Beides ist gut und wichtig. Noch wichtiger aber ist, dass das Geschenk auch ankommt, dass der Beschenkte es annimt und sich darüber freuen kann. Geschenke anzunehmen, ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn sie überraschend kommen. Noch schwerer ist es, Hilfe anzunehmen. Ein früher Lehrer der Kirche, Kyrill von Alexandrien, hat darum geschrieben: “Hilfe nicht annehmen: Das ist die große Versuchung.” Hilfe nicht anzunehmen, ist kein Zeichen von Stärke. Es ist eine Versuchung! Niemand muss und soll immer und in allem allein zurecht kommen. Wir Menschen sind dazu geschaffen, füreinander dazu sein. Darum ist Hilfsbereitschaft so wichtig – Bischof Nikolaus, dessen Tag heute begangen wird, ist dafür ein großes Vorbild. Ebenso wichtig aber ist die Bereitschaft, Hilfe auch anzunehmen.

Samstag, 5. Dezember


Ent-täuschung


Manchmal muss man Erwartungen enttäuschen. So ging es Johannes dem Täufer. Er war eine beeindruckende Gestalt. Tausende gingen zu ihm hinaus an den Jordan. Er redete ihnen ins Gewissen, und sie ließen sich von ihm taufen, als Zeichen eines Neuanfangs. Kein Wunder, dass viele große Hoffnungen auf ihn setzten. Doch Johannes wehrt ab: “Ich bin nicht der Messias!” Er ist es nicht. Er kann ihnen das Heil nicht bringen. Da muss er sie enttäuschen. Er kann nur hinweisen auf den, der kommt. So geht es auch der Kirche. Auch sie muss alle höher gesteckten Erwartungen enttäuschen. Die Kirche ist keine Gemeinschaft der Heiligen, kein Stück Himmelreich auf Erden, sondern einfach eine menschliche Organisation, mit Fehlern und Schwächen ohne Ende. Die Kirche kann Christus nicht ersetzen. Wie Johannes kann auch sie nur auf ihn hinweisen. Die Hoffnung offen halten, dass er kommt. Dass er hilft und heilt, wo kein Mensch helfen und heilen kann.



Freitag, 4. Dezember

Weshalb gibt es das Böse in der Welt?


In einer Fabel wirft Tolstoi die Frage auf, weshalb es das Böse in der Welt gibt. Der Rabe meint, alles Übel in der Welt komme vom Hunger. Wer satt ist, freue sich und lasse andere in Frieden. Die Taube dagegen glaubt, alles Übel komme von der Liebe. “Wenn jeder für sich lebte, hätten wir wenig Kummer.” Die Schlange hält die Bosheit für die Ursache allen Übels, das Reh die Furcht. Der Einsiedler, der das Gespräch mit den Tieren führt, glaubt, dass der menschliche Körper der Grund für all diese Probleme ist: “Seinetwegen gibt es den Hunger und die Liebe und die Bosheit und die Furcht.” Eine tiefgründige Fabel. Der Schluss überzeugt allerdings nicht. Ohne den Körper gäbe es weder die Welt noch uns Menschen, die Frage nach dem Bösen würde sich damit erübrigen. Provozierend finde ich die Antwort der Taube: Wären wir Menschen einander gleichgültig, gäbe es das Problem des Bösen nicht. Tatsächliche dürfte enttäuschte Liebe eine Ursache für sehr viel Böses in der Welt sein. Aber deshalb auf die Liebe verzichten? Nein! Damit würden wir uns dem Bösen geschlagen geben. Nur der Liebe kann es gelingen, das Böse zu überwinden.

Donnerstag, 3. Dezember



Ent-Sorgen


Der Maler Franz Marc hat eine schöne Beobachtung notiert: “Ich werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen – und das Schöne bei diesem Tun ist, dass das Wesentliche dabei nicht kleiner, enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger.” Wie oft beschäftigen wir uns mit unnötigen Dingen? Wie oft machen wir uns Sorgen über etwas, was wir gar nicht beeinflussen können? Wie viele Nachrichten lesen oder hören wir, die keine Bedeutung für uns haben? Mit wie vielen Dingen umgeben wir uns, die wir längst nicht mehr brauchen? Nicht nur den Keller oder die Bühne sollten wir ab und zu entrümpeln, sondern auch unser Leben. Wenn ich die unwesentlichen Dinge aus meinem Leben entsorge, werde ich dadurch nicht ärmer, sondern reicher. Nur die Sorgen werden weniger. Und ich kann mich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Mittwoch, 2. Dezember


Großes leisten


Viele Menschen möchten aus ihrem Leben etwas machen. Sie möchten etwas Besonderes tun, etwas Großes leisten. Es ist großartig, wenn Menschen diesen Antrieb haben. Leider schauen sie dabei meist in die falsche Richtung. Sie denken an die berühmten Menschen, deren außergewöhnliche Leistungen bekannt geworden sind, Sportler, Künstler oder Wissenschaftler. Dabei haben viele andere Größeres geleistet, ohne dass die Welt es gemerkt hätte. Sie haben Großes geleistet in ihrem alltäglichen Leben. Die einen haben viele Jahre ein behindertes Kind betreut und versorgt. Andere haben jahrzehntelang einen schwierigen Ehepartner ertragen und unter schwierigen Bedingungen ein gutes Familienleben aufrechtzuerhalten versucht. Andere tragen im Betrieb einen Kollegen mit, der ohne diese Hilfe längst seine Arbeit verloren hätte. Ob jemand etwas Großes leistet, entscheidet sich nicht daran, ob er berühmt wird. Es entscheidet sich an der Liebe, mit er anderen zur Seite steht.

Dienstag, 1. Dezember


Wovon lebt der Mensch?


Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi wirft in einer seiner Erzählungen die Frage auf, wovon der Mensch lebt. Ein Engel, der aufgrund einer Strafe einige Zeit als Mensch auf Erde leben muss, soll es herausfinden. “Dass Gott den Menschen das Leben gegeben hat und will, dass sie leben”, wusste er schon vorher. Jetzt findet er etwas Neues heraus: “Gott will nicht, dass die Menschen einzeln leben, und deshalb offenbart er ihnen nicht, was jeder für sich selbst braucht. Gott will, dass sie einmütig miteinander leben, und offenbart ihnen deshalb, was allen für sich und die anderen nottut. ... Nur der Mensch glaubt, er lebt, weil er für sich selbst sorgt, dabei lebt er allein durch die Liebe.” Wovon lebt der Mensch? Die nächst liegende Antwort erweist sich als falsch: Der Mensch lebt nicht davon, dass er für sich selber sorgt. Das ist sozusagen eine optische Täuschung. Der Mensch lebt davon, dass er für andere sorgt – und andere für ihn! Das gilt nicht nur für den Anfang, sondern für das ganze Leben: Der Mensch lebt von der Liebe und der Fürsorge anderer. Und von seiner Liebe und Fürsorge für andere.

Montag, 30. November


Ruhe in unruhigen Zeiten


Es sind merkwürdige Zeiten, die wir gerade erleben. Vieles fällt aus, der Terminkalender ist ausgedünnt, und doch ist es nicht leicht, zur Ruhe zu kommen. Zu beunruhigend ist die ganze Situation. Nicht wenige machen sich Sorgen um ihre Familie, um ihren Beruf, sehnen sich nach der Rückkehr zur Normalität. Es könnte deshalb auch etwas Gutes haben, dass in diesem Jahr der vorweihnachtliche Rummel weitgehend ausfällt. Ruhe könnte für viele jetzt noch dringender sein als sonst. Allerdings müssten sie tatsächlich zur Ruhe kommen können. Wie könnte das gehen, trotz dieser unruhigen Zeit? Vielleicht können die alten Bräuche helfen: Eine Kerze anzünden, das Kerzenlicht betrachten. Ein schönes Gedicht lesen, oder eine schöne Geschichte zur Weihnachtszeit. Die Weihnachtsgeschichte kommt aus einer sehr unruhigen Zeit – nicht umsonst bringt Maria ihr Kind in einem Stall zur Welt. Und doch strahlt diese Geschichte Ruhe aus, bis heute.

29. November (1. Advent)


Adventslicht


Manche Bräuche sind noch nicht ausgestorben, etwa der Brauch, in der Vorweihnachtszeit einen Adventskranz aufzustellen. Ganz unterschiedlich sehen die Adventskränze aus, die einen schlicht, die anderen aufwendig gestaltet. Immer aber gehören vier Kerzen dazu, für jeden Adventssonntag eine. Der erste Blick gilt wohl fast immer der künstlerischen Gestaltung des Kranzes. Entscheidend aber sind die Kerzen. Es geht um das Licht. “Unsere Adventskränze und Lichter”, so schreibt der Theologe Helmut Thielicke, “sollen ein vorauslaufender Glanz jener Herrlichkeit sein, die sich aufmacht, über der Finsternis des Erdreichs aufzugehen. Sie sollen ein Zeichen dessen sein, dass wir unterwegs sind, unterwegs als getröstete und fröhliche Wanderer, deren Herz nichts mehr erschrecken kann und vor deren Lichtern die andrängende Nacht zu weichen hat.” Vor dem Licht muss die Dunkelheit weichen. Da kann schon die eine Kerze am ersten Advent viel bewirken. Das Kerzenlicht ist ein Zeichen des göttlichen Lichtes, das alle Dunkelheit vertreiben wird.

Samstag, 28. November


Hoffnung will erhofft sein


Das, was wirklich wichtig ist, lässt sich nicht festhalten. Wir können es nicht besitzen. Wir können nur daraus leben. Das gilt auch für die Hoffnung. Ein Gedicht des deutsch-jüdischen Schriftsteller Otto Salomon bringt dies eindrücklich zur Sprache:


Neu zu lernen,
täglich neu,
dass die Hoffnung kein Gut ist,
keine festgefügte Habe,
aufbewahrt wohl,
dort, wo keiner hingelangt.
Aber ein zartes Gebilde,
ein Samen, der keimt zu Geduld.
Neu zu lernen,
dass die Hoffnung erhofft sein will.


Hoffnung will erhofft sein: eigentlich paradox und dennoch wahr. Den keimenden Samen der Hoffnung zu hegen und zu pflegen; die Hoffnung auf die großen Verheißungen Gottes wach zu halten, ihn daran zu erinnern und auch uns selbst: das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen. Täglich neu.

Freitag, 27. November


Suchen und gefunden werden


Ich habe Gott gesucht und fand ihn nicht.
Ich schrie empor und bettelte ins Licht.
Da, wie ich weinend bin zurückgegangen,
fasst’s leise meine Schulter: “Ich bin hier,
ich habe dich gesucht und bin bei dir.”
Und Gott ist mit mir heimgegangen.


Gustav Schüler (1868–1938)

Donnerstag, 26. November


Niemanden richten, alle aufrichten!


Manchmal gelingt es, in wenigen Worten alles zu sagen, so wie mit dieser Losung des Schweizer Pfarrers Otto Lauterburg: “Niemanden richten, alle aufrichten!” Nur allzu oft machen wir es umgekehrt, haben wir über alle und jeden unsere Urteile, stehen aber niemandem helfend zur Seite. So sehr ist uns das Richten zur zweiten Natur geworden, dass Shakespeare das aktive Erwachsenenleben in drei Phasen einteilt: Liebhaber, Soldat und Richter. Nachdem die leidenschaftlichen und gefährlichen Zeiten vorüber sind, lässt der Mensch sich nieder – und wird zum Richter! Ein erschreckender Spiegel wird uns da vor Augen gehalten. Wie viel besser wäre es, die frei gewordene Energie und die finanziellen Möglichkeiten zum Wohle anderer einzusetzen. Jesus mahnt: “Was siehst du auf du den Splitter im Auge des Bruders, den Balken in deinem eigenen Auge aber nimmst du nicht wahr?!”

Mittwoch, 25. November



Es ist einer da, der trägt und hilft


Einer muss wachen über alle Welt,
sonst alles im Dunkeln zerschellt.

Einer muss stehen über aller Not,
sonst verdirbt uns alle der Tod.

Einer muss tragen alles Leid,
sonst ist keiner zum Tragen bereit.

Einer muss helfen mit starker Hand,
sonst finden wir ewig kein Vaterland.

Wollst begegnen mir, Herr Jesus Christ,
der du in allem Herr und Heiland bist.



Verfasser unbekannt


Dienstag, 24. November


Warum?


Der November ist ein Monat des Gedenkens: Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag. Bei vielen werden da traurige Erinnerungen wach: Erinnerungen an den fehlenden Vater, der im Krieg geblieben ist. Erinnerungen an die allzu früh verstorbene Ehepartnerin. Erinnerungen an Zeiten der Krankheit, des Kampfes, des Abschiednehmens. Nicht wenige quält die Frage: Warum? Warum muss ausgerechnet ich so ein schweres Schicksal tragen? Warum musste ich meinen Partner verlieren? Auch wenn auf solche Fragen kaum eine Antwort zu finden ist, lassen sie einen oft nicht los. Vielleicht kann es uns trösten, dass wir mit diesen Fragen nicht allein sind. Martin Luther schreibt: “Das ‘Warum’ hat alle Heiligen gequält.” Selbst Heilige, also Menschen, die ihr Leben in ganz besonderer Weise Gott gewidmet haben, werden von solchen Fragen gequält. Ja, sogar Jesus hat am Kreuz das “Warum?” aus sich heraus geschrieen. Warum? Wir werden die Frage nicht los, auch wenn sie uns quält, auch wenn wir keine Antwort finden. Warum? Gott allein weiß es. Bei ihm werden wir Antwort finden, dann, wenn alle Fragen verstummen werden (Johannes 16,23).

Montag, 23. November 2020

 

Novemberstimmung


Der November hat einen schlechten Ruf. Trübes, dunkles Wetter, Nebel, wenig Sonne. Das schlägt nicht wenigen aufs Gemüt. Verständlicherweise. Und doch: Man könnte etwas dagegen tun. Psychologen haben da einige Tipps parat, Spazierengehen zum Beispiel, helles Licht in der Wohnung, gutes Essen. Auch in den Klöstern, in denen viel über das menschliche Leben nachgedacht wurde, war die trübselige Stimmung ein wichtiges Thema. Die Acedia, wie sie hier genannt wurde, Schwermut, Trübsinn und Niedergeschlagenheit galten als Untugend, das heißt als etwas, was man bekämpfen kann und soll, genauso wie Eitelkeit, Habgier oder Stolz. Vielleicht kann ich da von den Klöstern lernen. Es ist nicht gut, wenn ich mich meinen negativen Stimmungen hingebe, und es ist auch nicht nötig. Es ist eine Form der Nachlässigkeit. Wenn ich spüre, dass eine trübselige Stimmung von mir Besitz ergreift, sollte ich versuchen, mich dagegen zu wehren: ganz bewusst etwas Schönes tun; hinaus gehen; meine Gedanken auf Erfreuliches richten. Und wenn es nicht gleich gelingt, versuche ich es noch einmal.

Sonntag, 22. November (Ewigkeitssonntag)


Die Rose von Jericho

 


Der russische Schriftsteller Iwan Bunin berichtet von einem Brauch im Alten Orient: Zum Zeichen des Glaubens an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben lege man eine “Rose von Jericho” in Särge und Gräber. Dabei handelt es sich um keine Rose, sondern um eine seltene Wüstendistel mit einer erstaunlichen Eigenschaft: Man kann sie ausreißen und jahrelang trocken liegen lassen, sobald sie ins Wasser gelegt wird, erwacht sie innerhalb kürzester Zeit zu neuem, blühenden Leben. Bunin findet darin Trost in der Vergänglichkeit des Daseins: “Es gibt auf der Welt keinen Tod, keinen Untergang für das, was einst war, wofür du gelebt und geatmet hast!” Mich erinnert das Wasser, das die Rose von Jericho zu neuem Leben erweckt, an den Geist Gottes. Der aus dem Tod neues Leben schafft: “Nimmst Du weg ihren Geist, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Geist, so werden sie geschaffen, und Du machst neu die Gestalt der Erde” (Psalm 104,29–30).

Samstag, 21. November


Vorbereitung auf den Tod


In einem Roman von Gaito Gasdanow wird von einem Gespräch erzählt zwischen einem älteren Mann und einem jungen Studenten. Der Ältere hat schwere Zeiten erlebt, doch jetzt geht es ihm gut und er ist rundum glücklich und zufrieden. Als der Student geht, denkt er: Jetzt müsste dieser Mann sterben. Alles, was noch komme, das Alter, die Krankheiten und Beschwerden, die Gewöhnung an die neue Lage, könne dieses Glück nur beeinträchtigen. Doch dann wird jener Mann genau in dieser Nacht ermordet, und der Student ist gezwungen, noch einmal ganz neu über seine Gedanken nachzudenken. Durch den unzeitigen Tod, so erkennt er nun, wurde dem älteren Mann genommen, “worauf zu warten er erst begonnen hatte, wohin ein langer Weg ihn hätte führen sollen, ein langsamer, schrittweiser Verzicht auf alles ...”. Erst durch diese Vorbereitung, durch diesen langen, vielleicht auch mühsamen Weg dahin wäre der Tod zu seinem eigenen Tod geworden – zu einem Tod im Frieden mit sich und seinem Leben.

Freitag, 20. November


Wie zerbrechlich doch das Herz ist!



Die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Daseins, “die vollkommene Ungewissheit und Zufälligkeit jedes irdischen Schicksals”, berührt den Schriftsteller Iwan Bunin immer wieder aufs neue. Wenn er eine Wiege sieht, muss er unwillkürlich sogleich auch an das Grab denken. “Alle Augenblicke überlege ich: Was ist doch unsere Existenz für eine sonderbare und schreckliche Angelegenheit – jede Sekunde hängt man am seidenen Faden! Ich lebe, bin gesund, aber wer weiß, was in der nächsten Sekunde mit meinem Herzen sein wird, das wie jedes menschliche Herz an Geheimnis und Fragilität in der ganzen Schöpfung nicht seinesgleichen hat?” Was für ein geheimnisvolles Geschenk das Leben doch ist! Menschlich betrachtet hängt es immer an einem seidenen Faden. Aus sich selbst hat es keinerlei Festigkeit und Halt. Und doch bleibt das Leben, bleibe ich am Leben – weil und solange Gott es will.


Donnerstag, 19. November


Noch am Leben


Viele Tagebucheintragungen des großen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi beginnen mit den Worten: “Noch am Leben”. Manchmal scheint es ein Ausdruck von Dankbarkeit zu sein, manchmal klingt es auch wie ein Seufzer über die kaum zu ertragende Last des Lebens. Manchmal ist es vielleicht auch nur eine Feststellung. Noch am Leben. Egal ob dankbar, trotzig oder verzweifelt, das Leben behauptet sich gegen den Tod, der bald drohend, bald verlockend am Horizont erscheint. Psalmbeter appellieren damit an Gott: “Nur wenn ich noch am Leben bin, kann ich dich, Gott, loben. Darum eile, mir zu helfen!” Und so gebiert der Hilferuf neue Zuversicht: “Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen” (Psalm 118,17). Dazu ist uns das Leben gegeben, solange es noch da ist: Gott zu loben.

Mittwoch, 18. November 2020 (Buß- und Bettag)

Entschuldigung

“Ich entschuldige mich”, so sagen wir manchmal, ohne allzu viel über unsere Wortwahl nachzudenken. Eigentlich müsste es heißen: “Ich bitte um Entschuldigung.” Wer sich entschuldigt, sieht ja ein, dass er einem anderen gegenüber einen Fehler gemacht hat, und bittet den anderen um Verzeihung. Und er kann nur hoffen, dass der andere so großzügig ist, ihm seinen Fehler zu verzeihen. Nur so kann das Leben weiter gehen, gut weiter gehen. Wir alle machen Fehler, und das nicht nur gelegentlich, sondern Tag für Tag. Darum sind wir darauf angewiesen, dass die anderen uns immer wieder verzeihen. Beides ist lebensnotwendig: die höfliche Bitte um Entschuldigung und das freundliche Verzeihen des Fehlers.

Dienstag, 17. November 2020

Erschrecken über die Vergänglichkeit


Der russische Schriftsteller Iwan Bunin unternimmt eine Schiffsreise von Port Said in Ägypten nach Sri Lanka. Die Eindrücke unterwegs begeistern ihn, erfüllen ihn mit Dankbarkeit – und mit tiefgreifenden Fragen. “Wie soll ich Gott für alles danken, was er mir gibt, für all diese Freude, dieses Neue? Ist es wirklich wahr, dass mir eines Tages all das, was mir schon so vertraut ist, so gewohnt, so teuer, mit einem Mal genommen wird – mit einem Mal und für immer ... Wie soll ich daran glauben, mich damit abfinden? ... Keine einzige Seele, wie immer es auch scheinen mag, glaubt im Innersten daran. Woher aber rührt dann der Schmerz, der uns das Leben lang unablässig verfolgt, der Schmerz um jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick, die unwiederbringlich vergehen?”

Montag, 16. November 2020


Zeit haben



Lebe so, als müsstest du morgen sterben,
und lebe gleichzeitig so, als hättest du noch ungemessen Zeit.
Den Worten nach ist das ein Widerspruch,
in der Wirklichkeit geht es gut zusammen.
Wenn es sehr eilt, dann setz dich hin
und tue einen Augenblick gar nichts.
Es geht auch so.
Die Leute, die viel Wichtiges zu tun haben,
finden immer noch Zeit für andere.
Diejenigen, die ihre Zeit mit Nichtigem verspielen,
haben nie Zeit.



Ludwig Köhler

Sonntag, 15. November


Frieden stiften



Frieden ist ein politisches Thema. Deshalb ist gut, dass heute, an Volkstrauertag, Politiker zum Thema Frieden sprechen. Aber politische Fragen haben auch mit uns, mit mir zu tun. Mit meinen Gedanken, meinen Vorstellungen und Wünschen. Das ist der Grund dafür, dass Jesus diejenigen selig preist, die Frieden stiften (Matthäus 5, Vers 8). Frieden fängt bei mir an. Frieden fängt damit an, wie ich mit anderen Menschen, mit anderen Meinungen umgehe. Ja, es fängt schon damit an, wie ich über andere denke und spreche. Gedanken und Worte können Folgen haben. Selig sind, die auf Frieden bedacht sind. Die in ihrem Denken, Reden und Handeln auf das aus sind, was einem guten Miteinander dient. Die Achtung und Respekt vor dem anderen haben. Von ihnen sagt Jesus: Sie werden Gottes Kinder genannt werden.

Samstag, 14. November 2020

 

Bereitschaft


Jeder ist seines Glückes Schmied, so sagt der Volksmund, aber das ist doch höchstens die halbe Wahrheit. Es gibt auch noch eine andere Seite. So sehr es im Leben darauf ankommt, was ich selbst tue, vieles lässt sich nicht erzwingen, die Liebe etwa, die Freude oder auch die Gelassenheit. Das gilt auch für den Glauben. Der Liederdichter Jochen Klepper hat es so formuliert: “Glaube ist eine Gnade, und die Gnade lässt sich durch keinen Willen erzwingen. Aber der Glaube ist auch Bereitschaft.” Der Glaube ist etwas, was ich mir nicht einfach selbst verschaffen kann, auch mit dem stärksten Willen nicht. Und doch kommt es auch auf mich an. Klepper hat Recht: Glaube ist auch Bereitschaft. Bereitschaft, mich auf Gott auszurichten, ihm zu vertrauen. Offenheit.

Donnerstag 12. und Freitag, 13. November 2020

 

Ich und Du



Wer bin Ich? Wozu bin Ich da auf dieser Welt? Wie soll Ich mich und mein Leben verstehen? Solche und ähnliche Fragen beschäftigen wohl die meisten Menschen, zumindest zeitweise, vielleicht auch immer wieder. Solange ich die Antwort allerdings in mir selbst suche, werde ich sie nicht finden. Zu finden ist sie nur im anderen, im Du. Der Schriftsteller und Dichter Manfred Hausmann schreibt: “Ich glaube, dass es mit dem Menschen ganz wunderbar bestellt ist. Er kann nur dann glücklich sein, so bis ins Innerste glücklich, wenn er sich verschenkt. Alles andere ist kein Glück. Er weiß erst dann, wer er eigentlich ist, wenn er sich ganz und gar an einen anderen verliert.”

Mittwoch, 11. November 2020


Innehalten

 

Auch bedarf der Mensch, der gewöhnlich sein Leben in Zerstreuung und Leichtsinn vor sich hinlebt und immer voraneilt, ohne zu wissen, was ihn eigentlich treibt und was er eigentlich will, in seinem Lauf von Zeit zu Zeit angehalten und zu sich selbst zurückgeführt zu werden; er bedarf eines Steins am Wege, auf den er sich hinsetze und in sein vergangenes Leben zurücksehe.


Matthias Claudius

Dienstag, 10. November 2020

Ausdauer

Das Leben ist eine Art Ausdauer-Sport. Wer lesen und schreiben lernen will, muss üben, üben, üben. Ebenso, wer ein Musikinstrument spielen möchte. Auch im Sport ist kaum jemand erfolgreich, der nicht viel trainiert. Selbst Showkünstler wie Ronaldo oder Ibrahimovic sind nicht nur talentiert, sondern auch hoch disziplinierte Trainingsweltmeister. Ausdauer ist auch sonst gefordert, im Beruf etwa oder in Beziehungen. Dass auch die Corona-Krise Ausdauer von uns verlangt, sollte daher keine Überforderung für uns sein. Vielleicht können wir sie auch als ein Trainingsfeld für die lebensnotwendige Fähigkeit zur Ausdauer nehmen. Im Neuen Testament gehören Geduld und Beharrlichkeit zu den wichtigsten christlichen Tugenden.


Montag, 9. November 2020


Gebete werden erhört, aber anders

Gott erhört diejenigen, die im Glauben bitten, gewiss,
allerdings nicht zur selben Stunde,
noch auf die Weise und in der Sache,
die sie vorschreiben,
sondern wann und wie es ihm gefällt
und er weiß, dass es uns nütze ist.


Martin Luther

Sonntag, 8. November 2020

 

Hören und Tun


O Herr, lass uns dein Wort
nicht dadurch vergeblich sein,
dass wir es kennen und nicht lieben,
dass wir es hören und nicht tun,
dass wir ihm glauben und nicht gehorchen.
Öffne uns die Ohren und das Herz,
dass wir dein Wort recht fassen.

Samstag, 7. November 2020

 

Tragfähig


“Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch”, so heißt es in Psalm 68. Ein wahres Wort! Auch wenn nicht jede Last, die uns auferlegt wird, auf Gott zurückzuführen ist: Wir können vieles tragen. Weit mehr, als wir oft im Vorhinein meinen. Dass wir es vorher anders einschätzen, hat einen Grund: Die Kraft, Schweres zu tragen, ist nicht einfach immer schon vorhanden, wie die Kraftreserven einer Maschine, die nur abgerufen werden müssen. Wie es um die menschliche Kraft steht, erweist sich erst, wenn sie gebraucht wird. Oft wächst sie mit den Anforderungen. Viele beschreiben diese Erfahrung ähnlich wie Psalm 68: Die Kraft fließt einem zu. Sie kommt, so scheint es, von außen. Solche Erfahrungen können das Vertrauen stärken: das Vertrauen in die eigene Tragfähigkeit, und das Vertrauen zu Gott, der mich stärkt. Das könnte in der aktuellen Corona-Krise helfen. Und darüber hinaus.

Freitag, 6. November 2020

 

Die Kraft des Gebetes
Das Gebet,
das ein Mensch mit aller seiner Macht leistet,
hat eine große Kraft.


Es macht ein sauer Herze süß,
ein traurig Herze froh,
ein armes Herze reich,
ein dummes Herz weise,
ein ängstliches kühn,
ein krankes Herz stark
und ein blindes sehend
und eine kalte Seele brennend.


Es zieht den großen Gott hernieder
in ein kleines Herz
und treibt die hungrige Seele hinaus
zu dem reichen Gott.

Mechthild von Magdeburg

Donnerstag, 5. November 2020

Einsamkeit überwinden


“Jeden Tag eine gute Tat”, so lautet das alte Pfadfindermotto. Es klingt altvertraut, allerdings auch ein wenig hausbacken. Dabei ist es ein gutes Motto. Wie gut, das lässt der Anfang eines Gedichts von Franz Werfel erahnen. Es heißt: “Ich habe eine gute Tat getan”.
    Herz, frohlocke!
    Eine gute Tat habe ich getan.
    Nun bin ich nicht mehr einsam.
    Ein Mensch lebt,
    es lebt ein Mensch,
    dem die Augen sich feuchten,
    denkt er an mich.
Vielleicht eine Anregung, die helfen könnte, in dieser nicht ganz einfachen und kontaktarmen Zeit Einsamkeit zu überwinden.

Freitag, 31. Juli 2020

 

 

Keine Eile



Wer Ferien hat oder Urlaub, hat oft das Gefühl: Jetzt habe ich endlich Zeit. Im Alltag kommt es einem oft so vor, als laufe einem die Zeit davon. Aber vielleicht ist es gerade umgekehrt, vielleicht laufen wir der Zeit davon. Dabei gibt es gar keinen Grund zur Eile. “Wir haben alle Zeit für einen Augenblick” (Benyoëtz). Wir müssten ihn nur wahrnehmen. Das fiele uns vermutlich leichter, wenn wir nicht so oft das Gefühl hätten, wir müssten uns beeilen. Urlaub und Ferien könnten uns die Möglichkeit bieten, etwas Tempo herauszunehmen. Ohne Eile den Augenblick wahrzunehmen: den schönen Sonnenaufgang; das leckere Essen in der Abendsonne; die Frische des Wassers; ein Glas Wein auf dem Balkon. Vielleicht sollten wir uns diesen Satz irgendwo hinhängen; er könnte uns helfen, zur Ruhe zu kommen: Wir haben alle Zeit für einen Augenblick.

 

 

Donnerstag, 30. Juli 2020

 

Frei haben




In diesen Tagen beginnen die Sommerferien. Viele haben in dieser Zeit auch Urlaub, allerdings längst nicht so viele Wochen wie die Schülerinnen und Schüler Ferien. Manchmal beneiden wir Erwachsenen sie: 14 Wochen frei im Jahr. Und viele haben nicht nur schulfrei, sondern sie haben wirklich einfach frei. Kein Programm. Keine lange to do-Liste. Keine Verpflichtung zu außergewöhnlichen Erlebnissen. Einfach frei zu haben: das stelle ich mir sehr erholsam vor. Uns Erwachsenen gelingt das nur selten. Selbst im Urlaub haben viele zu viel zu tun und zu wenig Zeit. Vielleicht sollten wir versuchen, in dieser Ferien- und Urlaubszeit tatsächlich einfach mal “abzuschalten”. Alles abzuschalten, was sich als Pflichtprogramm aufdrängt. Nur das zu tun, wozu ich wirklich Lust habe, was mir Freude macht.

Mittwoch, 29. Juli 2020

 

Ruhe-Tag


Mir gefällt die biblische Vorstellung vom Feiertag: Der siebte Tag ist der Tag, an dem die Arbeit vollendet wird durch die Ruhe. Durchs Nichtstun. Der Feiertag ist nicht der Puffer, damit liegen gebliebene Aufgaben noch erledigt werden können. Er ist auch nicht der Tag für ein pflichtmäßiges Rekreationsprogramm – Fitnessstudio, Radtour oder Wanderung, damit ich am Montag wieder fit bin für den Alltag. Der Sonntag ist auch nicht der Tag, an dem ich in die Kirche gehen muss. Für die Bibel ist der siebte Tag der Woche einfach ein Tag der Ruhe. Ein Tag der Freude am Leben. Ein Tag zum Abschalten, wie wir heute gern sagen. Abzuschalten, das ist vielleicht das, was uns heute am wenigsten gelingt. Was müssten wir alles abschalten, um mal einen Tag zu richtig abschalten zu können?! Das Karussell im Kopf, das oft so hochtourig dreht. Zur Ruhe kommen. Mich meines Lebens freuen. Keine Pflichten. Kein Programm. Alles darf, nichts muss.

Dienstag, 28. Juli 2020

 

Es kommt darauf an, was wir daraus machen




Jeden Tag passiert uns etwas, manchmal schöne Dinge, manchmal auch etwas Schlimmes. Aber das ist noch nicht alles. Wir erzählen davon, und damit verändert sich das, was wir erlebt haben. Was wir erzählen, ist das, was wir daraus machen und was sich dann auch in unserem Gedächtnis festsetzt. Es ist also nicht so, dass mein Leben so oder so geworden ist, weil mir dies oder jenes passiert ist. Entscheidend ist, wie es bei mir ankommt, wie ich es aufnehme und davon erzähle. Das aber kann ich nicht so einfach steuern. Ich brauche Unterstützung, damit ich nicht aufs falsche Gleis komme. Die Bibel kann mir da eine Hilfe sein. Sie erzählt von dem, was geschieht, so, dass es zu einer befreienden Geschichte wird. Mit Gottes Hilfe wendet es sich zum Guten. Vielleicht ist es das, was der Apostel Paulus meint, wenn er schreibt: “Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten dienen” (Römer 8, Vers 28). So vom eigenen Leben erzählen zu können, könnte ein Ziel sein.

Montag, 27. Juli 2020



Älter werden





Allmählich werde ich älter. Das sechste Jahrzehnt nähert sich seinem Ende. Aber was heißt hier: allmählich? Ganz so gemächlich geht es da nicht zu, eher in Windeseile. So lang ist es doch noch gar nicht her, dass ich zum Studium mein Elternhaus verlassen habe. Mit vier Kartons, einem Koffer und einem Fahrrad. Tatsächlich sind seitdem mehr als vierzig Jahre vergangen. Da kann man sich schon fragen: Wo sind die Jahre geblieben? Der israelische Dichter Elazar Benyoëtz hat darauf eine ganz eigene Antwort: “Frisch und unverbraucht verlassen mich meine Jahre; sie haben nie gewusst, wohin mit mir”. Eine provozierende Aussage! Habe ich nichts mit meinen Jahren anzufangen gewusst, dass sie mich frisch und unverbraucht wieder verlassen haben? Ganz so mag ich es dann doch nicht sehen. Was mich anspricht, ist der veränderte Blickwinkel. Weiß ich nichts mit meiner Zeit anzufangen, oder die Zeit nichts mit mir? Und: Wie könnte ich das ändern?

Samstag, 25. Juli und Sonntag, 26. Juli 2020

 

Lebenskunst




Seit der Antike gilt es als eine der größten Aufgabe im Leben, das Sterben zu lernen. Es gehört zu den Auszeichnungen des Menschen, dass er weiß, dass er eines Tages sterben wird. Manche Philosophen haben darin sogar die Lebensaufgabe des Menschen gesehen, das Sterben zu lernen. Doch das dürfte eine falsche Gewichtung sein. Der Mensch lebt nicht, um zu sterben, sondern um zu leben. Noch viel wichtiger als das Sterben zu lernen ist darum die Aufgabe, das Leben zu lernen. Schließlich hat Benyoëtz recht, wenn er notiert: “Man ist auf sein Leben nicht besser vorbereitet als auf seinen Tod”. Es wäre gut, wenn wir zuerst einen Führerschein fürs Leben machen könnten. Stattdessen stolpern wir einfach so hinein, und ehe wir uns versehen, sind wir schon mitten drin. Oder kurz vor dem Ende. Leben zu lernen aber heißt, so sieht es die Bibel, lieben zu lernen. Sein Nächsten zu lieben wie sich selbst. Und Gott. Wer Gott und sein Nächsten liebt, der kann auch sich selbst lieben. Und das Leben.

Freitag, 24. Juli 2020

 


Es bleiben Fragen




Wenn ich Fragen habe, hätte ist meist gern auch Antworten. Manchmal macht es mich ganz unruhig, wenn ich keine Antwort bekommen. Dabei ist das oft gar nicht möglich. Es gibt einfach viel mehr Fragen als Antworten. Als Menschen sind wir dazu geboren, Fragen zu stellen. Wir nehmen kaum etwas als selbstverständlich. Wir wollen die Gründe wissen. Warum fällt ein Apfel zu Boden? Warum ist die Erde als einziger Planet in unserem Sonnensystem bewohnbar? Warum bin ich, wie ich bin? Warum muss ausgerechnet mir dieses Unglück passieren? Manche Fragen lassen sich beantworten, andere nicht. Und selbst wenn es eine Antwort gibt, stellen sich oft gleich mehrere neue Fragen. Das ist sogar gut so. “Es sind die Fragen, die uns weiter tragen” (Benyoëtz). Es sind die Fragen, die unserem Leben Sinn und Richtung geben. Erst ganz am Ende werden die Fragen verstummen. So verspricht es Jesus: “An jenem Tage werdet ihr mich nichts mehr fragen” (Johannes 16, Vers 23).

Donnerstag, 23. Juli 2020

 


Begrenzte Sicht




Als Menschen leben wir mit Illusionen. Zum Beispiel setzen wir selbstverständlich voraus, dass wir die Dinge um uns herum schon so einigermaßen richtig und vollständig wahrnehmen. Dabei nehmen wir nur einen Bruchteil von dem wahr, was um uns herum geschieht. Das ist sogar lebensnotwendig. Wir müssen ausfiltern, sonst leiden wir unter Reizüberflutung. Allerdings hat diese gute Einrichtung eine Kehrseite, die wir gern übersehen. Wir haben unsere ganz eigene Sicht der Dinge, und die ist keineswegs objektiv. Das heißt: “Ich kenne die Dinge nur in meiner Fassung” (Benyoëtz). Das können wir uns gar nicht oft genug sagen. Zum Beispiel bei einem Streit, in dem beide Seiten recht behalten wollen. Aber auch für die großen Fragen des Lebens ist das wichtig. Mag meine Sicht der Dinge auch noch so sehr von Lebenserfahrung gesättigt sein, es bleibt “meine Fassung”. Der andere kennt die Dinge in seiner Fassung, und die kann ganz anders sein.

Mittwoch, 22. Juli 2020

 

Es muss nicht immer alles viereckig sein!



Als Jesus seinen Jüngern ankündigt, welches Leiden ihm bevorsteht, möchte Petrus es am liebsten verhindern. Jesus weist ihn entschieden zurück. Christoph Blumhardt macht sich Gedanken über die Geisteshaltung, die Petrus da bestimmt: “Das ist der Geist, der in Menschen das gewöhnliche Leben erhalten will ... Petrus möchte gern das Glück und die Seligkeit seines Herrn und seiner Gemeinde sehen. Man misst also das ewige Leben mit dem Maßstab des Vergänglichen. Das ist der Haushaltungsgeist, das sind die nüchternen, gescheiten Menschen, wo alles Göttliche mit den Maßstäben des Menschlichen gemessen wird; da darf nie etwas Göttliches hinein, da wird alles viereckig. Da hat man schon ein furchtbares Gericht über jedes Menschenkind, wenn es sich ein bisschen anders entwickeln will.” Genau dieser Geist sei es, “der bis ins Kleinste hinein unsre Gesellschaft” regiere und “der jeden freien göttlichen Atemzug schon in den Kindern” abschneide.

Dienstag, 21. Juli 2020

 


Kleider machen Leute



Kleider machen Leute, so sagt man, und es ist wohl auch etwas Wahres dran. Auf jeden Fall achten viele darauf, wie sie angezogen sind, wenn sie das Haus bzw. die Wohnung verlassen. Was allerdings gerade als schön oder passend empfunden wird, unterliegt Veränderungen. Farben und Formen ändern sich ständig. Eine ganze Industrie lebt davon, uns immer wieder neue Schönheitsideale zu verkaufen. Und es funktioniert tatsächlich. Nach ein paar Jahren hat sich das Schönheitsempfinden der meisten verändert. Das haben schon die alten Griechen gewusst und deshalb gesagt: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Ob ich jemanden schön finde, hängt davon ab, was ich in ihm oder ihr sehe. Darin liegt auch eine Chance. Schönheit kann ich auch entdecken. Verborgen in unvorteilhafter Kleidung. Oder hinter einem mürrischen Gesicht. Und ein liebevoller Blick von mir kann anderen helfen, ihre eigene Schönheit (wieder) zu entdecken.

Montag, 20. Juli 2020

 

Gottes Schönheit


Für die antiken Philosophen war die Schönheit ein großes Thema, eng verwandt mit dem Guten. Die griechischen Worte für das Gute (agathon) und das Schöne (kalon) waren fast schon austauschbar. Und der Inbegriff für das kaum zu erreichende höchste Ideal des Menschen war die innige Verbindung von Schönheit und Gut-sein (kalokagathia). Heute spielt dieser Zusammenhang kaum noch eine Rolle. Zwar scheinen Schönheitsideale mächtiger denn je zu sein. Doch dass Schönheit auch etwas mit dem Guten zu tun haben könnte, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Vielleicht liegt das auch daran, dass diejenigen, die vom Guten reden, dabei die Schönheit vergessen. Zu Unrecht. Denn das Schöne übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns aus. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass die Bibel auch von der Schönheit Gottes zu reden weiß. Das Gute ist schön.

Sonntag, 19. Juli 2020

 

Licht ist dein Kleid

 


Ein schöner Juli-Morgen. Ein klarer blauer Himmel, strahlendes Sonnenlicht. Jetzt ein kleiner Spaziergang in der Natur. Was für eine Pracht! Schönheit, wohin man sieht. Dem Psalmbeter kommt da der Schöpfer in den Sinn. Allerdings nicht als der große Techniker im Hintergrund, der all das ins Werk gesetzt hat, sondern Gott selbst in seiner Schönheit: “HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast” (Psalm 104, Vers 1–2). Kleider machen Leute, das wusste man auch damals schon. Zumal es in diesem Fall sozusagen ein selbstgemachtes Kleid ist. Und was für eines! Aus purem Licht. Das kriegen selbst die begnadetesten Modeschöpfer nicht hin. Sie können ihre Kleider im Licht funkeln lassen, aber das Licht selbst? Wer sollte das anziehen können – außer Gott? Wir ahnen, wie unbegreiflich Gott sein muss. Nur in Bildern ist er zu beschreiben, die seine Unfassbarkeit ahnen lassen: Licht ist dein Kleid, das du anhast.

Samstag, 18. Juli 2020

 

Den Weg zu Gott nicht versperren



In einem Vers in der Bibel warnt Jesus “vor dem Sauerteig der Pharisäer und Schriftgelehrten” (Mt 16,6). Christoph Blumhardt versteht das so: “... das sind die Menschen, die Gott so vergotten, dass kein Mensch mehr zu Gott kommt. Merket euch den Satz! Der Geist der Schriftgelehrten und Pharisäer und aller Parteien ist der Geist, der Gott so vergottet, dass kein Mensch mehr zu ihm kommen kann und Gott zu keinem Menschen mehr kommen kann, dass immer eine Scheidewand ist. Dann ist es aus. Dieser heillose Geist reißt fast alle Menschen vom Felsen herunter, dieser Geist hat den Aposteln die ganze Kirche heruntergerissen und so liegen sie im Sumpf und wagen gar nicht mehr, sich und Gott zusammen zu denken.”

Freitag, 17. Juli 2020


Gott im Menschen suchen



Dass Gott sich in einem Menschen aus Fleisch und Blut zeigt, muss, so Christoph Blumhardt, auch unsern den Blick auf Gott verändern: “Wer nicht glaubt, dass Jesus Christus ins Fleisch gekommen ist, das heißt dass Gott in Menschen, wie sie sind, in natürlichen Menschen, in einfachen Menschen, erscheint, nicht in Phänomenen, sondern im Fleisch, – wer an das nicht hinkommt, der kann kein Gläubiger heißen. Und das ist man noch nie gewesen. Da heißt es gleich: Menschenanbetung, Menschenvergötterung! – Gott gebe, dass wir sie einmal vergotten können! Da meinen wir, wir setzen uns in Gegensatz gegen Gott, wenn in Menschen Gott offenbar wird, aber das muss schließlich sein. Es ist ja eine Offenbarung Gottes, es ist nicht der Mensch, der sich an die Stelle Gottes setzt. Der Mensch ist das untertänigste Werkzeug, aber er ist es.”

Donnerstag, 16. Juli 2020

 

Gottes Menschlichkeit

Christoph Blumhardt, der berühmte Pfarrer von Bad Boll, hat wie kaum ein zweiter die Menschlichkeit Gottes ins Zentrum gestellt. Dass Gott Mensch geworden ist, muss Christen, so meint er, zu einem neuen Blick auf alles Menschliche führen. Das aber widerstrebe der religiösen Haltung der allermeisten: “Gegen diesen Felsen ..., dass in menschlicher Erscheinung auf Erden Gottes Herrlichkeit offenbar werde, dass Menschen auf die Herrlichkeit Gottes sich stellen lassen als einfache Menschen und nur noch aus Gott leben sollen, gegen diesen Felsen ist der Kampf der Jahrhunderte gewesen; gegen den streitet heute noch alles. Lasst Engel und Geister kommen und Zeichen am Himmel kommen, lasst außerordentliche Phänomene in die Welt kommen, – da machen sie Augen und Ohren auf und werden ungeheuer erstaunt und meinen, Wunder was sie da hätten... da fällt alles drauf hinein, obwohl es gar nichts ist. Lasst aber ein einfaches Menschenkind kommen in göttlicher Erscheinung, so wollen sie nichts davon, und doch ist jedes Menschenkind, in dem Wahrheit leuchtet, viel größer als das ganze Morgenrot und Abendrot.”

Mittwoch, 15. Juli 2020

 

Lasten ablegen


Ach Herr, unser Erbarmer!
Wir danken Dir, dass Du Dich also uns anbietest,
und wir wollen Dir vertrauen,
auch wenn wir uns sehr mühselig und beladen fühlen.
Hilf uns, dass wir von Dir lernen,
auch lernen, wie wir die eigene Last ablegen
und Dein Joch auf uns nehmen möchten.
Das Schwere kannst Du nehmen
und kannst den Trost geben und die Erquickung,
die auch das Schwere leicht macht.
Darum gib uns die rechte Stimmung,
die Dir, dem sanften, gütigen und barmherzigen Heiland, vertraut.
Denn Dein Joch ist ja sanft und macht sanft,
und Deine Last ist leicht und macht leicht
auch das Schwere und Schwerste.
O Herr, hilf uns und erhöre uns in allem und für alle
nach Deiner Barmherzigkeit.


Johann Christoph Blumhardt

Dienstag, 14. Juli 2020

 

Trost


Du weißt, dass hinter den Wäldern blau
die großen Berge sind.
Und heute nur ist der Himmel grau
und die Erde blind.


Du weißt, dass über den Wolken schwer
die schönen Sterne stehn.
Und heute ist aus dem goldenen Heer
kein einziger zu sehn.


Und warum glaubst du dann nicht auch,
dass uns die Wolke Welt
nur heute als ein flüchtiger Hauch
die Ewigkeit verstellt?


 

Christian Morgenstern

Montag, 13. Juli 2020

 

Was es heißt, Mensch zu sein


Vater im Himmel!
Was man in der Gesellschaft der Menschen,
insbesondere also im Menschengewimmel,
so schwer zu wissen bekommt und,
wenn man es woanders zu wissen bekommen hat, so leicht vergisst -
das nämlich, was es heißt, Mensch zu sein,
und was die göttliche Forderung an den Menschen ist:
dass wir das doch von der Lilie und dem Vogel lernen
oder, wenn es vergessen wurde, wieder lernen möchten.
Dass wir das lernen möchten,
wenn nicht auf einmal und ganz,
so doch etwas davon und nach und nach!
Dass wir diesmal von dem Vogel und der Lilie lernen möchten:
Stillsein, Gehorsam, Freude!



Sörgen Kierkegaard

Sonntag, 12. Juli 2020

 

Geheimnisvolle Schöpfung



Was der liebe Gott anfangs alles für Weltkräfte erschaffen und wie er sie gegeneinander geordnet hat, das ist alles vor unsern Augen verborgen, und ich wäre sehr geneigt, die ganze sichtbare Welt als eine Glocke anzusehen, die wir davon läuten hören, ohne recht zu wissen, in welchem Turm sie ist. Die Natur hat, wie in den Apotheken, ihre einfachen und zusammengesetzten Dinge in verschiedene Büchsen getan, und die äußere Form der Büchse ist das Schild was sie darüber ausgehängt hat. Der muss wohl sehr glücklich sein und ein seltener Heiliger, der sie alle versteht, aber der ein großer Hans ohne Sorgen und Veit auf allen Gassen, der sich um keins bekümmert.

Matthias Claudius (1740–1815)

Samstag, 11. Juli 2020

Auch in dunklen Zeiten danken


Herr unser Gott!
Zu Dir ruft ein Mensch am Tage der Not,
Dir dankt er am Tage der Freude.
O, es ist schön zu danken,
wenn ein Mensch so leicht versteht,
dass Du gute und vollkommene Gaben gibst,
wenn selbst das leibliche Herz eilends bereit ist zu verstehen
und selbst die irdische Verständigkeit geschwind begreift.
 Seliger doch ist es zu danken,
wenn das Leben eine dunkle Sprache spricht,
seliger doch zu danken,
wenn das Herz beklommen, wenn der Sinn verdunkelt ist,
wenn der Verstand verräterisch wird in der Zweideutigkeit
und das Gedächtnis trügerisch in der Vergesslichkeit,
wenn die Selbstliebe aufgeschreckt zurückschaudert,
wenn die Klugheit Widerstand leistet,
wenn nicht in Trotz, so doch in Missmut -
seliger, dann Gott zu danken;
denn der, welcher so dankt, liebt Gott-
Er darf zu Dir sagen, Du Allwissender:
Herr, Du weißt alles,
Du weißt auch, dass ich Dich liebe.

 

 

Sörgen Kierkegaard

Freitag 10. Juli 2020

 

Nur ein Werkzeug


Herr Gott, diese Güter stehen nicht in meiner Gewalt, ich bin nur ein Werkzeug dazu und tue dabei, was ich vermag. Ich schaffe und tue, arbeite und sorge, heiße und befehle, mache und lasse mirs sauer werden. Gib du, lieber Herr, in dessen Gewalt alles steht, fruchtbares Gedeihen, sonst wird alle Mühe und Arbeit vergeblich sein.


Martin Luther

Donnerstag, 9. Juli 2020

Die beiden Feste


Korf und Palmström geben je ein Fest.


Dieser lädt die ganze Welt zu Gaste:
doch allein zum Zwecke, dass sie – faste!
einen Tag lang sich mit nichts belaste!
und ein – Antihungersnotfonds ist der Rest.


Korf hingegen wandert zu den Armen,
zu den Krüppeln und den leider Schlimmen
und versucht sie alle so zu stimmen,
dass sie einen Tag lang nicht ergrimmen,
dass in ihnen anhebt aufzuglimmen
ein jedweden ‘Feind’ umfassendes – Erbarmen.

 

Beide lassen so die Menschen schenkenstatt genießen, und sie meinen: freuenkönnten Wesen (die nun einmal – denken)sich allein an solchen gänzlich neuenFesten.Christian Morgenstern

Mittwoch, 8. Juli 2020

 

Zitat

 

"Ich wünsche mir eine mutige Kirche,
die ausstrahlt, wovon sie spricht,
die niemandem
nach dem Mund zu reden versucht,
sondern das Evangelium
in Wort und Tag bezeugt"

 

Zitat von Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender
des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

 

Aus: www.Gemeindebrief.Evangelisch.de



Der EKD-Ratsvorsitzende ermuntert und bestärkt in der Corona-Krise mit einer täglichen Videobotschaft auf www.facebook.com/landesbischof und www.youtube.com/user/bayernevangelisch/videos  die Menschen. Dieses Zitat ist aus der Videobotschaft vom 13. Juni

Dienstag, 7. Juli 2020

 

Das Lied vom blonden Korken


Ein blonder Korke spiegelt sich
in einem Lacktablett –
allein er säh sich dennoch nicht,
selbst wenn er Augen hätt:


Das macht, dieweil er senkrecht steigt
zu seinem Spiegelbild!
Wenn man ihn freilich seitwärts neigt,
zerfällt, was oben gilt.


O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich
im, sagen wir, – im All!
Und senkrecht! – wärest du dann nich
ganz in dem gleichen Fall?

 

Christian Morgenstern

Montag, 6. Juli 2020

 

Nicht fern von Gott




Kaum jemand hat so viele über das menschliche Suchen nach Gott nachgedacht wie der große Mystiker Meister Eckhart. Er hat Menschen kennengelernt, die sich für Gott fern halten, weil sie so viele Mängel und Unzulänglichkeiten an sich selbst wahrnehmen. Meister Eckhart weiß darauf eine ermutigende Antwort zu geben: “Der Mensch soll sich in keiner Weise je als fern von Gott ansehen, weder wegen eines Gebrechens noch wegen einer Schwäche noch wegen irgend etwas sonst. Und wenn dich auch je deine großen Vergehen so weit abtreiben mögen, dass du dich nicht als Gott nahe ansehen könntest, so sollst du doch Gott als dir nahe annehmen. Denn darin liegt ein großes Übel, dass der Mensch sich Gott in die Ferne rückt. Denn, ob der Mensch nun in der Ferne oder in der Nähe wandelt: Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe.”

Sonntag, 5. Juli 2020 

 

"Auf Gott zu vertrauren das ist die beste Basis für unser Leben.
Und wenn Gott uns dann Menschen schenkt, auf die wir uns
verlassen können - Eltern, Ehepartner, Freunde - dürfen wir
umso mehr uns darüber freuen und Gott dankbar dafür sein."

 

Zitat von Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender
des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

 

Aus: www.Gemeindebrief.Evangelisch.de

Dieses Zitat ist aus der Videobotschaft vom 1. Juli

 

 

 

Samstag, 4. Juli 2020



wohl denen die ruhig sitzen


wohl denen die sich bergen in gott
denn sie haben einen vater



wohl denen die sitzen in gott
sie wohnen im grünen




wohl denen die platz finden in dir
und satt werden am ruheplatz beim wasser



wohl denen die schulden machen dürfen
denn diese sollen beglichen werden



wohl denen die sich leiten lassen
denn sie finden den einschlupf zur freiheit




aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr, Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.252 - Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Freitag, 3. Juli 2020

 

aufgeben oder loslassen


aufgeben heisst defensiv in die zukunft blicken
loslassen heisst getrost in die zukunft blicken


aufgeben heisst angstvoll leben
loslassen heisst gnadenvoll leben


aufgeben heisst widerwillig die kontrolle abgeben
loslassen heisst freiwillig die kontrolle abgeben


aufgeben heisst angst vor gott haben
loslassen heisst vertrauen zu gott fassen


aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr, Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.360 - Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Mittwoch, 1. Juli 2020 und Donnerstag, 2. Juli

 

Ausgeladen

 


Ein Farbiger wünschte, in eine New Yorker Gemeinde aufgenommen zu werden.
Der Pfarrer war reserviert. „Tja,“ sagte er, da bin ich nicht sicher,
ob es unseren Gemeindegliedern recht sein würde.
Ich schlage vor, sie gehen erst mal nach Hause und beten darüber
Und warten ab, was ihnen der Allmächtige dazu zu sagen hat.“
Einige Tage später kam der Farbige wieder. Er sagte: „Herr Pfarrer,
ich habe ihren Rat befolgt. Ich sprach mit dem Allmächtigen
über die Sache, und er sagte zu mir: „Bedenke, dass es sich um eine
sehr exklusive Kirche handelt. Du wirst wahrscheinlich nicht hineinkommen.
Ich selbst versuche das schon seit vielen Jahren, aber bis jetzt ist es
mir noch nicht gelungen.“

„Es ströme aber das recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Amos 5,24

Aus: Axel Kühner, Ausgeladen, in: ders., Hoffen wir das Beste C 1997 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 9. Auflage 2016, S.9

Dienstag, 30. Juni 2020

 

Nicht auf andere hinabsehen

Die ägyptischen Wüstenväter geben auf seelsorgerliche Fragen manchmal überraschende Antworten. Ein Mönch fragt seinen Mönchsvater, was er gegen die Traurigkeit tun kann, die ihn befallen hat und ganz niedergeschlagen macht. Der Vater antwortet ihm: Schaue niemanden für nichts an; verurteile niemanden; verleumde niemanden; und der Herr wird dir Ruhe geben. Offenbar sieht der Mönchsvater einen Zusammenhang zwischen Niedergeschlagenheit und Hochmut. Wer von anderen schlecht denkt oder spricht, hat womöglich im tiefsten Herzen auch von sich selbst keine bessere Meinung. Wer andere verachtet, läuft Gefahr, auch sich selbst zu verachten. Deshalb kann das ein Ausweg aus der Niedergeschlagenheit sein: andere zu achten; gut von ihnen zu reden; niemanden zu verurteilen.

Montag, 29. Juni 2020

 

Auf das Gewissen hören



Ein Thema, über das Matthias Claudius ausführlicher an seinen Sohn Johannes schreibt, ist das Gewissen: “Scheue niemand so viel, als Dich selbst. Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht trügt, und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist, als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Ägypter. Nimm es Dir vor, Sohn, nicht wider seine Stimme zu tun; und was Du sinnest und vorhast, schlage zuvor an Deine Stirne und frage ihn um Rat. Er spricht anfangs nur leise und stammelt wie ein unschuldiges Kind; doch, wenn Du seine Unschuld ehrst, löset er gemach seine Zunge und wird Dir vernehmlicher sprechen.” Das heißt: so wichtig die innere Stimme, die Stimme des Gewissens, auch ist, auch sie muss geschult werden und lernen. Auch das andere gilt ja: “Niemand ist weise von Mutterleibe an; Zeit und Erfahrung lehren hier, und fegen die Tenne.”

Sonntag, 28. Juni 2020

 

Das Wohl der anderen

 

In der Bergpredigt gibt es einige anspruchsvolle Gebote Jesu. Zum Beispiel: Wenn jemand dir dein Hemd streitig machen will, lass ihm auch den Mantel. Fromme Juden und Christen haben nach dieser Regel zu leben versucht. Ein ägyptischer Mönchsvater, der bestohlen wird, sieht, dass die Diebe einen Krug übersehen haben, rennt ihnen hinterher und ruft ihnen zu: “Ihr habt noch etwas vergessen!” Von Rabbi Wolf wird erzählt, dass er seelenruhig zusieht, wie Diebe sein Haus ausrauben. Als er jedoch sieht, dass sie auch einen Krug mitgenommen haben, aus dem er einem Kranken zu trinken gegeben hatte, läuft er ihnen nach und ruft: “Ihr guten Leute, was ihr bei mir gefunden habt, das seht als mein Geschenk an. Aber mit dem Krug geht bitte vorsichtig um; da haften Keime eines Kranken dran, die euch anstecken könnten.” Was für eine hohe Kunst der Frömmigkeit: sich nicht nur nicht zu wehren, sondern auch noch auf das Wohl derer bedacht zu sein, die einem Schaden zufügen.

 

 

Samstag, 27. Juni 2020

 

Lebensweisheiten


Matthias Claudius hat nicht nur das schöne Abendlied “Der Mond ist aufgegangen” gedichtet, sondern auch manch nützlichen Rat zu Papier gebracht. Bekannt ist sein Rat: “Sage nicht alles, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagest.” Er stammt aus einer Zusammenstellung von Einsichten und Erfahrungen, die er seinem Sohn Johannes mit auf den Weg geben möchte, bevor er selbst das Zeitliche segnet. Hier sind noch einige weitere Beispiele aus diesem Brief aus dem Jahr 1799: “Es ist nichts groß, was nicht gut ist; und ist nichts wahr, was nicht besteht. Halte Dich zu gut, Böses zu tun. Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten. Tue das Gute vor Dich hin, und bekümmre Dich nicht, was daraus werden wird. Sorge für Deinen Leib, doch nicht so als wenn er Deine Seele wäre.”

Freitag, 26. Juni 2020

 

Mit Leidenschaft bei der Sache




In vielen Kulturen galt das Kartenspielen als Inbegriff der Untugend. Vor allem religiöse Kreise lehnten es entschieden ab. So ist es zu verstehen, dass eines Tages ein frommer Mensch einige Leute bei Rabbi Wolf von Zbaraz verklagte, weil sie sich die Nächte mit Kartenspielen um die Ohren schlugen. Er wird nicht schlecht gestaunt haben, als er die Antwort des Rabbis zu hören bekam: Das ist gut. Wie alle Menschen wollen auch diese Leute Gott dienen. Nur wissen sie nicht wie. So lernen sie nun beim Kartenspielen, sich wachzuhalten und bei einer Sache auszuharren. Wenn sie darin Vollkommenheit erlangt haben, müssen sie nur noch umkehren – was für Gottesdiener werden sie dann geben!

Donnerstag, 25. Juni 2020

 

Täglich zu singen


Ich danke Gott, und freue mich
wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,
dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
schön menschlich Antlitz! habe;


dass ich die Sonne, Berg und Meer,
und Laub und Gras kann sehen,
und abends unterm Sternenheer
und lieben Monde gehen;


und dass mir denn zumute ist,
als wenn wir Kinder kamen,
und sahen, was der heil’ge Christ
bescheret hatte, amen!




Matthias Claudius (1740–1815)

Mittwoch, 24. Juni 2020

Was not tut


Es handelt sich nicht darum,
den Hunger zu besiegen, die Armut einzudämmen.
Der Kampf gegen das Elend,
so dringend und notwendig er ist,
ist zu wenig.
Es geht darum, eine Welt zu bauen,
in der jeder Mensch,
ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Abstammung,
ein volles menschliches Leben führen kann,
frei von Versklavung vonseiten der Menschen
oder einer Natur, die noch nicht recht gemeistert ist,
wo der arme Lazarus
an derselben Tafel mit dem Reichen sitzen kann.


Paul VI. (1897–1978)

Dienstag, 23. Juni 2020

 

Wo wohnt Gott? (2)




In den Erzählungen von den ostjüdischen Gelehrten gibt es noch eine zweite Antwort auf die Frage nach der Wohnung Gottes. In diesem Fall ist es ein Rabbi, der die Frage stellt, Rabbi Menachem Mendel von Kozk. Er hat gerade einige gelehrte Männer zu Gast und fragt sie: Wo wohnt Gott? Sie verstehen gar nicht, wie einer diese Frage stellen kann, und antworten lachend: Was redet Ihr! Ist doch die ganze Welt seiner Herrlichkeit voll! Aber der Rabbi von Kozk hat die Frage mit Bedacht gestellt, und so gibt er selbst die Antwort: Gott wohnt, wo man ihn einlässt. Nicht, dass jemand Gott daran hindern könnte, irgendwo Einlass zu finden. Gott kann Wohnung nehmen, wo immer er will. Aber das ist es eben: Er will dort Wohnung nehmen, wo ein Mensch sich ihm öffnet.

Montag, 22. Juni 2020

 

Wo wohnt Gott? (1)


Ein jüdischer Gelehrter, Rabbi Jizchak Meïr, besaß schon als kleiner Junge große Weisheit und Schlagfertigkeit. Einmal sagte jemand zu ihm: Jizchak Meïr, ich gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt. Der Junge antwortete: Und ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagen kannst, wo er nicht wohnt. Eine schlagfertige Antwort! Und noch dazu auch weise. Der Junge hätte ja auch antworten können: Gott wohnt überall. Dann hätte er eine einfache, glatte Antwort gegeben. Tatsächlich antwortet er mit einer Gegenfrage, die zu denken gibt. Sollte Gott irgendwo nicht wohnen? Und, noch wichtiger: Sollte ich festlegen können, wo Gott nicht wohnt? Gott ist frei, dort zu wohnen, wo Er es will. (Fortsetzung folgt.)

Sonntag, 21. Juni 2020


Die Tage zählen



In einem bekannten Vers aus Psalm 90 heißt es nach Luther: “Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.” In einer modernen Übersetzung, die näher am hebräischen Urtext bleibt, lautet der Vers: “Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz erlangen.” Dazu findet sich bei dem Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf (1797–1854) eine kurze Auslegung: “Des Menschen Tage sind gezählt vom Herrn der Tage, jedem Menschen zählt er sie zu nach dem ihm auferlegten Tagewerk. An uns ist’s, sie mit Weisheit zu zählen und zu brauchen, damit, wenn der letzte kommt, auch unser Tagewerk der Vollendung naht. Tage nachkaufen können wir nicht, nicht wieder zurücknehmen, was nutzlos dahin ist.”

Samstag, 20. Juni 2020

 

Da hilft kein Rat


Baalschem, einer der großen Gelehrten des Ostjudentums, wird von seinen Schülern gefragt, woran sie einen wahren Lehrer erkennen können. Baalschem gibt zur Antwort: Bittet ihn um Rat, wie ihr es hinkriegen sollt, dass euch beim Beten und Lernen keine unheiligen Gedanken mehr stören. Falls der Lehrer euch einen Rat gibt, ist klar, dass er kein guter Lehrer ist. Denn, so der Baalschem, das ist nun einmal die Aufgabe des Menschen, sein Leben lang mit diesen Dingen zu ringen und sie mit Gottes Hilfe immer wieder neu zu überwinden. Das heißt: Manches Ungute, das wir gern los wären, gehört einfach zu unserem Menschsein dazu. Wir können es nicht abschütteln. Es sind Hindernisse, die wir immer wieder überwinden müssen, auch wenn es manchmal ermüdend ist.

Freitag, 19. Juni 2020

 

Nicht auf andere schauen



Sieh nicht, was andre tun,
der andern sind so viel,
du kommst nur in ein Spiel,
das nimmermehr wird ruhn.

 

Geh einfach Gottes Pfad,
lass nichts sonst Führer sein,
so gehst du recht und grad,
und gingst du ganz allein.

 


Christian Morgenstern (1871–1914)

 

Mittwoch, 17. Juni und Donnerstag 18. Juni


Klüger, aber schwächer



Bei aller Ähnlichkeit zwischen Tschechows Erzählung “Die Schalmei” und der aktuellen Klimadiskussion, einen großen Unterschied gibt es doch. Tschechow denkt auch über die Veränderung des Menschen nach. Der Gesprächspartner des Hirten, Meliton, meint: “Dafür ist das Volk besser geworden ... Es ist klüger.” Der alte Hirte gibt das zu, aber er glaubt, dass die Menschen zugleich schwächer geworden sind. “Ich fasse das so auf, Gott hat den Menschen den Verstand gegeben, aber die Kraft genommen. Schwach ist das Volk geworden, außerordentlich schwach.” In der Zeit seither ist die Menschheit, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse angeht, noch klüger geworden. Zugenommen hat aber auch die Sorge, dass wir Menschen nicht mehr mit unseren Erkenntnissen Schritt zu halten vermögen. Es fehlt die Kraft zum Maßhalten und der Mut zum Umsteuern. Erkenntnisse allein genügen nicht, es braucht auch Maßstäbe. Und Kraft zum Handeln.

 

Dienstag, 16. Juni 2020

 

“Die Schalmei”




Eine Erzählung von Anton Tschechow, aus dem Jahr 1887, doch von erstaunlicher Aktualität: “Überall gibt es nur noch wenige Vögel. ... Auch die wilden Tiere, und das Vieh, und die Bienen, und die Fische ... in kurzem wirst du sehen, wird es überhaupt keine Fische mehr geben. ... Die Flüsse trocknen jetzt aus! ... Ja, und auch die Wälder ... Man holzt sie ab, und sie brennen und verdorren, und neue Bäume wachsen nicht.” Wie vertraut das alles klingt! Nur die Erkärung ist eine andere: “Und woher kommt das alles? Wir sündigen viel, haben Gott vergessen ... und es ist wohl die Zeit gekommen, dass alles untergehe. Man muss auch sagen, die Welt kann ja nicht ewig bestehen ...”. Aber auch wenn’s einzusehen ist, Luka, der arme, alte Hirte, der hier spricht, bedauert es: “Es ist schade, Brüderchen! Mein Gott, wie schade! Erde, Wald und Himmel ... jegliche Kreatur, das alles ist ja erschaffen worden, eingefügt, in jedem ist ja Verstand vorhanden. Und das alles soll untergehen.” – Noch ist die Welt nicht untergegangen. Wohl, weil auch Gott es zu schade fände. Vielleicht sind Ihm die Worte des Hirten aus der Seele gesprochen.

Montag, 15. Juni 2020

 

Begegnung


Du, Gott, bist Mensch geworden.
Nimm uns unsere Menschenscheu.


Du bist uns Bruder und Schwester geworden.
Nimm uns unseren Argwohn.


Du bist uns Mutter und Vater.
Stärke und erhalte unser Vertrauen.


Du gibst dich in unsere Hände.
Nimm uns unsere Vorurteile.


Treuer Gott,
schenke unserem Miteinander
die Tiefe ehrlicher Vorfreude,
die Offenheit gespannter Erwartung
und die Weite echter Freundschaft.


Ermutige uns
zum Wagnis echter Begegnung.


Aus: Gerhard Engelsberger, Von Achtsamkeit bis Zuversicht, Kreuz Verlag Stuttgart 2009, S.30. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Sonntag, 14. Juni 2020

 

Gut aufgehoben


In der Welt kann man sich verloren fühlen. “Empty spaces, what are we living for”, so fragt ein bekanntes Lied der Gruppe Queen: “Leere Räume – wozu leben wir?” Vielleicht ist das der Grund dafür, dass viele Menschen sich nach Geborgenheit sehnen, nach Heimat, nach einem Zuhause. Nur allzu oft bleibt diese Sehnsucht unerfüllt. Heimat ist ein Ort der Erinnerung. Ein Zuhause wie früher gibt es nicht mehr. Wo soll ich da Geborgenheit finden? Vielleicht kann ein Haiku von Xandi Bischoff eine Antwort geben:

 

in deiner gegenwart
sind wir aufgehoben
wie ein guter gedanke

 

Bei Gott bin ich gut aufgehoben. Hinaufgehoben in seine Gegenwart. Herausgehoben aus der Leere, der Sinnlosigkeit, die mich manchmal bedrängt. Aufgehoben für immer. Erfüllte Sehnsucht. Wiedergefundene Heimat. Zu Hause.

Samstag, 13. Juni 2020

Achtsamkeit


Gott,
zärtlich und schonend bist du.
Du achtest das Schwache nicht gering
und übersiehst nicht die am Rand.

Klar ist deine Weisung.
Dein Wort hat Gewicht.
Dein Wille ist unmissverständlich.

Auch wir
sollen das Schwache
nicht gering achten,
die Wegränder absuchen
nach Langsamen,
nach Verletzten,
nach Übergangenen.

Schärfe unsre Sinne.
Orientiere unser Gewissen
am Einklang mit deinem Willen.

Schenke uns Achtsamkeit
für Wunden und Wunder.


Aus: Gerhard Engelsberger, Von Achtsamkeit bis Zuversicht, Kreuz Verlag Stuttgart 2009, S.14. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Freitag, 12. Juni 2020

 

gegen selbstzweifel angehen



sich seines vaters versichern
sich seines kindseins versichern


vorfreude aufstöbern
wirklichkeit wirklich wollen
proviant am wegrand nicht übersehen
sich selber konsequent vergeben
ungeziefer nicht übermässig beachten
perfektionismus drosseln


freiheit nicht loslassen


aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr, Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.381 - Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags 

Donnerstag, 10. Juni 2020

 

Ein Seufzer

In drei Zeilen mit 17 Silben etwas Wesentliches zu sagen: das ist der Anspruch an ein Haiku, eine japanische Gedichtform. Xandi Bischoff von der evangelisch-reformierten Gemeinschaft Don Camillo hat diese Kunstform für sich entdeckt. Mich spricht dies “haiku über das seufzen” an:

mein herr und mein gott
ohne dich wäre
das Leben unausstehlich

Mit so wenigen Worten so viel zu sagen, ist eine hohe Kunst. Es gäbe viele Gründe, das Leben unausstehlich zu finden. Wer sich in einer entsprechenden Situation befindet, oder in der passenden Stimmung, wird da sofort zustimmen. Und auch wenn es mir selbst gerade gut geht, kann ich es im Blick auf die Situation vieler anderer auch so sehen. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, Gott sei Dank. Gott hat die Welt gut geschaffen. Und er hat zugesagt zu heilen, was zerbrochen ist. Manche erleben das schon jetzt. Versprochen ist es uns allen. Seines Beistandes dürfen wir sicher sein.

Mittwoch, 10. Juni 2020

 

Das rechte Maß


Ein Mann besass einen Acker, den hatte er verwildern lassen, so dass er voller Dornen und Disteln war. Als er wieder etwas anpflanzen wollte, sagte er zu seinem Sohn: Geh hin und reinige den Acker. Gleich machte der Sohn sich auf. Doch als er zum Acker kam und das wild wuchernde Unkraut sah, wurde er mutlos und dachte: Wie soll ich das je schaffen? Und er legte sich auf die Erde und schlief. Als sein Vater kam, um zu sehen, was er gearbeitet hatte, fand er ihn untätig. Er fragte ihn: Warum hast du nichts getan? Der Sohn antwortete: Als ich hergekommen bin, um mich an die Arbeit zu machen, sah ich die Unmenge von Dornen und Disteln und wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Da habe ich mich schlafen gelegt. Da sagte der Vater: Mein Sohn, arbeite jeden Tag nur so viel, wie dein Körper, wenn du liegst, an Raum einnimmt. So wird deine Arbeit allmählich vorangehen, und du wirst dabei nicht verzagen. Als der Sohn das gehört hatte, machte er sich an die Arbeit, und schon bald war der ganze Acker gereinigt.

(Aus den Sprüchen und Erzählungen der Wüstenväter.)

Dienstag, 9. Juni 2020 - Noormann

 

Üben



Für manche antike Schulen der Seelenführung war das der Weg, Menschen zu Veränderungen zu bewegen: Übung. Die alten Gewohnheiten, die vertrauten Denk- und Verhaltensmuster haben wir uns regelrecht antrainiert, wenn auch oft unbewusst. Darum werden wir sie jetzt nicht so leicht wieder los. Ein Physiotherapeut hat mir einmal gesagt: Wenn ich die Übungen zur Verbesserung meiner Haltung einige tausend Mal wiederhole, merkt mein Gehirn es sich. Dann wird die verbesserte Haltung zu einer neuen Gewohnheit. Leider ist es mir damals nicht gelungen; ich habe die Übungen viel zu früh wieder eingestellt. Nachdem die Symptome weg waren, bin ich bald wieder nachlässig geworden. Schade eigentlich. Es wäre gut für mich gewesen, wenn ich länger durchgehalten hätte. Der Apostel Paulus schreibt einmal: Nehmt Euch die Leistungssportler zum Vorbild. Die setzen alles daran, ihr Ziel zu erreichen. So sollten wir es auch machen. Wir müssen ja nicht gleich Zehnkämpfer werden. Nur an einem Punkt unser Verhalten zu verbessern – müsste das nicht machbar sein? Üben hilft.

Montag, 8. Juni 2020

 

Mit Leib und Seele


Es ist oft nicht so leicht, Herr über die eigenen Gedanken zu bleiben. Manchmal kommen einem Dinge in den Sinn, die gar nicht gut tun, aber schwer zu vertreiben sind. Diese Erfahrung haben auch die frühen Christen gemacht, die als Mönche in der ägyptischen Wüste lebten. Eines Tages kam einer dieser Mönche zu seinem Mönchsvater und sagte zu ihm: Meine Gedanken reizen mich dazu, aus dem Kloster auszutreten. Der alte Mönchsvater wusste Rat. Er antwortete ihm: Bleib hier im Kloster. Gib deinen Leib den Wänden der Klosterzelle als Pfand, und geh ja nicht aus. Deine Gedanken aber lass ruhig denken, was sie wollen. Nur den Leib sollst du nicht aus deiner Mönchszelle hinaus lassen. Ein kluger Rat. Es kann helfen, zunächst nur mit dem Körper das Rechte zu tun, was immer der Kopf dazu denken mag. Die Seele wird dann schon folgen.

Sonntag, 7. Juni 2020 - Rolf Noormann

 

Das Alte gibt sich nicht so leicht geschlagen



Zu allen Zeiten haben sich die Gelehrten gefragt, wie Menschen sich ändern, sich bessern können. Die einfachste Lösung hieß: Wir müssen es ihnen nur erklären. Wenn sie verstehen, was gut ist und was ungut, dann werden sie das Gute wählen. Eine schöne Idee, doch so einfach geht es leider nicht. Selbst wenn Menschen sich das Glück wünschen, selbst wenn sie gerne gut sein wollten, “ihre Haut geben sie noch lange nicht her”. Die alten Gewohnheiten, die vertrauten Denk- und Verhaltensmuster, mögen sie auch noch so schädlich sein, gibt keiner so leicht auf. Christoph Blumhardt beschreibt seine Erfahrung als Prediger so: “... es ist ganz merkwürdig, welche Elastizität die Leute haben; es ist gerade wie bei einem Gummischnürle, das man in die Höhe zieht und wenn mans losläßt, schnappt es wieder zurück, dann ist der alte Mensch wieder da, wie man immer gewesen ist, ist man nachher wieder.” Dabei könnte uns eine Veränderung oft so gut tun.

Samstag, 6. Juni 2020

 

Geduld üben



Einige ägyptische Mönchsbrüder machten sich auf den Weg, um einen alten Mönchsvater zu besuchen. In seiner Nähe trafen sie Kinder an, die das Vieh hüteten und ab und zu sehr böse Worte zueinander sagten. Nachdem sie mit dem Mönchsvater ihre Fragen besprochen hatten, fragten sie ihn: Wie kannst du das dulden, Vater, dass diese Kinder hier solche Reden führen? Warum verbietest du ihnen das nicht? Der Mönchsvater antwortete: Tatsächlich, liebe Brüder, ist auch mir schon oft der Gedanke gekommen, etwas zu ihnen zu sagen. Doch dann habe ich mich jedesmal selbst zurechtgewiesen und mir gedacht: Wenn ich eine solche Kleinigkeit nicht ertragen kann, wie soll ich dann zu gegebener Zeit eine größere Versuchung ertragen können? Daher sage ich nichts zu ihnen, um mich in Geduld zu üben.

Freitag, 5. Juni 2020 - Rolf Noormann

 

Ihr Menschen, seid Menschen!


Vielleicht haben Sie auch schon einmal den Satz des früheren katholischen Bischofs Franz Kamphaus gehört: “Mach’s wie Gott, werde Mensch!” Das ist mehr als nur eine kecke Erinnerung an die Weihnachtsgeschichte. Es ist eine Veränderung der Blickrichtung. Es ist ein Irrtum zu meinen, das Ziel des Lebens liege irgendwo da oben. Als ginge es darum, möglichst gott-gleich zu werden. Nein, es geht darum, menschlich zu werden. Für Christoph Blumhardt war das der Sinn der Botschaft Jesu. “Des Menschen Sohn wandelt heute durch unsere Zeit. Ganz still und leise tönt bis in die fernsten Fernen hinein: Ihr Menschen, seid Menschen!” Dazu will Jesus uns verhelfen. Dazu sollen wir einander helfen. Einander verständnisvoll begegnen, offen für die Sorgen und Ängste, die Sehnsüchte und Hoffnungen, die wir als Menschen haben. Einander helfen, Mensch zu sein, mit all den großartigen Möglichkeiten – und den Grenzen.

Donnerstag, 4. Juni 2020 - Thomas Bleher

 
Friedensstifter



Wahrscheinlich bewegt es gerade viele, was in den USA passiert, nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis. Natürlich muss ein Staat sich selber und seine Bürger schützen vor Krawall und Plünderungen. Aber es beweist doch gerade Stärke und nicht Schwäche, begangenes Unrecht zuzugeben und nicht mit noch härterer Gewalt (Militär) alles niederzuknüppeln.
Mich haben die Bilder kniender und betender Polizisten beeindruckt. Sie haben mich an Jesus erinnert. „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes heißen.“ Mt.5,9. Solche Menschen sind Versöhner und werden mehr zum Frieden und zur sozialen Gerechtigkeit beitragen als jede Gewalt.

Mittwoch, 3. Juni 2020 - Rolf Noormann

Familien als Kraftzentren


Die Corona-Pandemie ist anstrengend für Familien. Vieles, was sonst im Alltag halbwegs gut organisiert war, ist jetzt weggebrochen. Homeschooling ist kein Vergnügen, und wenn dann noch home office dazu kommt, wird es ein schwieriger Balanceakt. Dazu ist in den Medien gerade viel zu hören. Mir fehlt die andere Seite. Dass es gut tut in diesen Zeiten, in einer Familie zu leben und nicht allein. Dass Kinder sich freuen, mehr Zeit mit ihren Eltern zu verbringen, und umgekehrt. Es irritiert mich, dass so selten die positiven und kreativen Auswirkungen auf das Familienleben thematisiert werden. Steht es wirklich so schlimm? Das mag ich nicht glauben. Und es entspricht auch nicht dem, was ich selbst wahrnehme und von anderen höre. Familien sind auch Kraftzentren. Orte, an denen ich Halt und Geborgenheit finden kann. Und den Mut, mich den aktuellen Herausforderungen zu stellen.

Pfingstmontag, 1. Juni 2020, und Dienstag 2. Juni - Rolf Noormann

 

Sehnsucht nach Glück


“Der Mensch ist das einzige Wesen, welches vermisst, was es nie besessen hat. Und die Gesamtheit dessen, was wir vermissen, ohne es je besessen zu haben, ist das, was wir Glück nennen” (José Ortega y Gasset). Verrückt! Wie können wir etwas vermissen, was wir nie hatten? Vermissen heißt doch: etwas Verlorenem nachtrauern. Offenbar haben wir etwas verloren, was wir gar nie besessen haben. Die Bibel sagt: Wir haben es “in Adam” verloren, lange bevor es uns selbst gab. Unsere Sehnsucht reicht weit über uns hinaus. Genauer gesagt: sie reicht weiter hinter uns selbst zurück zu unseren Vorvätern und -müttern durch die Jahrhunderte hindurch. Deshalb sind wir ansprechbar auf all die Glücksversprechen der Werbung und der Konsumindustrie. Erfüllung finden wir so allerdings nicht. Unsere Sehnsucht nach Glück wird erst dann gestillt sein, wenn Gott selbst wieder herstellt, was verloren gegangen ist. Bis dahin bleibt die Sehnsucht eine Erinnerung an das, was uns fehlt.

Sonntag, 31. Mai 2020, Thomas Bleher

 

Gute Verbindung



In den Anfangswochen der Corona Krise, als plötzlich fast alle im Home office waren, waren plötzlich manche Server und manche Leitungen völlig überlastet. Sie waren für so große Datenmengen einfach nicht ausgelegt. Inzwischen wurde da vielerorts natürlich nachgebessert, so dass diese Probleme kaum mehr vorkommen. Wie gut haben wir es, dass der Server bei Gott nie zusammenbricht. Wir können zu jeder Tages- und Nachtzeit uns mit Gott in Verbindung setzen und haben immer direkten Anschluss. Und egal wie viel Millionen oder Milliarden Menschen das gleichzeitig machen, der Server ist nie überlastet. Seit Pfingsten haben wir eine Direktleitung zu Gott. Der Heilige Geist unterstützt uns sogar, wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen. Er ist sozusagen der direkte Übersetzer, so dass es richtig bei Gott ankommt. Was für ein Vorrecht. Wie oft nutzen sie dieses Angebot der Komfort- Telefonie?  „Denn der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“  Röm. 8,26
In diesem Sinne ein gesegnetes Pfingstfest

Samstag, 30. Mai 2020, Rolf Noormann

Wer ist gescheit?


Da hat ein junger Mann sein Examen geschafft. Wahrscheinlich hat er dafür ganz schön ackern müssen. Vermutlich ist er auch ein klein wenig stolz auf seine Leistung. Christoph Blumhardt mag da nicht einstimmen. Er schreibt ihm: “Sonst aber denke nicht so viel über Dich nach. Lebe kindlich in der Zeit, die eben ist. Ein Kind ist deswegen so gescheit, weil es über sich selbst nicht nachdenkt und darum frei bleibt für die Außenwelt.” Wer sich selbst bespiegelt, verpasst das Entscheidende. Gescheit ist nicht, wer ein Examen geschafft hat und sich deshalb für gebildet hält. Gescheit sind die Kinder, die nicht wissen, was sie können, weil sie gar nicht über sich selbst nachdenken. Deshalb sind sie ganz offen für das, was um sie herum geschieht, und viel aufmerksamer als die meisten Erwachsenen. Ob wir so kindlich leben können? Ganz offen für die Außenwelt, ohne auch nur einen Gedanken an uns selbst zu verschwenden? Dann wären wir gescheit.

Freitag, 29. Mai 2020, Thomas Bleher

 

Gute Nachrichten


Wenn wir Nachrichten hören oder sehen, dann rechnen wir damit, dass es schlechte Nachrichten sind: Probleme, Katastrophen, Bombenanschläge usw. Oder seit Mitte März die steigenden Corona- Fälle weltweit. Wir rechnen kaum damit, dass es auch gute Nachrichten gibt. Die Bibel aber ist voll mit guten Nachrichten.
Das Neue Testament ist eigentlich eine einzige gute Nachricht: Gott wird Mensch und kommt zu uns, damit wir wieder Kinder Gottes sein dürfen. Wir müssen nicht mehr selber für Erlösung sorgen, sondern Jesus hat uns schon erlöst. Diese guten Nachrichten dürfen wir weitersagen.

Donnerstag, 28. Mai 2020, Rolf Noormann

 

Ein Meisterstück


Im Evangelischen Gesangbuch findet sich ein beeindruckender Satz des schwäbischen Kaufmanns und Missionars Elias Schrenk (1831–1913): “Jeder Mensch ist ein Meisterstück göttlicher Geduld, Weisheit, Gnade und Liebe.” Wer Meister werden wollte, musste jahrhundertelang mit einem Meisterstück sein handwerkliches Können unter Beweis stellen. Als Schöpfer ist auch Gott so etwas wie ein Handwerksmeister. Die Schöpfung ist so reich an großartigen Dingen, dass wir aus dem Staunen nicht herauskommen. Inmitten all dieser großartigen Dinge aber, so behauptet Elias Schrenk, ist der Mensch das Meisterstück. Nein, nicht der Mensch, sondern jeder einzelne: Sie, ich und die anderen auch. Unzählige Meisterstücke. Und auf jedes dieser Meisterstücke verwendet Gott all seine Geduld und Weisheit. Damit wir so werden, wie wir sein sollen. Noch feilt er an uns. Noch braucht er viel Geduld. Doch dank seiner Gnade und Liebe wird er sein Werk vollenden. Auch an uns.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Die Schale - Bernhard von Clairvaux


Wenn Du vernünftig bist,
erweise Dich als Schale,
nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch Du, nur aus der Fülle auszugießen,
und habe nicht den Wunsch, freigiebiger als Gott zu sein.
Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist,
strömt sie zum Fluss.
Du tue das Gleiche!
Zuerst anfüllen und dann ausgießen.
Wenn Du nämlich mit Dir selbst schlecht umgehst,
wem bist Du dann gut?

Dienstag, 26. Mai 2020, Rolf Noormann


Mit Geld Gutes tun


Manche Leute tun mit ihrem Geld Gutes – und werden deshalb gehasst! Bill Gates zum Beispiel. Warum ist das so? Vielleicht, weil manche sich uneigennütziges Handeln gar nicht vorstellen können. Oder weil sie selbst mit ihrem Geld niemandem etwas Gutes tun. “Kill Bill”, so war auf Plakaten bei den Anti-Corona-Demonstrationen in Stuttgart zu lesen. Tötet Bill Gates! Und warum? Weil seine Frau und er eine Stiftung ins Leben gerufen haben, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, dass die Ärmsten der Armen grundlegende medizinische Hilfe bekommen. Zum Beispiel Impfungen. Oder Hilfe gegen Malaria und Tuberkulose. Sie tun das, weil es niemand sonst getan hat – nicht zuletzt, weil an den Armen gerade nichts zu verdienen ist. Melinda und Bill Gates sind barmherzige Samariter unserer Zeit. Sie kümmern sich um die, an denen die anderen achtlos vorbei gehen. Jesus hat die Geschichte offenbar nicht zu Ende erzählt. Die Reaktion der anderen fehlt noch. Sie hassen den barmherzigen Samariter. Weil er Gutes tut.

Montag, 25. Mai 2020 - Thomas Bleher

 

Regen


„Schade, es regnet“, sagt derjenige, der gerade ein Sonnenbad nehmen will. „Gott sei Dank, es regnet“, sagt der Landwirt, der Salat und anderes Gemüse gepflanzt hat. Oder der um sein Getreide bangt, dass es zu wenig Wasser hat und dann vielleicht nur zur Notreife kommt mit weniger Ertrag. Natürlich brauchen wir Sonne und es tut gut, wenn es hell ist und die Sonne scheint. Aber genauso notwendig brauchen wir auch den Regen. Wir können ihn nicht machen, aber wir dürfen Gott darum bitten. Gott ist gnädig, aber er will gebeten sein.
„Du suchst das Land heim und bewässerst es und machst es sehr reich.“ Ps. 65,10 Wir leben vom Segen Gottes und dürfen dankbar sein für jeden Tropfen Regen, den Gott uns schenkt.

Sonntag, 24. Mai 2020, Rolf Noormann

 

Gönnerhaft




“Das gönn ich mir” – in unserer Zeit eine verbreitete Einstellung. Ein neues, schickes Auto. Ein Riesenflachbildschirm. Eine Reise auf die Malediven. Das gönne ich mir, das bin ich mir wert. Gegenüber der Sparsamkeit früherer Generationen, die sich “nichts gegönnt” haben, hat das vielleicht etwas Befreiendes. Dennoch bleibt da für mich ein schaler Beigeschmack. Ursprünglich bezog sich das Gönnen auf andere, denen ich etwas zugestehe. Zum Beispiel, dass sie sich nach all der Plackerei auch einmal etwas leisten können, ein Auto zum Beispiel oder eine Urlaubsreise – es muss ja nicht gleich so schick und so exotisch sein wie bei mir. Selbst hier hat das Gönnen leicht einen schalen Beigeschmack. Provozierend sagt Benyoëtz: “Gönnen ist Missgunst”. Offenbar steckt im Gönnen etwas Gönnerhaftes, das von oben herab kommt. Es gönnt dem anderen nur solange etwas, als er damit unter dem eigenen Niveau bleibt. Sich einfach mitzufreuen mit dem anderen, könnte eine Alternative sein.

Samstag, 23. Mai 2020 - Fritz Hammann

 

Zerbrechlich           



Es ist oft ein Ziel in unserem Leben, Orientierung, Sicherheit und möglichst viel Kontrolle entwickeln zu können. Doch die letzten Wochen haben gezeigt, wie anfällig, verletzlich und zerbrechlich unsere Lebensverhältnisse sein können. Gewohnte Sicherheiten sind erschüttert worden und wir haben vielfach erlebt, wie schnell die Kontrolle über bestimmte Lebensbereiche verloren gehen kann. Und was geschieht, wenn die Zerbrechlichkeit des Lebens spürbar wird, wenn vielleicht Gefühle von Angst und Hilflosigkeit aufkommen?
Vor kurzem traf ich einen Freund, der von einem frühen Morgenspaziergang zurück kam. Er schilderte voll Begeisterung die Zeit der Dämmerung vor dem Sonnenaufgang, die erwachende Natur, die singenden Vögel, die Ruhe und Stille, die ihn innerlich stärkte und er meinte dann: „Am frühen Morgen den Tag zu erwarten, ist etwas Kostbares. In dieser Stimmung der Erwartung liegen für mich Geheimnisse und Hoffnungen und ich bin gespannt, was der Tag bringen wird“.
Es ist mir in dieser Situation eingefallen, dass wir früher in der Schule bei der Morgenandacht öfters den Choral gesungen haben: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu…“
Wenn man sich auf diese Gedanken einlassen kann, wird die Zerbrechlichkeit in einem größeren Rahmen aufgehoben.         

Freitag, 22. Mai 2020, Brigitte Hage

 
Wer bin ich?


Eberhard Seyfang ist Diakon i.R. und hat zur eigenen Reflexion aufgeschrieben, wie er bis jetzt durch diese „Coronazeit“ gekommen ist. Er sagte mir, dass er diese schwierige Zeit als Chance sah, um sich in seinem Alter neu zu hinterfragen. Mich haben die ehrlichen Worte dieses älteren Mannes sehr angerührt. Hier auszugsweise seine Gedanken im Wortlaut:

Meine Identität und meine Bedeutung habe ich, wenn ich ehrlich bin, stets von den Menschen, mit denen ich zusammen war und die mir deutlich machten, wie wichtig ich für sie bin und was für ein guter und interessanter Mensch ich bin. Jetzt ist niemand mehr da, der mich aufbaut und mir sagt, wie wichtig ich bin und welche Fähigkeiten ich habe. Ich bin auf mich selbst angewiesen. …

Dieser, Gott unser Vater, ist immer bei uns und trägt uns, in Freude und in Trauer. Das habe ich selbst erlebt, vor zwei Jahren, als meine Margret plötzlich gestorben ist. Jetzt kann ich ganz anders damit umgehen, weil ich erfahre, dass ich, auch wenn ich nicht mehr auf sie angewiesen sein kann, vieles kann, was ich mir vorher nicht zugetraut habe. Ich muss es können, weil ich alleine bin, und ich kann es, denn ich habe es nur versteckt, eben weil meine Frau dieses getan hat.

Ich habe dies gelernt durch die aufgezwungene Absonderung von Freunden und Menschen. Ich glaube, dass ich mich neu entdeckt habe durch diese aufgezwungene Isolierung. Nicht Verzweiflung, sondern die Fragen – wozu, weshalb, wie - können uns helfen, diese ungewohnte Lebenssituation zu meistern und aus dieser Situation als gestärkte und auch fröhliche Menschen hervor zu gehen.

Donnerstag, 21. Mai 2020, Thomas Bleher

 

Säen - ernten



Seit ein paar Wochen ist Pflanzzeit.

Salat, Tomaten, Gurken, Kohlrabi usw. sind gepflanzt, werden gegossen, zum Teil auch gedüngt- und sollen dann wachsen. Um dann wiederum in wenigen Wochen reif zum Ernten sein.
Wir erwarten, dass wenn wir gesät und gepflanzt haben - Und gut gegossen und gedüngt haben - dass wir dann auch eine reiche Ernte bekommen.

Der Prophet Hosea redet ebenfalls vom Säen und ernten. Aber bei ihm geht es nicht um Gemüse, sondern um Menschen.  Er sagt: „Säet Gerechtigkeit und erntet…
Man würde erwarten: „Und erntet viel Gerechtigkeit.“ Aber er sagt weiter: „und erntet nach dem Maß der Liebe!“ (Hos. 10,12)

Die Liebe ist der Dünger, der die Gerechtigkeit wachsen lässt. Und bei Liebe gibt es keine Überdüngung, da kann es nie zu viel sein.

Mittwoch, 20. Mai 2020, Rolf Noormann

 

“Glauben, mit sich selbst herausrücken”



Manchmal lese ich einen Satz und denke: Wow, das trifft’s! So geht es mir mit diesem kurzen Satz des israelischen Schriftstellers Elazar Benyoëtz. Glauben heißt für ihn: mit sich selbst herausrücken. Damit wird sofort klar, warum Glaube oft so schwer fällt: Wer will schon sich selbst preisgeben? “Glaube” ist ein theologisches Kunstwort. Die biblischen Begriffe, die damit wiedergegeben werden, bedeuten eigentlich “Treue” bzw. “Vertrauen”. Der Mensch antwortet auf die Treue Gottes mit seinem Vertrauen. Benyoëtz geht noch einen Schritt weiter: das im Glauben gemeinte Vetrauen heißt für ihn An-Vertrauen: Sich selbst einem anderen, nämlich Gott, an-vertrauen. Sich selbst preisgeben, in der doppelten Bedeutung des Wortes: sich öffnen und sich übergeben. Ein Glaubender ist ein Mensch, der sich nicht länger in seinem selbstgebauten Bunker verschanzt, sondern sich preisgibt an Gott. So kann er sich selbst und anderen in Freiheit begegnen.

Dienstag, 19. Mai 2020, Rolf Noormann

 

Gottes Enttäuschung

Das Wort Enttäuschung hat auch eine positive Seite: ent-täuschen heißt, dass eine Täuschung überwunden wird. Es ist schade, dass ich mich in etwas oder jemandem getäuscht habe, aber es doch gut, dass ich es jetzt wenigstens weiß. Ent-täuschungen können hart sein, sie sind aber auch heilsam, zumindest solange man nicht zu oft Enttäuschungen erlebt. Gott sollte das allerdings nicht passieren können. Er hat schließlich den Überblick und weiß schon im Vorhinein, was geschehen wird (so hat es zumindest die Theologie immer gesehen). Und doch erlebt auch Gott Enttäuschungen. Enttäuschungen mit uns, den Menschen: “Der Mensch ist die Enttäuschbarkeit Gottes” (Benyoëtz). Gott selbst hat es gewissermaßen darauf angelegt, indem er uns Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, das heißt mit freiem Willen und mit der Fähigkeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Die menschliche Liebe kann und will er nicht erzwingen. Er kann uns nur mit seiner Liebe locken, und darum auch enttäuscht werden.

Montag, 18. Mai 2020, Thomas Bleher

 

Wachstum

Es tut der Seele gut, zu sehen, wie gerade alles wächst und grünt. Fast jeden Tag sehen wir ein Stückchen mehr davon. Bei allem, was wir an manchen Stellen dazutun durch gießen oder düngen - es ist ein Wunder von Gott. Gott schenkt das Wachstum, Tag für Tag, ohne dass wir viel dazutun.Was müssen wir tun, damit wir geistlich wachsen können? Nicht viel. Gott schenkt das Wachstum. Das Einzige, was uns bleibt, ist verwurzelt zu blieben in seiner Liebe. Dass wir uns ausstrecken, möglichst viel von dem aufzunehmen, was Gott uns gibt. Den Rest macht Gott. Es ist sein Geschenk ohne große Anstrengung unsrerseits. „Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“  Mk.4,28

Sonntag, 17. Mai 2020, Rolf Noormann


geografie des gebetes


das gebet ist ein ort

wo ich beschenkt werde
wo ich zusammengenommen werde
wo ich mich überlassen kann
wo ich nahrung bekomme
wo meine widerstandskraft aufgebaut wird
wo ich sein kann ohne zu suchen
wo ich kind sein kann
wo ich mich frei bewegen kann
wo ich nichts beweisen muss

ein guter ort


aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr,
Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.149 - Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Freitag, 15. Mai 2020, Brigitte Hage

 

Glocken


Die Theologin Johanna Haberer erzählt in einem Essay von einer junger Frau: Diese war aus Indien zurückgekommen. Sie sagt zu ihrer Pfarrerin: „Es war wunderschön. Aber: Soll ich dir sagen, was mir gefehlt hat? - Das Glockenläuten. Und dabei ist es mir erst nach ein paar Wochen aufgefallen!“ Morgens beim Wachwerden, abends beim Betrachten des Sonnenuntergangs, irgendwann habe sie gedacht: “Jetzt weiß ich was mir fehlt. Ausgerechnet. Die Glocken.“

Auch mir fehlt das Glockengeläut der letzten Wochen.
Das mächtige Geläut am Sonntagmorgen vor der Klosterkirche mit Blick auf unseren Ort und von der Höhe  herunter der Glockenklang der Auferstehungskirche. Und jeden Abend um 18:30 Uhr grüßten uns wieder die Glocken beider Kirchen und riefen zum Innehalten.
Viele Menschen, auch solche, für die die Kirchenglocken sonst keine Rolle spielen, hörten in den letzten Wochen sehr bewusst auf die Kirchturmglocken. Und wenn danach vom Balkon, am offenen Fenster, auf der Terrasse oder auf der Straße gesungen und musiziert wurde, dann spürten wir eine Verbindung untereinander und vielleicht auch eine Verbindung zwischen Himmel und Erde.
Sinngemäß schreibt Johanna Haberer noch, dass Glocken nicht nur rituelle Stimmen, sondern auch prophetische Signale sein können. Sie würden alle Menschen rufen - zum Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, und zu einem aufmerksamen Leben, ausgespannt zwischen dem Gott, der uns geschaffen hat, und dem Gott, der kommt.
Auch deshalb bin ich froh und dankbar, dass unsere Glocken weiterhin zu den üblichen Tageszeiten läuten. In Zukunft möchte ich bewusster darauf hören, was sie mir sagen wollen.

Donnerstag, 14. Mai 2020, Rolf Noormann


Aber-Glaube


Kürzlich habe ich eine Definition des Aberglaubens gelesen, die mir gut auf unsere Zeit zu passen scheint: “Den Glauben auf Aber gesenkt” (Benyoëtz). In den letzten Wochen und Monaten war sehr deutlich zu beobachten, wie das Aber zum Prinzip erhoben wird. Zur Eindämmung des Corona-Virus hatten Bund und Länder eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, mehr als 90 % der Bevölkerung waren damit einverstanden, die Ansteckungsraten gingen stark zurück. Alles gut? Nein, es fehlte das Aber. Zuerst waren es einzelne Medien und Politiker, bald war es ein ganzer Chor. Immer noch eine kleine Minderheit, doch die bestimmt seither das Geschehen. Das Aber ist mächtig. Und doch ist es nur Aber-Glaube. Es kann nur negieren, stören, zerstören. Seine Macht ist nur geliehen. Es ist abhängig von dem, was es negiert und zu zerstören sucht. Warum geben wir dem Aber-Glauben nur so viel Macht?

Mittwoch, 13. Mai 2020, Thomas Bleher

 
Suchen


Wir suchen Anerkennung bei anderen.
Wir suchen den Partner fürs Leben.
Wir suchen Spaß.
Wir suchen Erfolg.
Wir suchen Gesundheit und Wellness.
Wir suchen…
Gott sagt: „Suchet mich, so werdet ihr leben.“ Am.5,4

Gott hat sich nicht versteckt, aber die Begegnung funktioniert nicht nach dem Automaten-Prinzip:  Gebet einwerfen, Amen sagen und das Gewünschte in Empfang nehmen.
Sondern Begegnung mit Gott braucht Zeit, so wie jede echte Beziehung.
Welche Priorität hat das in unserm Leben, dass wir Gott suchen?
Wir sind Gott so wichtig, dass er Zeit mit uns verbringen will. Wenn wir uns aufmachen, ihn suchen, dann lässt er sich auch gerne finden und schenkt uns ein erfülltes Leben.

Dienstag, 12. Mai 2020 - Fritz Hammann


Nahe liegende Gaben   
                          

                         

Unsere  Lebenssituationen in den letzten Wochen waren sehr unterschiedlich: viele hatten plötzlich viel Zeit, andere waren sehr engagiert in Pflegeheimen, Kliniken, Supermärkten, nicht wenige kamen unverschuldet in finanzielle Probleme und wieder andere konnten die psychischen Belastungen kaum ertragen.
In diesen Wochen, in denen unsere Entfaltungsmöglichkeiten reduziert wurden, konnten sich überraschend andere Fähigkeiten bilden. Anstatt im Zwang zu sein, möglichst viel zu arbeiten, zu produzieren und zu konsumieren, zeigten sich verschütte oder fast tot geglaubte menschliche Fähigkeiten, so z. B. der nachbarschaftliche Kontakt und die Fürsorge über Zäune hinweg, die Wahrnehmung des anderen, Zeit für sich und für andere Menschen, die sonst eher unbemerkt bleiben. Und es entwickelten sich kreative Fähigkeiten, die sozusagen wieder auferstehen konnten: Musik von Balkon zu Balkon, neue Ideen des Zusammenlebens und der Hilfsbereitschaft, oder das Thema des Teilens, der Solidarität mit Menschen, die in dieser Krise besonders betroffen sind. Ich denke, diese hoffnungsvollen Ansätze bringen uns Menschen einander näher und machen uns glücklicher.    

Montag, 11. Mai 2020, Thomas Bleher

 

Wie lahme Christen wieder auf die Füße kommen


Martin Buber erzählt von seinem Großvater. Er war gelähmt und wurde eines Tages gebeten, die Geschichte von seinem Lehrer zu erzählen. Da erzählte er, wie der heilige Baalschem beim Beten zu hüpfen und zu tanzen pflegte. Der Großvater stand auf und beschrieb den Lehrer, und die Erzählung riss ihn so hin, dass er hüpfend und tanzend zeigen musste, wie es der Meister gemacht hatte. Von Stund an war er von seiner Lahmheit geheilt.
So muss man von Jesus erzählen und das Leben verkündigen, dass es uns selbst hinreißt und andere ansteckt. Es gibt so viele Rechtgläubige und so viele richtige Predigten, aber so wenig Begeisterte, Hingerissene, über deren Glaubenszeugnis andere Menschen zum Glauben und sie selbst wieder in Schwung und auf die Füße kommen.
„Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben!“  (Apg. 4,20)

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Axel Kühner, Wie lahme Christen wieder auf die Füße kommen, in: ders., Überlebensgeschichten für jeden Tag. © 1991 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 21. Auflage 2018, S. 44.

Sonntag, 10 Mai 2020, Rolf Noormann

 

Alle guten Gedanken kommen von Gott


 

Gute Worte und Taten gibt es überall, innerhalb und außerhalb der Kirche, in unserer Kultur und in anderen Kulturen. Schlechte Worte und Taten auch. Was bedeutet das? Justin, ein großer Theologe aus dem 2. Jh., hat dazu geschrieben: Alles, was irgendwo als Wahrheit erkannt worden ist, gehört zu Christus. Denn Christus, so glaubt er, ist die Wahrheit. Im gleichen Sinn schrieb vor etwa hundert Jahren der große württembergische Theologe Christoph Blumhardt: “Alle guten Gedanken kommen von Gott.” Eine spannende These! Und gar nicht vereinnahmend gemeint, sondern genau umgekehrt. Blumhardt öffnet sich damit für gute Gedanken, gute Worte und Taten, die er außerhalb des Christentums wahrnimmt. Damals zum Beispiel bei den Sozialdemokraten, die dafür kämpften, dass auch Arbeiter Rechte haben. Das Gute hat niemand exklusiv für sich gepachtet. Es durchdringt die ganze Welt. Weil es von Gott kommt.

8. Mai 2020 – Rolf Noormann


Ein Tag der Hoffnung

 

Heute vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Damit endete eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Der Krieg hatte längst unbegreifliche Dimensionen angenommen. Die Toten gingen auf allen Seiten in die Millionen. Mitten in diesem maßlosen Kriegstreiben ging eine ganz eigene Vernichtungsmaschinerie unbeirrbar ihren Gang: der generalstabsmäßig organisierte Massenmord an den europäischen Juden. Das auserwählte Volk Gottes sollte ausgelöscht werden. Das Volk, von dem es heißt, es habe das Gewissen erfunden. Mit dem Volk sollte auch die Erinnerung an den Gott Israels ausgelöscht werden. Das war das Ziel des Naziregimes, bis zuletzt. Doch das hat es nicht erreicht, so schlimm es auch gewütet hat, Gott sei Dank! So geht von diesem Tag eine Hoffnungsbotschaft aus: Gottes Feinde gehen unter (Psalm 92,10). Das Böse hat keine Zukunft, so mächtig es sich auch gebärden mag. Zukunft haben Gott und sein Volk, Zukunft haben Frieden und Recht.

Donnerstag, 7. Mai 2020, Thomas Bleher

 
Schritt für Schritt


Gott sagt: „Gehe heute deinen Weg. Tu heute, was ich dir vor die Füße lege.“ Aber Herr, ich möchte so gerne planen. Ich möchte so gerne wissen, was Morgen ist, was in 2 Monaten ist. Und Gott sagt: „Tu heute, was ich dir aufs Herz lege. Geh mit deiner kleinen Kraft und überlass die Sorgen für Morgen mir, denn ich habe den Überblick und ich sorge für dich. 

Mittwoch, 6. Mai 2020, Rolf Noormann

 

vorstufen zum gebet


hole mich ein
    denn ich bin mir hinterher
nimm mich zusammen
    ich bin noch auseinander
beruhige die gedanken
    sie überfordern mich
verscheuch das geschwätz
    ich bin umschwirrt wie von mücken


aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr,
Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.333 - Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Dienstag, 5.. Mai 2020, Fritz Hammann


Geduld                                                                            


In letzter Zeit ist unsere Geduld vielfach auf die Probe gestellt worden, verschiedene Einschränkungen haben unser Leben verändert. Inzwischen ist bei vielen der Wunsch spürbar geworden, wieder mehr am natürlichen Leben teilhaben und die Kontakte untereinander persönlicher und näher gestalten zu können. Vielleicht haben sich einige in den letzten Tagen auch überlegt, wie lange wohl unsere Geduld ausreichen wird, oder ob sie eventuell in Unmut, Ärger oder Verbitterung umschlägt.Manchmal in den letzten Wochen ging mir die Situation von Geflüchteten durch den Sinn, die aus Syrien, Afghanistan, Nigeria und anderen Ländern zu uns kommen. Diese Menschen sind oft einer langen Zeit der Geduldsprobe ausgesetzt. Viele müssen monate- und jahrelang auf den Abschluss ihres Asylverfahrens warten. Sie dürfen nicht arbeiten, sind getrennt von ihren Angehörigen, oft auch in Unsicherheit über deren Schicksal: Das ist eine echte Herausforderung für viele Geflüchtete, und nicht wenige werden im Laufe des Wartens psychisch noch kränker. Immer wieder bin ich beeindruckt, wenn diese jungen Geflüchteten, einige davon Muslime,  über ihre religiöse Anbindung, ihren Glauben, berichten, und dass sie in dieser Rück-Bindung innere Stärke, Halt und eine Kraftquelle für ihre schwierige Situation erleben. So stellt sich auch für uns die Frage: Was hilft uns, dass wir uns mehr in Geduld üben können? 

Montag, 4. Mai 2020 - Thomas Bleher

Der richtige Standort


Der Standort kann entscheidend sein, für eine Pflanze- aber auch für uns. Der Baum oben auf dem Bild hat einen schweren Stand. Er steht auf dem nackten Fels. Da hat es ein Baum, der am Bach steht, wesentlich leichter. Ähnliches gilt für uns. Psalm 1 sagt: „Glücklich ist, wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt- Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, der nah am Wasser steht, der Frucht trägt jedes Jahr.“  Gottes Wort ermutigt, gibt Wegweisung und Leben. Es gibt gerade so viele negative Nachrichten. Deshalb brauchen wir umso mehr Ermutigung. Gott ermutigt uns, er trägt uns durch. Dann können wir mit Zuversicht in den Tag gehen.

Sonntag, 3. Mai 2020 - Rolf Noormann

Stückwerk



Wegen der Corona-Krise musste vieles unterbrochen oder abgebrochen werden. Manche Fäden, die liegen geblieben sind, werden sich nicht wieder aufnehmen lassen. Ohnehin gelingt es nur selten, das, was gestern abgebrochen werden musste, später weiterzuführen. Lessing sieht darin ein Kennzeichen des menschlichen Lebens: “Freilich wird so viel angefangen und wenig vollendet. Aber was schadet das? Wenn ich auch nichts in meinem Leben mehr vollendete, ja nie etwas vollendet hätte: wäre es nicht eben das?” Eine provozierende Frage! Könnte das Leben tatsächlich darin bestehen, dass wir unendlich vieles beginnen, ohne es je zu vollenden? Dass alles, was wir tun, “Stückwerk” bleibt, wie es der Apostel Paulus sagt? Ja, so könnte es sein. Es wäre darum gut, Abschied zu nehmen vom Anspruch auf Vollkommenheit. Alles, was wir tun, bleibt ein Fragment. Das Fragment aber ist “das vollendet Mögliche” (Benyoëtz).

Samstag, 2. Mai 2020, Thomas Bleher


Wolken




Abendstimmung. Es ist schon dunkel, aber die Wolken am Himmel werden noch von der untergehenden Sonne erhellt. Manchmal sehen wir auch nur die Wolken und das Bedrohliche in unserem Leben. Aber sobald es ins rechte Licht gerückt wird, sieht das Bild ganz anders aus. Die meisten Wolken erscheinen sonst sehr flach. Durch das Licht von der Seite bekommt sie plötzlich eine enorme Tiefenwirkung. Ich wurde an das Lied erinnert: „der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ EG 361
Der Herr, der den Wolken und dem Wind gebietet, der kann auch uns sicher durch unsichere Zeiten führen. Er ist immer noch derselbe. Er begleitet uns und geht mit, auch durch Corona.

Freitag, 1. Mai 2020, Rolf Noormann


Ganz schön anspruchsvoll



Mit einer Krise verbindet sich oft die Hoffnung, dass sie das Gute im Menschen zu Tage fördert. Wenn die Lage ernst ist, treten die oft so kleinlichen Alltagsquerelen in den Hintergrund; die Menschen konzentrieren sich wieder auf das Wesentliche – so die Erwartung. Tatsächlich zeigt sich in der jetzigen Krise vielerorts eine große Hilfsbereitschaft. Menschen achten mehr auf einander als sonst. Eine neue Nachdenklichkeit ist zu beobachten. Aber auch das andere gibt es: Raffgier in den Supermärkten, rücksichtsloses Verhalten auf Gehwegen, Aggressionen. Nicht wenige regen sich darüber auf. Dabei ist die Erwartung, dass eine Krise Menschen bessert, ganz schön anspruchsvoll. In schlechten Zeiten zeigt sich eher, wie die Menschen sind, im Guten wie im Schlechten. Den meisten wird es schnell zu viel. “Wer kennt sich nicht gut genug, um zu wissen, dass fast alles zu viel verlangt ist” (Benyoëtz)? Überraschend ist darum eher, wie viel Gutes in der Krise zum Vorschein kommt.

Donnerstag, 30. April 2020 - Thomas Bleher

Geschenkte Zeit

Manche von uns hatten die letzten Wochen plötzlich viel Zeit. Manche dagegen waren vielleicht noch mehr im Stress als vorher, weil die Arbeit forderte, die Kinder nicht zur Schule oder in den Kindergarten konnten. Wir leben in ganz verschiedenen Lebenssituationen. Auch unsre Lebenszeit ist sehr unterschiedlich. Sehr viele Mitmenschen werden heute älter als 80 Jahre oder sogar 90. Manche allerdings müssen auch schon früher gehen. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht in der Hand. Aber jeder von uns hat dieselbe Summe Zeit in einem Jahr. 12 Monate, 53 Wochen, 365 bzw. 366 Tage, 8760 Stunden, 525.600 Minuten. Das vertraut Gott jedem von uns an. Wir dürfen sie füllen mit Leben. Wir dürfen Zeit verschenken an andere Menschen. Wir dürfen Zeit verschenken im Gespräch, in Hilfestellung für andere Menschen, damit sie merken: Ich bin geliebt, ich bedeute jemandem etwas, Gott hat mich nicht vergessen. Unsre Zeit ist kostbar, für uns selber und für andere. Sie ist unwiederbringbar und wertvoll.

 

 

Mittwoch, 29. April 2020 - Rolf Noormann

Steine sammeln

“Steine sammeln hat seine Zeit”, so steht es in der Bibel. Ich selbst gehöre zu den Sammlern. Was einmal den Weg in unser Haus gefunden hat, findet so schnell nicht wieder heraus. Und wenn ich etwas Schönes entdeckt habe, eine tolle CD etwa oder ein spannendes Buch, dann suche ich gern in die gleiche Richtung weiter. So ist im Laufe der Jahre einiges an Sammlungen zustande gekommen.
Allerdings steht in der Bibel gleich daneben auch der Satz: “Steine wegwerfen hat seine Zeit.” Was ich sammle, sollte ich auch wieder abgeben können. Mir fällt das viel schwerer. Warum eigentlich? Vorher ging es doch auch ohne diese Dinge. Und morgen begegnet mir vielleicht etwas Neues, das meine ganze Aufmerksamkeit braucht. Sammeln kann befriedigend sein. Aber es braucht eine Balance. Ich muss auch loslassen können. Sonst laufe ich Gefahr, mich einzumauern.

Dienstag, 28. April 2020 - Fritz Hammann

Veränderte Beziehungen

In diesen Tagen verändern sich in vieler Hinsicht unsere Kontakte und Beziehungen. Wir sind angehalten, Schutzmasken zu tragen und den erforderlichen Mindestabstand einzuhalten, wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, beim Einkaufen, in Bussen oder Bahnen. Dabei geschieht es sehr leicht und schnell, dass wir nicht mehr genau wissen, von wem wohl die Virusgefahr ausgeht – ist es die eigene Person oder der andere?  Wird der andere mir gar zur Bedrohung?
Für viele Menschen ist es schwierig, mit dieser Situation umzugehen. Sie sind verunsichert, sie werden ängstlich und misstrauisch, und ihre Beziehungen zu anderen, vor allem zu Fremden, sind nicht mehr genau fassbar und berechenbar. Für manche verschwimmen die Grenzen zwischen tatsächlicher und phantasierter Gefahr. Sie können den psychischen Belastungen nicht mehr ausreichend standhalten und entwickeln Ängste, Panikattacken, oder sie ziehen sich zurück, leben isoliert und werden depressiv. Andererseits können sich in Familien mit Kindern, die unter den äußeren Bewegungseinschränkungen leiden, oft erhebliche Spannungen und Konflikte entwickeln. Berichte aus Beratungsstellen und Praxen weisen sehr deutlich auf diese zunehmenden Probleme hin.
Ich denke, es kann hilfreich sein, diese Entwicklung zu beobachten, auf die eigenen Reaktionen zu achten, und Menschen, die besondere Schwierigkeiten haben, in ihrer persönlichen Situation wahrzunehmen und ihnen mit Verständnis, Einfühlung und Vertrauen zu begegnen. 

Montag, 27. April 2020 - Thomas Bleher

25 Jahre lernen, kaufen, wegwerfen


Die ersten 25 Jahre geht man in den Kindergarten, in die Schule, an die Uni, in die Lehre, um zu lernen, wie man in den…

nächsten 25 Jahren Sachen kauft, Computer, Waschmaschinen, Möbel, Autos, Häuser, die man dann in den…

letzten 25 Jahren seines Lebens wegwirft, an die Kinder und andere Personen vererbt, spendet oder bei eBay vertickt.

Wie, und das soll er Sinn des Lebens sein: 25 Jahre lernen, wie man Sachen kauft, um sie dann anschließend tatsächlich zu erwerben und sie am Ende dann doch alle wieder loszulassen?! Das kann doch keiner ernst nehmen, oder?

Alles wird früher oder später sterben und kaputtgehen. Das Einzige, das eine Ewigkeit hält, ist laut Bibel die Seele des Menschen. Wie wäre es, wir würden ab sofort verstärkt in Menschen investieren und Materie erst an die 3.,4. oder 5. Stelle setzen?

(Aus: Arno Backhaus, Das Senfkorn Prinzip, 2007 SCM Collection, mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Sonntag, 26. April 2020 – Rolf Noormann

(Keine) Zeit für Umarmungen

Über manche Verse in der Bibel kann man stolpern. Ein solcher Vers ist für mich Prediger 3, Vers 5: “Herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit”. Statt “herzen” steht in neueren Bibelübersetzungen “umarmen”. Dass es Zeiten gibt, in denen es gut tut, sich herzlich zu umarmen, ist wohl keine Frage. Aber es gibt auch Situationen, in denen eine Umarmung selbst in vertrauten Beziehungen eher schwer fällt oder als unangebracht empfunden wird. Trotzdem versetzt es mir immer einen Stich, wenn ich das lese: “aufhören zu herzen hat seine Zeit”. Sollte für herzliche Zuwendung nicht immer die Zeit sein? Im Augenblick ist “soziale Distanz”, also Abstand halten, das Gebot der Stunde – keine Zeit zu herzen. Herzliche Zuwendung brauchen wir trotzdem. Vielleicht können freundliche Worte helfen, ein Gespräch über den Gartenzaun, ein handgeschriebener Brief.

25. April 2020 – Thomas Bleher

Quelle

Wahrscheinlich fragen sie. Wo ist hier eine Quelle?

Da steht ein einzelner Baum in der Wüste. Kilometerweit sieht man nur Sand, Steine, Felsen, Berge. Mitten im Sand ein einzelner Baum, der grün ist und wächst.  Weshalb?
Einige 100 m entfernt, fast ganz oben am Berg ist eine (sehr) kleine Quelle. Sie ist wirklich nicht groß.
Aber sie versorgt ein paar Beduinen mit Wasser- und diesen Baum ebenfalls.
Wir müssen nicht die Welt verändern.
Aber wir dürfen Wasserleitung Gottes sein. Angeschlossen an Jesus, die Quelle des Lebens dürfen wir für die Menschen um uns herum Quelle und Ermutigung sein.

24. April 2020 – Rolf Noormann

Alles hat seine Zeit


“Alles hat seine Zeit” – ein Satz aus der Bibel, der zum Sprichwort geworden ist. Es leuchtet ja auch ein. Manches geht zum Beispiel in der Jugend noch nicht, anderes im Alter nicht mehr. Im Augenblick erleben wir das als Gesellschaft. Für manches ist jetzt einfach nicht die Zeit. Etwa für ein Volksfest auf dem Cannstatter Wasen, für einen geselligen Abend in der Kneipe oder für ein großes Familienfest. Auf manches können wir leicht verzichten, anderes fällt schwerer. Glücklicherweise gilt auch das Umgekehrte: für manches ist jetzt Zeit. Zum Beispiel für die Kinder, die jetzt nicht in die Schule oder den Kindergarten gehen können. Für viele ist das auch eine schöne Zeit. Nicht wenige können das, wofür jetzt Zeit ist, schätzen, auch wenn es ein Ausnahmezustand ist. Vielleicht ergibt sich dadurch auch ein anderer Blick auf die “normalen Zeiten” – auf das, was daran wertvoll ist, und auch auf das, was geändert werden sollte.

Donnerstag, 23. April 2020, Thomas Bleher

Huhn oder Adler?

Ein Huhn ist ein nützliches Tier und relativ genügsam. Ein bisschen Futter und frisches Wasser. Und es hat drei charakteristische Eigenschaften: Es scharrt fast überall, es hat den Kopf meist auf dem Boden, um nach Futter zu suchen. Und es hat Futterneid. So bald ein Huhn einen Wurm oder etwas gefunden hat, versuchen alle anderen, es ihr abzujagen. Ein Adler dagegen steigt hoch, er lässt sich vom Wind tragen. Er bekommt dadurch einen Weitblick und scharrt nicht dauernd auf dem Boden herum. Wem wollen wir gleichen: dem Huhn oder dem Adler? Um was kreisen wir, von was lassen wir uns tragen? „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden.“ Jes. 40,31

Mittwoch, 22. April 2020, Fritz Hammann

 
Zu-Grunde gehen als Hoffnungskraft

Unser gemeinsames Wohnen im Schöpfungshaus
ist zerbrechlich und frag-würdig geworden
wir sind auf uns selbst zurückgeworfen
schonungslos konfrontiert mit der Härte des Lebens

In der Achterbahn der Gefühle
wechseln sich Angst und Vertrauen ab
dunkle Gedanken wollen uns isolieren
in der Panik vor dem Zugrunde gehen

Der erfahrene Wegbegleiter aus Nazareth
bestärkt uns in seiner Trotzdem-Hoffnung
unserem Dasein endlich auf den Grund zu gehen
weil die Würde allen Lebens uns verbindet

Verletzlich und aufgehoben im goldenen Lebenskreis
buchstabieren wir das Leben neu
bleiben nicht fixiert auf unsere Einschränkungen
sondern ent-wickeln eine beherzte Solidarität

Grund-legend in unserem Zusammensein
ist eine neue Wirtschaftsordnung
die Menschen nicht in die Flucht treibt
die Ökologie und Ökonomie nicht mehr trennt

Äusserlich wird unser Zusammensein heruntergefahren
innerlich kann es durch unseren Bewusstseinswandel
eine längst not-wendende Lebensqualität fördern
in der Dankbarkeit und Mitgefühl wachsen können

Manchmal feiern wir ganz unerwartet
sogar mitten in der Krise ein Fest der Auferstehung
Ängste und Verlorenheit werden aufgeweicht
und ein Vertrauen in die Liebe ist da

Pierre Stutz

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
©Pierre Stutz
www.pierrestutz.ch

Dienstag, 21. April 2020, Thomas Bleher

 

Festes Fundament

Das wichtigste an einem Haus ist sein Fundament.
Wenn es gut gegründet ist, dann kann weder ein Sturm noch Hochwasser ihm etwas anhaben. Bei  Sonnenschein tut es auch eine leichte Strohhütte ohne Fundament. Die derzeitige Corona Krise erschüttert gerade manche unsrer Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten. Und sie stellt die Frage  nach unserem Fundament. Gott sagt in Hebr. 12,26: „Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde,  sondern auch den Himmel.“ Gott lässt Erschütterungen zu in unserem Leben und auch weltweit. Und es  ist gut, wenn wir unser Lebensfundament auf ihn bauen, denn er ist der Herr der Welt. Er hat diese Welt  ins Leben gerufen und er wird immer noch da sein, wenn wir längst nicht mehr sind. Wenn wir unser  Leben auf sein Fundament stellen, dann steht es auf einem festen und sicheren Fundament. 

Foto: Grafikdesign-Lacina.de

Montag, 20. April 2020 - Rolf Noormann

 

auferstehungspsalm

viel druck viele drücke
vieles gegen mich viele gegen mich
wie kann ich aufstehen
gegen die vielen lasten die herunterdrücken
die bedränger können aufstehen
sie haben es leicht

insinuierend einflüsternd
es gibt keine hilfe
das innere leben bringt nichts
der aufwand des herzens
der ertrag ist gleich null
man glaubt mir nicht

du aber du aber sage ich aber
du bist mein schild
du bist meine ehre
du richtest zusammengestauchte auf
solche wie mich
du bist meine auferstehung

aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr,
Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.263

Sonntag, 19. April 2020 - Thomas Bleher

 
Wegweiser


Egal ob wir mit dem Auto unterwegs sind, mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf einer unbekannten Strecke, da ist es gut, wenn wir uns an Wegweisern orientieren können. Manche, z.B. auf der Autobahn sind schon von weitem sichtbar. Andere wiederum, z.B. im Wald, können manchmal ziemlich versteckt sein. Aber sie helfen uns, den richtigen Weg einzuschlagen und am gewünschten Ziel anzukommen.
Auch für unser Leben brauchen wir Wegweiser.
Der Beste, den wir finden können, ist die Bibel. Denn in ihr spricht der Herr der Welt zu uns, der unseren Weg kennt, der das Ziel kennt, und der weiß, wie es für uns weitergeht.  Er kann uns zum Ziel bringen, so dass wir bei ihm ankommen
„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“
Psalm 119,105

Samstag, 18. April 2020 - Brigitte Hage

 
Reichtum


„Menschen, die einen anlächeln, wenn man im Bus zufällig Blickkontakt hat.“
In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es die Rubrik „Was mein Leben reicher macht“. Menschen erzählen in aller Kürze eine Begebenheit, die sie berührt hat. Es sind oft ganz kleine, scheinbar unbedeutende Augenblicke, von denen sie sagen, dass sie ihr Leben an diesem Tag bereichert haben. Wir leben gerade in einer Zeit, in der wir versucht sind, nur auf das Schwere und Angsteinflößende zu schauen – sicher vollkommen nachvollziehbar. Aber wenn wir versuchen, aufmerksam und mit innerer Weite durch diese Tage zu gehen, begegnen uns sicher auch Momente, die uns reicher machen können.

Hier noch zwei Beispiele für solche kleinen Reichtümer:
„Kränkelnd verlasse ich morgens das Haus und fürchte, dass das kein guter Tag wird. An einer belebten Straße in Berlin-Kreuzberg passiere ich zwei gebrechliche alte Herrschaften, die sich offenbar zufällig getroffen haben. Die Frau forsch: „Wie geht´s, wie steht´s?“ Der Mann legt darauf sein breitestes Grinsen auf: „Beschissen schön!“ Der Tag ist dann einfach herrlich geworden!“
oder
Ich komme beim Spaziergang über die nahe Autobahnbrücke. Als Kind stand ich hier sehr oft und habe den Autofahrern zugewinkt. Jetzt, 62-jährig, stehe ich wieder mal an dieser Stelle und denke an meine Kindheit zurück. Auf einmal winkt mir ein Autofahrer von unten zu.
Fällt Ihnen gerade auch so ein Moment ein?


Freitag, 16. April 2020 - Thomas Bleher

 
Geschenkte Zeit


Plötzlich haben viele von uns viel Zeit, wie schon lange nicht mehr.

Darüber kann man stöhnen oder klagen, dass alle Pläne, - auch Urlaubspläne vollkommen über den Haufen geworfen wurden. Oder man kann die Zeit nutzen zur Pflege von Beziehungen. Und sie können ihre Bibel aufschlagen und einfach mal das Johannes Evangelium durchlesen. So können sie Orientierung finden und Ermutigung.

Jesus sagt:
„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird niemals wieder Hunger leiden, und wer an mich glaubt, wird nie wieder Durst haben.“
Joh. 6,35

Gott hat uns das Leben geschenkt und er schenkt uns Zeit, ihm zu begegnen. Nutzen wir diese uns geschenkte Zeit.

Donnerstag, 15. April 2020 – Rolf Noormann

 
Oster-Wunder


Ostern ist ein Wunder. Dass ein Toter wieder lebendig wird, das gibt es (sonst) nicht. Was Jesus erlebt hat, war ja keine Nahtoderfahrung. Er war mausetot, gestorben, begraben, weggesperrt hinter einem großen Stein. Und dann lebt er doch, lebt wieder, steht auf von den Toten. Zurück bleibt ein leeres Grab. Keiner weiß, wie das gegangen ist. Nur eines ist klar: Da hatte Gott die Hand im Spiel. Das kommt öfter vor. Nur merkt es meistens keiner. Etwa, wenn Beziehungen, die tot waren, neu belebt werden. Oder wenn Projekte, die längst gescheitert schienen, plötzlich doch gelingen. Da staunen wir vielleicht, aber es finden sich auch Erklärungen dafür. So ist es fast immer. “Weil wir unsere Möglichkeiten konsequent überschätzen, übersehen wir die meisten Wunder. Sichtbar werden sie erst, wenn wir an unsere Grenzen kommen” (Heiner Schubert). Schade eigentlich. Wir könnten uns viel früher freuen. Und entspannter.

 

Mittwoch, 15. April 2020 - Thomas Bleher


Zuflucht


Eine Schar kleiner Küken wuselt im Garten herum.
Ein munteres Völkchen, das hüpft und hin und herrennt.
Plötzlich ist der Schatten eines Greifvogels über dem Garten.
Die Henne ruft und lockt ihre Küken. Ziemlich schnell verschwinden alle unter ihren Flügeln. Keines rennt mehr frei herum.
Dort unter den Flügeln der Henne sind sie in Sicherheit.
Genau dieses Bild verwendet David in Psalm 91:
„Er wird dich mit seinen Fittichen decken,
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.“
Bei Gott haben wir Zuflucht gerade auch in so bewegten Zeiten:
Innerlich und äußerlich. Unser Gott ist größer als jede Not und Gefahr. Er hat den Überblick. Bei ihm dürfen wir Zuflucht finden.

 

Dienstag, 14. April 2020 - Brigitte Hage

Einwurf


Es ist Krise. Die Welt schrumpft zusammen: auf die eigenen vier Wände, die eigene Arbeit, die eigene Familie. Viele jedoch zeigen sich solidarisch: bleiben zu Hause, kaufen für die alte Nachbarin ein. Solidarität ist das Wort der Stunde. Aber stimmt das?

Manche Menschen trifft die aktuelle Krise härter als andere: Menschen ohne Internet, ohne Geld, ohne Netzwerk, ohne Zuhause. Menschen, die schon vorher nur allzu oft übersehen wurden. Alleinerziehende, Einsame, Menschen mit prekärer Beschäftigung. Kranke, die nicht besucht werden dürfen; Sterbende und deren Angehörige.

Die Geflüchteten in den Lagern können nicht zu Hause bleiben; sie haben keins mehr. Sie können sich nicht die Hände waschen, weil es nur einen Wasserhahn für 1300 Menschen und keine Seife gibt. Von ausreichender ärztlicher Versorgung ganz zu schweigen. Sie brauchen dringend Unterstützung.
Solidarität bedeutet, so zu denken und zu handeln, dass das gute Leben nicht nur für mich und mein Umfeld im Blick ist, sondern für alle. Solidarität, die einige übersieht, ist keine.

(in Anlehnung an Publik Forum Nr. 6)

 
 

Montag, 13. April 2020 - Rolf Noormann

Die Wüste wird blühen!

Einer der großen Päpste, Johannes XXIII., hat einmal gesagt: Wir Menschen sind auf der Erde, “um einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schönere Zukunft bestimmt ist”. Gerade bricht sich um uns herum der Frühling Bahn. Alles strotzt vor Leben. Eine bunte Blütenpracht umgibt uns. Doch die Freude ist getrübt. Noch vor wenigen Wochen waren es die Warnungen der Klimaschützer, die aufgeschreckt haben. Jetzt ist es die Corona-Krise. Selbst Osterspaziergänge und Fahrradtouren sind mit Einschränkungen verbunden. Die Natur blüht trotzdem auf. Der Frühling ist nicht aufzuhalten. Ich sehe darin ein Zeichen. Auch wenn jetzt gerade Manches wüst aussieht, die Wüste wird blühen. Das Leben ist stärker als alles, was das Leben bedroht. Es ist stärker auch als das Corona-Virus. Zu Ostern feiern wir das neue Leben, das Gott schafft. Die aufblühende Natur stärkt mich, dass ich den Glauben und die Hoffnung nicht verliere.

 
 
 

Sonntag, 12. April 2020 – Thomas Bleher

Ostersonntag



Der Herr ist auferstanden- er ist wahrhaftig auferstanden!
Aber alles ist anders als gewohnt. Es will keine wirkliche Osterfreude aufkommen
Wo ist da Ostern?
Gerade in die Not unserer Welt hinein ist Jesus auferstanden. Dadurch sind nicht alle Probleme gelöst und alle Nöte beseitigt. Aber ich habe einen, der sich schützend vor mich stellt, an den ich mich halten darf, mit allem, was ich nicht verstehe und was mir Angst macht.
Ein altes Kirchenleid bringt das zum Ausdruck:
„Ich hang und bleib auch hangen
An Christus als ein Glied;
Wo mein Haupt durch ist gangen,
da nimmer er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,
durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll,
ich bin stets sein Gesell.“  (EG 112,6)

In diesem Sinne ein frohes Osterfest und dranbleiben an Jesus, dem Auferstandenen.


Pfr. Thomas Bleher

 

Karsamstag, 11. April 2020 - Rolf Noormann

 

Ein Gebet für Karsamstag in Corona-Zeiten


vater du musst kommen

es steht schlimm um deine welt
vater im himmel du musst kommen
dein name muss unbedingt gross gemacht werden
dein reich muss endlich kommen – unverzüglich
dein wille muss geschehen im himmel und hier unten
dein brot muss da sein sonst gehen wir ein
deine vergebung muss erhältlich sein
deine erlösung musst du uns gewähren
sonst verzweifeln wir
kyrie bitte
amen


aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr,
Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.198

 

Karfreitag, 10. April 2020 - Thomas Bleher

Hoppla - stolpert man da nicht im ersten Moment ein wenig? Verliebt klingt ein bisschen nach "Liebe light". Und "unsterblich verliebt" hat auch eher etwas von Schwärmerei und einem Verliebtsein, das sich später vielleicht ganz anders entwickelt.

Bei Jesus Christus ist das anders. seine Liebe ist mehr als einfaches Verleibtsein. Sie ist so groß dass er für uns gestorben ist. Aus unserblich wurde sterblich. Und aus sterblich wurde unsterblich, als Jesus nach drei Tagen wieder auferstanden ist. Er liebt uns so sehr, dass er unser Leben teilen möchte - Freude, Leid, Jubelmomente, Katastrophen, egal was kommt.

Und wenn wir uns auf ihn einlassen, will er uns diese Liebe jeden Tag schenken. Unsterblich - bis in alle Ewigkeit.

 

Mit freundlicher Genehmigung: K0441 © Stiftung Marburger Medien unter Verwendung eines Thinkstockphotos 

 

Grünonnerstag, 9. April - Hans-Peter Ziehmann

 

Am 9. April 1945, heute vor 75 Jahren, wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet, wenige Tage vor Kriegsende. Sein Name stand auf einer Liste derer, die den Krieg nicht überleben sollten.
Bonhoeffer war mutig und vorausschauend, klug und welterfahren, musikalisch und theologisch gebildet. Bis heute singen wir sein Lied “Von guten Mächten”, und es ist ein neues Theaterstück entstanden über “den Mann mit dem Lied”, das sich anzuschauen lohnt. Bonhoeffers Leben kennt aber auch andere Seiten. In der Isolation der Haft im Militärgefängnis in Berlin-Tegel schrieb er im Juni 1944 das Gedicht: “Wer bin ich?” Manche von uns lernen in diesen Tagen auch neue Seiten an sich kennen oder entdecken sie wieder. Bonhoeffers Gedicht kann uns anleiten, sehr ehrlich mit uns zu sein und den Trost zu finden, der in der Schlusszeile aufscheint.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich ? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.


Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

 

Mittwoch, 8. April  - Fritz Hammann

Liebende Zuwendung                                                            


In letzter Zeit hat mich eine Frau, über die im Matthäus-Evangelium berichtet wird, besonders beeindruckt; es ist die namenlose Frau, die wohlriechendes, kostbares Öl auf das Haupt Jesu gegossen hat, nach dem Todesbeschluss des Hohen Rates und vor dem Verrat durch Judas.  Diese Frau suchte mutig und vertrauensvoll die Nähe von Jesus, wandte sich ihm liebevoll zu und sie goss – vielleicht kann man es so sagen – in einer Geste der Zärtlichkeit kostbares Öl auf sein Haupt. „In einer Grenzsituation des Lebens, wo jedes Wort zuviel sein kann, drückt sie durch ihre Geste aus, was sie in Jesu Lebensschule gelernt hat“ (Pierre Stutz).  Jesus stellt diese Frau mit ihrer hoffnungsvollen Tat in die Mitte, auch gegen den Widerstand der Männer, der Jünger, und er ruft auf, sich in Zukunft an sie zu erinnern. Ich stelle mir vor, dass die liebevolle Haltung dieser Frau  Jesus auf seinem Weg zum Kreuz getröstet und gestärkt hat.    

Dienstag, 7. April 2020 - Tanja Schleyerbach

Ich nehme Sie heute mit in meine Gedanken und Gebete. Sie gehen in diesen Passionstagen zu Menschen, die Menschen dienen.

Ein Gebet für Ärzte, die übernächtigt bis zur Erschöpfung arbeiten und unmenschliche Entscheidungen treffen müssen. Für alle, die selbstlos für Ältere, Behinderte und Kranke da sind und für die, die uns allen dienen, oft ohne Schutz für sich. Für Kranke und Sterbende in ihrer Not. Für Menschen in seelischen Krisen und Existenznöten. Ein Gebet für alle Entscheider. Und eines für die, die noch nicht verstanden haben, dass ihr Verhalten Menschenleben kostet oder der Gemeinschaft schadet.
Gott, Du Quelle des Lebens, Dir sind wir alle anvertraut, erbarme Dich!

Meine Gedanken und Gebete gehen wie sonst auch zu Menschen, die durch die Pandemie noch mehr vergessen werden. Für die schon lange niemand mehr persönlich betet. Für Menschen im Krieg, für Geflüchtete in Lagern, für Obdachlose, für die Geschundenen, Verzweifelten und Leidenden in armen Ländern.
Jesus Christus, der Du Leiden selbst durchlebt hast: Sei ihnen und uns allen besonders jetzt nahe!

Und da ist ein Gedanke, der sich einfach nicht wegschieben lässt. Ich nehme ihn in meine Gebete auf. Es ist die Hoffnung, dass wir das Gute aus dieser Zeit, die uns alle verändert, bewahren und mitnehmen in die Zeit danach: Solidarität, Verantwortung und Zeit füreinander, eine neue Menschlichkeit, die Herz und Verstand miteinander verbindet, Besinnung und Besonnenheit, ein Klima, das sich erholt, eine Wirtschaft, die nachhaltige, Mensch und Natur dienende Wege geht. Es gibt keine einfachen Lösungen, die Umstellung wird schwer und ist doch alternativlos. Wir alle entscheiden darüber mit. Für unsere Erde, für unsere Kinder. Eines aber wünsche ich mir wieder anders: Körperliche Nähe und Kontakt zu anderen Menschen. Auch und besonders für die Einsamen.
Heiliger Geist, Du göttliche Kraft, verändere uns!

Montag, 6. April - Rolf Noormann

seligpreisungen für momente innerer not


wohl den müden
wohl den verschmachtenden
wohl den lieblosen
wohl den unruhigen
wohl den bedrückten
wohl den keuchenden
wohl den schlaffen
wohl den trockenen

denn

sie sollen erquickt werden
sie sollen nahrung finden
sie sollen liebe erfahren
sie sollen beruhigt werden
sie sollen sich aufrichten dürfen
sie sollen tief durchatmen können
sie sollen belebt werden
sie sollen bewässert werden

wie ein garten

aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr, Friedrich Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.348. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

Sonntag, 5. April 2020 - Thomas Bleher

 
Auf dem Holzweg



Zugegeben, wir sind auf dem Holzweg, wenn wir ihm folgen:
Auf diesem mühsamen Weg vom Holz der Krippe im ärmlichen Stall
Zum Holz des Kreuzes, dem Marterpfahl, an dem er litt.
Dazwischen der harte Alltag des Zimmermanns: Holz,
Balken und Latten ringsum. Bretter, die die Welt bedeuten.
Das war seine Welt. Holzgeruch über Jahre hin.
Und nun also ich: Mit dem Brett vor dem Kopf und dem Balken im Auge.
Und ich, ich will ihm nachgehn. (Lothar Zenetti)

 

Samstag, 4. April 2020 - Rolf Noormann

Wozu beten?



Beten hilft. Das sagen Pfarrer gern. Aber wenn es, wie jetzt, darauf ankommt, setzen auch sie auf die Wissenschaft. Die größte Hoffnung in der Corona-Krise ist die Entwicklung eines wirksamen Medikaments, auch für mich. Ein Medikament könnte unzähligen Menschen das Leben retten. Ich bete trotzdem. Zum Beispiel abends, wenn die Glocken zum Abendgebet läuten. Warum? Es tut mir gut. Es hebt mich auf eine andere Ebene. Selbst die Mönche im Kloster haben nicht nur gebetet und dann auf eine gute Ernte gehofft. Sie haben auch gearbeitet, oft hart gearbeitet. Aber vor und nach der Arbeit haben sie gebetet, und meist auch zwischendrin. Sie wussten: “Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.” So ist es immer. Mit meinem Gebet suche ich die Verbindung zu Gott. Nehme dankbar an, was Er mir gibt. Bitte um Hilfe. Klage Ihm das Leid der Welt. Das hilft. Nicht nur mir.

 

 

Donnerstag, 2. April 2020 - Thomas Bleher

Geduld


Gerade ist Geduld angesagt. Vieles ist nicht wirklich planbar.

Familien brauchen Geduld mit ihren Kindern.

Wir brauchen Geduld mit uns selber.

Um Geduld zu lernen, gibt es keinen Schnellkurs, auch keine Online Anleitung: In 6 Schritten zur Geduld. Sondern Geduld lernen wir vor allem durch Geduldsproben. Und sie ist eine Frucht des Geistes (Gal.5,22), die wächst  in der Verbindung mit Jesus. Gott hat Geduld mit uns. Und wir dürfen lernen, einen Tag um den anderen zu nehmen, vielleicht mit der Frage. „Herr, was ist heute wichtig?

 

 

Mittwoch, 1. April 2020 - Rolf Noormann
 
Der Mensch bleibt Mensch

Wissenschaft und Technik sind er zu erstaunlichen Leistungen fähig. Was Wissenschaft zu leisten vermag, zeigt in diesen Wochen der Berliner Virologe Christian Drosten wie kaum ein zweiter. Fast täglich gibt es neue Erkenntnisse. Auch die Entwicklung eines Impfstoffes schreitet voran. Aber immer wieder müssen auch Irrtümer und Fehleinschätzungen korrigiert werden, und Entwicklungen brauchen Zeit. So großartig die Wissenschaft ist, sie bleibt menschlich. Sie geht Schritt für Schritt. Sie macht auch Fehler. Das spricht nicht gegen die Wissenschaft. Es zeigt nur: der Mensch bleibt Mensch. Ein großartiges Geschöpf Gottes, mit grandiosen Fähigkeiten, aber auch mit Grenzen. In den Klöstern gilt deshalb das Motto: Ora et labora, bete und arbeite! Hier und heute könnte das Motto heißen: Forschen! Und beten. (Fortsetzung folgt.)

 

Dienstag, 31. März 2020 - Thomas Bleher

Blickwechsel: Dankbarkeit

Gerade treibt viele die Angst und die Sorge um:  Wie geht es weiter?
Kommt es noch richtig schlimm?
Was ist mit Deutschland- und mit der Welt nach Corona?
Aber üben wir mal den Blickwechsel:
Dankbarkeit die nicht wir Vergessen!!<----
Wir können im Warmen sitzen, auch wenn es draußen kalt ist.
Wir haben ein gut funktionierendes Gesundheitssystem.
Wir müssen nicht hungern. Wir können alles
an Lebensmitteln kaufen, was wir brauchen.
Wir haben Strom und fließendes, sauberes, trinkbares Wasser,
mehr als 2 Mrd. Menschen haben das nicht.
Wir können mit David sagen: „Lobe den Herrn, meine Seele
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Ps. 103,2
Dankbarkeit ist eine gute Medizin und es gibt keine Überdosis
oder schädliche Nebenwirkungen.

 

Montag, 30 März 2020 - Fritz Hammann 

Mitfühlen 

In diesen Tagen denken wir auch an die Menschen, die in sozialen, pflegerischen und therapeutischen Berufen arbeiten, in ambulanten und stationären Einrichtungen. Sie sind in besonderer Weise mit der Virus-Krise konfrontiert. Für sie gehört der persönliche, auch nahe Umgang mit Klienten und Patienten zum Alltag ihres Berufes und sie sind damit mit äußeren und inneren Herausforderungen konfrontiert: es gibt die staatlichen Vorgaben, Abstand zu halten, und andererseits sind in den pflegenden, therapeutischen Situationen Kontaktaufnahmen mit den Betroffenen unumgänglich. Dies führt häufig zu einer „schwer erträglichen inneren Zerrissenheit“, wie es eine Leitende Ergotherapeutin einer psychiatrischen Klinik vor kurzem formulierte.  Ihren Kolleginnen vermittelte sie in einer persönlichen Nachricht große Anerkennung:  „In dieser Situation eine Therapie für Menschen anzubieten, für die Isolation und Beziehungslosigkeit eine große Belastung wäre, ist großartig. Ich danke Euch, dass Ihr Euer Bestes gebt, seid in Gedanken von Herzen umarmt“.  

 

Sonntagmorgen - Karsten Struck

Die Sonne scheint.Ich mache das Fenster auf. Und setze mich davor.

Mit einem Kaffee oder Kakao oder Tee.

Ich höre einfach zu. Ich habe jetzt Zeit dazu.

Die Vögel zwitschern. Kann ich hören, wie unterschiedlich sie klingen? Kann ich zählen, wie viele es sind?

Heute höre ich weniger Autos fahren als sonst.

Oh ja – ich höre Glocken läuten. Heute rufen sie nicht zum Gottesdienst, die sind verboten.

Aber ihr Läuten unterbricht trotzdem den Alltag.

Auch wenn man nicht in die Kirche geht.

Da kann ich beiseite legen, was mich gerade beschäftigt und höre auf die Glockenschläge.

Mein Kopf und mein Herz sind trotzdem voll.

Einatmen….ausatmen…Alles lassen.

Zur Ruhe kommen.

Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt.

Vielleicht fällt mir jetzt gerade ein Lied ein.

Dann singe ich das einfach.

Und ich kann Gott alles sagen.

Ich kann ihm danken für das Schöne, dass ich in der Woche erlebt habe. Was war schön?

Ich kann ihm sagen, was mich beschäftigt gerade. Was beschäftigt mich?

Ich kann ihm sagen, wen ich heute vermisse. Wen vermisse ich heute?

Ich kann ihm sagen, wer mich heute wohl vermisst. Wer vermisst mich heute?

Ich kann ihm sagen, an wen ich heute denke. An wen denke ich? Ob sie oder er das merken?

Ich kann ihm von meinen Sorgen und Ängsten erzählen. Welche Sorgen habe ich? Wovor habe ich Angst?

Ich kann ihm sagen, dass ich ihn brauche.

In der Bibel steht: Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben,
sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Daran möchte ich gern glauben.

Vater unser….

Gott – behüte und segne mich.

 

Oh, jetzt habe ich eine halbe Stunde einfach vor dem offenen Fenster gesessen.

Und Gottesdienst gehalten.

 

 

Samstag, 28. März 2020 - Rolf Noormann

Unter Vorbehalt

Im Augenblick können wir nicht planen. Für viele ist das eine ungewöhnliche Situation. Die Termine im Kalender reichen vielfach bis ins nächste Jahr. Jetzt bekommen schon Termine im Mai und Juni ein dickes Fragezeichen. Eine ganz neue Erfahrung! Dabei stehen unsere Planungen eigentlich immer unter Vorbehalt. Keiner weiß, was der morgige Tag bringen wird. Was ich heute plane, kann morgen schon hinfällig sein. In der christlichen Tradition gibt es dafür eine Formel: “unter dem Vorbehalt des Jakobus”. Im Jakobusbrief wird alles menschliche Planen mit einem Fragezeichen versehen. Wir sollen darum sagen: “So der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das tun” (Jakobus 4,13-15). Vielleicht ist es das, was wir gerade von neuem lernen müssen: Alles menschliches Planen hat Grenzen. Es steht unter Vorbehalt.

Freitag, 27. März - Thomas Bleher

Umkehr

Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind und uns verfahren haben, kann es vorkommen, dass das Navi sagt: „Bitte wenden!“ Ähnlich sagt es Gott in 2. Chr. 7,14. Nur dass es hier um unser ganzes Leben und um unser ganzes Volk geht. Gott sagt: „Siehe, wenn ich den Himmel verschließe, dass es nicht regnet, oder die Heuschrecken das Land fressen oder eine Pest unter mein Volk kommen lasse und dann mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, dass sie beten und mein Angesicht suchen und sich von ihren bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde vergeben und ihr Land heilen.“
Gott verspricht, er will unser Land heilen! Eine wunderbare Zusage! Sind wir auch bereit, umzukehren, zuzugeben, dass wir stolz waren und ohne ihn gelebt haben. Dass wir versucht haben, selber Gott zu sein und alles im Griff zu haben. Oder dass wir sehr egoistisch waren und nur noch an uns selber gedacht haben. Die weltweite Corona Krise ruft uns dazu auf, Gott zu suchen und für andere in der Fürbitte einzustehen. Er ist nicht nachtragend und lässt sich gern von uns finden.



Donnerstag, 26. März - Brigitte Hage

Innehalten

In den vergangenen Tagen sind wir sicher alle daran gescheitert, auch mal über etwas anderes sprechen zu wollen. Jedes Gespräch landete irgendwann einmal beim Virus.
Wir bewegen uns gerade ins Ungewohnte hinein, ohne die Zeit gehabt zu haben, uns darauf vorzubereiten. Das macht uns Angst, kann aber auch eine Chance sein.
Stellen wir uns doch mal die Frage, wie dieses Geschehen unser Denken verändert. Viele Termine sind entfallen, viele Veranstaltungen ausgefallen. Viel Zeit tut sich auf.
Was nun etwas Gutes mit uns machen kann, ist der Blick nach Innen und nach dem Zueinander und dem Miteinander.
Wir haben auch die Chance, die „Warumfrage“ zu stellen: Warum tue ich dies und jenes überhaupt? Es ist entfallen! Fehlt es mir? Also warum tue ich das überhaupt? Diese „Warumfrage“ kann eine gute Chance sein, in eine neue Nachdenklichkeit, in eine neue Innerlichkeit zu kommen und unsere gewohnten Prioritäten zu überdenken.
Innerlichkeit kann heißen: das Verhältnis zu mir selbst zu überdenken. Wie nehme ich mich wahr, wie gestalte ich meine Beziehungen zu den Menschen um mich herum und – vielleicht auch – wie ist es mit meinem Verhältnis zu Gott oder zu der Ewigen, welchen Namen auch immer ich nenne? Diese Fragen zuzulassen kann ausgesprochen fruchtbar sein, aber auch unbequem. Nutzen wir die Chance und trauen wir sie uns zu!



Mittwoch, 25. März 2020 - Fritz Hammann

Nicht alles ist abgesagt…

Über eine Bekannte bekam ich vor ein paar Tagen ein Bild mit einem bewegenden Text zugeschickt. Auf dem Photo war ein weites, flaches Land zu sehen, das von einem großen, strahlenden Regenbogen überspannt wurde.

Sonne ist nicht abgesagt
Frühling ist nicht abgesagt
Beziehungen sind nicht abgesagt
Liebe ist nicht abgesagt
Lesen ist nicht abgesagt
Zuwendung ist nicht abgesagt.

Musik ist nicht abgesagt
Phantasie ist nicht abgesagt
Freundlichkeit ist nicht abgesagt
Gespräche sind nicht abgesagt
Hoffnung ist nicht abgesagt
Beten ist nicht abgesagt.

 

Dienstag, 24. März 2020 - Rolf Noormann

wohl denen die vater sagen

wohl denen die unser vater beten
    sie werden wissen wer sie sind
wohl denen die dein name sagen
    sie werden söhne und töchter genannt
wohl denen die dein reich rufen
    die zukunftsangst verfliegt
wohl denen die deine wille flüstern
    sie werden tatkräftig sein

wohl denen die tägliches brot erbitten
    sie kommen nicht zu kurz
wohl denen die um vergebung flehen
    sie dürfen versöhnt in den tag leben
wohl denen die um führung bitten
    sie geraten nicht auf abwege
wohl denen die nach erlösung schreien
    das leben wird ihnen gelingen

aus: Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr, Friedrich-Reinhardt-Verlag Basel 2016, S.11. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

Montag,  23. März 2020 - Thomas Bleher

Gemeinschaft

Gemeinschaft mit Freunden, Familienangehörigen, Vereinskameraden usw. das ist etwas, was gerade wohl sehr viele Menschen schmerzlich vermissen.
Und wahrscheinlich wird sich das auch die nächsten Wochen noch nicht ändern.
Aber wir können zum Telefon greifen, wir können mal wieder einen Brief schreiben Oder die ganzen elektronischen Medien nutzen. Helfen wir mit, damit alleinstehende Menschen dennoch Kontakt haben.
Und bei aller Einsamkeit dürfen wir wissen: Wir sind nie alleine.
Jesus hat versprochen: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“
Corona ist nicht der Welt Ende, sondern Jesus ist da, auch in dieser Krise.


Sonntag, 22. März - Rolf Noormann

Stillstand

Die Sonntage meiner Kindheit und Jugend waren besondere Tage. Vieles, was im Alltag selbstverständlich war, war am Sonntag nicht erlaubt, auch für uns Kinder nicht. 1973 kamen dann noch die Sonntagsfahrverbote dazu, wegen der Ölkrise. Das waren sehr ruhige Tage, an die ich mich heute noch erinnere. Stillstand, nur weil es Sonntag ist, das gibt es heute nicht mehr. Dabei würde Ruhe manchmal wirklich gut tun. Freie Tage als wohltuende Unterbrechung nicht nur der Arbeit, sondern auch der sonstigen Geschäftigkeit. Ich würde mir das wünschen, für mich und auch für unsere Gesellschaft. Jetzt sind wir in vielen Bereichen zum Stillstand gezwungen. Vielleicht gelingt es uns, auch zur Ruhe zu kommen. Gelassener zu werden. Zu Hause zu bleiben. Das ging einmal. Es könnte vielleicht auch heute wieder gehen. Es könnte uns gut tun.

 

 

Samstag, 21. März - Thomas Bleher

Sorgen

Es gibt gerade viele Sorgen um unsre Gesundheit und eine stabile Versorgung. Oder sogar die Angst, wir könnten in Deutschland 2-3 Wochen Ausgangssperre bekommen.Sich Gedanken zu machen und zu planen ist gut. Es ist gefährlich einfach plan- und gedankenlos in den Tag hineinzuleben, gerade in unseren Tagen. Aber Sorgen lähmen.Gott bietet uns an, unsre Sorgen abzunehmen, damit wir befreit leben können.Gott sagt durch Petrus: „All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ 1. Petr. 5,7 Gott weiß, was wir brauchen, weiß, was uns belastet und Sorgen macht. Deshalb dürfen wir getrost unsre Sorgen ihm überlassen, er sorgt für uns. Und es ist wichtig, dass wir sie nicht wieder zurückholen, sondern auch wirklich bei ihm lassen.


Freitag, 20. März - Rolf Noormann


Eine kleine Aufmerksamkeit

Christlich heißt menschlich. Und menschlich ist, was andern gut tut. Eine kleine Aufmerksamkeit zum Beispiel. Ein freundliches Lächeln für die Verkäuferin an der Kasse, ein paar ermutigende Worte, eine interessierte Frage. Oder eine Schachtel Pralinen. Als Zeichen, dass wir wahrnehmen, was sie gerade zu tun hat. Und auszuhalten. Oder ein paar Frühlingsblumen vor die Haustür des Nachbarn, versehen mit einem freundlichen Gruß. Oder ein Anruf bei Menschen, die allein leben. Reden tut gut in diesen Zeiten. Reden ist menschlich. Reden ist christlich. Und Zuhören auch.

 

Donnerstag, 19. März - Thomas Bleher

Krise als Chance

Wir fühlen uns gerade wohl alle etwas verunsichert.
Jeden Tag gibt es neue Meldungen und Veränderungen.
Deutschland ist nicht mehr so, wie noch vor einer Woche.
Wie geht es weiter?
Aber es ist auch eine Chance, neu dankbar zu sein für alles,
was wir haben und zu erleben, dass Gott uns durchträgt.
Gott sagt: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
so will ich mich von euch finden lassen.“ Jer. 29,13f.
Eine wunderbare Zusage. Wir dürfen es ausprobieren und Erfahrungen damit machen.

 

 

Mittwoch, 18. März - Rolf Noormann

Sich schützen

In diesen Tagen machen wir uns viele Gedanken darüber, wie wir uns schützen können vor dem Corona-Virus: Abstand halten, die Hände gründlich waschen, keine großen Versammlungen besuchen. Das ist im Augenblick sehr wichtig. Aber so wichtig es ist, uns vor dem ansteckenden Virus zu schützen, wir sollten auch an unsere Seele denken. Auch die braucht Schutz. Sonst geraten wir in Panik, stürzen uns in Hamsterkäufe, werden rücksichtslos gegenüber anderen. Das Gebet kann eine Hilfe sein, die Seele zu schützen. Der französische Dichter Charles Baudelaire schreibt über das Abendgebet: “Ein Mensch, der abends betet, ist ein Feldherr, der seine Schildwachen aufgestellt hat: er kann ruhig schlafen.”

 

Dienstag, 17. März 2020 - Rolf Noormann

Angstlos leben

Einer der häufigsten Sätze der Bibel heißt: Fürchte dich nicht! Meist sind es Boten Gottes, die das zu Menschen sagen. Offenbar neigen Menschen dazu, sich zu ängstigen, sich Sorgen zu machen. Manchmal gibt es dafür, wie es scheint, gute Gründe. Manchmal kommen Sorgen und Ängste eher grundlos auf. Die Bibel macht uns Mut zu Ruhe und Gelassenheit. Es ist einer da, der unser Leben im Blick hat, der für uns sorgt. Darum diese besondere Ermutigung: Fürchte dich nicht! In einer kurzen Auslegung dazu heißt es. “Fürchte dich nicht. Das ist das wichtigste. Schon nur das reicht. So bist du schon auf dem Weg der Liebe. Angstlos leben - die Gottesverheißung schlechthin.”